Freu dich, Erd und Sternenzelt
Weihnachten 2006
Als Jesus geboren war in Betlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. (Matthäus 2,1f.)
Liebe Gemeinde,
Sterne faszinieren, Sterne regen die Phantasie an, Sterne lösen Gefühle aus.
Sterne faszinieren.
Sie schlagen Menschen seit ewigen Zeiten in ihren Bann. Sterne sind "in", die ZEIT widmet ihnen in ihrer diesjährigen Weihnachtsausgabe gleich vier Seiten. Schon in lange vergangenen Kulturen wurden die Sterne befragt, bis heute glauben viele Menschen an die Macht der Sternbilder und lesen ihr Horoskop und richten sich mitunter auch danach. Seefahrer orientierten sich an den Sternen, weil sie lernten, dass sie so den Weg übers Meer finden können. Von dort ist es nicht weit bis zu dem Gedanken, dass ein Stern ein Symbol für Licht in dunkler Nacht ist, der uns den Weg weist, Hoffnung gibt. In Gedichten, Liedern und Märchen spielen Sterne eine wichtige Rolle.
Sterne faszinieren, regen die Phantasie an, lösen Gefühle aus.
Sterne regen die Phantasie an.
Wer nur ein wenig anfängt über die unvorstellbare Größe des Weltalls nachzudenken, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das Licht der Sterne, das wir heute sehen können, ist abertausende von Jahren unterwegs gewesen; der Stern, der es einst aussandte, existiert vielleicht schon längst nicht mehr. Eigentlich sehen wir nur eine unendlich lange zurückliegende Vergangenheit am nächtlichen Himmel. Von da aus ist es nicht weit zu der Frage, was ist eigentlich der Mensch angesichts dieser Dimensionen? Viel kleiner als ein Staubkorn und doch jeder einzelne unverwechselbar...
Früher werden sich die Menschen gefragt haben, wozu sind sie eigentlich da, die Sterne, als sie von Astronomie und dem unendlichen Weltall noch nichts wussten? Sonne und Mond, die großen Lichter am Himmel, von dem man dachte, er sei eine Kuppel, die sich über die Erde spannt. Ein Licht für den Tag, eines für die Nacht. Aber die Sterne?
Vielleicht lag es daran, dass Sterne schon früh mit Menschen identifiziert wurden. Davon gibt es am Himmel unzählig viele, wie Menschen. Das scheint eine urtümliche Vorstellung zu sein. Kinderpsychologen sagen, dass auf Kinderzeichnungen Sonne und Mond häufig für Vater und Mutter stehen, die Sterne aber für andere Menschen, vor allem für Kinder. Vielleicht erklärt sich daher auch so der Begriff der "Sternenkinder" für Kinder, die viel zu früh verstorben sind...
In unserer heutigen Umgangssprache sind es vor allem die großen "Stars", hinter denen sich diese Symbolik: ein Stern, ein Mensch verbirgt. Sie werden wie Sterne bewundert, verehrt, manchmal sogar angebetet wurden und oft wird von ihnen Orientierung und Hilfe erwartet. Wir sprechen dann von einem neuen Stern am Film-, Sporthimmel oder auch Politikhimmel. Diese "Stars" ziehen Aufmerksamkeit auf sich zieht und auf sie richten sich Erwartungen und Hoffnungen: auf gute Unterhaltung, auf spannende Wettkämpfe, auf Lösungsvorschläge für Wege aus den Krisen der Gesellschaft oder gar der Welt... Und zugleich wissen wir aber auch genau, dass diese Sterne ganz schnell wieder verlöschen können...
Sterne faszinieren, regen die Phantasie an, lösen Gefühle aus.
Sterne lösen Gefühle aus.
So auch hier im Rönskenhof in dieser Adventszeit.
Wir hatten die Idee, einmal ein Sternenzelt aus Lichterketten aufzuspannen. Eine ganze Reihe von Leuten hat mit überlegt, schließlich haben wir es in der Woche vor dem 1. Advent aufgehängt. Die Reaktionen waren überwältigend. Große Begeisterung, andächtige Stille, Staunen. Dann habe ich alle Besucherinnen und Besucher eingeladen, einen eigenen Stern in dieses Zelt hinein zu hängen. Ich habe sie nicht gezählt, aber mindestens 250 Sterne, wenn nicht mehr, hängen hier inzwischen hier und stehen für einen Menschen, der symbolisch im Weihnachtshimmel in Sichtweite des Sterns von Betlehem vorkommen wollte...
Sterne lösen Gefühle aus.
Sehnsucht. Verlassenheit. Geborgenheit. Verbundenheit.
Sterne lösen Gefühle von Sehnsucht aus.
Wer schon einmal unter dem Sternenhimmel stand, kennt wohl das Gefühl. Einmal dorthin reisen, einmal diese Erde hinter sich lassen. Was gibt es dort oben noch zu entdecken...? Von dieser Sehnsucht leben Science-fiction Schriftsteller und Filmemacher sehr gut, nehmen uns in mit in die Weiten das Alls.
