MJ

Reichtum und Armut
Predigt am Reformationstag 2003

 


Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, Deutschland sei in Armut gefallen. Wenn ich mir zum Beispiel die gegenwärtigen Diskussionen um Steuerreform und soziale Sicherungssysteme anhöre. Kein Geld mehr da beim Staat, wir Bürger geben auch nicht genug aus, der Einzelhandel jammert seit langem.

Dabei ist Deutschland nach wie vor ein reiches Land. Beim Bruttosozialprodukt stehen wir nach wie vor sehr weit oben. Andere Länder lächeln schon mal über uns, oder verstehen uns auch nicht. Das merkwürdige Wort von der "german angst" macht z.B. in den USA die Runde, wie unser Bundestagsabgeordneter Dr. Krüger vor ein paar Wochen bei der politisch-christlichen Talkshow im Voerder Rathaus ausführte.

Woher kommt unter uns Deutschen dieser Eindruck?

Nun, ganz sicher gibt es immer mehr Menschen bei uns, die in Armut leben müssen. Zugleich wächst die öffentliche Armut. Bund, Länder und Gemeinden haben nicht mehr genug Mittel für Schulen und andere Einrichtungen. Und wir als Kirche, die wir an vielen Stellen eng mit dem Staat verbunden sind, leiden auch unter drastisch sinkenden Einnahmen: der Staat spart zum einen Zuschüsse für unsere Einrichtungen, die Steuergesetzgebung führt zu starkem Rückgang der Kirchensteuer.

Weniger sichtbar ist, dass reiche Menschen in den letzten Jahren reicher geworden sind. Wir können es nur ahnen, wenn wir die Auslagen exquisiter Geschäfte sehen.

In einer kirchlichen Untersuchung zu Reichtum und Armut in unserem Land steht: in den 80er und 90er Jahren sind Reiche in Deutschland reicher geworden, Arme sind ärmer geworden und die Zahl der Armen hat zugenommen. 10 Prozent der deutschen Haushalte vereinen die Hälfte des gesamten Vermögens der Deutschen. Schaut man aber noch etwas genauer hin, dann stellt man fest: 5% der Bevölkerung sind reich, 75% leben im Wohlstand, 10% in gefährdeten Verhältnissen, 10% in Armut.

1997 haben die beiden Kirchen in ihrem damals stark beachteten Sozialwort sich für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit ausgesprochen. Ist das heute noch ein Konsens in unserer Gesellschaft? Wie dem auch sei, es ist wichtig, auch mal den Reichtum zum Thema der Debatte in unserem Land zu machen. Für mich geschieht dies in den Diskussionen dieser Tage und Wochen viel zu wenig. Man redet viel über die leeren Kassen, aber wenig über die 5% der Reichen und ihren möglichen Beitrag. Schnell wird diese unbequeme Diskussion versteckt hinter der Kritik an den Schuhmachers und Beckers, die ihren Wohnsitz im Ausland nehmen. Aber sie sind nur die öffentlich sichtbare Spitze eines ganzen Eisberges reicher Menschen. Bei ca. 80 Millionen Bundesbürger immerhin ca. 4.000.000 Menschen.

Die Kirchen haben zwar viel Erfahrung in der Auseinandersetzung mit Armut und Armen. Sich kritisch mit dem Reichtum und den Reichen auseinander zu setzen, fällt viel schwerer.

Vermutlich auch, weil viele von uns eher zu den 75% Wohlhabenden gehören, ich ganz sicher auch. Und auch, weil ich und Sie alle einer Kirche angehören, die im Weltmaßstab immer noch zu den reichen Kirchen gehört und auch nach all den zu vermutenden schmerzlichen Abstrichen noch gehören wird.

Es ist auch gar nicht so einfach zu sagen, was denn und wer denn reich ist. Die Zahlen, die ich eben genannt habe, beziehen sich auf das Einkommen und Vermögen von Menschen. Reich ist dabei jemand, der über mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Haushaltseinkommens verfügt; arm ist entsprechend jemand, der mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens auskommen muss. Ein sinnvoller Maßstab? Vielleicht.

