Friede und Gerechtigkeit
Weihnachten 2008
Dann wird ein Zweig aus dem Baumstumpf Isais austreiben,
und ein Spross wächst aus seiner Wurzel heraus.
Auf ihm wird der Geist Gottes ruhen.
Nicht nach dem Augenschein wird er richten,
nicht nach dem Hörensagen wird er urteilen.
Er wird in Gerechtigkeit die Armen richten,
in Aufrichtigkeit Ausgleich schaffen für die Gebeugten der Erde.(Jesaja 11,1.2a.3b.4a in eigener Übertragung)
Liebe Gemeinde,
von Frieden und Gerechtigkeit sprechen die Texte, die wir eben an diesem Heiligen Abend gehört haben: der Lobgesang der Maria und der Lobgesang des Zacharias, die Geschichte von der Geburt Jesu in Betlehem, auch die uralte Hoffnung aus dem Buch Jesaja. Frieden auf Erden, Gerechtigkeit für die Schwachen, die Armen, die Gebeugten, die Unterdrückten, die am Rande Stehenden - so könnte man die Verheißung der Weihnachtsbotschaft zusammenfassen. Doch was ist Friede, was ist Gerechtigkeit?
Mit Frieden scheint das noch recht einfach, Frieden ist Abwesenheit von Krieg für die, die ihn erlebt haben. Für uns Jüngere heißt Frieden eher Abwesenheit von Streit und Stress untereinander. Doch ist das schon der Friede, den die Engel meinen, wenn sie auf den Feldern bei den Hirten singen?
Mit Gerechtigkeit ist ähnlich. Wenn wir nach Beispielen suchen, fallen uns auch wieder eher Situationen ein, wo wir - oder andere - ungerecht behandelt werden.
Ungerecht findet es der Arbeitnehmer, wenn seine Firma geschlossen wird, obwohl sie guten Gewinn abwirft - der Unternehmer aber in Osteuropa noch mehr verdienen kann...
Ungerecht findet es die hochqualifizierte Nachwuchsmitarbeiterin, wenn sie bei der Bewerbung um eine Führungsposition gegenüber dem männlichen Mitbewerber einfach nur deshalb das Nachsehen hat, weil die Chefs befürchten, dass da noch mal eine Babypause kommen könnte...
Ungerecht findet der Schüler die Notgebung, wenn der Lehrer ihm trotz aller Bemühungen wieder nur eine Vier gibt und der ständig schweigenden Mitschülerin die Zwei...
Manchmal nimmt die Rede um Ungerechtigkeit auch absurde Züge an. Da findet es ein Politiker ungerecht, dass an Weihnachten die Kirche so voll sind, dass die treuen Kirchensteuerzahlerinnen und -zahler keinen Platz mehr finden und fordert Einlaßkontrollen an den Türen...
Für Ungerechtigkeit fallen uns schnell Beispiele ein, doch was ist Gerechtigkeit?
Auf jeden Fall: Nach Frieden und Gerechtigkeit sehnen sich Menschen, sehnen wir uns.
Und wir spüren, dass sich schon Sehnsüchte, Hoffnungen, Erwartungen mit diesen Worten verbinden. Die biblischen Texte, die wir zu Weihnachten hören, die sind voller Sehnsucht, voller Hoffnung. Und sie rühren etwas in uns an. Was können wir also erwarten an Weihnachten? Von Gott? Nicht so leicht zu beantworten, oder?
Fragen wir daher doch erst einmal: was erwarten wir dieses Jahr vom Weihnachtsfest? Ein paar schöne Tage, eine kleine Insel der Stille nach diesem turbulenten Jahr, Ruhe und Entspannung, auftanken vor dem grauseligen Jahr 2009, was uns die selbsternannten Wirtschaftspropheten voraussagen? Gute Gespräche mit der Familie, gutes Essen, ja vielleicht auch Geschenke, die mir Freude machen, und Geschenke, mit denen ich anderen Freude mache?
