MJ

Josef
Weihnachten 2002

 


Als die Weisen wieder hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir´s sage, denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. (Matthäus 2,13)

 

Es war früher Morgen, als Josef erwachte. Er trat aus dem Haus. Gleich würde das Leben beginnen mit all dem Trubel, der hier in Ägypten üblich war. Ach, Ägypten. Land am Nil. Was für ein Fluss! So etwas gab es in Israel nicht. Unglaublich, so viel Wasser!

Drei Jahre lebten sie jetzt hier am Nil. In Ägypten. Fern der Heimat. Er, Maria und das Kind. Geflohen waren sie hierher. Geflohen vor den Soldaten des Königs Herodes, die nach allen neugeborenen Söhnen suchten und sie erbarmungslos ermordeten. Wieder einmal hatte Josef einem Traum vertraut - und Recht behalten. Wie schon so oft in seinem Leben.

Schon als Kind und junger Mann hatte er immer wieder besondere Träume, die ihn nicht mehr losließen. Manchmal waren es Warnungen, manchmal Hinweise. Anfangs hatte er sich gewundert, was sich da so nachts im Schlaf vor seinen inneren Augen abspielte. Manchmal aufregend, manchmal erschreckend. Das es etwas mit dem wirklichen Leben zu tun haben könnte, hatte er mit zwölf Jahren begriffen: zwei Tage vor dem Tod seines Vaters sah er ihn im Traum tot in seinem Bett liegen. Und genau so fand man ihn dann. Seither achtete er mehr auf seine Träume, begann sich mit ihnen zu beschäftigen, dachte über sie nach, lernte mehr und mehr ihre Sprache zu verstehen. Nicht immer, aber immer öfter.

Er wurde groß, lernte den Beruf des Zimmermanns, verliebte sich in Maria, verlobte sich mit ihr. Und dann fingen die Probleme an. Da war es ein Glück hatte, dass er gelernt hatte, seinen Träumen zu vertrauen.

Denn Maria wurde schwanger. Vor der Hochzeit. Ein uneheliches Kind. Allein das war schon eine Schande, obwohl das häufiger vorkam. Nur: Josef wusste eins ganz genau: von ihm war dieses Kind nicht. Und Maria schwieg beharrlich, ließ sich den Namen des Vaters nicht entlocken. Was tun, dachte Josef. Nach dem Gesetz könnte er die Verlobung lösen. Doch was sollte dann mit Maria geschehen? Und ihrem ungeborenen Kind? Andererseits war er tief enttäuscht von ihr. Wieso bekam sie ein Kind von einem anderen? Und warum redete sie nicht darüber, versuchte ihm zu erklären?

Unruhig wälzte er sich nächtelang hin und her. Bis er den Engel im Traum sah. Einen Boten Gottes. Und der sagte: Nimm diese Frau zu dir, behandle sie wie deine Frau, und nimm das Kind an als sei es dein eigenes. Und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Und er wird der sein, der sein Volk retten wird.

Am Morgen danach war er wie vom Donner gerührt. Er wusste genau, wenn er diesem Traum vertraute, dann würde das sein Leben auf den Kopf stellen. Wenn dieser Traum eine echte Botschaft Gottes wäre, dann...

Er ging zu Maria und sagte nicht viel. Aber sie spürte, das etwas geschehen war. Dass er nun verstand. Sie packte ihre Sachen und zog von diesem Tag an zu ihm. Damit war für alle klar: dieses Kind war von ihm. Die Hochzeit fand bald danach statt.

Die Zeit der Schwangerschaft war eigenartig. Josef betrachtete den wachsenden Bauch, legte seine Hand darauf, spürte, wie das Kind sich bewegte und hörte immer wieder die Stimme des Engels: Du sollst ihn Jesus nennen und er wird sein Volk erretten.

