Matthias Jung

 

 

 

Kind in der Krippe
Predigt am 24. Dezember 1994

Liebe Gemeinde,

keine andere Zeit im Jahr scheint tief verborgene Gefühlen so ans Tageslicht zu bringen, wie die Weihnachtszeit. Wir sehnen uns stets aufs Neue nach einer ruhigen Adventszeit, aber offenbar gelingt es uns nicht. Im Gegenteil. Die Menschen scheinen von Jahr zu Jahr hektischer, mancher sogar aggressiv zu werden. Je näher die Festtage kommen, desto mehr werden die unterschiedlichsten Gefühle in uns wach.

Hoffnungen melden sich.

Sehnsüchte kommen auf.

Lange verborgene Träume stehen mir vor Augen.

Tränen aus längst versiegt scheinenden Quellen steigen nach oben.

Der Wunsch nach Frieden und Geborgenheit wird in mir unüberhörbar.

*

An keinem anderen Tag im Jahr liegen bei vielen die Gefühle so blank wie an Weihnachten. Offenbar wird viel aufgewühlt.

Wir wünschen uns gerade an Weihnachten den Frieden in den Familien.

Sehnen uns nach Ruhe für unsere erschöpften Seelen.

Träumen vom Neuanfang.

Erhoffen den Ausbruch aus unserer kalten, ewig gleich langweiligen Welt.

Und sei es nur für diesen einen Abend und die kommenden Tage.

An keinem anderen Tag im Jahr spiegelt sich so deutlich auf den Gesichtern der Menschen, was in ihnen vorgeht.

Da sind freudige, entspannte, erwartungsvolle, zufriedene, frohe, glückliche Gesichter.

Aber auch traurige, gelangweilte, gequälte, spöttische, zynische, resignierte, enttäuschte und müde Gesichter.

Auch heute abend hier ist das so.

Vielen von uns geht es gerade heute, am Heiligen Abend nicht gut. Die Fröhlichkeit ist aufgesetzt, aber dahinter ist mir ist eher zum Heulen und Weglaufen.

*

Gut ist es, wenn Kinder da sind. Die lenken ab, bringen mich auf andere Gedanken, fröhliche und unbeschwerte Gedanken. Denn schaue ich ihnen ins Gesicht, dann sehe ich fröhliche, gespannte, aufgeregte Gesichter. Und dann stehen mir plötzlich Erinnerungen aus lange vergangenen Tagen vor Augen.

Weihnachten damals.

Als ich klein war.

Erinnerungen aus Zeiten, wo alles noch schön war.

Nicht unbedingt leicht und einfach und unbeschwert, aber doch irgendwie geborgen im Kreis der Familie, abgeschirmt von den großen Fragen der Menschen und vor allem, ich hatte das ganze Leben und alle Entscheidungen und alle Erfahrungen noch vor mir.

Gerade an Weihnachten kommt so viel nach oben.

Enttäuschte Hoffnungen und Erwartungen.

Verdrängte Tränen und Trauer.

Lange zurückliegende Entscheidungen, die mein Leben bis heute bestimmen.

Vielleicht auch die Erinnerung an Schuld, die mir auf der Seele liegt, an der ich bis heute zu knabbern habe.

*

Gerade an Weihnachten verdichtet sich bei vielen Menschen das tiefe Gefühl, die Ahnung - oft ist es nicht mehr -, daß unserer Welt, meinem Leben etwas entscheidendes fehlt.

Da meldet sich die Frage nach dem Sinn, den mein Leben hat.

Da stellt sich die Frage nach den Antworten auf die Fragen, die in tausend durchwachten Nächten gestellt werden.

Die Frage nach dem Sinn des Leidens und der Krankheiten.

Die Frage, wie ich Frieden finden kann mit meiner eigenen Geschichte, mit dem was ich getan habe oder auch mit dem, was mir angetan wurde.

Die Frage, wo denn, um alles in der Welt, in dieser Welt Liebe und Geborgenheit zu finden ist.

Die Frage, ob es denn in meinem Leben doch noch einmal anders wird.

Die Frage, ob ich zu Recht auf eine neue Chance, auf einen neuen Anfang hoffen kann, trotz allem.

*

Was ist es, daß Menschen gerade in diesen Tagen so oft aus den tiefsten tiefen aufgewühlt werden?

Was ist dran an Weihnachten? Was macht Weihnachten zu Weihnachten?

Die Frage wird von Jahr zu Jahr schwerer zu beantworten.

Glitzerketten,

aggressive Werbung,

endlose Berieselung mit Weihnachtsliedern,

eine schon fast pervers zu nennende Schlacht am Bildschirm um die Gunst des Zuschauers an Weihnachten - SAT 1 wünscht "Frohes Fernsehen", nicht "Frohes Fest" -

all das prasselt auf mich ein und übertönt oft das, was an Fragen und Gefühlen in mir nach oben drängt, nach oben kommen möchte.

Was also zieht an Weihnachten an?

Es ist das Kind in der Krippe.

Das Kind in der Krippe ist es, was uns anrührt, anzieht und aufwühlt. Aber was ist denn an diesem Kind, daß die Sehnsüchte nach Frieden und Geborgenheit in den Himmel wachsen? Was läßt Hoffnungen auf eine besseres, anderes Leben in uns wach werden?

*

Erinnern wir uns.

An Säuglinge, denen wir in unserem Leben begegnet sind.

Vielleicht an unsere eigenen Kinder, als sie gerade geboren waren.

Vielleicht an unsere Enkel.

Oder an die Kinder von Bekannten oder Nachbarn.

