Letzte und vorletzte Dinge - Reformationstag 2001
Liebe Gemeinde!
Der "Spiegel" schreibt in seiner Ausgabe von gestern:
"Die Gefühlslagen in den USA und Argentinien, in Japan, Frankreich und eben auch in Deutschland gleichen sich: Die Menschen sind in Sorge, spüren das Außergewöhnliche der Situation, dieses Düstere, das von den Nachtrichten ausgeht und sie auch ganz persönlich erreichen kann. Sie haben vor allem eines: Angst." (Spiegel 44/2001, S. 76)
In der Tat: Angst ist in diesen Tagen und Wochen das bestimmende Wort unserer Gesellschaft.
Angst vor weiteren Terroranschlägen, vielleicht auch bei uns.
Angst vor Milzbranderregern,
Angst vor einem Krieg, der sich zum Weltenbrand entwickeln könnte.
Angst vor einer wirtschaftlichen Flaute, die viele mit in den Abgrund reist.
Angst schon Anfang diesen Jahres, als wir uns angesichts von BSE und MKS fragten, was wir denn noch ohne Sorgen essen dürften.
Angst in unserer Region schließlich auch vor Bergsenkungen und Bergschäden, vor Deichbrüchen und Überflutungen.
Unsere vertraute, Sicherheit und Geborgenheit vermittelnde oder zumindest vorgaukelnde Welt ist ins Wanken geraten. Ohnmacht breitet sich aus. Menschen reagieren verschieden darauf. Die Spanne reicht von denen, die zur Tagesordnung übergehen und so tun, als wäre nichts gewesen bis zu denen, die meinen, irgendetwas doch tun zu müssen und zu hysterischen Reaktionen neigen.
Heute ist Reformationstag.
Die evangelische Kirche denkt über ihren Ursprung und damit über ihre Grundüberzeugungen nach. Was glauben wir? Was hoffen wir? Was haben wir zu bezeugen? Was haben wir zu sagen, was können wir sagen, was müssen wir sagen? Hier und heute?
Mir fiel Dietrich Bonhoeffers Unterscheidung zwischen den letzten und den vorletzten Dingen ein, welche er im Anschluss an Martin Luther trifft.
Ende der dreißiger Jahre, längst in den Widerstand verstrickt, ringt Bonhoeffer um die ethischen Fragen von Menschlichkeit und Verantwortung für die Gemeinschaft aus evangelischer Sicht. Er fragt sich, wie die Menschen verantwortlich weiter leben können, in einer Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist. In einer Welt, in der Recht und Unrecht, Vorstellungen von Gut und Böse gänzlich durcheinander geraten sind. Ihm hilft die Unterscheidung zwischen den letzten und vorletzten Dingen.
Die letzten und die vorletzten Dinge. Gemeint ist damit nicht: diese Welt ist die Vorstufe zu Gottes Reich, hier ist nur Vorbereitung, das Beste und Eigentliche kommt noch. Vielmehr geht es um die Frage, was denn letztendlich zählt, was letztlich Gültigkeit besitzt.
Die letzten Dinge - das ist der Glaube an die Rechtfertigung des Menschen durch Gott. Die letzten Dinge, das sind das Wort Gottes, die Zusagen Gottes, das Gericht Gottes. Die Unterscheidung zwischen den letzten und vorletzten Dingen nimmt diese Welt aus der Perspektive Gottes in Blick, zugespitzt im Wesen und Werk Jesu
Die vorletzten Dinge - das ist alles, was in dieser Welt geschieht. Einfach alles.
Und diese beiden haben eine Verbindung, und die ist gleichbedeutend mit der Auftrag der Kirche. Das Leben im Vorletzten steht unter der Aufgabe, dem Letzten den Weg zu bereiten, und zwar - so sagt Bonhoeffer ausdrücklich - nicht nur als innerliches Geschehen, auch als gestaltendes Handeln in der Welt.
