Der Wirt von Bethlehem
Weihnachten 2000
"...denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge." (Lukas 2,7a)
Liebe Gemeinde,
wieder ist es Weihnachten. Die Häuser sind geschmückt, die Weihnachtsbäume aufgestellt, Lichter aufgehängt, die Krippen aufgestellt. Auch hier in der Kirche. Das Kind liegt in der Krippe, Maria und Josef stehen dabei, die Hirten sind auch schon da und die drei Weisen haben es nicht mehr weit.
Einer fehlt.
Er steht nicht an der Krippe, wird in der Weihnachtsgeschichte auch nur indirekt erwähnt und spielt doch eine große Rolle.
Es ist – der Wirt.
Der Wirt von Bethlehem, der Maria das Zimmer verweigert und sie so zwingt, ihr Kind im Stall zur Welt zu bringen. Ich habe in diesen Wochen viel über ihn nachgedacht. Was ist das für ein Mensch? Er verweigert einer Schwangeren die Unterkunft, nimmt in Kauf, dass sie vielleicht ihr Kind verliert, hat keine Augen für den Stern, ihm erscheint auch kein Engel wie den Hirten auf dem Feld.
Verschiedene Wirte sind mir eingefallen.
Der erste ist völlig überarbeitet und gestresst. Unter Starkstrom stehend.
Och, ne nicht noch ein Ehepaar. Seht ihr nicht, was hier los ist? Zwanzig Leute habe ich hier schon zusätzlich untergebracht. Zusätzlich, habt ihr gehört?! Und jetzt auch noch ihr! Also, nein, das klappt nicht, seht zu das ihr weiter kommt. Schluss, aus, Feierabend, mein Haus ist voll, ich weiß jetzt schon nicht mehr wo mir der Kopf steht. Und tschüß.
Der zweite ist verbittert und zynisch.
Mensch, Josef, du bist doch selber schuld. Was machst du dich mit deiner Frau in diesem Zustand auf den Weg. Volkszählung? Ach, hör doch auf... Was? Mir hilft auch keiner. Bin selber krank. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Steht in der Bibel. Oder nicht? Ist doch auch egal. Schluss jetzt, mein Haus ist voll und ich habe jetzt keine Lust, mir deine Geschichten anzuhören. Was, du willst frech werden? Macht das ihr weg kommt, sonst lasse ich die Hunde los!
Der dritte Wirt ist glatt und berechnend.
Nur wer gut zahlt, kommt hier bei mir rein. Die Wohlfahrt ist anderswo. Da könnte ja jeder kommen. Und ihr seht nicht so aus, als ob ihr besonders zahlungskräftig wärt. Was? Ihr könnt bezahlen? Hm, ja, vielleicht. Aber was ist denn, wenn deine Frau hier ihr Kind bekommt? In meinem Gasthof? Was sollen meine anderen Gäste sagen, wenn deine Frau die ganze Nacht schreit? Und danach das Baby? Und wer bezahlt das Saubermachen? Ne, ne, das ist mir zu riskant. Am Ende vergrault mir das alles nur die anderen Gäste. Sucht euch mal besser eine andere Unterkunft!
Der vierte schließlich ist freundlich, aber ausgebrannt und müde.
Ach, ich würde euch ja gerne bei mir unterbringen.. Aber heute nicht mehr, tut mit leid. Für heute bin am Ende meiner Kräfte. Der Tag war furchtbar. So viele Leute. Und jetzt noch mal überlegen, wie wir zusammenrücken könnten? Und dann noch mal mit den anderen Gästen herumstreiten, wegen der Zimmerverteilung. Tut mir schrecklich leid, das schaff ich heut nicht mehr. Ihr findet bestimmt noch woanders ein Plätzchen. Ja, ich sehe, deine Frau ist schwanger, aber ich habe es auch nicht leicht. Ich kann es nicht ändern. Bitte, versteht mich doch, aber ihr müsst gehen.
Vier Wirte, viermal Ablehnung, viermal verschlossene Türen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Viermal verpasst ein Wirt Weihnachten. Obwohl, es hängt nicht am Beruf des Gastwirts. Denn gestresste, verbitterte, berechnende, müde Menschen gibt es nicht nur unter Wirtsleuten.
