Erwartung
Weihnachten 1995
Liebe Gemeinde!
Als ich ein kleiner Junge war, durfte ich jedes Jahr am 24. Dezember eine furchtbare Fernsehsendung sehen, die hieß: Wir warten auf das Christkind. Da wurde allerlei Belangloses erzählt, Puppentheater vorgeführt, Lieder gesungen und so weiter. Furchtbar war diese Sendung nicht wegen ihres Inhaltes, sondern wegen des Wartens. Denn wir Kinder wußten genau: wenn die Sendung zu Ende ist, dann geht´s in die Kirche und danach durften wir zum Weihnachtsbaum und es gibt endlich die Geschenke. Fernsehen war damals in den Sechzigern für meine Bruder und mich noch ziemlich selten und an sich aufregend, doch diese Sendung am Heiligen Abend zu sehen, das war Jahr für Jahr eine Qual. Die Zeit verging wegen meiner gespannten Erwartung so zäh wie nur irgend etwas. Und das alle Jahre wieder.
Szenenwechsel.
Am Donnerstag dieser Woche las ich in der NRZ:
"Der Kölner Psychologe Hermann-Josef Berk hält Weihnachten für das gefährlichste aller Feste. Im Mittelpunkt stehe das Bild einer Familie als vollkommen heiles Ding, wo es keinerlei Widersprüche und böse Blicke gibt. Die Erwartungen seien völlig überzogen, meint er. Wenn die Geschenke falsch sind oder die Nüsse falsch auf dem Teller liegen, dann ist diese Inszenierung fast nicht mehr zu retten. Der ganze Schmelz ist dahin, und viele schaffen den Heiligen Abend nur mit Tränen in den Augen, weiß der Psychotherapeut."
An die Weihnachtstage knüpfen Menschen die heftigsten Erwartungen. Was wir konkret erwarten, erhoffen, uns wünschen, daß liegt dabei mehr im Bereich des Gefühls, das können wir nur schwer in Worte fassen. Es bleibt im Dunkel, wir spüren aber, es hat irgendwie mit Zuwendung, Harmonie und Frieden zu tun.
Mir scheint, das Weihnachtsfest ist zu einem Brennpunkt für die Sehnsüchte geworden, die wir tagaus, tagein mit uns herum tragen. Nirgends scheint deutlicher zu werden, das in uns tiefe Hoffnungen und Erwartungen ans Leben schlummern, nirgends zerplatzen diese Träume oder Illusionen aber auch schneller als am Heiligen Abend. Worauf warten wir da eigentlich am Weihnachtsabend?
Warten gehört zu unserem Leben. Ich warte aufs Christkind. Ich warte auf besseres Wetter. Ich warte auf den Arzt. Ich warte auf das Ende der Schmerzen. Ich warte auf die Pensionierung. Oder auf den Schulabschluß. Oder auf´s erste Mal. Oder auf den Märchenprinzen. Oder auf den Lottogewinn. Oder auf das Allheilmittel.
Ich warte. Und die Zeit verrinnt dabei. Meine Zeit. Ich merke, daß ich vorwärts gehe und doch nicht recht vom Fleck komme. Die Zeit scheint zu fliegen, jedes Jahr mehr. Und ich warte und warte und weiß oft nicht, worauf. Denn das Eigenartige ist: Wenn ich bekomme, worauf ich lange gewartet habe, wenn ich ein lange angepeiltes Ziel erreiche, dann stellt sich seltsamerweise ganz oft nicht nur Zufriedenheit und Freude ein, sondern zugleich eine große Leere, ja Unzufriedenheit. Als ob das es doch nicht gewesen wäre, worauf ich all die Zeit gewartet habe. Ich habe bekommen, was ich wollte, doch die Sehnsucht bleibt. Da zeigt sich dann, wie zerrissen wir Menschen sind. Wir sind mit nichts wirklich zufrieden, wollen immer noch mehr haben und können´s nicht bekommen und wissen vielfach gar nicht so genauso, was wir da in der Tiefe unserer Seele erwarten.
Ich befürchte, daß manche Menschen in der Werbung und den Medien sehr geschickt mit diesen unseren diffusen Wünschen und Erwartungen spielen und das Warten auf den Märchenprinzen oder die Sehnsucht nach dem Allheilmittel von Jahr zu Jahr mehr schüren.