Das sind alles wunderbare Erwartungen und sie entsprechen auch durchaus der biblischen Botschaft von Weihnachten - unter einer Voraussetzung: dass wir all das nicht nur an und für die Weihnachtstage erhoffen, sondern für das ganze Jahr.
Die Botschaft des Heiligen Abend, Gott kommt zu uns, mit Frieden und Gerechtigkeit, die zielt nicht nur auf die paar Tage, sondern auf unser ganzes Leben.
Auch wenn es in der biblischen Geschichte so scheint, als stände über dem Stall von Betlehem nicht nur der Stern still, sondern auch die Zeit - es war nicht so. Eingebettet ist die friedliche Szene in eine unheile Vor- und Nachgeschichte. Der mächtige Kaiser Augustus schickt mit einen Federstrich Menschen durch die Gegend. Weil er Geld braucht, müssen sich alle in Steuerlisten eintragen. Ganz gleich, ob es die Volkszählung gegeben hat, sie ist ein Symbol für den Umgang der Mächtigen mit den Unterdrückten. Der Kaiser befiehlt, alle gehen. Das ist bis heute so. Auch wenn die Macht sich heute anders kleidet. Die Macht derer, die über Arbeitsplätze gebieten. Die Macht derer, die Kredite vergeben. Die Macht derer, die ganze Staaten in ihrer Hand haben. Gerechtigkeit sieht sicher anders aus. Und kurz nach dem Heiligen Abend geht der Unfrieden weiter. Da ein kleiner Provinzkönig namens Herodes sich vor einem kleinen Kind so sehr fürchtet, dass er die Ermordung aller neugeborenen Jungen anordnet, müssen Maria und Josef mit dem Säugling ins Nachbarland Ägypten fliegen und dort leben, bis Herodes etliche Jahre später stirbt. Jesus, wenn man so will, ein Asylant wie abertausende heute auch, getrieben und vertrieben von wem auch immer.
Liebe Gemeinde,
Friede und Gerechtigkeit verheißen die biblischen Texte - angesichts der Unfrieden und der Ungerechtigkeit in der Welt, im Großen und im Kleinen. Sie leben von der Hoffnung auf den einen, der kommen wird, dem Messias, wie ihn die heiligen Schriften der Juden nennen. Sehnsüchtig haben die Juden ihn erwartet und in diesem Jahr hat die Welt ein wenig erlebt, was es heißt, wenn plötzlich einer auftritt, der diese tiefe menschliche Sehnsucht nach einem Erlöser anspricht. Barak Obama wird diese Sehnsucht nicht erfüllen können, dass hat er auch nie versprochen, aber der ganze Trubel um seine Wahl zeigt nur noch einmal wie stark in uns Menschen diese Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit sitzt.
Und Jesus? Ist er dieser Messias? Der Gerechtigkeit und Frieden für alle, für die ganze Welt bringt? Die Juden sagen bis heute nein. Sie fragen: wo sind denn Frieden und die Gerechtigkeit auf Erden ganz und gar erfüllt? Und auch Johannes der Täufer, Zeitgenosse Jesu, einer der ersten, denn das Gefühl überkam, dieser Jesus, dessen Geburt wir heute feiern, könnte der Friedenskönig sein, der die Gerechtigkeit auf Erden bringt, auch er wird am Ende seines Lebens unsicher und läßt Jesus aus dem Gefängins die Frage überbringen: bist du der da kommen soll - oder sollen wir auf einen anderen warten? Offenbar war es von Anfang an nicht so einfach zu erkennen, worin denn nun der göttliche Friede und die göttliche Gerechtigkeit liegen. "Er wird in Aufrichtigkeit Ausgleich schaffen für die Gebeugten der Erde." so heißt es bei Jesaja.