Bonhoeffer ist dies wichtig, weil er einen damals weit verbreiteten Irrtum bekämpfen möchte. Weithin galt: Kirche und Welt oder konkreter: Kirche und Staat sind zwei weitgehend voneinander getrennte Bereiche, die sich zwar berühren, aber ansonsten nichts miteinander zu tun haben. Kirche kümmert sich um den Glauben, der Staat um den Rest. Und im staatlichen Bereich hat die Kirche nichts zu suchen, hat sie auch nichts zu sagen, dass ist nicht ihre Welt.
Dagegen sagt Bonhoeffer: es gibt nur eine Wirklichkeit, einen Gott und Schöpfer, der Anspruch und Zuspruch für die Welt im Ganzen ist. Von daher hat die Kirche auch Verantwortung für das Vorletzte im Ganzen - aus der Perspektive des Letzten heraus.
Und heute?
Heute scheint es eher so zu sein, dass Menschen sich fragen, ob der Glaube, ob die Kirche überhaupt noch etwas zu sagen hat. Es ist weniger so, dass der Kirche das Recht abgesprochen wird, sich einzumischen in politische, weltliche Vorgänge. Das war vor zwanzig Jahren noch anders. Bundeskanzler Helmut Schmidt war Anfang der Achtziger bei dem Streit um die Nachrüstung mit Pershingraketen der Meinung, die Kirche solle sich da heraus halten, in der Politik gelten Gesetze, mit denen die Kirche nichts zu tun hat.
Heute ist das Vergangenheit. Man nimmt zur Kenntnis, dass die Kirchen sich zu Wort melden, aber viel Gehör findet sie nicht.
Es sei denn, es gibt Katastrophen. Dann ist plötzlich das Wort der Kirche wichtig, die seelsorgerliche Begleitung gewünscht, Gottesdienste werden im TV übertragen. Das war bei den Zugkatastrophen in Eschede und Brühl so, dass war beim Absturz der Concorde so, und flächendeckend beim Terroranschlag vor sechs Wochen. Da ist die Kirche plötzlich gefragt. Aber auch hier vor Ort. Von Anfang an wurde in der Auseinandersetzung um den Rahmenbetriebsplan gefragt: was sagt denn die Kirche dazu? Und zwar ausdrücklich aus dem Gefühl heraus gefragt, dem Eindruck, der Überzeugung heraus, dass von diesen Plänen des Bergbaus eine Bedrohung für Mensch und Natur ausgeht.
In den Fragen und Ängsten, die Menschen heute bewegen, ist für mich die Unterscheidung Bonhoeffers zwischen den letzten und den vorletzten Dingen hilfreich.
Denn:
Wie sieht unsere heutige Welt ohne letzte Dinge aus?
- Es existiert nur noch diese Welt als Horizont.
- Alles und jedes wird extrem wichtig.
- Nur noch dieses mein Leben zählt.
- Ich bin selbst dafür verantwortlich, muss sehen, wo ich bleibe.
- Der Mensch ist einsam und allein.
Wenn dann die Bedrohungen unseres Lebens in unserer unmittelbaren Umgebung zunehmen, steht viel auf dem Spiel.
Und dazu rücken medienvermittelte Katastrophen ins Wohnzimmer und mir ganz nahe.
Das Gefühl, gefährdet zu sein, kann ich nicht mehr wegschieben.
Planungen und Lebensziele werden fragwürdig, ja vielleicht der Sinn unseres Lebens insgesamt in Frage gestellt.
Vielleicht aber auch dadurch erst einmal oder wieder einmal ins Bewusstsein gerufen. Die Spaß- und Fun-Generation hat einen Knacks bekommen. Und nun?
Wie sieht die Welt aus, die weiß, dass es letzte Dinge gibt und sie nur das vorletzte ist?
- Sie lebt aus einem größeren Horizont.
- Sie weiß um die Zusagen des Wortes Gottes.
- Sie kann gelassener leben, weil sie sich gehalten weiß.
- Das Leben ist und bleibt wichtig, aber es gibt noch mehr.
- Ich kann erkennen und akzeptieren, dass es Dinge gibt, die auf mein Leben einwirken, auf die ich keinen Einfluss habe.
- Ich kann verantwortlich handeln, weil die Angst beruhigt ist.
