Matthias Jung


 

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Zeitsprung - Gemeinde 2030

 

 

Die Predigt

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Beethoven war es, Mozart auch, Paul McCartney ebenso wie etwa jeder fünfte Deutsche:

Linkshänder.

Ich zähle auch zu ihnen. Gemeinsam ist uns, dass wir für viele alltägliche Kleinigkeiten lieber die linke als die rechte Hand gebrauchen.

Im Frühjahr sprach ich in verschiedenen Gemeindekreisen über das Thema und war überrascht, dass mir viele LinkshänderInnen berichteten, dass sie früher erheblichem Druck und Vorurteilen ausgesetzt waren.

Da gab es das gute und das schlechte Händchen, das gute war natürlich das rechte, das schlechte eben das linke. In unsere Sprache hat sich das tief eingegraben:

Rechts ist die richtige, die rechte Seite.

Rechts hat mit Recht, gerecht und rechtschaffen zu tun. Ich habe das Herz auf dem rechten Fleck und bin die rechte Hand des Chefs und somit auf dem rechten Weg.

Links dagegen stehen die linken Typen, die irgendwie anders sind, oft eben linkisch. Sie neigen dazu, andere zu linken, haben zwei linke Hände und lassen andere gerne links liegen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde dies auch von Wissenschaftler bestätigt. So sagte einmal ein gewisser Herr Burt:

"Linkshändige Kinder schielen, sie stottern, sie schlurfen und taumeln, sie watscheln wie Robben auf dem Land. Sie sind linkisch im Haus und ungeschickt in ihren Spielen, Tölpel und Pfuscher auf der ganzen Linie. - Linkshändige Mädchen besitzen häufig eine starke, eigensinnige, und beinahe männliche Veranlagung: anhand vieler kleiner verräterischer Symptome, neben der ungeschickten Führung ihrer Hände - durch ihre lässige Kleidung, ihren ungraziösen Gang, ihre jungenhaften Eigenarten und Eigenheiten - demonstrieren sie wortlos eine persönliche Verachtung des Gesetzes der weiblichen Anmut und Eleganz." (Burt, nach www.linkshaenderseite.de/allgemei.html) Kaum zu glauben, oder?!

Doch es ist kein Phänomen unserer Zeit und unserer Kultur.

Im Mittelalter konnte Linkshändigkeit der Grund dafür sein, auf dem Scheiterhaufen zu landen.

Und auch in der Bibel ist es so, dass selbstverständlich die rechte Hand des Herrn den Sieg davon trägt (Psalm 118,15), Jesus natürlich zur Rechten Gottes Platz nimmt, um für immer zu herrschen (z. B. Römer 8,34; Apg. 7,55; Eph. 1,20) und dass im großen Gleichnis vom Weltgericht die guten Schafe auf die rechte Seite ins Heil geschickt werden, die bösen Böcke aber zur linken Seite zur ewigen Verdammnis eingehen müssen (Mt. 25).

Rechts und links - das ist im Gefühl vieler Menschen richtig und falsch, gut und böse. Ich habe überlegt: wie kommt das? Es hat vermutlich viel mit der Sehnsucht nach Strukturierung, Ordnung und Sicherheit im Leben zu tun. Daher sortieren wir die Welt und die Menschen in Schubladen, wer richtig ist, ist gut, wer falsch ist, ist schlecht. Das ist nicht nur bei Linkshändern so. Außenseiter haben es immer und überall schwer, weil sie offenbar durch ihre Andersartigkeit Angst auslösen.

Ich denke, bei Rechts- und Linkshändigkeit sind die Benachteiligungen heute nicht mehr so stark. Nur wenige LinkshänderInnen haben doch massive Schwierigkeiten, sich in einer "rechten" Welt zurechtzufinden. Sicher, bis heute müssen zwar viele Linkshänder rechts schreiben, was zu "schlechter" Schrift und damit verbundenen Problemen führen kann. Und natürlich kann ich den Notschalter einer Stichsäge oder Bohrmaschine nicht erreichen, weil er für mich auf der "falschen" Seite liegt (vgl. dazu den –"schönen" Beitrag: Rüdiger Naß, nach www.linkshaenderseite.de/leser.html). Das könnte fatale Folgen haben, doch bis jetzt sind noch alle Finger dran.... Aber sonst?

Es gibt einfach zu viele von uns. 20 % der Deutschen gehören dazu.

Und sehr berühmte Menschen:

Bill Clinton und Franz-Josef Strauss, Julia Roberts und Robert Redford, Leonardo da Vinci und Michelangelo, Albert Einstein und Albert Schweitzer.