Viele Menschen sind heute Abend abgekämpft und müde, nicht nur wegen der anstrengenden Vorweihnachtszeit. Sie stehen morgens auf und fühlen sich schon kaputt, taumeln durch den Tag und fallen abends zerschlagen ins Bett. Sie ersehnen von den vor uns liegenden Festtagen etwas Erholung, aber ihre Hoffnung ist nicht groß, denn danach geht es dann wie gehabt weiter.
Auch heute Abend gibt es Menschen, die verbittert ist. Für sie heißt Leben kämpfen. Die Starken setzen sich durch, die Schwachen scheitern. Und sie haben das Gefühl, zu den Schwachen zu gehören. Haben so viele Enttäuschungen erlebt. Sagen sich: So ist das eben. Was soll ich mich da für andere einsetzen? Mir schenkt im Leben auch nie jemand etwas.
Auch zu Weihnachten gibt es Menschen, die alles und jedes unter dem Vorzeichen des Geldes sehen. Sie haben insgeheim längst durchgerechnet, ob sich das in diesem Jahr wieder mit den Geschenken gelohnt hat. Möglichst nicht zuviel ausgegeben. Wer weiß, was morgen ist? Da ist es gut, vorsichtig zu sein.
Und es gibt Menschen, die auch am Heiligen Abend das Gefühl nicht loswerden, völlig unter Strom zu stehen. Gar nicht abschalten zu können. Auch an Weihnachten nicht. Gerade nicht! Stresspotential hoch drei! Kommen meine Geschenke an? Klappt der Weihnachtsbraten? Wie überstehe ich den Besuch am 2. Feiertag ohne in alle möglichen Fettnäpfchen zu treten? Und der Gedanke an den vollen Terminkalender Anfang Januar treibt den Puls weiter in die Höhe...
Vier Menschen, vier Einstellungen zum Weihnachtsfest aber eigentlich auch zum Leben überhaupt. Sie stehen alle in der Gefahr, Weihnachten zu verpassen. Nicht wahrnehmen zu können, was mit dem Kind Jesus in unsere Welt kommt: Wärme, Güte, Ruhe und Zuversicht.
Die gute Nachricht: Gerade auch für sie ist Gott in diese Welt gekommen, Mensch geworden, uns im Kind Jesus nahe. Für die Frommen, die Sanften, die Hilfsbereiten, die Zufriedenen und Glücklichen auch, klar. Aber die haben es auch leichter, sich auf Weihnachten, das Kind in der Krippe einzulassen. Andere haben es schwerer. Weil da die dicke Schale von Enttäuschungen und Verbitterung, von Müdigkeit und Stress drüber liegt.
Ein kleines Kind liegt vor uns. Rührt es unser Herz an? Ist noch etwas in uns lebendig, dass wir dieses Kind betrachten können, etwas dabei empfinden? Sagen wir: Kinderkram! Interessiert mich nicht! Gefühle? Gefühlsduselei! Und das alles soll noch was mit Gott und dem Glauben zu tun haben? Nein danke!
Oder sind wir einmal still und betrachten das Kind? Wir so oft gestressten, verbitterten, berechnenden und abgekämpften Menschen? Versuchen das Wunder der Weihnacht zu fühlen? Zu spüren, was das Bild von einem in dem Kind Jesus nahen Gott mir für mein Leben sagen will?
Dem Gestressten vielleicht dies:
Halt doch mal die Luft an. Lass alles stehen und liegen und komm näher. Setz dich zu mir an die Krippe. Achte auf deinen Herzschlag. Schau mich an, ein kleines Kind. Fühlst du, wie du ruhiger wirst? Sieh mal, das Zittern deiner Hände lässt nach. Und du spürst etwas in dir, ganz tief. Das tut gut. Ein Gefühl der Ruhe. Und jetzt denk mal nach. Über die letzten Tage, dass, was dich so unruhig gemacht hat und macht. Und ob das wirklich alles sein muß. Ob es nicht andere Schultern gibt, die deine Lasten mit tragen können. Ich höre dir zu.