Aber ich las dieser Tage von einem Besuch von Christen aus Ghana bei einer Partnergemeinde im Rhein-Main-Gebiet. Die Gastgeber wollten den Gästen zeigen, dass auch in Deutschland Menschen in Armut leben und gingen mit den ihnen ins Bahnhofsviertel, besuchten einen Arbeitslosentreff und einiges mehr. Am Ende sagte ein Pfarrer aus Ghana: Mir ist deutlich geworden, dass es auch in Deutschland große soziale Unterschiede gibt, das habe ich vorher nicht gewusst. Aber dennoch: was bei euch Armsein bedeutet, ist bei uns nicht arm."

Alles also nur eine Frage des Maßstabes? Des Blickwinkels?

Schauen wir in unsere kirchliche Geschichte, dann gibt es sehr verschiedene Traditionen und Positionen zu Reichtum und Armut.

- Da gibt es das Konzept der Spiritualisierung. Dort geht man davon aus, dass das künftige Heil das Entscheidende ist und neigt daher dazu, soziale Unterschiede als unwichtig zu bezeichnen und die Armut - und auch den Reichtum - einfach zu akzeptieren.

- Dann gibt es in vielen Gegenden der Welt eine sogenannte Wohlstandstheologie. Die behauptet, dass Reichtum ein Zeichen der Gnade Gottes sei.

- Demgegenüber betont die Theologie der Befreiung, dass Gott vorrangig auf der Seite der Armen steht und die zuallererst liebt. Hier steht die reale Befreiung von Ungerechtigkeit und Armut im Zentrum der Verkündigung wie des kirchlichen Handelns.

- Und dann gibt es ein viertes Modell, welches sich aus der Theologie der Befreiung heraus entwickelt hat. Hier steht im Mittelpunkt die Betonung von gerechten Beziehungen zwischen Gott, den Menschen und der Schöpfung: alle sollen Leben in Fülle und zur Genüge haben.

Ich finde, das ist ein Leitbild, an dem wir uns orientieren können.

Leben und volle Genüge für alle - was dazu gehört, hat Martin Luther in seiner Auslegung der Vater-Unser-Bitte um das täglich Brot so beschrieben:

"Alles, was Not tut für Leib und Leben,
wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh,
Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut,
fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gesellen,
fromme und treue Oberherren, gute Regierung,
gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre,
gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen."

Luther nennt damit Bereiche, die wir heute im Blick haben, wenn wir von der Verwirklichung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte sprechen. Es gehört zur Würde des Menschen als Ebenbild Gottes, dass alle genug Nahrung, Kleidung und Unterkunft haben, dass wir in Familien- und Gemeinschaftsbeziehungen leben können, dass wir Zugang zu Bildung haben und Chancen, einen sinnvollen Beitrag zur Gestaltung der gemeinsamen Zukunft zu leisten.

Nun, dieser Zielbestimmung werden wir wohl ohne große Mühe zustimmen können. Die Frage ist aber nun, wie kann es gewährleistet werden, dass alle Menschen politische Entscheidungen, die ihr Leben berühren, mitgestalten können? Immer mehr Menschen unter uns haben ja das Gefühl, nichts bewegen zu können, in diesen Wochen macht sich zudem das fatale Gefühl breit, dass auch die Parteien und Politiker eigentlich nichts mehr bewegen können.

Die vorhin schon genannte kirchliche Studie zu Reichtum und Armut sagt, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft die Mittel haben müssen, um sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen zu können. Auf der anderen Seite darf niemand über soviel Einkommen und Vermögen besitzen, dass er über die damit verbundene Macht den politischen Prozess in seinem Sinne beeinflußen oder gar bestimmen kann. Soziale Ungleichheit muss deshalb mit einer unteren und einer oberen Grenze versehen werden, d. h. es gilt nicht nur darum Armut zu überwinden, sondern zugleich auch Reichtum zu begrenzen.

Grenzen setzen und durchsetzen ist nicht nur eine Aufgabe in der Kinderziehung oder im Miteinander in der Schule. Grenzen braucht auch das Wirtschaftswachstum, Grenzen braucht unser Konsum, Grenzen braucht unser Umgang mit den Ressourcen, Grenzen braucht unser Wunsch, sich immer mehr und besseres leisten zu können.

