Matthias Jung

 

 

 

Von Licht und Finsternis
Weihnachten 1999

 

Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jesaja 60,2)

Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben. (Johannes 8,12)

Und der Engel des Herrn trat zu den Hirten und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. (Lukas 2,9-11)

Liebe Gemeinde!

Am 11. August diesen Jahres verdunkelte sich am helllichten Tag die Welt.
Zwar nicht bei uns hier oben im Norden, aber in Süddeutschland.
Der Mond schob sich vor die Sonne.
Es wurde gegen Mittag tiefschwarze Nacht.
Als ich die Bilder aus Stuttgart und anderswo im Fernsehen sah, überlief mich ein Schauer. Ich dachte einen Moment:
Was ist, wenn es jetzt nicht mehr hell wird?

Der Wechsel von Tag und Nacht, von Licht und Finsternis ist uns selbstverständlich.
Wir denken nur selten darüber.
Dabei ist er für unser Lebens unverzichtbar.
Verlösche die Sonne, wir wären nach kurzer Zeit tot, in vollständiger Dunkelheit erfroren...

Kein Wunder, dass wir diesen Wechsel von hell und dunkel als Bild für eigene Erfahrungen nehmen.
In unzähligen Sprichwörtern hat sich das niedergeschlagen.
Wir sprechen davon, dass sich das Gesicht meines Gegenübers verdunkelt.
Oder erhellt.
Wir sprechen von düsteren Aussichten.
Und vom Licht am Ende des Tunnels.

Was kennzeichnet die Finsternis im Gegensatz zum Licht?
Was passiert, wenn es dunkel wird?
Ich sehe alles nur noch grau in grau.
Die Farben werden blass.
Konturen verschwimmen.
Und Formen werden undeutlich.
Ich kann nur noch ein Stück weit sehen.
Ängste kommen auf, was da alles in der Dunkelheit lauern könnte.
Schließlich erkenne ich nur noch Schemen.
Dann ist es finster.
Sehne mich nach dem kleinsten Schimmer.
Ich fühle mich allein, zurückgeworfen auf mich.

Menschen erleben dies immer wieder.
Sorgen verkürzen mein Leben auf die Sorge.
Schuld lässt mich an nichts anders mehr denken.
Krankheit reduziert mein Leben auf die Frage nach dem morgigen Tag.
Brennende Erwartung eines Ereignisses lässt mich mein restliches Leben vernachlässigen.

Ganz schlimm wird es nachts.
Nichts lenkt mich ab.
Gefühle und Gedanken türmen sich zu Bergen.
Legen sich schmerzlich auf meine Brust.
Wird es morgens hell, sieht die Welt oft buchstäblich anders aus.
Die Gespenster der Nacht verlieren ihre Fratzen.
Die Gedankengebäude fallen in sich zusammen.

Licht und Finsternis.
Täglich vertrauter Rhythmus unseres Lebens.
Zugleich Spiegelbild unseres Lebens.

Kein Wunder, dass die Christen das Fest zur Erinnerung an Jesu Geburt in die dunkle Jahreszeit legten.

Anfangs wurde Weihnachten gar nicht gefeiert.
Für uns heute kaum vorstellbar.
Aber zunächst wurde Ostern gefeiert.
Als Erinnerung an die Auferstehung.
Und dann Epiphanias.
Als Erinnerung an die Taufe Jesu.
Mit der er seine Wirksamkeit begann.
Erst recht spät rückte der Geburtstag Jesu in den Blick.
Im 4. Jahrhundert war es dann so weit.
Der 25. Dezember wurde dafür gewählt.
Die Mitte der dunklen Jahreszeit.
Aber auch ein Protest gegen die römische Religion.
Denn am 25. Dezember wurde die Sonne verehrt.
Nein, sagten die Christen, unser Herr ist die wahre Sonne.
Das Licht der Welt.
Und sie erinnerten daran mit Gottesdiensten am 25. Dezember.

Seither wird Weihnachten gefeiert.
Kein anderes Fest bewegt die Menschen seither wie Weihnachten.
Es verbindet zwei urmenschliche Symbole.
Das neugeborene Kind
Und das Licht.
Und in beidem, so sagen die Christen, ist Gott erfahrbar.
Mit Weihnachten, mit der Geburt des einen Kindes Jesu, kommt Licht in unsere dunkle Welt.

Er selbst wird später sagen:
Ich bin das Licht der Welt.

Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln.
Sondern das Licht des Lebens haben.

Erklären kann man das nur schlecht.
Erklären kann man das.
Aber dürre Worte erreichen eher unseren Kopf.
Die wirklich bedeutsamen Dinge sehen wir aber nur mit dem Herzen richtig.
Worte hinken da immer hinterher.
Buchstabieren mühsam, was sich dem Gefühl direkt erschließt.

