MJ

6. Juli: Timmelsjoch

Auf der Autobahn unterwegs nach Hindelang kam in mir ein Traum auf. Ich erinnerte mich an den Höhepunkt der letztjährigen Südtirolreise: die Fahrt von Meran hinauf zum Timmelsjoch. Wie wäre es, wenn ich nicht einmal 12 Monate später wieder auf dem Joch stehen würde, diesmal aber von Österreich aus? Zugegeben, dazu müßte ich ca. 100 Kilometer mit dem Auto anreisen, aber bei gutem Wetter...?

Am 6. Juli war strahlend schönes Wetter. Schon sehr früh fuhr ich mit dem Auto in Oetztal. Gegen 9.00 stieg ich bei Längenfeld, etwa 20 Kilometer im Oetztal aufs Rad. Die Wetteraussichten waren so, dass durchaus am Nachmittag mit Gewittern zu rechnen war, daher scheute ich den Start ganz unten.

Es ging auch prima los, nicht viel länger als eine Stunde benötigte ich zum Abzweig Timmelseck (im Hintergrund die Gletscher von Obergurgl). 

Timmelsjoch2001

Nun wurde es anstrengend. 12% Steigung und noch ein Rest meiner Erkältung machten die Fahrt schwierig. Schließlich erreiche ich die Mautstelle, fahre 2 Kilometer bergab (leider) und biege am Windeck um die Ecke. Und das Eck macht seinem Namen alle Ehre! Ein stürmischer Wind bläst mir ins Gesicht. Für einen Moment (ich bin noch auf der Abfahrt) bekomme ich richtig Angst. Aber dann beginnt die Strasse wieder zu steigen. Der Wind bleibt und ich denke etwa an dieser Stelle daran, aufzugeben. 

Timmelsjoch2001

Aber dann sage ich mir, jetzt bist du schon so weit, "nur noch" etwa 4 Kilometer, also weiter. Am Totenstein bin ich allerdings völlig platt. Wind, Kühle, schwere Beine. Ich steige ab - und schiebe weiter. Umkehren kommt nicht in Frage. Spöttische Zurufe aus einem Wiener Auto stören mich nicht, ich werde mit meiner eigenen Kraft da rauf kommen.

Timmelsjoch2001

Toller Blick zurück bei Kehre 6.

Timmelsjoch2001

In den Serpentinen mit Gegenwind schiebe ich, in denen mit Rückenwind fahre ich. So komme ich Stück für Stück nach oben. Schnee liegt noch rechts und links, ich glaube, erst seit etwa drei Wochen ist die Strasse offen.

Timmelsjoch2001

Dann die letzten Meter, die Passhöhe voraus. Wolken schieben sich von Süden her über den Pass. Erstmals in meinem Radfahrerleben bekomme ich einen heftigen Krampf im linken Oberschenkel, der auch nicht nachlässt. Mit Schmerzen quäle ich mich hinauf. Ich habe gehört, Radrennfahrer haben immer wieder Krämpfe auf Bergstrassen. Scheint mir unglaublich, dass die das durchhalten. Mir reichen die 300 Meter vollkommen. Hätte ich die Passhöhe nicht schon im Blick gehabt, ich wäre mit Sicherheit umgekehrt.

Timmelsjoch2001

Dann bin ich oben. Ich ziehe mich rasch um. Dann mache ich Photos, schlendere für eine Minute nach Italien hinüber.

Timmelsjoch2001

An der gleichen Stelle habe ich am 4. September 2000 schon einmal ein Bild  gemacht. Damals war ich im Schneegestöber bei 5 Grad hinauf gekommen und von Norden her fegte der Wind eines Tiefs über das Joch. Heute kommt der Wind von Süden und es sind 15 Grad.

Timmelsjoch2001

Aber das Wetter sieht nicht so toll aus. Es zieht sich zu (allerdings nur hier oben, wie ich später feststelle). Ich fahre also schnell wieder hinunter.

Timmelsjoch2001

36 Kilometer waren es hinauf, gebraucht habe ich 3,5 Stunden. Als ich wieder in Längenfeld bei meinem Wagen angekommen auf den Tacho schaue, traue ich meinen Augen nicht: ich bin in gerade mal einer Stunde hinunter gerast, trotz Gegenanstieg! Dem Wind sei Dank - und den ausgezeichneten Strassenverhältnissen.