Tobias, Sara und der Dämon Aschmodai
Predigt über Motive des Buches Tobit am 19. Oktober 2008
Liebe Gemeinde,
auf einer Tagung vor einiger Zeit hörte ich eine Andacht zum Buch Tobit, welches nicht in unserer Bibel steht, sondern zu den alttestamentlichen Apokryphen gehört. Die Andacht hat mich zu dieser Predigt angeregt.
Das Buch Tobit handelt von dem Juden Tobit, der in der assyrischen Hauptstadt Ninive in der Verbannung leben muss; von Hannah, seiner Frau und Tobias, seinem Sohn. Dazu kommt Sara, die Tochter eines ebenfalls verbannten Juden, dieser lebt allerdings in der Stadt Medien.
Tobit ist ein frommer Jude, der in Ninive seinen Besitz verliert, als er gegen das Verbot die von den Assyrern erschlagenen Juden beerdigt und dabei angezeigt und verhaftet wird. Sein Vermögen wird eingezogen, er sitzt eine Haftstrafe ab. Nach der Freilassung macht er da weiter, wo er aufgehört hat. Er verliert sein Augenlicht durch herabfallenden Vogelkot. In dieser Lage will er seinen Sohn nach Medien zu einem Verwandten senden, um dort eine Geldschuld einzutreiben bei einem gewissen Gabael - der zufälligerweise der Vater von Sara ist. Sara hat ebenfalls ein schreckliches Schicksal hinter sich, sieben Mal war sie bereits einem Mann versprochen, doch ein böser Dämon namens Aschmodai brachte die Zukünftigen stets in der Hochzeitsnacht um. In einem kunstvoll gestalteten Kapitel beten Tobit und Sara in der gleichen Nacht um Erlösung aus diesem für sie unerträglichen Leben. Gott erhört das Gebet und schickt den Engel Rafael, um die beiden aus ihrer Not zu erlösen - allerdings anders, als Tobit und Sara sich das gedacht haben, denn sterben werden sie nicht.
Rafael bietet sich dem Tobias als Begleiter auf der Reise nach Medien an. Unterwegs tötet Tobias an einem Fluß einen Fisch und bewahrt auf den Rat von Rafael Leber und Galle auf, da sie geeignet seien, Dämonen zu vertreiben und Blinde sehend zu machen. Der Rest der Geschichte ist damit vorgezeichnet: Tobias heiratet Sara, die Leber legt er auf Geheiß des Engels auf einen Glutofen, der aufsteigende Rauch vertreib den Dämon nach Ägypten. Dorthin machte Rafael sozusagen zwischendurch einen Kurztrip und nimmt den Dämon gefangen. Wieder zurück in Ninive, begleitet er Tobias und Sara nach Ninive. Dort heilt Tobias mit der Galle des Fisches die Blindheit seines Vaters, der Engel Rafael gibt sich zu erkennen. Die gottesfürchtige Familie ist zunächst zutiefst erschrocken, aber nach aufmunternden Worten Rafaels richten sie ihren Dank an Gott und leben fortan ein frommes Leben.
Wenn man so will, eine Geschichte, die alles von einem guten Märchen an sich hat. Eine Liebesgeschichte; die böse Hexe ist hier ein Dämon, der auf wundersame Weise besiegt wird; die gute Fee ist ein Engel, der im Auftrag Gottes alles zu einem guten Ende führt.
In der Andacht, die ich über das Buch hörte, legte der Prediger den Akzent auf die Erlösung von dem Dämon. Sara möchte heiraten, aber ein Dämon hindert sie daran, sieben Mal. Sieben Mal tötet er in der Hochzeitsnacht den Auserwählten. Dämonen sind böse Geister, die Beziehungen kaputt machen und Gemeinschaften zerstören oder verhindern. In der Geschichte wird der Dämon Aschmodai durch den Geruch der geräucherten Leber vertrieben. In unserer Realität glaube ich, dass es mit dieser Art Medizin nicht weit her ist. Dämonen zittern eher davor, dass man sie beim Namen nennt, ihnen die Maske vom Gesicht zerrt und ihnen Glauben und Vertrauen auf Gott, Grund und Ziel unseres Daseins entgegen setzt. Letztlich sieht das auch das Buch Tobit so, denn schließlich ist es der von Gott beauftragte Engel Rafael, der den frommen Tobias in die Lage versetzt, den Dämon zu vertreiben, wenn man will, könnte man sagen, mit einer Art "Lebertran".
Ich sagte gerade, Dämonen zittern davor, dass man sie identifiziert im Leben und sie beim Namen nennt. Wie könnte man also den Namen des Dämons Aschmodai in unsere Zeit übersetzen, dass er sich zurückzieht? Und zugleich dahinter die Frage: Wie zerstört der Dämon heute unsere Beziehung? Verhindert, dass ich zu mir komme? Verhindert, dass Gemeinschaft gelingt? Verhindert, dass Wege in die Zukunft gegangen werden? Denn das Bild der Hochzeit ist doch immer zugleich ein Bild des Glücks, der Freude, der Hoffnung. Welche Dämonen verhindern heute unsere Zukunft, persönliche wie gesellschaftliche? Drei ganz besonders möchte ich nennen. Alle drei sind ständig unter uns und versuchen unser Leben zu stören, vielleicht sogar zu zerstören - so wie bei Sara, die es erst mit der Hilfe von Tobias schafft, zu heiraten und glücklich zu werden.