- Ich bin nicht allein, es gibt andere, die neben mir stehen.
Es ist Auftrag der Kirche, Auftrag von Christinnen und Christen aus diese Sicht der Welt als etwas vorletztes in Wort uns Tat zu bezeugen. Einzig und allein deswegen gibt es die Kirche.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir seien zu stark mit uns selbst beschäftigt. Keine Frage, viele Gemeinden, Kirchenkreise und Einrichtungen der Kirche stehen vor schwierigsten Entscheidungen. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir unseren Auftrag vernachlässigen. Der hat zwei Seiten:
- diesen Gott zu verkündigen, damit Menschen an ihn glauben können, ihm Vertrauen schenken können, damit sie aus diesem weiterem Horizont der letzten Dinge in dieser vorletzten Welt leben können und auch gegen die Angst angehen können
- aber eben auch auf die Fragen der Zeit einzugehen und Positionen zu beziehen. Um der Wahrhaftigkeit willen, bezeugen, was aus dem Glauben folgt, und auch auf diese Weise einzuladen zum Glauben: dass nämlich dieser unser Gott, der Vater Jesu Christi sowohl Anspruch als auch Zuspruch für diese ganze - vorletzte - Welt darstellt.
Und so haben wir auch hier und heute etwas zu sagen gegen die Angst, gegen die Hysterie, aber auch gegen das Kopf-in-den-Sand-stecken.
Von Bonhoeffer können wir da lernen, dass es dazu notwendig ist, dass wir uns auf die Fragen unserer Zeit einlassen, und erst dann reden, wenn wir etwas zu sagen haben. Das Wort Gottes ist nicht einfach über die Welt auszuposaunen, glaube und höre es, wer will, sondern ist in die Welt hinein zu sprechen. Dazu müssen Christinnen und Christen sich auch mit den Fragen beschäftigen. Hier in unserer Region finde ich es sehr gut und wichtig, dass Menschen aus unseren Gemeinden sich beispielsweise in der Bürgerinitiative gegen den Rahmenbetriebsplan engagieren und dort bei aller berechtigten Sorge versuchen, mäßigend zu wirken.
Was können, was müssen wir heute sagen? Zu Menschen, die Angst haben, deren Lebensgefühl sich verändert?
Zunächst einmal müssen wohl ehrlicherweise sagen, Angst wird uns zukünftig begleiten, sie wird nicht mehr verschwinden. Wir werden irgendwann nicht mehr dauernd daran denken, aber unterschwellig wird sie bleiben. So wie früher die Angst vor dem Osten mit seinen Panzern und Raketen das Lebensgefühl ganzer Völker mitbestimmt hat. Die Ereignisse dieses Jahres haben das Gefühl von Gefährdung und Bedrohung in nie gekannter Weise ausgebreitet. Dies wird bleiben. Damit werden wir künftig wohl leben müssen.
Auf der anderen Seite mag uns die Unterscheidung zwischen den letzten und vorletzten Dingen in dieser Situation helfen, auf den größeren Horizont zu verweisen. Es gibt eine Macht, die wir Menschen Gott nennen. Dieser Macht verdanken wir und die Welt ihre Existenz. Diese Macht begleitet uns in unserem Leben freundlich. Diese Macht steht uns aber auch kritisch und beurteilend gegenüber, da, wo menschliches Leben nicht seinem Willen entspricht. Gott - Schöpfer, Hirte, Richter, diese drei Gottesbilder bilden den größeren Horizont und sie sind letztendlich und letztgültig fokussiert in Wesen und Werk Jesu. In diesem Sinne, lasst uns hinausgehen in die Welt, das Wort Gottes bezeugen, den Menschen von den letzten und vorletzten Dingen erzählen und sie zum Glauben gegen alle Angst und Hysterie einladen, um diese Welt menschenfreundlicher und gut werden zu lassen.
Ich schließe mit Worten Bonhoeffers:
"Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen."
( D. Bonhoeffer, Stationen auf dem Wege zur Freiheit, in: Ders., Widerstand und Ergebung (DBW 8), Gütersloh 1998, 571.)
Amen.