Denn das Warten fällt immer schwerer. Alles muß ich gleich bekommen. Ich kann nicht mehr warten und wehe, es stellt sich mir einer in den Weg. Unser Leben wird immer schneller und Warten immer unerträglicher.
Schauen Sie auf unsere Straßen, auf denen ein immer unerbittlicherer Krieg stattfindet zwischen den Verkehrsteilnehmern. Da wird gedrängelt, geschnitten und gedroht, was das Zeug hält.
Oder denken Sie an die segensreiche Erfindung des Faxgerätes. Brauchte ein Brief hin und zurück früher mindestens zwei Tage, so sind es heute nur noch Minuten. Eine schöne und wichtige Sache, doch sie verändert zugleich unser Leben. Wir brauchen nicht mehr so lang auf Antwort zu warten. Und wer nicht mitmacht, wird belächelt. Sie haben noch kein Fax und auch kein Handy? Oh...
Oder: Immer mehr Versandhäuser richten einen 24-Stunden-Service ein. Niemand will mehr warten. Was ich sehe, will ich sofort haben. Dafür zahle ich dann auch gern ein paar Mark mehr.
Vielleicht wird unsere Schnellebigkeit besonders deutlich am Umgang mit den Fernbedienungen unserer Fernseher. Unsere Politiker in Bonn haben uns ja vor noch gar nicht langen Jahren die Segnungen unzähliger Fernsehprogramme beschert. Seitdem entwickelt sich die Zip-Zap-Gesellschaft. Wer schaut sich heutzutage noch einen Spielfilm oder eine Show von Anfang bis Ende an? Spätestens bei der Werbung wird umgeschaltet, mal hier eine Minute zugeschaut, dann wieder dort. Wir sind überall und nirgends, vor allem nicht lange. Ständig befürchten wir, etwas zu verpassen. Ständig wollen wir noch mehr erleben. Ständig sind wir auf dem Sprung. Ständig werden wir ängstlicher, ob wir wirklich genug bekommen und ob das, was wir haben, wirklich sicher ist. Vielleicht übertreibe ich, aber mich beschleicht zunehmend die Angst, daß der kleine schwarze Kasten mit den bunten Tasten unsere Fähigkeit zu warten zerstört und uns so immer lebensunfähiger macht. Denn Warten gehört zum Leben. Doch wir verlernen zunehmend das Warten. Weil wir nicht mehr zu warten brauchen. Und damit verlernen wir zugleich, noch etwas vom Leben zu erwarten, was über den Augenblick hinausreicht.
Ganz schlimm sind daher in unserer Gesellschaft diejenigen dran, die nichts mehr vom Leben zu erwarten haben. Sie verfallen nicht selten in tiefe Depression bis hin zu Selbstmordgedanken. Oder sie greifen zur Gewalt. Ich denke an diejenigen, die unheilbar krank oder pflegebedürftig sind, an alle, hinter denen eine Tür endgültig ins Schloß gefallen ist, und es nur noch heißt Feierabend für dich, du hast vom Leben nichts mehr zu erwarten, du wirst nicht mehr gebraucht. Ich denke an manchen Vorruheständler, der sich zu Tode langweilt oder an die immer größer werdende Zahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, denen unser ach so reiches Land nichts mehr zu erhoffen und zu erwarten gibt. Überall werden sozialverträglich Arbeitsplätze eingespart, was in der Realität heißt, daß ein älterer Arbeitnehmer ausscheidet und dafür danach aber kein junger mehr angestellt wird. Da sagte einer vor einiger Zeit: Früher wurden die Menschen in der Wirtschaft wenigstens noch ausgebeutet an ihrer Arbeitskraft, heute werden die Menschen zunehmend überflüssig. An den Börsen sind massig Gewinne zu machen, Menschen brauchen wir dazu nicht. Unser Wirtschaftssystem funktioniert auch sehr gut mit immer weniger Menschen, es funktioniert für sich und nicht für die Menschen. Und immer mehr fallen durchs Netz.
Nichts mehr vom Leben erwarten können, daß heißt so viel wie Leben ohne Sinn und Ziel, sinnloses Leben. Und das, liebe Gemeinde, ist auch unter uns weit verbreitet. Und je weiter ich meinen Blick kreisen lasse, desto schlimmer wird es. Steigende Arbeitslosigkeit, zunehmende weltwirtschaftliche Probleme, keineswegs Frieden auf Erden trotz UNO-Einsätze ohne Zahl. Unsere Welt scheint in katastrophalen Zustand. Was können, was dürfen wir mit Recht und begründet erwarten vom Leben?