Auch in der Bibel gibt es Linkshänder. Und zwar genau 701.

Der erste ist Ehud:
"Er (der Herr) gab ihnen (den Israeliten) einen Retter: Ehud, den Sohn Geras vom Stamm Benjamin. Ehud war Linkshänder." (Richter, 3,15) In den folgenden Versen wird dann beschrieben, wie Ehud mit Hilfe seiner Linkshändigkeit das Volk Israel aus der Knechtschaft der Moabiter, unter der sie 18 Jahre gelitten hatte, befreite.

Aber nun, keine Angst, der Gottesdienst dauert nicht bis heute Abend, denn in der nächsten Bibelstelle werden gleich 700 auf einmal erwähnt:

"Im Heer Benjamin gab es 700 Elitekämpfer, die Linkshänder waren und mit der Schleuder unfehlbar ins Ziel trafen." (Richter 20,16) Schon die Bibel wusste offenbar, wie geschickt gerade auch Linkshänder sein können.

Es gibt zwar in der Bibel die schon genannten Vorurteile gegen die linke Seite, ab nirgends findet sich ein Wort gegen Linkshänder.

Doch was sagen wir nun in einem Gottesdienst aus christlicher Sicht zu diesem Thema?

Eigentlich ist es doch ganz einfach.

Gott liebt alle Menschen, Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Junge und Alte und so auch Linkshänder und Rechtshänder.

Das klingt sehr banal. Doch die Aussage besitzt eine ungeheure Tiefe.

Vielleicht sind wir in unserem oft so gescholtenes Zeitalter des Individualismus da erst richtig draufgekommen.

Wenn Gott jeden liebt, jeden einzelnen beim Namen ruft, wie das gleich in einem der Taufsprüche heißen wird, dann ist das auch die Herausforderung, wirklich jede und jeden ernst zunehmen, anzunehmen mit ihren bzw. seinen Befähigungen und Begabungen genauso wie den Benachteiligungen und Behinderungen.

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist sehr viel geschehen im Blick auf die Diagnostik gerade im Kindes- und Jugendalter. Ich staune, was sich allein in den zehn, zwölf Jahren getan hat, seit meine Kinder so klein waren wie die vier Kleinen, die wir heute taufen. Viel mehr wird da heute untersucht und auch therapiert. Hinter manchen Auffälligkeiten und scheinbaren Widerspenstigkeiten entdeckte man erstaunliche Ursachen: hochbegabte und extrem unruhige Kinder genauso wie Schwierigkeiten durch Allergien, Sprachstörungen, Entwicklungsverzögerungen - oder eben auch Linkshändigkeit. Ich denke manchmal: ohne den Drang zum Individualismus, zur Selbstverwirklichung wäre dies alles so nicht zutage getreten.

Wenn wir heute also sagen, Gott liebt jeden Menschen, dann ist das zwar pauschal richtig. Aber dieses Bekenntnis enthält zugleich die Verpflichtung, jeden Menschen auch so wahrzunehmen, wie er ist, sich zu freuen, zu entdecken, zu staunen, liebzuhaben und zu fördern. Und sich auch für die Eigenarten zu interessieren. Das ist, um es in Klammern zu sagen, auch einer der Gründe, warum es evangelische Kindergärten gibt: Es gilt, den Satz mit Taten zu bekräftigen, dass Gott jeden Menschen liebt.

Vielleicht ist es von daher ein Geschenk, dass wir heute vier kleine Kinder taufen, dass macht es leichter, diese Verpflichtung zu erkennen.

Gott hat uns so ins Leben gerufen, eben auch als Links- und Rechtshänder, und wo noch ein Mensch darunter leidet, sind wir als Christen aufgefordert, uns aufgrund unserer Bekenntnisses zu Gott als dem Schöpfer zu engagieren. Denn Gott hat sich ja etwas dabei gedacht, sonst gäbe es uns LinkshänderInnen nicht. Da es aber kein so bedrängendes Problem wie andere ist, finde ich es gerechtfertigt, die Frage von Rechts und Links humorvoll anzugehen. Erst am Freitag hörte ich von einer Untersuchung aus Amerika, nach der LinkshänderInnen glücklicher, kreativer und zufriedener seien als Rechtshänder. Kein Wunder, denn schon Inken Spreda, die sich selbst als Linksanwältin bezeichnet und die deutsche Linkshänderseite im Internet betreut, stellt fest:

"God created a few perfect people, the rest are right-handed."

(Gott schuf ein paar perfekte Menschen, der Rest ist Rechtshänder).

Amen.