Tröstet mein Volk!
Bereitet dem Herrn den Weg!
Predige!
Predigt über Jesaja 40 am 3. Advent 2000 nach zehn Jahren Pfarramt
Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.
Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre Knechtschaft ein Ende hat, daß ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.
Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet.
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Siehe, der HERR kommt gewaltig.
(Jesaja 40,1-8+10a)
Liebe Gemeinde!
"Zehn Jahre sind im Leben jedes Menschen eine lange Zeit. Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt und bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte, leere Zeit. Das sind die vergangenen Jahre gewiss nicht gewesen." (Bonhoeffer, WEN 11)
Diese Sätze stammen von Dietrich Bonhoeffer. Er schrieb sie 1943 im Gefängnis, in einer Art theologischen Rechenschaftsbericht nach zehn Jahre Hitlerherrschaft in Deutschland. Und auch wenn Zeit und Anlass ganz und gar unterschiedlich sind, ich kann diese Sätze ganz und gar zu meinen Sätzen machen, wenn ich genau heute auf zehn Jahre Pfarrer in dieser Pfarrstelle zurückblicke. Am 3. Advent 1990 wurde ich von Superintendent Ulrich Bendokat hier im Gemeindehaus eingeführt.
Dies ist für mich Anlass und Gelegenheit, einmal diese Jahre Revue passieren zu lassen, zu überlegen, was war gut, was war weniger gut. 10 Jahre Gespräche, Unterricht, Gottesdienste, Begleitung, Verwaltung, Leitung. 10 Jahre hauptamtlich im Dienst des Gottes, der sagen lässt: Predige! Tröstet! Bereitet dem Herrn den Weg!
Ich las in dieser Woche den Predigttext las und dann erinnerte ich mich auch schnell an den Text von Bonhoeffer ein, las ihn und merkte, wie beide Texte mit mir ins Gespräch kamen.
Drei Worte Bonhoeffers waren es schließlich, die hängen blieben:
Optimismus.
Civilcourage.
Erfolg.
1. Optimismus - Der Glaube lebt aus dem Optimismus
"Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen. (...) Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten." (WEN 25)
Optimismus ist ein in Kirche ungewöhnliches Wort. Wir sprechen lieber von Hoffnung. Aber nicht unbedingt von der Hoffnung auf ein besseres irdisches Leben. Optimismus, so wie Bonhoeffer ihn als Folge der christlichen Hoffnung beschreibt, klingt wie eine Lebenseinstellung, die für und in dieser Welt noch etwas positives erwartet. Es wird keineswegs immer alles nur schlechter. Es gibt schlimme Dinge, o ja. Aber es geht nicht nur bergab. Auch nicht in der Kirche. Das würde den Zusagen Gottes widersprechen. Ich bin bei euch. Das ist meine gute Schöpfung. Bereitet mir den Weg! Predigt! Tröstet! Von der Perspektive Gottes her gibt es immer noch etwas zu erwarten, immer. Nicht unbedingt für mich. Mein Weg endet eines Tages. Aber für die Welt, für die Menschen. Neue Wege, bessere Lebensverhältnisse, Beseitigung von Risiken, Abbau von Hindernissen. Dieser Optimismus, der sich aus den Zusagen Gottes speist, ist immer wieder von heftigsten Zweifeln bedroht. Angesichts der Realitäten. Es scheitert so viel. Und dennoch, der Glaube hat immer Grund, optimistisch zu sein. Nicht unrealistisch! Nicht schönfärberisch! Aber eben hoffnungsvoll erwartend. Glaube ohne Optimismus ist kein Glaube. Optimismus, das ist die Innenseite des Glaubens. Seine Aussenseite heißt nach Bonhoeffer Civilcourage.
