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… soll nicht aufhören Saat und Ernte Gen 8-22)

 

 

 

 

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… soll nicht aufhören Saat und Ernte (Gen 8,22)

Predigt beim Gottesdienst auf Haus Esselt am 6. Juni 2009

 

Liebe Gemeinde,

die Sintflutgeschichte ist ja eine ganz bekannte biblische Geschichte, jedes Kind kennt sie. Gott lässt eine große Flut kommen, weil er die Bosheit der Menschen nicht mehr ertragen kann, nur der fromme Noah und seine Familie sowie die Tiere werden verschont. Nach der Flut verspricht Gott dann unter dem Regenbogen, dass er nie wieder solch eine Flut kommen lassen wird und nie wieder Saat und Ernte aufhören sollen. Eine schöne Geschichte, tausendfach erzählt gemalt, dargestellt.

Ich habe diese Geschichte vor Jahren ganz neu sehen gelernt, als ich ein Bild des Ma­lers Marc Chagall dazu gesehen habe. Anders als die allermeisten Darstellungen blickt Chagall nicht von außen auf die Flut und die Arche, sondern er zeigt uns Noah im Innern der Arche. Aus einem dunklen und düsteren Raum blickt Noah sehnsüchtig durch ein kleines Fenster nach draußen, auf das Ende der Flut hoffend... Als ich das Bild sah, verstand ich für mich: wir sind nicht als Zuschauer in der Geschichte an der richtigen Stelle, sondern wir sind mittendrin.

Die Geschichte endet mit dem Versprechen Gottes: ich will nicht noch einmal eine solche Flut kommen lassen. Was die Menschen vor 2000 Jahren als erleichternde, Mut ma­chende Zusage gehört haben, klingt in unseren Ohren eher als Mahnung. Gott sagt: ich will die Erde nie wieder verwüsten - aber wir Menschen wissen heute, dass wir dazu jederzeit in der Lage sind und an vielen Ecken und Enden schon dabei sind. Und auch das Umgekehrte gilt: Gott wird uns nicht einfach in den Arm fallen und uns daran hindern, die Erde, die gute Schöpfung, seine gute Schöpfung zu verwüsten, ja zu vernichten.

In den letzten Jahrhunderten haben sich die technischen Möglichkeiten so dramatisch verändert, dass viele von einem gänzlich neuen Verhältnis zur Erde, zur Schöpfung sprechen. Und da diese Geschichte über weite Strecken von Männern geschrieben wor­den ist, sprechen manche von einer männlichen Sicht auf die Welt.

Wenn man das sehr vereinfacht darstellen möchte, könnte man sagen:

Die männliche Sichtweise ist eine, die immer wieder die Welt aufteilt und gegenüberstellt:

Mann und Frau,

Mensch und Natur,

Herrschen und beherrscht werden,

Kopf und Gefühl.

Wobei - ausgesprochen oder unausgesprochen - das männliche Prinzip zugleich bewertet: der Mann ist gegenüber der Frau, der Mensch gegenüber der Natur, der Herrscher gegenüber den Beherrschten und Kopf gegenüber Gefühl das Höherwertige.

Natürlich: nicht jeder Mann denkt genauso. Und es gibt auch Frauen die so denken. aber in einer sehr groben Vereinfachung kann man mit diesem Blick eine Menge in unserer Welt entdecken.

Die weibliche Sichtweise auf die Welt - die umgekehrt keineswegs von allen Frauen eingenommen wird, dafür aber auch von etlichen Männern - versucht zu verbinden: Mann und Frau gehören zusammen und vor allem: sind gleichwertig und gleich wichtig, Mensch und Natur genauso, Kopf und Gefühl. Wer das begreift und damit auf unsere Welt blickt, der be­greift auch schnell, dass es mit dem Herrschen und Beherrscht werden nicht so einfach ist: der wahre Herrscher oder die wahre Herrscherin versteht sich als Diener oder Die­nerin der sogenannten Untergebenen, darauf hat auch schon Jesus hingewiesen, wie wir eben in der Lesung (Mk 10,35-45) gehört haben.

Wohin die sogenannte männliche Sichtweise bei Männern und Frauen führt, dafür gibt´s ja nun Beispiele genug. Technikwahn, Umweltzerstörung, Ausbeutung der Ressourcen, schädlicher Umgang mit dem eigenen Körper. Wenn ich aber jetzt hier weiter mache, dann wird es schnell moralisch und klingt nach Druck, den der Pastor hier vorne macht.

