Von guten Mächten...
Ansprache bei der Beerdigung eines vierzigjährigen Mannes
Liebe Frau L., liebe Trauergemeinde,
eben haben wir gesungen:
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost was kommen mag
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Worte Dietrich Bonhoeffers. Geschrieben kurz vor Weihnachten 1944 im Gefängnis. Sie stehen im letzten Brief, den Bonhoeffer an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schreibt. Wenige Wochen später, am 9. April 1945, wird Dietrich Bonhoeffer von den Nazis ermordet. Kurz vor Kriegsende, schon in Hörweite der amerikanischen Geschütze. Er wurde nur 39 Jahre alt. Liest man seine Briefe, dann spürt man trotz aller Unsicherheit und Zweifel über die eigene Zukunft eine große Hoffnung und Lebensfreude aus seinen Worten.
"Er hatte Hoffnung bis zum Schluss." Das haben Sie auch über Ihren Mann gesagt. Bis in die letzten Tage hinein war er von Hoffnung erfüllt, seine schwere Krankheit überwinden zu können. Aber es kam anders. Am Ende war der Krebs stärker. Er starb zuhause, ohne Schmerzen, fast bis zuletzt klar mit seinen Gedanken. Ein Sterben und ein Tod, wie viele ihn sich wünschen. Aber er kam bei P. L. viel zu früh.
Es sind wahrscheinlich ganz viele und sehr verschiedene Gefühle, die Sie bewegen. Trauer. Schmerz. Fassungslosigkeit. Erschrecken. Wir sind nicht darauf eingestellt, dass Menschen so früh sterben. Wir hören zwar davon, und wissen das auch irgendwo, aber wenn wir ehrlich sind, wir rechnen doch nicht damit, dass es ausgerechnet in unserer Familie, in unserem Freundeskreis geschehen könnte. Sicher, P. L. war schon lange krank. Hatte viel mitgemacht. Wirklich besiegt war die Krankheit nie. Aber wenn ich mich recht erinnere, dann sagten Sie, so richtig bergab ging es erst in der letzten Zeit. Und nun ist eingetreten, was wir uns vorher nicht wirklich vorstellen können und konnten. Der Mann, der Vater, der Sohn, der Freund ist gestorben.
Wir denken nach. Über ihn. Über uns. Über sein Leben, aber auch über unser Leben. Wir fragen: Was war? Und was bleibt? Wir fangen vielleicht an, dem Gedanken nach zu gehen, ob es wirklich die Zahl der Jahre sind, die ein Leben glücklich und erfüllt scheinen lässt oder vielleicht doch eher die Art, wie wir unsere Zeit füllen. P. L. hatte Familie und Freunde, er hat einen Sohn zusammen mit seiner Frau aufwachsen sehen, er hat mit Ihnen ein Haus gebaut, seine eigene Firma geführt. Das ist viel. Und er wollte so gerne noch weiter leben. Im letzten Brief Bonhoeffers an seine Verlobte schreibt er: "Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich. Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht" (Brautbriefe Zelle 92, S. 208). Was ging in P. L. vor? Sie sagten, Ihr Mann hatte Hoffnung bis zuletzt. Woher kam diese Hoffnung? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Sie sagten, er sei kein Kirchgänger. Da stand er auf der Seite der Mehrheit unserer Zeitgenossen. Aber auch unter denen, die nicht zum Gottesdienst gehen oder sich aus welchen Gründen auch immer von der Kirche abgewendet haben, ist oftmals die Sehnsucht nach einer unsichtbaren Macht vorhanden, vielleicht auch die Ahnung, dass es da eine größere uns umfassende Dimension gibt, vielleicht sogar die Erfahrung, die sich aufdrängt, dass uns etwas Drittes umgibt. Bonhoeffer spricht von unsichtbaren Mächten. Für ihn stand dahinter der Gott der Bibel, der in Jesus lebendig geworden ist, für ihn standen hinter seinen Versen Worte wie z.B. aus dem 91. Psalm: "Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen" (Psalm 91,11). Vertrauen spricht aus diesen Worten, Vertrauen zu der unsichtbaren Macht, die viele Menschen Gott nennen, aber am Namen hängt es nicht. Wichtiger ist das Gefühl, gehalten zu sein. Das kann Hoffnung machen, auch wenn es im Leben selbst hoffnungslos auszusehen scheint.
Liebe Familie L.,
ich wünsche Ihnen, dass sie dieses Gefühl in diesen Tagen und Wochen empfinden können. Das wäre eine Brücke, auch P. L. diesem Gott anzuvertrauen für immer. Die Erfahrung der ersten Christen war: wenn es heißt, Gott liebt uns und nichts kann dazwischen treten, dann kann auch der Tod zwischen Gott und mir nicht trennen, dann sind wir im Tod und darüber hinaus von ihm gehalten. Und aus diesem Gefühl heraus kann auch eines Tages dieses Ihr Leben wieder farbig und froh werden, trotz der Narbe, die bleiben wird, trotz allem, was wir nicht verstehen.
Von diesem Gefühl des Vertrauens spricht auch das Lied, dass wir jetzt noch singen wollen. Es ist 1941, auch im Krieg entstanden. Arno Pötzsch, Pfarrer bei der Marine, abkommandiert nach Holland hat es geschrieben. Er stand dort an den Betten verwundeter Deutscher, führte Gespräche mit englischen Gefangenen und notleidenden Holländern, begleitete Menschen auf dem Weg zur Hinrichtung, die sterben mussten, weil sie Juden versteckt und geholfen hatten. Seine Gedanken und seine Gefühle hat er in diese Worte gelegt:
Du kannst nicht tiefer fallen
als nur in Gottes Hand
die er zum Heil uns allen
barmherzig ausgespannt.
Amen.
Die persönlichen Angaben wurden verfremdet.