Matthias Jung

 

 

 

Predigt über Lukas 16,1-9 ("Der unehrliche Verwalter")

bei der Einweihung des Gemeindeamtes evangelischer Kirchengemeinden im Kirchenkreis Dinslaken am 23. Juni 2000 in der Christuskirche in Dinslaken

 

Predigttext:
Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach fragte er den zweiten: Du aber, wieviel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Jesus-Geschichten, da kann man nur den Kopf schütteln. Man fragt sich, was das soll. Diese Geschichte hier ist unmoralisch durch und durch. Stellen wir uns das vor: Johann Wiberny, Verwaltungsleiter unseres neuen Amtes, würde sich so verhalten. Erst veruntreut er Geld, das Leitungsorgan kommt dahinter, stellt ihn zur Rede und wirft ihn raus. Was sollten wir auch sonst machen. Wenn nicht, würden die Presbyterien einen Aufstand machen, zu Recht. Und dann geht Johann Wiberny hin und inszeniert einen neuerlichen großangelegten Betrug, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Unglaublich wäre das. Ich will gar nicht weiter ins Detail gehen, ob und wie dies vorstellbar wäre. Ob die Rechnung des unehrlichen Verwalters aufgeht, erfahren wir von Jesus ja auch nicht. Wohl aber, dass Jesus diesen Menschen ausdrücklich lobt, und zu über den grünen Klee. Klug hat er gehandelt. Klug würde dann auch Johann Wiberny handeln?!

Wüssten wir nicht, dass diese Geschichte von Jesus erzählt wird, dann würden wir sagen: Was für ein Spinner! Aber da es Jesus ist, der hier spricht, muss da etwas dahinter stecken.

Den entscheidenden Hinweis geben die letzten Worte Jesu:

Die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.

Diesen Satz – wie das ganze Gleichnis – sagt Jesus zu seinen Jüngern. Und dieser Satz klingt traurig und resignativ. Die anderen, die Kinder der Welt, sind so schlau und geschickt, wenn es um ihre Belange geht. Die setzen sich ein, zögern nicht lange und handeln schnell. Aber ihr... Ihr ruht euch auf euren Lorbeeren aus.

Wir haben doch Jesus, was brauchen wir mehr.

Wir haben doch Gott, der wird für uns sorgen.

Was sollen wir uns anstrengen, Gott wird’s schon richten. Und wenn nicht, dann war es eben Gottes Wille.

So oder so ähnlich werden die Jünger gedacht, gefühlt, vielleicht auch geredet haben. Ein wenig träge und selbstzufrieden in der Nähe Jesu.

Jesus hat dies bemerkt und ich denke, ihn hat so eine Art heiliger Zorn erfasst. Und mit dieser Geschichte will er seine Anhänger aufrütteln und sie auch ein wenig provozieren. Natürlich handelt dieser Verwalter unmoralisch und kriminell. Das weiß auch Jesus. Aber darum geht es ihm nicht.

Bei jedem Gleichnis gibt es die Pointe, den Vergleichspunkt, den Knackpunkt, wie man neudeutsch sagt. Und der liegt hier in dem entschlossenen Handeln dieses Menschen. Er agiert klug und schlau, erkennt die Gunst der Stunde, kombiniert messerscharf, weiß aus seinem "Unglück" Glück zu machen, weiß für sich zu sorgen.

Der Knackpunkt ist nicht die Moral, sondern die Reaktionsweise dieses Verwalters. Und die imponiert Jesus. Die will er seinen Jüngern vor Augen stellen:

Wenn ihr doch auch mal so entschlossen, so konsequent, so pfiffig handeln würdet, so wunderbar und entschieden die Gunst der Stunde nützen würdet, um euch für das Reich Gottes einzusetzen, für das Evangelium, für die Botschaft vom nahen und menschenfreundlichen Gott. Ihr müsst ja nicht gleich dabei ins Gegenteil umschlagen und euch überfordern, aber bitte kommt aus eurer Trägheit heraus.

Ruht euch nicht aus auf eurem Glauben.

Schiebt nicht alles auf Gottes Willen.

Habt keine Angst vor Entscheidungen.

Ihr könnt viel mehr als ihr denkt.