Wir spüren es vielmehr, ahnen es, erhoffen. ersehnen es:
Gott will im Dunkel wohnen, er hat die Welt erhellt, heißt es in einem Kirchenlied.
Und jedes Jahr versuchen wir zu Weihnachten unsere Gefühle in Worte zu fassen.
Suchen die Geschichte von der Geburt Jesu zu verstehen.
Suchen die Botschaft vom Licht in der Dunkelheit zu erfassen.
Auch heute Abend wieder.
Damit es Weihnachten wird.
Nicht unter dem Tannenbaum, sondern in unserem Leben.

Ich höre:
Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich.
Und Dunkel die Völker.
Aber über dir geht auf der Herr.
Und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Weil Gott in unsere Welt kommt, wird es hell in meiner Welt.
Dieses Licht zeigt mir mein Leben.

Weihnachten sehen wir unser Leben wie durch ein Vergrößerungsglas.
Deutlicher und klarer als sonst.
Sagt Steve Martin in dem Film "Livesafers".
Da ist was dran.
Das unwichtige tritt zurück.
Das, was mich wirklich bewegt, drängst sich mir auf.
Wie vielleicht sonst nie.
Weihnachten ist daher Gelegenheit, mir Klarheit zu verschaffen.
Über mich und mein Leben zu verschaffen.
Abseits vom alltäglichen Trubel und vielfältigen Ablenkungen.
Was deutlich wird, ist vielleicht große Dankbarkeit.
Übersprudelnde Freude.
Tiefempfundene Liebe.
Auffangende Geborgenheit.

Aber auch:
Schwere Sorgen.
Vergebliche Hoffnungen.
Unerfüllte Wünsche.
Zerstörte Träume.
Abgebrochene Wege.

Weihnachten tritt hervor, was mich zutiefst bewegt.
Ich sehe es wie unter einem Vergrößerungsglas.
Hell und klar.

Ich höre:
Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln.
Sondern das Licht des Lebens haben.

Weil Gott in unsere Welt kommt, wird es hell in meiner Welt.
Dieses Licht zeigt mir mein Leben.

Weihnachten ist ein Lichtblick.
In der Finsternis unserer Welt.

Und dieses Licht lädt mich ein, mich an Jesus zu orientieren.
Ich bin eingeladen, ihm und seinem Gott zu vertrauen.
Ich bin nicht allein.
Bin geborgen.
Und gehalten.
Immer.

Was mir Angst macht, verliert seine Übermacht.
Was schwer und riesig auf der Seele lag, wird erträglicher.
Der Berg vor mir wird kleiner.
Mein Blick wird geweitet.
Meine Seele entlastet.
Mein Körper beweglich.

Ich höre:
Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.
Denn euch ist heute der Heiland geboren.

Weil Gott in unsere Welt kommt, wird es hell in meiner Welt.
Dieses Licht zeigt mir mein Leben.

Ich spüre die Freude.
Und sehe die Farben.
Und die Konturen.
Meiner Welt.

Mein Leben erhält eine neue Qualität.
Mein Blick weitet sich.
Ich bin nicht allein.
Es gibt einen Grund meines Lebens.
Ich bin eingeordnet in einen großen Zusammenhang.
Verstehe mich als Teil eines größeren Ganzen.
Bin nicht nur ein Staubkorn im Weltall.
Ich erkenne Farben, die ich vorher nicht sah.
Das erfreut mein Herz.
Konturen werden sichtbar.
Mein Leben wird vielschichtig und abwechslungsreich.
Fühle mich gehalten und daher bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Für mich und andere.
Fühle mich geborgen und daher ermutigt, mich auf andere einzulassen.
Fühle mich zuversichtlich und daher aufgefordert, zu trösten und zu ermutigen.
Fühle mich dankbar und daher bereit, abzugeben und zu teilen.

Weil Gott in unsere Welt kommt, wird es hell in meiner Welt.
Dieses Licht zeigt mir mein Leben.
Und lädt mich ein, dieses Licht weiter zu geben.
Damit es auch im Leben anderer hell und klar wird.

Amen.

Anmerkung für theologisch versierte Leserinnen und Leser:
Die "Entstehung" des Weihnachtsfestes ist nicht endgültig geklärt. Neben der hier vertretenen Auffassung gibt es auch andere, ebenfalls plausibel klingende Erklärungen. Da die Predigt aber keine theologische Abhandlung ist, habe ich diese eine These hier in dieser Form aufgenommen. (nach EKL Band 5 Sp. 1238f. Art. Weihnachten - dort werden auch die anderen Erklärungen aufgeführt!)