Dem Verbitterten vielleicht dies:
Komm her, komm. Ich sehe doch die Tränen in deinen Augen. Den Schmerz über was auch immer. Ganz dicht liegt er unter der Oberfläche. Über die Enttäuschungen und Verletzungen, die Misserfolge. Setz dich trotzdem zu mir. Und schau mich an. Und dann lass ihn raus, deinen Kummer. Lass die Tränen fließen. Siehst du, wie gut das tut? Und dann erzähl mir. Ich höre dir zu.
Dem Berechnenden vielleicht dies:
Du willst lieber Abstand zu mir halten? Gut. Das kleine Kind in der Krippe siehst du mit Vorsicht an? Klar, ich bin mit Geld ja auch nicht zu bezahlen. Wie alles andere. Und das macht dich wirklich glücklich? Ja? Bist du sicher? Gibt es nicht noch ganz andere Dinge im Leben? Die man nicht kaufen kann? Du fragst was? Zufriedenheit zum Beispiel, oder Glück. Du lachst? Gut. Aber ich sage dir trotzdem noch einmal: Du kannst nicht alles kaufen. Zeit zum Beispiel nicht. Und Beziehungen. Und Vertrauen. Und Glauben. Brauchst du alles nicht? Täusch dich nicht. Und sei ehrlich. Vor allem zu dir selbst. Kennst du das Gefühl, dich über eine Schneeflocke oder ein Gänseblümchen freuen zu können. Du schaust skeptisch. Gänseblümchen?! Ja, Gänseblümchen und Schneeflocke. Wunderbare Dinge und es gibt noch viel mehr davon. Unbezahlbare Dinge. Komm, lass uns über solche Dinge reden. Ich höre dir zu.
Und schließlich dem Abgekämpften vielleicht dies:
Komm, setz dich her. Schau mich an. Ruh dich erst einmal einen Moment aus. Und jetzt, nimm mich auf deinen Arm. So ist es gut. Ich spüre deine Müdigkeit. Ja, du hast keine Kraft mehr. Hast zuviel gemacht. Dabei zu wenig gelebt. Das verstehst du nicht? Leben, das heißt geben und nehmen. Auf die eigenen Kräfte achten, schauen, was geht und wovon ich besser die Finger lasse. Das ist alles nicht so einfach, sagst du? Das glaube ich dir gerne. Aber lass uns trotzdem mal darüber nachdenken. Ich höre dir zu.
Liebe Gemeinde,
Gott begegnet in Jesus. Gott begegnet in und durch Menschen. Immer wieder. Jesus ist der Mensch, von dem Gott sagte: Er ist mein Sohn, steht mir ganz und gar nahe und wenn ihr wissen wollt, wie ich bin, dann seht ihn. Dafür steht am Anfang das Bild vom Kind in der Krippe. Wenn wir diese Geschichte hören und die Krippe betrachten, möchte Gott uns an Weihnachten mit seiner Liebe beschenken. Und uns zugleich in ein Gespräch über unser Leben verwickeln. Er kommt uns nahe, wir sind ihm nicht egal. Keiner und niemand. Manche von uns haben es leichter, sind an Fragen der Religion und des Glaubens stärker interessiert als andere. Und es gibt andere, die haben es schwerer. Aber eingeladen sind auch sie, Gottes Liebe gilt auch ihnen. Gott kommt uns in dem Kind in der Krippe nahe. Kinder öffnen unsere Herzen. Stehen für Hoffnung, neues Leben, für Wärme und Vertrauen, für Geben und Nehmen, Unschuld und Zartheit. Für all diese Dinge steht auch Jesus. Und er möchte sie uns nahe bringen. Dass wir unser Leben aus der Perspektive heraus leben, da ist noch jemand mit dir auf dem Weg.
Liebe Gemeinde,
das Kind in der Krippe lädt uns ein, das Herz zu öffnen. Mitzuteilen, was auf dem Herzen liegt, um sich dann von Herzen über die Weihnachtbotschaft freuen zu können: Gott ist mit uns.
Amen.
