Matthias Jung

 

 

 

Weihnachtsstern
Weihnachten 1998

 

Liebe Gemeinde,

wieder ist es Heilig Abend. Die Adventszeit liegt hinter uns, manch einer wird sagen: endlich! Denn schon seit Oktober hängen Lichterkettensterne in unseren Strassen. Wir haben Schokoladen- und Zimtsterne gegessen, an unseren Weihnachtsbäumen hängen inzwischen Strohsterne aller Arten und Größen: gelbe, rote und goldene. Sterne - wohin man schaut. Eigentlich wollen sie alle hinweisen auf den einen Stern, der über Betlehem zu sehen ist und die weisen Männer zur Krippe führt.

Doch obwohl er überall hängt, fristet der Stern in der evangelischen Kirche ein Schattendasein. Die bekannteste Weihnachtsgeschichte kennt ihn nicht, hier weisen die Engel den Hirten den Weg zum Kind. Und die andere Weihnachtsgeschichte mit den Weisen kommt in unseren evangelischen Weihnachtsgottesdiensten selten zum Zug. Die gehört eher zum Fest der Heiligen drei Könige im Januar. Und so strahlt der Weihnachtsstern zwar allerorten und steht doch am Rand.

Eigentlich schade. Der Stern könnte uns viel über Weihnachten erzählen. Denn die Sterne haben die Menschen schon immer fasziniert. Es ist noch gar nicht lange her, da lagen in Deutschland und anderswo in der Welt Menschen in kalten Novembernächsten auf dem Rücken im Freien, um dem angekündigten Sternschnuppenregen nicht zu verpassen. Und die letzten Kometen, die bei uns vorbeikamen, lösten alle möglichen Gefühle von Euphorie in uns Menschen aus.

Seit Jahrtausenden gibt es die Astronomen, die die Sterne beobachten und berechnen. Seefahrer und andere hatten bis vor nicht langer Zeit außer den Sternen gar keine andere Möglichkeit, herauszufinden, wo sie sich befinden. Heute haben wir natürlich Satelliten.

Und dann gibt es seit alters her die Astrologen, die davon ausgehen, daß die Sterne und die Sternbilder unser Leben, unser Schicksal, wenn schon nicht bestimmen, dann doch wenigstens beeinflussen. Für Sonne und Mond ist das ja auch nachgewiesen.

So ist es kein Wunder, daß es unzählige Redewendungen gibt, in denen die Sterne in unsere Alltagssprache Eingang gefunden haben.

Wir sprechen davon, daß ein Unternehmung unter einem günstigen oder ungünstigen Stern steht.

Oder wir sagen gar, ein ganzes Leben stehe unter einem solchen Stern, weil ein Mensch unter einem günstigen Stern geboren sei.

Menschen greifen nach den Sternen, wenn sie ein neues, kühnes Vorhaben in Angriff nehmen.

Manch Verliebter verspricht seiner Herzallerliebsten, daß er ihr die Sterne vom Himmel holen wird.

Und wir vergleichen Menschen mit Sternen. Wir sprechen bei einem jungen Superfußballer von einem kommenden Fußballstar oder in der Musikbranche von einem neuen Stern am Pophimmel, wenn ein neuer Musiker oder Musikerin die Menschen begeistert. Doch diese Sterne verblassen meist auch wieder.

Noch schneller geht das bei den Starletts und Sternchen, wie bestimmte gutaussehende Frauen in der Filmwelt abschätzig bezeichnet werden.

Wir sprechen von der Sternstunde, in der außergewöhnliches geschieht und wir kennen den Leitstern, der nicht nur auf jedem Mercedes vorne prangt.

Und wer empfindet nicht das Gefühl von Weite, wenn er oder sie nachts zum sternenüberfluteten Himmel hinauf schaut. Manch einen ergreift dann eine schmerzhafte Sehnsucht nach dieser Unendlichkeit des Himmels und man fühlt sich so klein und verloren hier unten auf der Erde unter dem Sternenzelt. Kein Wunder, daß der Science-fiction Markt nach wie vor boomt, in dem zumindest in der Phantasie der unendlich scheinende Abstand überwunden wird. Sterne haben Menschen schon immer fasziniert, Sterne beeinflussen unser Leben.

So schon im Alten Testament. Auch wenn das Volk Israel schon früh - im Gegensatz zu den Nachbarvölkern - davon ausging, daß Sterne Lampen am Himmel sind und keine Götter, so hatten die Sterne schon damals tiefe Bedeutung für die Menschen. Der Stammvater Abraham erhält das Versprechen, daß seine Nachkommen einmal so zahlreich sein werden wie die Sterne am Himmel (1. Buch Mose/Genesis 15,5) und an anderer Stelle heißt es, daß aus der Familie des Jakob ein neuer Herrscher kommen werde, aus dem Stamm Jakobs ein neuer Stern aufgehen werde (4. Buch Mose/Numeri 24,17).