Das nächste Ereignis hatte nichts mit einem Traum zu tun. Da kam dieser Erlass des Kaisers, jeder müsse für eine Volkszählung in seine Heimatstadt ziehen und sich dort eintragen lassen. Keiner verstand so recht, was der Kaiser damit bezweckte, aber es half nichts. Für Josef und seine Frau war es besonders hart. Denn die Schwangerschaft war fast zu Ende und Betlehem, seine Heimatstadt, war weit.

Spätabends kamen sie in Betlehem an. Alle Türen waren verschlossen. Er klopfte und bat um ein Bett für seine Frau. Nichts. Alles voll. Und dann sagte Maria auch noch, Josef, ich glaube, das Kind kommt. Er war dem Wahnsinn nahe, als sich endlich einer erbarmte. Er musste gesehen haben, wie es um Maria stand. Und auch um ihn, Josef, zitternd am ganzen Körper, wirrer Blick. Was war er froh, als sich Maria endlich im Stall auf das Stroh legen konnte! Und dann ging es ganz schnell, zwischen den Tieren im Stall kam das Kind zur Welt. Zum Glück ohne Probleme. Als das Kind endlich in Tücher gewickelt in der Futterkrippe lag, Maria vor Erschöpfung eingeschlafen war, trat Josef noch einmal zu dem Kind, nahm es auf seinen Arm und schaute es lange an. Wenn der Traum damals vor Monaten wahr ist, dachte er, dann wird dieses Kind einmal der Retter seines Volkes sein. Dieses Kind der, von dem die Propheten schon vor Jahrhunderten geredet hatten? Dieses Kind der, auf den das Volk Israel sehnsüchtig wartete? Dieses Kind der Heiland seines Volkes, vielleicht der ganzen Welt? Kaum zu glauben, sagte sich Josef. Dennoch, er war entschlossen, seinem Traum zu vertrauen und so flüsterte er dem Kind ins Ohr: ich nenne dich Jesus. Dann legte auch er sich schlafen.

Aber die Nacht war noch nicht vorbei. Plötzlich Krach vor dem Stall, die Tür geht auf, die Tiere werden unruhig, Maria und Josef schrecken hoch, das Kind fängt an zu weinen. Im Licht einer Fackel sind drei Männer zu erkennen, Hirten. Ist hier ein neugeborenes Kind? fragen sie. Maria sagt: ja und nimmt Jesus aus der Krippe. Sofort ist er still. Wir waren auf dem Feld bei unseren Schafen, erzählt dann einer der Hirten. Und plötzlich öffnete sich der Himmel und Engel waren zu sehen. Ich habe gedacht, ich träume, aber die anderen haben es auch gesehen und gehört: Fürchtet euch nicht! sagte ein Engel, geht nach Betlehem, dort ist der Heiland geboren. Und ihr werdet ihn in einer Futterkrippe finden, das soll euer Zeichen sein. Und wir sind sofort losgerannt, haben überall geklopft, bis schließlich hier der Hausherr sagte, er hätte einer hochschwangeren Frau und ihrem Mann den Stall als Nachtquartier gebeben. Kommt her, sagte Maria, hier ist das Kind. Und er, Josef, konnte kaum glauben, was er dann sah, die Hirten traten zu Maria, seiner Frau, knieten vor ihr und dem Kind nieder und beteten es an.

Am nächsten Morgen was an Abreise nicht zu denken. Maria musste auf jeden Fall ein paar Tage noch hier bleiben und sich ausruhen. Gott sei Dank, der Hausherr hatte nichts dagegen. Er wunderte sich allerdings schon, dass in diesen Tagen immer wieder Menschen zu seinem Stall kamen und das neugeborene Kind sehen wollten. Gerüchte kursierten, es sei ein ganz besonderes Kind, ein Königskind. Geglaubt hatte er das aber erst von dem Tag an, als drei hohen Herren hier mit ihren Kamelen aufgetaucht waren, eine verrückte Geschichte von einem Stern erzählten und dem Kind kostbare Geschenke gaben.

Josef wunderte inzwischen nichts mehr. Es war nicht mehr zu übersehen, dass das Kind Jesus ein besonderes Kind war. Woher sollten sonst all die Menschen kommen? Und eines war ihm ganz klar: es war gut, dass er dem Traum vertraut hatte. Und Gott.