Sterne lösen Gefühle von Verlassenheit aus.
Die unendlichen Weiten machen uns, wie schon gesagt, aber auch klar, wie klein wir sind. Wo ist Gott? Im Weltall nicht, so bemerkte bereits der erste Weltraumfahrer Juri Gagarin spöttisch. Was aber sind wir Menschen? Sind wir etwas wert? Oder nur eine Laune des Schicksals, allein auf einem Miniplaneten irgendwo in der Milchstrasse, und in ein paar tausend Jahren sind wir vermutlich eine winzige Episode in der unendlich langen Sternengeschichte, dann, wenn wir es geschafft haben, unsere Lebensbedingungen und selbst auf dieser Erde zu vernichten... Was sind wir Menschen schon...
Sterne lösen aber auch Gefühle von Geborgenheit aus.
Das klingt jetzt vielleicht etwas paradox. Aber wir machen uns das ja nicht ständig bewusst, in welchen Weiten wir leben. Schauen wir abends nach oben, dann wölbt sich der Himmel wie eine schützende Kuppel, wie eine einhüllende Decke über uns. Das Symbol des Sternenzeltes drückt diese Geborgenheit aus. Eine friedliche Atmosphäre. funkelnde Lichter am dunklen Firmament. Es sind Gefühle, die wir dann mit so Vokabeln wie "romantisch", "besinnlich" oder "andächtig" bezeichnen. Begriffe, von denen wir wissen, dass sie ganz schnell in Kitsch abgleiten. Wenn man versucht, sie zu produzieren, sie künstlich herstellen oder gar erzwingen zu wollen. Die "echten" "besinnlichen" Gefühle kann man aber nicht "machen", sie stellen sich ein, sind ein Geschenk, beinhalten eine tiefe Ergriffenheit, ein stummes Staunen, für viele Menschen auch eine Ahnung davon, dass so etwas wie Gott existiert...
Sterne lösen schließlich Gefühle von Verbundenheit aus.
Verbundenheit, damit meine ich jetzt nicht unsere menschlichen Beziehungen. Sondern ich denke an die alten Traditionen.
Wir stehen als Christinnen und Christen in einer uralten, zweitausend Jahre alten Tradition. Der Stern von Betlehem führte schon die Weisen zum Kind. Aus der frohen Botschaft, die die Engel den Hirten verkündeten hat sich eine umfangreiche Kultur des Weihnachtsfestes über Generationen hinweg entwickelt. Natürlich ist davon auch manches fragwürdig und problematisch, keine Frage. Aber geringschätzen sollten wir diese Tradition dennoch nicht. Denn sie spiegelt die Erfahrungen von Menschen wieder, denen das Vertrauen zu dem Gott der Bibel Hilfe und Orientierung auf dem Weg gegeben hat, Trost in Trauer, Licht in dunkler Nacht, Antworten auf die ungelösten und oft auch unlösbaren Fragen, die uns Menschen beschäftigen - Antworten, die dann allerdings anders ausfallen, als wir uns das vorstellen oder erträumen. Antworten, die Menschen nicht geben können oder wollen. Zusammengefasst in einem Wort ist die Antwort Gottes auf all unsere Fragen: die Liebe. Das ist auch so ein Wort, das ganz schnell in Kitsch abgleitet. Aber nicht bei ihm. Seine Liebe bewährt sich gerade dort, wo der Kitsch versagt: im Unfrieden, im Leid und angesichts des Todes. Alles Dinge, die unser Leben verdunkeln. Gottes Antwort an Weihnachten darauf lautet nicht, dass Unfrieden, Leid und Tod abgeschafft würden, aber seine Antwort darauf heißt: nichts davon hat das letzte Wort, das liegt bei mir, und egal, was passiert, das erste Wort von mir zu euch ist immer ein Wort der Liebe.
Oftmals schwer zu begreifen. Wenn die Realität dagegen zu sprechen scheint. aber gerade dann, liebe Gemeinde, ist es hilfreich, in die Traditionen zu schauen, die ja nichts anders als der Niederschlag von menschlichen Erfahrungen sind. Würde der Stern von Betlehem, die Engelbotschaft, das Kind in der Krippe nichts bei Menschen auslösen, dauerhaft auslösen, wären diese Symbole längst vergessen und untergegangen. Aber sie sind lebendig wie eh und je, manchmal allerdings müssen wir ein bißchen den Staub wegblasen, der sich darauf gelegt hat, damit die ursprünglichen Gedanken und die damit verbundenen Gefühle zum Vorschein kommen.
Liebe Gemeinde,
Sterne faszinieren, regen die Phantasie an, lösen Gefühle aus. Ich wünsche uns allen, dass die Sterne uns vor allem auf den EINEN Stern hinweisen, der zum Kind in der Krippe und seinem Gott führt. Der uns mit Liebe begegnet und Orientierung, Trost und Geborgenheit schenken kann und will, nicht nur an Weihnachten, aber gerade auch dann.
Amen.
Das Sternenzelt in der Advents- und Weihnachtszeit in unserer Kirche