Der erste Namen des Dämons lautet: Minderwertigkeit. Oh, der schlägt so häufig zu. Der sitzt in meinem Ohr und flüstert beständig: Ich kann nichts, ich fühle mich klein, ich mache alles falsch. Oder: ich bin unscheinbar, wer soll mich lieben. Das besonders Gemeine an diesem Dämon ist die Tatsache, dass er sich auch noch verstellt. Der sagt nicht: du kannst nichts, du bist unscheinbar, nein der redet so, dass ich auch noch glaube, dass ich hier selber rede. Der redet in "Ich-Form". Der Gott der Bibel dagegen sagt: jede und jeder ist ein einzigartiger Mensch, zwar mit Ecken und Kanten, aber von mir geliebt und vorn daher wertvoll und keineswegs minderwertig. Also, wenn Sie die Stimme dieses Dämons wieder einmal in ihrem Ohr hören, nehmen Sie sozusagen einen großen Schluck "Lebertran" dagegen. Damit unsere persönlichen Beziehungen gelingen. Damit wir uns mit dem, was wir können, in der Welt einbringen können, jede und jeder an dem Ort, wo er oder sie grade steht.
Jeder Mensch ist einzigartig, sagt die Bibel. Und das ist richtig. Leider gibt es einen Dämon der genauso heißt, nämlich Einzigartigkeit. Und der führt unsere Einzigartigkeit gegen uns ins Feld. Wie er das macht? Ganz einfach: Der flüstert mir ins Ohr: Einzigartig bist, das hat doch Gott selbst gesagt. Und das heißt: doch bist der Größte, der Schönste, der Klügste, du kannst alles selber, brauchst die anderen doch gar nicht. Das kann mich einsam machen, ohne dass ich es merke. Oder irgendwann werde ich krank, bin ausgebrannt, weil ich alles selber machen wollte. Oder meine Beziehung scheitert, weil ich einfach nicht einsehen kann, dass auch ich Fehler mache - und mein größter Fehler genau das ist, dass ich meine Fehlerhaftigkeit nicht erkenne. ein anderer Name dieses Dämons lautet daher auch: Selbstüberschätzung. Also, wenn Sie zu denen gehören, die diese Stimme im Ohr schon Mal hören, dann nehmen Sie auch gegen diesen Dämon einen großen, sehr großen Schluck "Lebertran". Und erinnern sich daran: für uns alle ist Jesus am Kreuz gestorben, keiner von uns ist vollkommen und absolut einzigartig und überwältigend stark und schön und groß. Und Sie werden merken, wie sich der Lebertran - auch wenn er vielleicht im ersten Moment unangenehm schmeckt, sich dann doch wohlig im Magen ausbreitet und sie plötzlich die anderen Menschen mit anderen Augen sehen und sich selber auch.
Die ersten beiden Dämonen sind sich ja sehr ähnlich, sie könnten sogar Geschwister sein, spiegelverkehrte Geschwister. Denn die Kehrseite der Minderwertigkeit ist ganz oft die Selbstüberschätzung und umgekehrt. Einen dritten Dämonen-Namen möchte ich aber noch nennen, der ganz viele Menschen heute auch schwer im Griff hat: Das ist die Mutlosigkeit. Da höre ich dann so Stimmen im Ohr, die mir sagen: es halt doch alles keinen Sinn. Wofür soll ich mich anstrengen? Das ganze Leben ist grau und anstrengend, ich sehe keine Ziele, keine Perspektiven, nur Nebel. Man sieht keinen Anfang und kein Ende, versinkt in Trübseligkeit, und wenn es ganz dicke kommt, in der Depression. Klar, es gibt vieles im Leben was scheitern kann. Und bei vielem, was ich anfange, weiß ich nicht, ob und was am Ende dabei heraus kommt. Dennoch geht die Bibel davon aus, dass Gott nicht nur an meiner Seit ist, sondern mich auch nach vorne weist. Die Zukunft ist offen, das Leben bietet immer noch Chancen, auch in schier aussichtslosen Momenten. Und selbst am Ende, wenn in dieser Welt wirklich nichts mehr geht, reicht er mir über den Rand von Raum und Zeit hinweg seine Hand. Der christliche Glaube kann nicht mutlos sein, denn wer dem Vater Jesu vertraut, hat reichlich "Lebertran" gegen den Dämon der Mutlosigkeit im Gepäck und kann jederzeit einen kräftigen Schluck davon nehmen.
Liebe Gemeinde,
Sara konnte schließlich heiraten, der Dämon Aschmodai zog sich von ihr zurück, wurde besiegt durch die Unterstützung des göttlichen Engels Rafael. Und auch die Dämonen, die uns das Leben schwer machen, die verhindern, dass wir Feste feiern können in unserem Leben, die sind durch das Vertrauen auf Gott, den Vater Jesu zu besiegen. Nehmen Sie doch daher von diesem schönen Märchen von Tobias und Sara dieses Bild des Heilmittels Lebertran mit und setzen Sie diese Medizin des Gottvertrauens ein, wenn wieder ein Dämon gleich welcher Art sich in ihrem Ohr einnisten möchte und Ihr Leben schwer und grau machen möchte.
Amen.