Je länger ich über den Zustand unseres Lebens nachdenke, desto drängender wird die Frage, was denn Gott noch mit unserer Welt zu tun hat? Hat er noch? Gibt er noch etwas zu erwarten? Gibt´s noch etwas, worauf wir mit Recht warten können? Am Heiligen Abend?
Vielleicht hat ja der eine oder die andere von Ihnen die ganze Zeit bei sich gedacht: Was redet der denn da vorn die ganze Zeit vom Zustand unserer Welt? Der ist schon schlimm genug. Ist es denn zu viel erwartet, wenn ich wenigstens an Weihnachten in der Kirche etwas Abwechslung, Frieden und Harmonie erwarte, eben etwas Besinnliches zum Auftakt der Weihnachtstage? War es nicht schon immer so, daß zu Weihnachten die Waffen schwiegen? Kann sich der Pfarrer nicht auch dran halten und etwas Schönes und Friedliches erzählen? Wenigstens am Heiligen Abend Friede und Harmonie und Freude?
Das könnte ich natürlich tun und glauben Sie mir, ich würde es viel lieber tun als vom Zustand unserer Welt und der Zerrissenheit unserer sehnsuchtsvollen Herzen reden. Aber dann würde ich die Botschaft von Weihnachten verraten, die zu verkündigen ich heut Abend zu Ihnen rede. Mag sein, daß ich einige Ihrer Erwartungen hier bitter enttäusche. Aber die Weihnachtsbotschaft ist nun einmal eine Botschaft für diejenigen, die im Dunkel wohnen, wie Jochen Klepper einmal gedichtet hat. Wenn nicht gerade hier in der Kirche vor Gott an diejenigen gedacht wird, für die Jesus in die Welt kam, wo dann? Wenn wir nicht an Weihnachten darüber reden, warum und für wenn Jesus in die Welt kam, wann dann? Die Welt liegt in Scherben und wir feiern fröhlich Weihnachten, ziehen uns sozusagen zwei, drei Tage aus dem, was uns sonst auf der Seele liegt zurück? Fragt sich nur, ob das wirklich geht und uns die Realität nicht spätestens unter dem Tannenbaum wieder einholt, wie der eingangs zitierte Psychologe beschreibt.
Liebe Gemeinde, die Weihnachtsgeschichte ist nicht romantisch und sie ist auch nicht besinnlich. Und sie hat auch keineswegs die Hoffnungen und Erwartungen der Menschen erfüllt, die Jesus als den Messias erwarteten. Da war kein König, der die Feinde besiegt. Da war kein Märchenprinz, der Leid in Freud verwandelte. Da kam nicht das Allheilmittel, welches die Welt in ein Paradies verwandelt. Da war zunächst nur ein Kind, geboren von einer Frau irgendwo unterwegs in einer Absteige, gelegt in einen Futtertrog, umgeben von Tieren. Die ersten Gratulanten waren Hirten, damals zwielichtige und kriminelle Gestalten, Menschen, die vom Leben und von der Gesellschaft kaum etwas zu erwarten hatten. Später wird der Mann Jesus sich mit dem Bodensatz der Gesellschaft umgeben, Huren, Zöllnern, Ehebrechern. Er wird die großen, wohlhabenden Städte Israels meiden und sich fast nur auf dem Land bei den armen und einfachen Menschen aufhalten. Er wird ein Hoffnungsträger für diejenigen werden, die noch Sehnsucht tief in sich tragen, die Sehnsucht, daß doch noch einmal etwas anders werden könnte und sei es nur, daß ihnen ihre unerträgliche Lebenssituation erträglicher werde. Er wird sagen: die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, aber die Kranken. Er wird sagen: Ich bin das Licht der Welt. Er wird durch das, was er tut und sagt, deutlich machen: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Er wird Menschen in die Augen schauen und sagen: In dieser Welt habt ihr Angst, aber seid zuversichtlich, ich habe diese Welt mit all dem, was euch Kummer macht, überwunden. Und er wird sagen: Was ihr den ärmsten und geringsten Menschen tut, das tut ihr mir. Er wird Gebeugte aufrichten, Gescheiterten neuen Lebensmut einflößen, Verzweifelte trösten, Kranke heilen - kurz: Menschen, die vom Leben nichts mehr zu erwarten hatten, neue Hoffnung geben.
