Matthias Jung

 

 

 

Der König Herodes
Weihnachten 2001

 

Als nun Herodes sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen erkundet hatte. (Matthäus 2,16)

Denn uns wird besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. (Lukas 1,78f.)

König Herodes – die dunkelste Gestalt, die in der Weihnachtsgeschichte auftritt.
So brutal wie hier war er auch sonst.
Mit Hilfe der Römer erobert er 37 v. Chr. Jerusalem, nachdem drei Jahre zuvor die Parther einmarschiert waren.
Nach seinem Sieg beginnt er mit Säuberungsaktionen.
Alle Mitglieder des jüdischen Hohen Rates werden hingerichtet.
Sich selbst und seiner Macht stets unsicher, lässt er im Laufe der Jahre etliche seiner engsten Familienmitglieder beseitigen.
Die furchtbare Geschichte vom Kindermord zu Betlehem passt haargenau in dieses Bild.
Noch ein Königssohn?!
Weg mit ihm, ermordet ihn!

Wir erschrecken.
Was für ein Mensch.
Brutal und gefühllos.
Alles wird der Erhaltung seiner Macht untergeordnet.
Hätte es damals schon Massenmedien gegeben, ich bin sicher, Herodes hätte für sein grausames Vorgehen wohlklingende Begründungen gefunden.
Recht und Ordnung gilt es aufrecht zu erhalten.
Ruhe und Sicherheit, so lautete auch damals das oberste Gebot.
Das bin ich meinen Bürgerinnen und Bürgern schuldig.
Ein neuer Königssohn, ein neuer Anwärter auf den Thron?
Das riecht nach Unruhen, nach Bürgerkrieg, nach Chaos.
Das werden die Römer nicht zulassen.
Sie werden mit Waffengewalt hier einmarschieren.
Und alles wird nur noch schlimmer.
Dann sterben doch besser nur einige wenige Unschuldige als ein ganzes Volk.
Was sind schon ein paar tote Neugeborene in dem gottvergessenen Kaff Bethlehem?

Alles schon mal gehört.
Leider immer wieder.
Auch dieses Jahr.
Unschuldige müssen sterben, weil irgendwelche Machtmenschen dies fernab beschlossen haben.
Weil es angeblich für den Frieden und für Gerechtigkeit notwendig ist.
Seit dem 11. September ist uns dies noch einmal verschärft unter die Haut gefahren.
Weil fruchtbare Macht auf einmal noch in ganz anderen Händen liegt.
Was sind das für Gehirne, die einen Terroranschlag wie den von New York ersinnen?
Was sind das für Machtmittel, Flugzeuge auf Unschuldige zu jagen?
Und was geht in den Köpfen derer vor, die als Antwort auf Terror Flugzeuge losschicken und Bomben auf Kabul und Kandahar werfen?
Wieder sterben Unschuldige, Erwachsene und Kinder.
Wäre der Terror wirklich zu Ende, wenn Osama bin Laden gefasst würde oder zu Tode käme?
Wird die endlose Kette von Gewalt und Gegengewalt irgendwann einmal zu Ende sein?

Heute ist Heilig Abend.
Ein turbulentes, furchteinflößendes Jahr neigt sich dem Ende entgegen.
Es gab nicht nur Terror und Krieg.
Es gab auch BSE und MKS und bei uns am Niederrhein den Rahmenbetriebsplan des Bergwerks Walsum.
Alles mit Sorgen und Ängsten verbunden.
Wir sehnen uns nach Ruhe, nach Abstand.
Einmal die Sorgen des Alltags vergessen.
Warum muss der Pfarrer Jung jetzt schon wieder mit all dem anfangen?
Verfolgen uns die Bilder dieses Jahres nicht schon überall hin?
Kann nicht wenigstens heute Abend eine Auszeit sein, eine Oase des Friedens?

Doch, ja.
Hoffentlich ist dieser Abend, diese Nacht eine Oase des Friedens.
Nicht nur hier in Deutschland, vor allem in unserer unruhigen Welt.
In Afghanistan.
In Pakistan und Indien.
In Palästina.
Und bei uns.
Nicht in dem Sinne, dass wir versuchen, unserem Alltag für einen Abend zu entfliehen.
Und uns zurückziehen in eine scheinbar heile Welt innerhalb unserer vier Wänden.
Das wäre Verrat an der Weihnachtsbotschaft.
Denn Weihnachten wird es in dieser Welt.
Einer Welt, die geprägt ist von Machtmenschen wie dem König Herodes.
Weihnachten wird es nicht in einer künstlichen Idylle unterm Weihnachtsbaum.
Diese heile Welt braucht die Weihnachtsbotschaft nicht.
Wohl aber die andere.

