MJ

Wort zum Tag bei der KDA-Konferenz Rheinland am 12. November 2003 in Düsseldorf

"Soziale Gleichgültigkeit bestimmt nicht nur das Verhältnis der Industriestaaten zu den Ländern im Armutsgürtel der Erde; sie prägt auch das gesellschaftliche Klima innerhalb der westdeutschen Gesellschaft. Sie drückt sich in der gesellschaftlichen Kälte aus, die Asylsuchende und Ausländerfamilien noch immer, ja wieder verstärkt umgibt. Sie prägt die Lebenssituation von Erwerbslosen, von denen also, die zu Opfern von Rationalisierung und ungerechter Verteilung der verfügbaren Erwerbsarbeit werden. Berücksichtigt man nicht nur die von den Arbeitsämtern Registrierten, sondern alle, die wider Willen aus der organisierten Erwerbsarbeit ausgeschlossen sind, dann muss man in der Bundesrepublik Deutschland über Jahre hinweg mit einer Zahl von dreieinhalb bis vier Millionen Erwerbslosen rechnen. In ihrer Lebenssituation sind dadurch aber nicht nur die Erwerbslosen selbst, sondern ebenso ihre Familienangehörigen, ihre Partner und Kinder beeinträchtigt. Deshalb ist die psychische und soziale Situation von etwa zehn Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland durch die Erfahrung von Erwerbslosigkeit unmittelbar bestimmt. Jeder dritte von insgesamt etwa 41 Millionen Erwerbspersonen in der Bundesre­publik Deutschland war während des Zeitraums von zehn Jahren einmal oder mehrmals von ihr betroffen. Ein Drittel der Bevölkerung kennt Erwerbslosigkeit aus unmittelbarer Erfahrung." (Wolfgang Huber, Protestantismus und Protest, Reinbek 1987, S. 20)

Worte Wolfgang Hubers, des neuen Ratsvorsitzenden der EKD. Keineswegs neue Worte, im Gegenteil, sie stammen aus dem Jahr 1986. Aktuell sind sie nach wie vor.

Ich stieß auf die Streitschrift "Protestantismus und Protest", als ich nach der Wahl Hubers seine Texte noch einmal durchblätterte. Anfang der achtziger Jahre habe ich in Marburg etliche Seminare und Vorlesungen Hubers besucht. Seine Art theologisch und immer zugleich politisch zu denken und zu reden, hat mich nicht stark geprägt. Ich glaube, mein Engagement für den KDA seit mehr als zehn Jahren hängt mit dieser Prägung zusammen, weil ich in dieser Arbeit damals die Chance vermutete, mich permanent auf der Schwelle von Kirche und Gesellschaft, Theologie und Politik bewegen zu können. Und dies hat sich bewahrheitet.

Wolfgang Huber hat mir damals als jungem Theologiestudenten zwei Dinge grundlegend vermittelt, die für meine Arbeit, insbesondere die sozialethische Arbeit unverzichtbar geworden sind:

1. Grundsätzlich gilt es in allen aktuellen politischen, ethischen, sozialen Fragen vom Evangelium her zu denken. Grundsätzlich. Immer. Es gibt keine politische Diskussion in der Kirche ohne diese Rückbesinnung. Und wenn auch unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund unterschiedlich biblisch-theologisch argumentieren, das ist in Ordnung, der Streit um die Wahrheit des Evangeliums (und Wahrheit ist immer konkret und nicht abstrakt) ist in der Kirche immer wieder und stets neu zu führen. Aber er muss geführt werden. Weil das Evangelium die einzige Richtschnur ist, die für uns zählt. 

2. Das zweite tritt aber immer hinzu. Reden, streiten, argumentieren darf die Kirche nur, wenn sie sich auf den mühsamen Weg einlässt, im Detail zu verstehen, um was es eigentlich geht. Damals haben wir dies in den frühen achtziger Jahren an der Friedensfrage durchgekaut. "Es reicht nicht aus," so Huber damals mündlich im Seminar, "sich bei Friedendemonstrationen mit einem Plakat 'Christus ist unser Friede' hinzustellen und zu meinen, das wäre schon ein christliches Bekenntnis. Nein, Kirche darf erst dann reden, wenn sie sich auf die anstrengende Arbeit des Zuhörens, Sortierens, Einordnens und Bewertens eingelassen hat."