Wie? Ganz einfach: Einzig und allein durch das Vertrauen zu Gott, den er liebevoll: Vater, besser: Papa nannte. Im Bild gesprochen: Er sah den Himmel offen, nicht verschlossen. Da, wo für Menschen keine Hoffnung, kein Ziel, keine Zukunft mehr zu sehen war, sondern alles düster und grau war, da riß Jesus den Nebelschleier fort und zeigte Menschen den Vater im Himmel.
Das ist alles? mag der eine oder andere denken. Ja, das ist alles. Das ist die Weihnachtsbotschaft: Der Himmel ist offen, die Engel verkünden die Nähe Gottes unter den Menschen.
Aber, werden Sie sagen, was ist denn draus geworden? Von der Kirche, von Gott, von den Christen ist doch nichts zu erwarten? Wo wird denn, das, von dem Sie da erzählen, bei mir, in meinem Leben Realität? Ist das alles nicht doch nur Schein? Ein riesiges Geschäft? Ein großes Schauspiel, was die Pfaffen da abziehen, mit dem Sie die Kinder vielleicht noch begeistern können aber doch nicht die Erwachsenen, die doch aufklärt genug sind, um dahinter zu schauen? Wenn es deinen Gott wirklich gibt, wenn der Himmel wirklich offen ist, dann müßte es auf der Erde doch anders aussehen.
Da muß ich Ihnen zunächst insoweit Recht geben, daß Jesus nicht die Welt so umgekrempelt hat, wie wir uns das erhoffen und erträumen, manchmal auch verzweifelt herbeisehnen. Doch diese Hoffnung zerbrach schon zur Lebenszeit Jesu. Schon damals erfüllte Jesus nicht die hochgesteckten Erwartungen seiner Zeitgenossen und verärgert und enttäuscht schlugen sie ihn ans Kreuz.
Die aber, die den Worten Jesu Vertrauen schenkten, die machten die Erfahrung, daß ihnen ganz neue Kraft zufloß inmitten allen Leides und Traurigkeit und die dann hingingen und andere ermutigten. Wir kennen die großen Namen der Christenheit, Franz von Assisi, Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer, Friedrich von Bodelschwingh, doch wir kennen nicht die Namen der ungezählten kleinen Leute, denen Gott oftmals die einzige Hoffnung und der einzige Lichtblick in ihrem Leben waren und die hingingen und anderen Mut machten zum Leben mit Worten und Taten.
Was können wir mit Recht und von wem in unserem Leben erwarten? Am Anfang sprach ich vom Psychologen, der Weihnachten deshalb für so gefährlich hält, weil wir es mit Erwartungen überfrachten. Ich denke, bei unserer kollektiven Weihnachtserwartung ist als letzter Kern die Ahnung schon noch da, daß wir beim Kind in der Krippe schon an der richtigen Stelle sind. Doch was können wir zu Recht von Gott erwarten?
Nicht den Lottogewinn. Nicht den Märchenprinzen. Nicht das Wundermittel. Aber den offenen Himmel und damit eine Perspektive in unserem Leben und Warten, in unseren Leiden und Freuden hinaus. Und diese Vertrauen, diese Hoffnung kann uns ermutigen hinzugehen, und Mut zu machen. Manchmal gegen den Strich zu bürsten. Sich verweigern. Nein sagen dort, wo Menschen nichts mehr zu erwarten haben. Wir schulden als Kirche, als Christen der Welt diese Botschaft. Es gibt zu Recht Hoffnung in dieser Welt. Nicht im Sinne des Märchenprinzen. Nicht im Sinne des Wundermittels. Aber im Sinne Gottes, der hinter Jesu stand, dem Jesus, der sagte: Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Wo das geschieht, wo Menschen hingehen und einander glaubhaft sagen: Gott ist mit dir, mit euch, mit uns, da wird es Weihnachten, da kommt Gott zu uns. Da kommt nicht das Paradies auf Erden. Aber da geschieht es, daß Menschen wieder anfangen, etwas vom Leben zu erwarten und hingehen und sich dafür einsetzen, daß das auch für andere erfahrbar wird. In den persönlichen Beziehungen. In der Arbeitswelt. In der Politik. Auf allen Ebenen unseres Lebens, je nach unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Noch einmal: Es wird dann nicht alles anders. Aber es werden Menschen aufgerichtet, getröstet, ermutigt. Vielleicht ganz anders, als sie es erwartet hatten. Da wird es Weihnachten. Nicht nur am Heiligen Abend.
Amen.