Frieden und Gerechtigkeit, sagte einmal Dorothee Sölle, liegen ganz nah beieinander, sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wo es gerecht zugeht, da sind Menschen zu-frieden. Das leuchtet uns, so denke ich unmittelbar ein, und führt zu der Frage nach der Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit, liebe Gemeinde, heißt im biblischen Sinne nicht, dass alle das gleiche haben. Es heißt auch nicht, dass alle Wünsche und Hoffnungen erfüllt werden. Es heißt auch nicht, dass die Armen reicher werden müssten und die Reichen ärmer. Da, wo Friede und Gerechtigkeit wohnen, ist das sicher auch eine zwangsläufige Folge. Denn Gerechtigkeit im biblischen Sinne heißt - und es ist eigentlich ganz einfach -: jede und jeder hat das, was er und sie zum Leben braucht. Das ist gerecht und das macht wahrhaft zu-frieden. Also zum Beispiel:
- keine andauernden Existenzängste, nicht ständig jeden Cent umdrehen zu müssen
- das Gefühl, von anderen gebraucht zu werden
- sinnvolle Beschäftigung, etwas was mich erfüllt, wo ich ganz dabei bin
- Spiel, Spaß, Feiern mit anderen zusammen
- ein Dach über dem Kopf, zu essen und zu trinken
- einer oder eine, die zuhört
- Menschen die mich lieben und die ich liebe
- Ziele im Leben, ganz kleine für morgen und große für die nächsten Jahre
- das Gefühl, lebendig zu sein, und das heißt doch letztlich frei zu sein
- das Gefühl von Geborgenheit in Raum und Zeit und darüber hinaus.
Alles keine besonderen Sachen. Aber so sehr ersehnt. Weil so oft fehlend.
Liebe Gemeinde, vieles von dem, vielleicht alles spiegelt sich auch in den Erwartungen, die wir an die Weihnachtstage knüpfen. Weil das auch in der Symbolik der Weihnachtsgeschichte vorkommt: Licht in dunkler Nacht, Geborgenheit und Wärme in kalter Zeit, das neugeborene Kind, Zeichen der Hoffnung und neuen Lebens. Denn Hoffnung ist das, was uns Menschen leben läßt. Der große Kirchenvater Augustinus hat einmal den Apostel Paulus kritisiert. Der hatte gesagt: unter Glaube, Hoffnung, Liebe sei die Liebe das Höchste. Augustinus setzte dagegen: nicht die Liebe, sondern die Hoffnung sei das Höchste. Denn: dass Gott existiere, zeige uns der Glaube. Dass Gott gut sei, zeige uns die Liebe - aber die Hoffnung lehre uns, dass Gottes Wille auch in Erfüllung gehen gehen kann und soll. Und Gottes Wille, dass sei eben nichts anderes als Gerechtigkeit und Frieden.
Das ist zu erwarten von Gott, dem Vater Jesu. Glaube. Liebe. Hoffnung. Dafür hat sich Jesus eingesetzt, das hat er umgesetzt in seinem Leben. Und die Menschen eingeladen, ihm darin nachzufolgen. Denn nur im Menschen und durch Menschen ist es erfahrbar. Gott schlägt nicht drein mit Schlägen für die Mächtigen aus dem Himmel oder läßt es Geld regnen aus den Wolken für die Armen. Nein, so nicht. Vielleicht bedauern wir es manchmal. Aber wir sind nicht Gott und müssen seinen Willen, seinen Weg akzeptieren Und so geht es nur von Mensch zu Mensch. Wo wir uns von Jesus anstecken lassen. Gerechtigkeit und Frieden von Gott erwarten in einer ungerechten und unfriedlichen Welt. Und beides praktizieren. Als einzelne und als Gemeinschaft. Und wo ich es für mich erfahren habe, da kann ich nicht anders als so handeln. "Wo das Herz voll ist, fließt das Herz über." Sagt schon Jesus einmal. Das ist Weihnachten. Und es wird Weihnachten, wo Menschen das hören und sich davon berühren lassen und anstecken. Und diese Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit über die Weihnachtstage hinaus bewahren und dabei auf Glaube, Liebe und Hoffnung setzen.
Amen.