2. Civilcourage - Der Christ, die Christin lebt in der Civilcourage.
"Civilcourage kann nur aus der freien Verantwortlichkeit des freien Mannes erwachsen. Die Deutschen fangen erst heute an zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenszeugnis verantwortlicher Tat fordert und dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht." (WEN 15)
Civilcourage ist ein momentan wieder modernes Wort. Civilcourage wird gefordert angesichts der Übergriffe Rechtsradikaler gegen Ausländer. Beherzter Einsatz zugunsten von Menschen in konkreter Anfeindung. Aber Civilcourage ist viel mehr. Sie ist eine Lebenseinstellung. Die Lebenseinstellung, die aus dem Glauben fließt. Eines Mensch, der weiß, wer er ist und wem er seine Gaben verdankt, der in sich ruht und sein Fähnlein nicht in den Wind zu stellen braucht. Civilcourage entspringt im Konkreten dem Gebet. Dem Mich-ständig-der-Nähe-Gottes-aussetzen. Bonhoeffer sagt: Civilcourage ist die folge des Freispruchs Gottes, der mich zugleich in die Verantwortung führt. Jeden einzelnen Mensch spricht Gott frei. Und niemand anders bin ich letztlich verantwortlich als ihm allein. Predige! sagt Gott zu Jesaja und er sagt es nie zu einer Menschenmasse, immer zu einem Einzelnen. Das macht auch einsam. Niemand nimmt mir eine Entscheidung ab. Sicher, ich kann mit anderen überlegen, beraten, gemeinsam voran gehen, gemeinsam Entscheidungen verantworten. Aber dennoch: ich selbst entscheide und trage die Verantwortung. Da gibt es kein Verstecken hinter irgendwelchen anderen Menschen oder Institutionen. Das gilt für jeden von uns. Civilcourage, verantwortliches Handeln in der Freiheit – es wird uns erst bewusst in den konfliktreichen Situationen, wo ich allein dastehe, angefeindet werde, weil ich aus meiner Sicht zu etwas Nein sagen muß. Gespeist wird es aber aus dem Vertrauen darin, dass Gott die letzte Instanz ist. Und er ist ein väterlicher Gott. Aber auch ein fordernder Gott. Bereitet mir den Weg. Setzt euch für meine Sache. Handelt verantwortlich. Und bemüht euch darum, Erfolg zu haben.
3. Erfolg - Die Kirche lebt für den Erfolg.
"Es ist eben doch so, dass der geschichtliche Erflog den Boden schafft, auf dem weiterhin allein gelebt werden kann (...). Der Erfolg macht schließlich die Geschichte, und über den Kopf der geschichtemachenden Männer hinweg schafft der Lenker der Geschichte immer wieder aus Bösem Gutes. (...) Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll. Nur aus dieser geschichtlich verantwortlichen Frage können fruchtbare - wenn auch vorübergehend sehr demütigende – Lösungen entstehen. Kurz, es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten." (WEN 15f.)
Erfolg – im Raum der Kirche ein sehr provozierendes Wort Bonhoeffers. Erfolg im kirchlichen Arbeiten? Erfolg in der Arbeit des Pfarrers? Erfolg in den Bemühungen jedes Christen, jeder Christin? Wie wollen wir ihn messen, liegt er nicht allein in Gottes Hand begründet? Schafft nicht er allein Glauben? Ist es daher nicht vermessen, im Rahmen des Glaubens und der Kirche nach Erfolg zu fragen? Sicher sind diese Fragen alle berechtigt – und doch hat Bonhoeffer recht. Eine Kirche, ein Pfarrer, ein Christ, der nicht nach dem Erfolg seiner Arbeit fragt, der nicht auf Erfolg aus ist, steht immer in der Gefahr, das Evangelium billig zu verschleudern, sich keine Rechenschaft darüber zu geben, was aus der Sicht Jesu geboten, sinnvoll, vielleicht notwendig in dieser Welt ist. Erfolg – das ist ein gefährliches Wort, es ist verdächtig, es riecht nach Starkult, nach Sieg und Triumph, nach Durchsetzungsvermögen. Nichts davon meint Bonhoeffer. Nicht wie ich am Ende da stehe, sondern die Welt an sich. Die optimistische Grundhaltung des Christen, der Christin gebietet es geradezu, in dieser Welt auf Erfolg aus zu sein. Zeichen der Nähe und Liebe setzen zu wollen. Andernfalls würden sich Christen und Kirche den allgemeinen Strömungen der Zeit anschließen und sich treiben lassen. Auf Erfolg aus zu sein ist geradezu ein kritisches Element in den Turbulenzen unserer Zeit, wo viele Menschen das Gefühl haben, es wird alles nur schlimmer, es geht alles immer schneller usw. Auf Erfolg im Sinne Gottes aus zu sein, kann auch mal heißen aufzugeben, zurückzugehen, zu widersprechen, mit einem Anliegen zu scheitern. Auf Erfolg aus sein heißt: Stop mal, wo komme ich her, was entspricht meinem Glauben, wo will ich – mit anderen zusammen - hin? Das ist mitunter sehr, sehr schwer. "Es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten."
Ich möchte es zum Schluß: Maßstab für den Erfolg ist nicht, ob ich als Pfarrer dieser Kirchengemeinde – oder Sie als Presbyter oder Sie als engagierte Christen - glänzend da stehe und von allen Seiten geschätzt und gelobt werde, sondern ob diese meine - und Ihre - Arbeit in all diesen und den kommenden Jahren dazu dient, Menschen zu helfen, ihnen den Weg zu Gott und zum Leben zu weisen. Bereitet dem Herrn den Weg. Das ist unsere Aufgabe. Antwort unseres Glaubens. Amen.
Die Bonhoeffer-Texte sind zitiert nach: Widerstand und Ergebung Neuausgabe 1977 (2. Auflage)