Vergegenwärtigen wir uns den Moment, an dem wir uns über die Wiege beugten und das kleine Wesen sahen.

Was ging in uns vor?

Was geht in uns vor, wenn wir kleine Kinder sehen?

Wir sind irgendwie angerührt. Das Herz geht uns auf. Wenn es lacht, lachen wir auch. Wenn es weint, weinen wir auch. Aber warum?

Die Wissenschaft belehrt uns, daß sei das Kindchenschema und das sei wichtig, weil so die uralten Instinkte in uns wach werden, einem Säugling das zu geben, was er braucht, Zuneigung, Wärme, Geborgenheit.

Das ist alles richtig. Aber es ist noch mehr.

*

Ein neugeborenes Kind ist immer auch ein Symbol für einen neuen Anfang. Mit ihm beginnt etwas ganz Neues. Neues Leben. Ein Neugeborenes ist noch unverfälscht, ganz und gar Mensch. Noch in keinster Weise geprägt oder gar verbogen. Es hat alles noch vor sich.

Noch ist alles möglich.

Noch steht alles offen.

Und dann sind schnell wieder unsere Erinnerungen da.

An unsere eigene Geschichte.

An die eigene Kindheit.

An die Entscheidungen, die wir treffen konnten, durften oder auch mußten, die Entscheidungen, die unser Leben grundlegend beeinflußt haben.

An die Türen, die eines Tages ins Schloß fielen und wir standen draußen.

An die Schicksalsschläge, die uns trafen und alles veränderten.

Und dann ist die Sehnsucht da, wenn ich in die Wiege schaue, und der Stoßseufzer, ach, wäre ich doch noch einmal jung oder wenigstens gesund,

könnte ich doch die Weichen noch einmal anders stellen,

könnte ich doch dies oder das noch einmal anders machen,

kurz, könnte ich doch noch einmal selber von vorne anfangen.

*

Liebe Gemeinde, wenn wir im Lukasevangelium weiterblättern und die Geschichten von Jesus lesen, die Erzählungen von dem nun erwachsenenen Mann, dann stellen wir fest, daß Jesus Menschen offenbar genau das ermöglichte, was wir uns so oft erhoffen und irgendwie mit neugeborenen Kindern verbinden.

Den Neuanfang.

Die offenen Türen.

Wege in die Zukunft.

Verständnis.

Unvoreingenommenheit.

Da lesen wir davon, daß Menschen von Jesus aufgerichtet wurden.

Ermutigt wurden.

Neues Selbstvertrauen bekamen.

Aus der Isolation geführt wurden.

Geheilt wurden. An Leib und vor allem an ihrer Seele.

Jesus begegnete jedem so, wie er es brauchte. Deswegen gibt es auch so viele Geschichten. Sie sagen alle das gleiche:

Kein Mensch ist zu klein, zu schwach, zu krank oder zu schuldig, als daß Gott nicht mehr an ihm interessiert wäre.

Kaum eine menschliche Notlage, kaum eine grundlegende menschliche Frage kommt nicht in den Erzählungen von Jesus vor, Angst und Sorge, Schuld und Leid, Sinn und Ziel unseres Lebens, Krankheit, Einsamkeit und Tod.

Jesus verkörperte dieses Interesse Gottes an uns mit seiner ganzen Person, mit seinem ganzen Verhalten jedem einzelnen Menschen gegenüber, dem er begegnete. Und sein Verhalten ist dabei so ganz anders, als wir das gewohnt sind. So menschlich, wie wir es oft nicht sind.

*

Kein Wunder, daß das Kind in der Krippe zu solcher Bedeutung aufstieg. In ihm verdichtete sich im Nachinein all das, was über Jesus zu sagen war und ist:

daß in ihm die Liebe Gottes erfahrbar und spürbar wurde, auch für Menschen, die längst alle Träume aufgegeben hatten, sich scheinbar aussichtslos verrannt hatten und keine Hoffnung mehr hegten, daß in ihrem Leben noch einmal etwas anders werden könnte.

Jesus gab Menschen das, was sie zu einem sinnvollen Weiterleben brauchten, Geborgenheit, Anerkennung, eine Perspektive für ihre Zukunft, eine Hoffnung sogar über die Ränder der sichtbaren Welt hinaus, all das was wir uns an Weihnachten zu Recht erhoffen.

Keiner ist so verloren, daß Gott ihn nicht mehr lieben würde.

Keiner ist so verbogen, daß Gott ihn nicht mehr aufrichten könnte.

Keiner ist so zerbrochen, daß sich nicht doch noch einmal etwas ändern könnte.

Für diese Sicht kämpfte Jesus. Für diese Sicht der Welt und der Menschen steht Weihnachten. In der Weihnachtsgeschichte verdichtet sich diese Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung unseres ganzen Lebens und die Hoffnung, daß diese Sehnsucht Erfüllung finden kann. Und diese Sehnsucht erhält ihre Antwort in dem Kind in der Krippe, Zeichen, für das Neue, das beginnt und immer wieder beginnen kann.

*

Liebe Gemeinde, wieder ist Weihnachten. Der Tag, an dem wir uns vor Augen stellen, was mit diesem Kind begann. Eine Hoffnung für Menschen in unserer Welt. Gott hat das Seine getan, so die Weihnachtsgeschichte. Jetzt liegt es an uns. Wir können zur Krippe gehen. Dem Kind dort ins Gesicht schauen. Sehen, was da zu sehen ist. Ein Zeichen der Hoffnung, daß meine Sehnsüchte, meine Erwartungen, meine Fragen Antworten finden können. Wo das gelingt, da wird wahrlich Weihnachten. Da ist Gott bei mir angekommen.