Denn die Weihnachtsbotschaft heißt Frieden auf Erden.
Aber nicht nur einen Abend lang.

Doch ist das mit der Weihnachtsbotschaft nicht ein riesengroßer Irrtum?
Zerstören nicht die furchtbaren Bilder diesen Jahres, die sich tief in unsere Köpfe eingebrannt haben, endgültig die Hoffnung auf Frieden auf Erden?
Triumphieren nicht immer wieder die Mächtigen auf Kosten der Unschuldigen?
Wo gibt es denn Zeichen, dass etwas von dem Frieden, der über diesem neugeborenen Kind ausgerufen wird, in unserer Welt ankommt?
Ist der Gott des Frieden, von dem heute die Engel singen und von dem später der Erwachsene Jesus reden wird, nicht sehr, sehr weit weg von dieser Welt?
Vielleicht irgendwo über dem Himmelszelt?
Wenn überhaupt.

Berechtigte Fragen, keine Frage.

Aber eine Gegenfrage sei erlaubt:
Wie sähe diese unsere Welt aus, gäbe es die Weihnachtsbotschaft nicht?
Und gäbe es keine Christinnen und Christen, die sich im Kleinen wie im Großen der Angst, dem Leid, der Ungerechtigkeit, dem Krieg entgegenstemmen?
Sie sagen: Dennoch - Frieden auf Erden!
Dieser eine Satz: Friede auf Erden! ist Zusage und Aufgabe.
Dennoch.
Trotz allem.

Dennoch – Frieden auf Erden!
Das ist das große Wort, was von dem Kind in der Krippe ausgeht.
Unsere Welt ist im Großen wie im Kleinen oftmals schrecklich und grausam.
Aber dennoch: Frieden auf Erden!
Die Welt damals zur Zeit der Geburt Jesu war auch nicht friedlich.
Das erinnert doch gerade diese furchtbare Geschichte vom Kindermord in Bethlehem.
In diesem Umfeld von Leid, von Trauer und Geschrei, von Angst und Intrigen kommt Jesus zur Welt.
Als Zeichen für den friedenstiftenden Gott.

Und es gibt auch Zeichen für diesen Frieden.
Da, wo der Shelter Now Mitarbeiter und Christ Georg Taubmann nach monatelanger Haft und Todesangst wenige Stunden nach seiner Befreiung schon im ersten Interview ankündigt, er wolle so schnell wie möglich zurück nach Kabul und seine Arbeit fortsetzen.

Zeichen für diesen Frieden.
Da, wo Christen und Muslime unter dem Eindruck der Ereignisse landauf, landab, auch hier in Voerde zu gemeinsamen Gebetes zusammenkommen.
Weil sie sagen: es darf nicht sein, dass Menschen Flugzeuge oder Bomben auf Unschuldige schmeißen. Und sich dafür auch noch auf Gott berufen.
Dagegen müssen wir im Namen Gottes sagen: Friede auf Erden, das ist die Botschaft des Evangeliums wie des Korans.

Zeichen für diesen Frieden.
Da, wo die Familien unserer Kindergartenkinder in einer Woche einen Riesenberg mit Winterkleidung und Decken für Kinder und Erwachsene in Afghanistan in der Halle des Kindergartens auftürmen.
Als ich ihn erstmals sehe, verschlägt es mir im ersten Moment die Sprache.
Ich hatte gehört, dass viel gespendet worden sei, aber mit soviel hatte ich nicht gerechnet.

Kleine Zeichen.
Tropfen auf den heißen Stein?
Mag sein.
Aber noch mal die Gegenfrage:
Wie sähe unsere Welt ohne solche Zeichen aus?
Friedlicher sicher nicht.

Liebe Gemeinde, heute ist Heilig Abend.
Die meisten von Ihnen, ich auch, werde diesen Abend mit der Familie oder Freunden verbringen.
Wir werden hoffentlich einen wirklich schönen Abend haben.
Denn Feiern gehört zum Leben, dieser Meinung war auch derjenige, dessen Geburt wir heute feiern.
Er hat feste gefeiert, so sehr, dass seine Gegner ihn als Fresser und Weinsäufer beschimpften.
Gehen wir mit diesem Frieden auf Erden - dennoch! nach Hause, behalten es im Herzen und setzen ab morgen oder übermorgen unseren Einsatz für eine friedlichere, menschenfreundlichere Welt fort.
Bei uns und anderswo.
Dann wird es Weihnachten, nicht nur am Heiligen Abend.
Wenn die Stimme und die Hand erhoben wird im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit.
Mit unseren oft so bescheidenen Mitteln.
Doch Machtmittel hatte der, dessen Geburt wir heute feiern, auch nicht.

Amen.