Von daher war es für ihn auch gar keine Frage, dem Engel in der nächsten Nacht zu vertrauen. Obwohl er Schreckliches verlangte. Nimm das Kind und seine Mutter und flieh mit ihnen nach Ägypten! Denn Herodes hat von dem Kind erfahren und trachtet ihm nach dem Leben! Er fürchtet um seinen Thron, wenn Jesus überlebt!

Die Heimat verlassen, das war ein furchtbarer Gedanke. Und noch schlimmer war die Vorstellung, dass das Heil dieses Kindes und seiner Mutter nun von ihm abhing. Er musste sehen, wie sie heimlich, still und leise von hier weg kamen und das ferne Ägypten erreichten. Er spürte die Last auf seinen Schultern. Das Heil dieses Kindes in seinen Händen? Das Heil seines Volkes in seinen Händen? Das Heil der Welt? Aber es ging alles gut. Unbehelligt waren sie hierher an den Nil gekommen, hatten eine Unterkunft gefunden und für einen Zimmermann war auch Arbeit da.

All das war nun drei Jahre her. Maria hatte sich erholt von den Strapazen der Reise und der Geburt. Der kleine Jesus lief nun schon längst umher und konnte auch schon sprechen. Sie waren froh, dass Gott sie gewarnt und Josef den Traum geschickt hatten, denn bald nach ihrer Ankunft hier hatten sie gehört von dem furchtbaren Blutbad, dass Herodes in Betlehem und Umgebung angerichtet hätten. Nicht auszudenken, sie wären auch nur einen Tag später aufgebrochen! Dann wäre es vorbei gewesen mit dem Kind Jesus, auf dem doch die Hoffnungen der Menschen ruhen sollten. Obwohl, war es vorstellbar, dass Gott den Retter der Welt von den Schergen des Herodes hätte ermorden lassen?

Immer wieder hatten Maria und er über all das gesprochen, auch überlegt, nach Hause zurück zukehren. Jesus sollte schließlich in dem Land aufwachsen, für das er offensichtlich bestimmt war. Maria hatte immer wieder gedrängt, hatte gesagt, Herodes wird schon nicht merken, dass wir zurück sind, wir gehen doch auch nach Nazareth zurück und nicht nach Betlehem. Aber er, Josef, hatte immer entgegnet: Nicht solange Herodes lebt. Oder ich von neuem träume und Gott mir sagt, was ich tun soll. Und Maria hatte sich stets gefügt.

Aber in dieser Nacht, da war es soweit. Der Engel war ihm wieder im Traum erschienen. Herodes ist gestorben, hatte er gesagt, Archelaus wird König. Die Jesus nach dem Leben trachteten, sind tot. Du kannst heimkehren mit deiner Familie.

So stand er an diesem Morgen am Nil. Drei Jahre lebten sie nun hier, jetzt endlich war die Teit des Wartens vorbei. Er war froh, gewartet zu haben. Denn jetzt war er sich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Er war froh, seinen Träumen vertraut zu haben. Und Gott. Und das würde er auch weiterhin tun. Er würde jetzt zusammenpacken und abreisen. Noch an diesem Tag. Keine Zeit wollte er verlieren, die Sehnsucht nach der Heimat wuchs in ihm von Minute zu Minute. Er würde mit Maria und Jesus nach Nazareth gehen und dort wieder als Zimmermann arbeiten. Vielleicht würden sie noch andere Kinder bekommen. Und sie würden Jesus aufwachsen sehen. Darauf war er besonders gespannt. Denn wenn dieser Jesus derjenige wäre, auf den die Welt sehnsüchtig wartet, der Friedenskönig, der Hoffnungsträger, der Tröster, dann würde man das ja irgendwann bemerken. Was da noch alles auf sie wartete?

Josef drehte sich um und ging zurück zu ihrem Haus. Er wollte Maria wecken und ihr die Neuigkeit mitteilen.

Amen.