Die Aufgabe, oder besser die Leitlinie mag dabei lauten, sich darüber zu verständigen und auseinander zusetzen, was "genug" ist. Genug zum Leben für alle.

Leben und genug für alle haben - dieser Gedanke ist inspiriert von einem Wort Jesu im Johannesevangelium: Ich bin gekommen, dass sie Leben in Fülle haben.

Leben ist im Johannesevangelium ein zentraler Begriff. Jesus ist das wahre Leben, Jesus ist der gute Hirte, der Leben in Fülle schenkt.

Leben in seiner Fülle. Das ist das Bild für das Reich Gottes, das uns verheißen ist, aber noch nicht da ist. Das Reich Gottes, das wir ersehnen und unter uns anbricht, aber in dieser Welt unvollkommen bleiben wird.

Dieses Bild hilft bei der Suche auf der Antwort nach dem, was genug ist. Das alle genug zum Leben haben - dies mag ein durchaus hilfreiches Leitbild für die Suche nach Gerechtigkeit in dieser Welt sein.

Wenn wir uns davon leiten lassen wollen, dann gilt es in allen Diskussionen um soziale Gerechtigkeit - und das ist nur ein anderes Wort für angemessene Verteilung von Reichtum und Armut - auf die Zusammenhänge zu achten von Gerechtigkeit und Würde, von Wirklichkeit und Utopie, von Arbeiten und Feiern, Kämpfen und Beten.

Wenn wir als Christinnen und Christen, als Kirche wollen, dass Menschen genug zum Leben haben, dann reichen Appelle nicht. Es braucht politische Prozesse, die mit Macht haben und Sich-einsetzen zu tun haben. Das ist schwierig, gerade weil wir ja als Kirche in diesen Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut verstrickt sind. Wir sind inzwischen zu "arm" um all das fortführen zu können, was wir in den letzten Jahrzehnten tun konnten - für Menschen tun konnten! -, zugleich sind und bleiben wir im internationalen Vergleich immer noch sehr reich. Da brauchen wir gar nicht nach Afrika zu gehen, ein Blick nach Frankreich reicht schon aus.

Liebe Gemeinde,

wir leben von den Verheißungen der Bibel her. Leben in Fülle ist eine der Visionen vom Reich Gottes. Wir können sie ansatzweise verwirklichen im Bemühen, genug zum Leben für alle anzustreben. Daher sind wir alle eingeladen, mit zu denken und streiten. Z. B. über die Frage, was denn das heißt, genug für alle zum Leben? Ich könnte mir vorstellen, dass für die aktuelle Politik zweierlei Grundlinien einen Rahmen abgeben könnten:

1. Keine Kürzung von Entwicklungshilfe, weder was die öffentliche Hilfe als auch den Kirchlichen Entwicklungsdienst anbetrifft. Das würde der Tatsache Rechnung tragen, dass bei allen sozialen Ungerechtigkeiten in unserem Land der Unterschied zu den Lebensverhältnissen in Afrika und anderswo immer noch riesengroß bleibt.

2. Wer viel Einkommen und Vermögen hat, soll entsprechend mehr zu den staatlichen Einnahmen beitragen als andere. Also z. B. keine Steuersenkungen für Reiche. Konsequente Bemühungen, Steuerflüchtlingen die Schlupflöcher zu verstopfen.

Ich weiß, beides sind unpopuläre und auch schwierige umzusetzende Vorhaben. Aber für mich folgen sie aus der Vision Leben in Fülle, die sich unter uns konkretisiert in der Leitlinie genug zum Leben für alle.

Amen.

Viele Gedanken dieser Predigt gehen - zum Teil bis in die Formulierungen - zurück auf eine Predigt von Ulrike Schmidt-Hesse. Sie ist abgedruckt in: Reichtum und Armut. Arbeitsmaterialien für Gemeinde, Schule und Gruppen (hrsg. vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, dem Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und dem Diakonischen Werk in Hessen und Nassau) 2003, S. 34-37