Die Hirten
Weihnachten 2003
Liebe Gemeinde,
endlich Weihnachten, endlich Heiliger Abend. Endlich ein paar Tage Ruhe und Pause, bevor der Alltag wieder losgeht.
So werden viele von Ihnen heute Abend denken und fühlen. Was liegt da für ein Jahr hinter uns und was noch kommt, wer weiß es? Wir haben ein Jahr hinter uns, in dem wohl kaum einer ungeschoren davon gekommen ist und wir haben ein Jahr vor uns, von dem viele glauben, es kommt alles noch viel schlimmer.
Umso verständlicher der Wunsch nach ein paar ruhigen Tagen. Abstand gewinnen. Mal die Sorgen zur Seite schieben. Schön essen und ausruhen. Gespräche, Besuche, Geschenke, Freude machen. Es sich richtig gut gehen lassen. Das ist die Hoffnung und die Erwartung, die sich auf Weihnachten richtet. Ich habe meine Konfirmanden gefragt, wie sie zuhause Weihnachten feiern: 100% Übereinstimmung: Geschenke, Weihnachtsbaum, Familie, gutes Essen.
Dinge, die sich mit dem Weihnachtsfest verbinden. Gefühle, Hoffnungen, Sehnsüchte, die in uns aufkommen, wenn wir spätestens zum 1. Advent die Weihnachtsdekoration herausholen. Kerzen, Tannengrün, weihnachtliche Lieder, Lichterketten in den Strassen. All das weist schon vorauf auf das Weihnachtsfest, den Heiligen Abend und die Tage danach. Dann ist die Adventszeit aber zumeist sehr voll gepackt mit allen möglichen Sachen: Geschenke überlegen und besorgen, backen, Weihnachtsfeiern und Weihnachtsgrußkarten, Weihnachtsbaum und vieles mehr. Doch dann ist es soweit, der eine Abend ist da. Der Stress hat sich etwas gelegt, der Tannenbaum leuchtet und die Krippe steht dabei. Mit Maria und Josef. Dem Kind. Den drei Königen. Und den Hirten.
Unverzichtbar sind gerade die Hirten. Sie bringen mit ihren Schafen etwas Romantik in die weihnachtliche Szenerie. Zugleich aber scheinen sie auch etwas auf Distanz zum Geschehen zu bleiben. Ich wundere mich immer wieder, wenn es um die Rollen im Krippenspiel geht: die Hirten sind immer am schnellsten besetzt. Maria und Josef sind ganz nah dran, die werden oft zuletzt besetzt; der König Herodes (wenn er den vorkommt) ist der böse Bube, den will auch keiner so gerne spielen; die drei Könige strahlen viel Würde aus, das ist auch nicht jedermanns Sache, aber das geht noch. Die Hirten, dass scheint einfach zu sein. Menschen wie du und ich, die könnten in der Nachbarschaft wohnen, in die kann ich mich leicht hineinversetzen. Und sie haben ja auch eine simple Rolle: sie hören den Engel, laufen zur Krippe, schauen sich das Kind an und gehen wieder nach Hause. Alles ganz einfach.
Und dieses Bild entspricht ja auch dem biblischen Befund. Zum Teil. An anderen Punkten sah das mit den Hirten ganz anders aus. Da haben wir viel Kitsch drüber gegossen.
Die Hirten im Neuen Testament, das sind keineswegs die romantisch verklärten Personen, die in unseren Krippen stehen und die wir klischeehaft in manchen Liedern besingen. Ich vermute, das Bild der Hirten ist bei uns durch die hohe Bedeutung des Psalms 23 geprägt. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Spätestens, seitdem es in unserer alltäglichen Umgebung keine echten Hirten mehr gibt die Tag und Nacht, bei Wind und Wetter draussen sein müssen, spätestens seitdem ist das Bild des Hirten von vertrauensvollen, fürsorglichen Vorstellungen überlagert. Gott, der gute Hirte (und Jesus ja auch), das prägt unser Bild genauso wie manches verklärte Gemälde aus früheren Zeiten, wo sich ein Schäfer gedankenversunken auf seinen Stab stützt, eine Herde Schafe auf einer grünen Wiese vor einem blauen weiten Horizont grast und ein Schäferhund zu Füßen des Hirten Wache hält. Alles im Griff, Naturverbundenheit, schönes Leben symbolisieren diese Gemälde. Und sie entsprechen sicher dem Bild des Hirten im Psalm 23. Aber nicht der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Hirten zur Zeit Jesu. Dass es ausgerechnet die Hirten sind, denen die Botschaft verkündigt wird, hat eine ganz andere Aussage. Die Hirten sind nicht wegen ihres Gottvertrauens und ihres hohen Verantwortungsbewusstseins wegen ausgewählt. Nein, sie wurden aus einem ganz anderen Grund ausgewählt: sie waren der Abschaum der Gesellschaft, sie standen ganz unten auf der sozialen Skala. Vom Hirten war es nicht weit zum Räuber oder zum gesetzlosen Aufrührer. Es gab viele sozial entwurzelte Menschen im damaligen Israel. Gründe waren Arbeitslosigkeit, Überschuldung, zu hohe Steuern, Naturkatastrophen. Die Hirten lebten in der Regel kurz vor dem sozialen Absturz: sie konnten gerade noch ihre Lebensunterhalt verdienen.