 

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute die Einweihung unseres neuen Gemeinsamen Gemeindeamtes. Gestartet sind wir Anfang des Jahres mit vielen Hoffnungen, Erwartungen, auch Befürchtungen. En halbes Jahr ist vergangen, manches läuft, anderes noch nicht. Aber natürlich geht es hier nicht darum, die Mitarbeiterschaft der neuen Verwaltung als träge und selbstzufrieden zu geißeln.

Nein, dieses Gleichnis ist zuallererst eine Erinnerung an unseren kirchlichen Auftrag. Dieser Auftrag ist von Jesus klar umrissen:

Das Evangelium soll unter uns, in der Welt laut werden.

In Wort und Tat.

Menschen sollen nach dem Willen Gottes getröstet, begleitet, aufgerichtet, ermutigt, unterrichtet, verbunden werden.

Dafür gibt es die Kirche.

Nur dafür.

Dafür gibt Einrichtungen vom Pfarramt über den Kindergarten bis zum Presbyteramt.

Dafür, auch nur dafür, gibt es auch eine Verwaltung.

Und dann höre ich dieses Gleichnis als Ermutigung und Ermahnung, bei all unserem kirchlichen Handeln dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Zunächst höre ich da für mich:

Sei nicht träge.

Ruh dich nicht auf irgendwelchen Zusagen Gottes aus.

Schau auf diesen Verwaltungsmenschen: lass dich von seiner Entschlossenheit, seiner Schnelligkeit, seiner Zielgerichtetheit anstecken.

Du brauchst dich nicht zu überfordern. Aber lass dich immer wieder herausfordern, infrage stellen, auf neue Wege locken – immer das Ziel dabei im Auge: der Verbreitung des Evangeliums zu dienen. Dies höre ich für mich in meiner Arbeit als Pfarrer in meiner Gemeinde, aber auch als Vorsitzender des Gemeinsamen Presbyteriums.

Und das gilt dann aber auch für die Menschen in unserem neuen Amt und in unseren Gemeinden – als Erinnerung, Ermutigung und Ermahnung.

Das Gleichnis vom unehrlichen Verwalter erinnert an den Auftrag der Kirche:

Menschen sollen nach dem Willen Gottes getröstet, begleitet, aufgerichtet, ermutigt, unterrichtet, verbunden werden.

Und diese Erinnerung ist zugleich Ermutigung und Ermahnung, weiter zu arbeiten, stets zu neu überlegen, wie diese Verwaltung für die Gemeinden und mit den Gemeinden möglichst gut arbeiten kann.

Denn auf diesem Weg gibt es natürlich Gefahren und Schwierigkeiten.

Es besteht immer die Gefahr, träge zu werden, sich mit Verhältnissen zufrieden zu geben.

Es gibt immer die Gefahr, sich die Verantwortung gegenseitig zu zuschieben.

Es gibt die Gefährdung, erst einmal abzuwarten, zu beobachten und gar nichts zu tun.

Es gibt immer auch Angst, neue Wege zu gehen, neue Verantwortung zu übernehmen.

Es gibt immer auch Unzufriedenheit, weil Veränderungen dazu führen, dass alt Vertrautes so nicht mehr existiert.

Es gibt immer auch Hoffnungen und Erwartungen, wie sich etwas verändern könnte oder müßte.

Es wird immer auch Hoffnungen und Erwartungen geben, die nicht erfüllt werden können. Denn es gibt Grenzen für unsere Möglichkeiten, Grenzen der Belastung für die Mitarbeitenden wie Grenzen der finanziellen Möglichkeiten.

Aber ganz gleich: Es muss auch in diesem Bereich kirchlicher Arbeit immer wieder neu nachgedacht, geplant und entschieden werden. Daran müssen wir erinnert, ermutigt und ermahnt werden.

Denn:

Es gibt keine Alternative. Das Evangelium ist zu verbreiten in Wort und Tat. Dazu braucht es auch eine schlagkräftige, kompetente und engagierte Verwaltung.

Solch eine gravierende Veränderung wie die Gründung eines Gemeinsamen Gemeindeamtes für fünf Kirchengemeinden ist für alle eine große Herausforderung. Hören wir dort doch dieses Gleichnis vom unehrlichen Verwalter und lassen uns ermutigen und ermahnen und vor allem an unseren Auftrag erinnern – das Evangelium unter die Menschen zu bringen.

Konsequent.

Mutig.

Entschlossen.

Zielgerichtet.

Amen.