Da könnte ich jetzt Tausend Beispiele nennen, was wir tun könnten... Das ist aber nicht meine Aufgabe. Die Sintflutgeschichte weist uns darauf hin, unseren Blick auf die Welt verändern zu lassen, der Rest kommt dann schon von alleine. Gott verspricht uns seinen Segen, dass die Erde für uns genug zur Verfügung stellen wird. Das ist doch was, wenn wir es ernst nehmen würden. Und es fängt damit an, dass wir begreifen.

Mir hat in den letzten Monaten hier sehr ein Gedanke der jüdischen Philosophin Hannah Arendt geholfen. Sie spricht davon, dass wir Menschen mit allem was wir tun, nur Fäden in ein Gewebe schlagen, dass schon vor uns existiert hat. Kein Mensch fängt bei Null an. Jeder wird geboren hinein in eine Welt, die vor uns geschaffen wurde. Und das Gewebe, dass wir hier und da mit neuen Farben versehen oder an dem wir mit herum stricken, das wird auch nach uns noch existieren und die, die nach uns kommen, nehmen dann auf unsere Webleistung wieder Bezug, nehmen sie auf und führen sie fort, lösen sicher auch den ein oder anderen Faden wieder auf, weil er nicht mehr richtig passt.

Dieser Gedanke Hannah Arendt´s gefällt mir deswegen so gut, weil er auf der einen Sei­te so sehr bescheiden von unseren Möglichkeiten spricht, die doch sehr begrenzt sind, aber auf der anderen Seite auch so groß - denn zu weben, zu stricken, neue Farbakzente setzen, all das verändert ein vorhandenes Gewebe, ohne es gänzlich zu zerstören.

Von daher möchte ich noch einmal zwei Gedanken hervorheben:

Hannah Arendt lehrt uns,dass wir immer schon eingebunden sind in etwas, das vor uns da war, was andere Menschen geschaffen, gemacht, gewebt haben. Demut statt Selbstüberschätzung, Bescheidenheit statt Größenwahn, aber auch Mut zum Aufnehmen und Verändern steckt in dem Bild des stets weiter zu webenden Gewebes.

Und zum anderen weist uns das auf die Verbundenheit mit der Erde, der Schöpfung, der Natur hin. Wir stehen der Natur nicht gegenüber, wir sind ein Teil von ihr. Nur mit unseren Gedanken können wir uns der Natur gegenüberstellen - aber wenn wir vergessen, was da denkt in unseren Hirnen ist auch ein Stück Natur - dann, und nur dann kann und wird es passieren, dass wir die Natur geringschätzen - mit all den Folgen, die uns bekannt sind.

Und diese beiden Gedanken gelten natürlich auch im Blick auf das Kind, das wir heute getauft haben. Auch dieses Kind wird hineingeboren in eine Welt, in eine Familie, von einer Mutter mit der ihr ganz eigenen Vorgeschichte. Und dieses Gewebe wird dieses Kind zunächst prägen. Auch Sie fangen als Eltern nicht bei Null an, auch wenn es manchmal so aussieht, da die kleine R. heute so gut wie gar nichts kann. Täuschen wir und nicht, begleiten Sie die R. auf ihrem Weg, mit Zurückhaltung und Mut an der jeweils richtigen Stelle, dann wird sie ihren Weg finden. Das zu unterscheiden, wo Zurückhaltung angebracht ist oder der Mut, das ist die wahre Kunst der erziehenden Begleitung von Menschen. Noch einmal: Sie müssen nicht bei Null anfangen – und Sie sind dabei nicht alleine, Gottes guter Geist begleitet Sie.

Damit stellt sich zugleich eine letzte Frage: Wo kommt eigentlich Gott in dieser Predigt vor...? Wenig, oder praktisch gar nicht. Nur: lesen Sie mal die Sintflutgeschichte, da kommt er auch nur am Anfang und am Ende vor. Zwischendurch, vom Bau der Arche über die Flut und das zurückgehende Wasser sind Noah und die Tiere doch ziemlich auf sich gestellt. (Gut, Gott verschließt die Tür der Arche, nachdem alle drin sind.) Der Glaube, das Vertrauen Noahs auf Gott gibt sozusagen den Rahmen für sein Handeln ab. Er vertraut einfach drauf, dass es so kommen wird, wie Gott es angekündigt hat. Und handelt. Und das ist auch die Einladung, die Aufforderung an uns: mit dem Vertrauen auf Gott zu Handeln in Übereinstimmung zwischen Mann und Frau, Mensch und Natur, Kopf und Gefühl. Die Haltung, die hier sichtbar wird und die wir als Christinnen und Christen einnehmen dürfen und sollen (die Sintflutgeschichte ist ja schon auch eine Mahnung), die hat Albert Schweitzer mit den Worten: Ehrfurcht vor dem Leben beschrieben. Mit dieser Haltung kann eine Menge in unserer Welt bewirkt werden.

Amen.