Daraus folgt - vielleicht überraschend: die Weihnachtsbotschaft hat auch eine soziale und damit politische Seite. Natürlich, es ist richtig und wichtig, dass ich diese Botschaft für mich selbst höre. Dass ich zur Ruhe komme und mich in Gott geborgen und angenommen weiß und fühle. Gott wird Mensch, kommt uns nahe, gerade denen, die im Dunkel leben müssen, warum auch immer.
Aber die Weihnachtsbotschaft bleibt verkürzt, wenn wir sie auf das Individuum, den einzelnen Menschen reduzieren. Sie hat eine auch gesellschaftliche Zielrichtung: sie ergeht zuerst - so die Weihnachtsgeschichte - an diejenigen, die ganz unten stehen, sind. Oder wie Ulrich Greiner in der ZEIT schreibt: "Die Weihnachtsgeschichte ist wahr, weil sie einer großen Idee folgt und weil ihre Botschaft unbedingt und fordernd ist. Wenn man sie für wahr hält, dann folgt daraus nichts weniger als Umwälzung und Umkehr. Umwälzung des Bestehenden. Umkehr des Einzelnen. Es kann sein, wahrscheinlich ist es sogar die Regel, dass man sich von der Botschaft überfordert fühlt, aber abweisen kann man sie nur, wenn man das Evangelium nicht für wahr hält, also bloß für eine Erfindung leicht überspannter Seelen" (DIE ZEIT vom 22. Dezember 2003, S. 45 oder unter: www.zeit.de/2004/01/L-Bibel).
Die Hirten unserer Zeit, liebe Gemeinde, sind am Heiligen Abend nicht in den Kirchen zu finden. Aber bitte jetzt nicht falsch verstehen, es geht nicht (unbedingt) darum, an diesem Abend die Türen unserer Kirche (und Häuser) für die sozial am untersten Rand Stehenden zu öffnen oder besonders viel in die Kollekte zu geben. Das können wir alles tun, und wo es geschieht, ist es gut. Aber die Frage dabei lautet: was geschieht morgen? Die Weihnachtsbotschaft zielt doch nicht auf diesen einen Abend, sie zielt auf unser ganzes Leben.
Und auf die Gefahr hin, die weihnachtliche Stimmung etwas zu vermiesen: es ist richtig und wichtig darauf hinzuweisen, dass wir die Weihnachtsbotschaft nur dann wirklich ernst nehmen, wenn wir sie ab 2. Januar auch in all unseren gesellschaftlichen Bezügen umsetzen.
Ich möchte das so sagen:
Wir leben in einer schwierigen Zeit, Reformen, Umbrüche, Sorgen und Angst. Überall wird das Geld weniger, alle jammern, auch die Kirche. Und es ist so schwer, Antworten zu finden, Trampelpfade in die Zukunft.
Wir stehen in unserem Land an vielen Stellen vor der Frage: was wollen wir weiter tun und was wollen wir lassen? Aus meiner Sicht ist die Zielrichtung von der Weihnachtsbotschaft her völlig klar: Wir müssen uns da bei den Ärmsten und Schwächsten engagieren, Kirche vor allem da, wo andere es nicht (mehr) tun. Das ist schwer, ärgerlich und umstritten. Aber es kann nicht anders sein. Die innere Logik der Weihnachtsbotschaft, Gott kommt zu uns Menschen und vor allem zu denen, zu denen sonst keiner kommt, lässt uns - und damit auch Ihnen! - keine andere Wahl.
Das mag ärgerlich sein. Und provozierend. Mag sein. Aber so ist das mit Weihnachten. Gott hat sich die Hirten ausgesucht, um die frohe Botschaft in der Welt anzukündigen. Damit setzt er ein Zeichen. Und diese Botschaft ist heute Abend im Sinne Gottes zu verkünden: Zuwendung zu denen, die ganz unten stehen. Und wir, die wir uns Christinnen und Christen nennen und damit den Namen des erwachsenen Jesus tragen, sind verpflichtet, dem nachzufolgen. Das Evangelium, die frohe Botschaft, die Friedensbotschaft, die Botschaft von Heil und Zukunft, ist nicht nur Zuspruch für unsere traurigen, einsamen, verzweifelten Seelen. Das auch, auf jeden Fall. Aber es ist zugleich immer auch Anspruch, etwas vor der Zielrichtung der Friedensbotschaft konkret in unserer Welt sichtbar und spürbar werden zu lassen. Das gefällt nicht jedem. Aber ganz gewiss denen, die diese Zuwendung erfahren, weil sich sonst keiner um sie kümmert. Und davon gibt es leider mehr als genug.
Dabei müssen es gar nicht große Dinge sein. Manchmal reicht eine Idee, ein wenig Einsatzbereitschaft und etwas guter Wille. Ich denke da z.B. an die Aktion der Werbegemeinschaft und des Jugendamtes "Wünsch dir was!". Hundert Wünsche von Kindern aus sozial schwachen Familien und aus Flüchtlingsfamilien wurden von Voerder Bürgerinnen und Bürger anonym erfüllt. Jemand hatte die Idee, einige haben die Sache in die Hand genommen, hundert weitere ließen sich anstecken und hundert Kinder erleben heute eine nicht für möglich gehaltene Überraschung. Das ist für mich ein Beispiel, wie die Weihnachtsbotschaft konkret umgesetzt werden kann. In diesem Sinne wünsche uns allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und viele gute Ideen, wie wir die Zuwendung Gottes zu uns sichtbar in dieser Welt werden lassen können.
Amen.