Bebauen und bewahren
Predigt beim Gottesdienst im Grünen auf der Schützenanlage des BSV "Einigkeit" Holthausen am 31. August 2008 über Genesis 2,4b-9+15
Liebe Gemeinde,
wunderbares Wetter heute Nachmittag, Hier im Grünen auf der Schützenanlage fällt uns das Lob der Schöpfung nicht schwer. Das Herz geht uns auf - Natur, Vögelgezwitscher, die Sonne, Wärme - uns durchflutet Freude und Lebenslust!
Da fällt uns das Lob der Schöpfung nicht schwer. Wir spüren: wir sind Teil eines Größeren, gehören zum Kreislauf der Natur, leben von anderem Leben, fördern aber auch anderes Leben. Wir haben Teil an den guten Widerfahrnissen der Schöpfung genauso wie an den schrecklichen. Die Sonne tut uns gut, aber auch der stetige Landregen ist angenehm für das was wir säen und pflegen. Dagegen bedrohen uns Sturm und Hagel - und wenn nicht uns direkt, doch dann das Umfeld dessen in dem und von dem wir leben. Wir sind eingebunden in der Kreislauf der Jahreszeiten, werden und vergehen, wir pflanzen, wir pflegen, wir ernten...
Wir haben eben die biblische Schöpfungserzählung gehört. Sie ist ja kein "Bericht", keine Reportage wie das alles angefangen hat, sondern sie will etwas erzählen und uns auf unserer Stellung in dem Ganzen hinweisen. Sie ist geprägt vom Lob des Schöpfers und der Zuweisung eines Ortes für uns Menschen, verbunden mit einem Auftrag: die Schöpfung, die Erde zu bebauen und zu bewahren.
Bebauen und bewahren - das ist ein doppelter Auftrag.
Viele Jahrhunderte haben die Menschen sehr stark auf das Bebauen gesetzt. Unglaubliches haben wir geschaffen. Sümpfe trocken gelegt und Flüsse eingedämmt, Land urbar gemacht. Manches zum Vorteil für Mensch und Natur, vieles aber auch zum Schaden. Ausgebeutet wird die Natur bis auf den heutigen überall auf der Welt, ohne darauf zu achten, was morgen ist. Regenwälder werden abgeholzt, die Meere sind an vielen Stellen schon leergefischt.
In den letzten Jahrzehnten ist dann das Bewahren stärker in den Vordergrund gerückt. Spätestens die Katastrophe von Tschernobyl hat Umweltschutzfragen über den Kreis einiger weniger engagierter Umweltschützerinnen und -schützer hinaus ins Bewußtsein gerückt. Ein mulmiges Gefühl breitete sich aus, als die Aufforderung kam, nichts zu essen, was den Regen abbekam, ein erschreckender Gedanke, bestimmte Pilze in bestimmten Gegenden besser nie mehr zu pflücken... Immer mehr Aktivitäten entstanden, waren auch erfolgreich, denken wir z. B. an die verhinderte Versenkung der Ölplattform Brentspar im Jahr 1995. Umweltschutzfragen werden allerorts diskutiert, finden Eingang in staatliche Gesetze, Bioprodukte überschwemmen auch die Theken bei den Discountern.
Eigentlich haben das die Menschen vor mehr als dreitausend Jahren doch schon genial formuliert: die Erde bebauen und bewahren. Idealerweise steht beides im Gleichgewicht, in der Realität ist das allerdings nie der Fall. Aber diese Waage mit den beiden Seiten ist uns ein Vor-Bild.
Bebauen heißt dann nicht einfach alles tun, was möglich ist. nicht im Großen - denken wir an die Gefahren der Gentechnik - aber nicht im Kleinen, in unseren Gärten. Auch hier stehen wir immer in der Gefahr, zu zerstören statt zu schützen. Nicht alles, was kurzfristig Vorteile und höhere Erträge bringt, ist auf Dauer ohne schädliche folgen, denken wir nur noch einmal an die leergefischten Meere. Bebauen heißt immer auch bedenken, was in 5, 10 oder noch mehr Jahren sein könnte.
Bewahren heißt dann aber auch nicht, alles so lassen wie es jetzt ist. Wir finden doch in Deutschland und in weiten Teilen der Welt überhaupt keine ursprüngliche Schöpfung mehr. Bewahren heißt auch immer gestalten, bebauen, verändern - so dass Lebensmöglichkeiten erhalten bleiben. Und das ist und bleibt eine dauerhafte Aufgabe für uns Menschen, damit werden wir nie fertig. Mit dem Bewahren nicht und mit dem Bebauen nicht. Und der biblische Auftrag bleibt uns stets Vor-Bild.
Heute Nachmittag hier draußen, wo wir uns der Schöpfung so nah fühlen, ist ein guter Ort uns daran erinnern zulassen. Ich möchte daher schließen mit Gedanken von Albert Schweitzer. Seine Leitlinie lautete: Ehrfrucht vor dem Leben. Und die hat er immer wieder so ausformuliert: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will." Als als böse galt für ihn daher: "Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten"; als gut gilt dagegen: "Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen."
Amen.