Dieser Doppelaspekt war und ist für mich die Grundlage alles sozialethischen Arbeit, auch der KDA-Arbeit.  Wobei wir momentan – so erlebe ich es – in eine Situation hinein gestellt werden, in der die Positionen und Problematiken sich so schnell verändern, dass kaum noch einer Schritt halten kann in der Beurteilung der Details. Ich komme da nicht mehr mit wenn es um Rentenreform, Gesundheitsreform, Hartzgesetze usw. geht. Es ist mir zu viel und zu schnell. Ich habe permanent das Gefühl, von den Ereignissen rechts überholt zu werden. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dieses Vorgehen der Politik sei Methode, um die Diskussion um die vielen Reformvorschläge von vornherein im Keim zu ersticken. Sollte dies war sein, wäre dies allerdings furchtbar.

Was bleibt uns übrig in diesen Tagen und Wochen, in denen alles über uns zusammen zu brechen scheint? Prioritäten setzen, sagt man schnell in solchen Zeiten. Nun gut, dann kann unsere Priorität als Kirche und auch als KDA nur sein, darauf zu achten und dafür zu streiten, dass die Schwächsten der Gesellschaft nicht überrollt werden. An anderer Stelle fasst Huber die Aufgabe der Kirche so zusammen: es geht um Interpretation, Interpellation und Interzession.

"Interpretation bedeutet, dass die Kirche die Lage derer öffentlich darstellt, die nicht für sich selber sprechen können.
Interpellation bedeutet, dass die Kirche sich gegenüber politischen Instanzen oder gesellschaftlichen Kräften zum Anwalt derer macht, die in ihren elementaren Rechten bedroht und verletzt sind, dass sie also deren Lage nicht nur interpretiert, sondern für deren begründete Lebensinteressen eintritt, indem sie Staat und Gesellschaft ihre Verantwortung einschärft und damit nicht aufhört.
Zuletzt die Interzession, das praktische Eintreten für die anderen. Deren Grundform ist die Fürbitte. Doch aus ihr ergeben sich vielfältige Formen diakonischen und politischen Handelns." (Wolfgang Huber, Folgen christlicher Freiheit, Neukirchen 1983, S. 244f.)

Mir diesen drei Aspekten ist auch, so denke ich, die Aufgabe des KDA gut umrissen. Und heute morgen geht es ja schwerpunktmäßig um einen Text, der über unsere eigene Arbeit im KDA reflektiert. Interpretation, Interpellation und Interzession gelten auch hier. Wobei die schwierigste der drei Aufgaben immer die Interzession ist, die tatsächliche praktische Aktion. Aber sie gehört untrennbar zur Aufgabe der Kirche und damit auch des KDA, "Kirche für andere" sein zu wollen und zu sollen, um ein Wort Bonhoeffers aufzugreifen.

Nehmen wir diese Aufgabe wahr und ernst, werden wir uns nicht nur Freunde machen. Auch nicht als KDA. Und zwar sowohl außerhalb der Kirche als auch innerhalb der Kirche. Aber das kann auch nicht anders sein, wie Wolfgang Huber schreibt:

"Eine Kirche, die niemanden mehr aufregen will, verdrängt, dass das Evangelium, dessentwegen sie allein existiert, aufregend ist. Sie vergisst, dass sie sich zu einem Herrn bekennt, der als Aufrührer hingerichtet wurde. Die Nachricht, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, war keineswegs ein Abschied von 'dieser Welt', sondern politisch höchst folgenreich: ein respektloser Hinweis auf die Grenzen aller politischen Herrschaft. Solange die Kirche mit diesem Jesus von Nazareth noch etwas zu tun haben will, kann es ihr nicht in den Sinn kommen, den Glauben zum unpolitischen Seelentrost zu machen.

Vielmehr ist der christliche Glaube so politisch, wie er persönlich ist. Er betrifft die äußeren Lebensverhältnisse, wie er das Innere der Menschen verwandelt. Er hat es mit dem Frie­den der Staaten ebenso zu tun wie mit dem Frieden der Herzen. Denn er betrifft den ganzen Menschen. Wer ihn zu einem abgesonderten Lebensbezirk macht, verurteilt ihn zur Bedeutungslosigkeit. Zu Recht wird ein solcher Glaube den Menschen gleichgültig; er fehlt ihnen nicht einmal mehr. Sie vermissen nichts, wenn er ihnen abhanden kommt." (Protestantismus und Protest, 15)