Womit wir bei Jesus und Weihnachten angelangt sind. Denn genau auf diese Stelle aus dem Alten Testament bezieht sich die Geschichte aus dem Matthäusevangelium. Die drei Weisen folgen einem unglaublich hellen, neuen Stern und kommen nach Jerusalem. Dort befragen sie am Hof die Sterndeuter, die in der Bibel nachschlagen und diese Stelle finden und auch die andere, daß dieser neue König aus Betlehem kommen werde. Der Stern führt schließlich die Weisen nach Betlehem und wird so für alle Zeiten zum Weihnachtsstern, der die Menschen auf Jesus und seinen Gott hinweist. Doch wenn wir an die Redewendungen denken, sagt das Bild des Sterns sagt noch mehr über Jesus. Seine Geburt war eine Sternstunde der Menschheit. In ihm kommt Gott uns Menschen so nah wie nie zuvor und nie danach. Von Jesus wird es heißen: Wer ihm begegnet, begegnet Gott, wer ihn hört, hört Gott, wer ihn anschaut, sieht Gott. Nicht in diesem vordergründigen Sinne, daß Gott sichtbar und greifbar wird, nein, eher so, daß alles, was Jesus tun und sagen wird, auf Gott hinweist, Symbol für Gottes Liebe werden wird, Jesus durchsichtig für Gott sein wird. In diesem Sinne ist Jesus ein Leitstern geworden, ein Star, den Menschen verehrten und verehren, an dem Menschen sich orientiert haben und orientieren. Sein Leben verlief zunächst unauffällig, aber mit seiner Taufe im Jordan tritt er ins Blickfeld der Öffentlichkeit und sein Stern geht schnell auf in Israel. Man kann aber nicht sagen, daß er unter einem günstigen Stern geboren wurde, denn der gleiche Stern, der die Weisen nach Betlehem führt, weist auch den Kindermördern des Herodes den Weg. Und dies ist durchaus symbolträchtig für den weiteren Weg Jesu. Sein Leben verlief nicht unter einem günstigen Stern. Vordergründig betrachtet, ist es nach dreissig Jahren gescheitert. Dann ist aus dem steil aufsteigenden Star ein gefallener Stern geworden, der am Kreuz sein Leben aushauchen wird und sich in seiner letzten Minute von Gott und der Welt verlassen fühlen wird.

Nach den Sternen greifen wollte er auch nicht, obwohl gerade das seine Anhänger gehofft haben: Jesus König in Jerusalem, das war die Vorstellung der Jünger und die Hoffnung der Menschen in Israel. Nein, in diesem Sinne hat Jesus es strikt abgelehnt, als Star verehrt zu werden und ist immer auf dem Boden der Tatsachen geblieben. Er sah den Himmel zwar offen und Gott als unseren Vater ganz nah - aber das Himmel und Erde verschmelzen würden, daß er die Sterne vom Himmel holen würde und Gott greifbar würde, das wollte Jesus nicht. Im Gegenteil, er legte größten Wert darauf, das Gott Gott ist und der Mensch Mensch und das beides klar zu trennen sei. Aber gerade deshalb war er offen für eine bildhafte, symbolhafte Sprache wie kaum ein anderer. Wenn er sprach, fühlten sich die Menschen Gott nah. Wenn er ihnen Bilder von Gottes Nähe und Liebe vor Augen malte in Gleichnissen und zeichenhaften Handlungen, dann fühlten sie sich angenommen und geborgen - inmitten ihrer Einsamkeit und Friedlosigkeit. In diesem Sinne war Jesus ganz sicher ein Star seiner Zeit, der Bewunderung und Verehrung auf sich zog, diese aber nie für sich selbst in Anspruch nahm, sondern immer hinwies auf Gott, den Vater, der hinter allem stand, was Jesus tat.

So weist der Stern in der Weihnachtsgeschichte symbolisch schon voraus auf das, was der erwachsene Jesus den Menschen bedeuten wird: Licht in Dunkelheit.

Denn der Stern ist für Menschen immer auch ein Symbol für Licht in dunkler Nacht gewesen und so greift die Weihnachtsgeschichte auf diese Weise diese uralte Symbolik von Licht und Finsternis auf, die schließlich von Jesus selbst in der Weise zugespitzt werden wird: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben (Johannes-Evangelium 8,12).

Aber es gibt noch eine letzte symbolische Bedeutung des Sterns, die bisher noch nicht angeklungen ist und die auch noch nicht so lange bekannt ist - schon gar nicht zur Zeit Jesu. Menschen, die sich intensiv mit Zeichnungen von Kindern auseinandergesetzt haben, stellten fest, daß auf Zeichnungen von Kindern immer wieder Sonne und Mond und Sterne zu sehen sind. Die Sonne ist dabei das Symbol für die Mutter, der Mond steht für den Vater und die Sterne - nun, das sind die Kinder. Überall dort wo Kinder Sterne auf ein Bild malen, sprechen sie unbewußt in ihrer Bildersprache von Kindern, von sich selbst oder von anderen Kindern. Offenbar ist es so, daß der Stern in der Tiefenschicht unserer Seele ein Symbol für das Kind ist, auch für das Kind in uns. Und so werden wir Menschen aus der Tiefe unserer Seele heraus mit uns selbst konfrontiert, wenn wir die Sterne betrachten.

Ich finde diese Bedeutung wunderbar und sie paßt zum Heiligen Abend. Ein uraltes Symbol für das Kind führt die Menschen zum Kind in der Krippe. Wir haben in diesem Jahr die Kindergartenkinder eingeladen, sich in der Vorweihnachtszeit als Sternenkinder auf den Weg nach Betlehem zu machen. Als sichtbares Zeichen konnte vorgestern jedes Kind einen eigenen Stern mit Namen hier an den Baum hängen. Der Weihnachtsstern führt die Sternenkinder zur Krippe, so lautete die Überschrift. Vielleicht ist es ja so, daß das Wunder von Weihnachten - daß Gott uns Menschen nicht nur nahe kommt, sondern auch nahe ist und nahe bleibt - sich den Kindern leichter erschließt als den Erwachsenen, weil sie noch ganz unbefangen mit Bildern und Gefühlen umgehen. Wenn Gott Mensch wird, muß er doch zunächst ein Kind sein und daß ein Stern den Menschen den Weg zu Jesus weist, daß verstehen die Kindern von ganz alleine. Es ist so, weil die biblische Geschichte hier mit Bildern spielt, die in uns allen verwurzelt sind. Wie schön, wenn sich dies an diesem Weihnachten uns allen erschließen würde und Gott uns ganz nahe kommt!

Amen.