Die Latte zu hoch gelegt
Predigt über Matthäus 26,30-35.69-75
[In der Mitte der Kirche liegen zwei Autoreifen, in deren Mitte Holzstangen stecken, in die eine Reihe von Nägeln geschlagen sind. Eine Latte ist irgendwo am Anfang nicht sichtbar abgestellt.]
Textverlesung:
"Darauf spricht Jesus zu ihnen: Ihr werdet euch alle in dieser Nacht an mir ärgern; denn es steht geschrieben: `Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden. Nachdem ich aber auferweckt sein werde, werde ich vor euch hingehen nach Galiläa. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sich alle an dir ärgern werden, ich werde mich niemals ärgern. Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, daß du in dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, mich dreimal verleugnen wirst. Petrus spricht zu ihm: Selbst wenn ich mit dir sterben müßte, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso sprachen auch alle Jünger.
Petrus aber saß draußen im Hof; und es trat eine Magd zu ihm und sprach: Auch du warst mit Jesus, dem Galiläer. Er aber leugnete vor allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber in das Torgebäude hinausgegangen war, sah ihn eine andere; und sie spricht zu denen, die dort waren: Auch dieser war mit Jesus, dem Nazoräer. Und wieder leugnete er mit einem Eid: Ich kenne den Menschen nicht! Kurz nachher aber traten die Umstehenden herbei und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, auch du bist einer von ihnen, denn auch deine Sprache verrät dich. Da fing er an, sich zu verwünschen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht! Und gleich darauf krähte der Hahn. Und Petrus gedachte des Wortes Jesu, der gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich."
Liebe Gemeinde,
wahrscheinlich haben Sie sich schon gefragt, was die Autoreifen und Stangen hier bedeuten sollen und was diese mit Petrus zu tun haben. Nun, die erste Frage kann ich Ihnen sofort beantworten. Dieses Gestell soll eine Hochsprunganlage darstellen. Da gibt es eine Latte und verschiedene Stufen und jeder Springer hat bei jeder Höhe drei Versuche, dann ist er ausgeschieden. [Während ich das erkläre, nehme ich die Latte und lege diese auf eine der Stufen.]
Wir Menschen stecken uns Ziele und versuchen sie zu erreichen. Das fängt schon ganz früh an. Ein Baby versucht mit allergrößter Anstrengung ein Spielzeug zu erreichen, sich am Tisch hoch zu ziehen, laufen zu lernen und so weiter. Lebenslang geht das so weiter. [Die Latte wird dabei immer eine Stufe höher gelegt.] Ich versuche heraus zu finden was ich kann, wieviel ich kann. Mit der Zeit kommen Schwierigkeiten hinzu. Da sind vielleicht die Eltern, die antreiben. Da sind die anderen Kinder im Kindergarten, mit denen ich mich vergleiche. Über die Schule und was dann an Leistung und Konkurrenz beginnt, brauche ich nicht viel zu sagen.
Es gibt für Menschen grundsätzlich zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich kann meine Ziele so setzen, daß ich grundsätzlich unter meinen Möglichkeiten bleibe. Dann erreiche ich nicht so viel, brauche aber auch nicht das Gefühl des Versagens zu erleben. Oder ich stecke meine Ziele immer höher und versuche sie zu erreichen. Und dann neue zu stecken. Und ganz oft ist es so bei uns Menschen, daß wir in einem Bereich selbstbewußt unsere Ziele immer weiter stecken und im anderen Bereich still und unscheinbar sind. Da gibt es dann so Karikaturen vom erfolgreichen Geschäftsmann, der zu Hause völlig unter dem Pantoffel steht.
Petrus nun ist ein Mann, der es erlebt hat, daß er die Erfolgsleiter immer weiter hinauf geklettert ist. Immer größere Höhen hat er genommen, die Latte konnte er immer höher legen. [Die Latte wird dabei immer weiter nach oben gelegt.] Da wird ein Fischer von Jesus auserwählt um als sein Jünger mit ihm herumzuziehen. An sich braucht Petrus sich darauf nichts einzubilden, aber es tut dem eigenen Selbstwertgefühl doch gut, in der Nähe eines solchen Mannes leben zu dürfen. Petrus hat mit Sicherheit die bewundernden und neidischen Augen vieler Menschen auf sich gespürt, wenn er mit Jesus und den anderen Jüngern in ein Dorf einzog und einen riesigen Auflauf verursachten.
Dann geschah es, daß Petrus im Kreis der Jünger immer mehr eine Sonderrolle übertragen bekam. Auf ihm wollte Jesus seine Gemeinde bauen, weil er verstand wer Jesus ist, nämlich der Mensch, in dem Gott uns Menschen so nah wie niemals zuvor und niemals danach. Er war es, der mit Jakobus und Johannes auserwählt wurde, mit Jesus auf den Berg zu steigen wo sie ihn in einem himmlischen Licht sahen, daß kein Mensch zuvor oder danach gesehen hat. Er erlebte es immer wieder, daß er etwas besonderes war und auch Fähigkeiten hatte, die kein anderer der Jünger hatte, Führungsqualitäten und Durchblick und Erkenntnis.
Er sagte Jesus ins Gesicht, daß er der Messias sei und Jesus lobte ihn dafür. Aber dann, gleich danach kam der erste Absturz. Da ging schon einmal zu weit. Ich werde leiden müssen, sagte Jesus zu seinen Jüngern und Petrus protestierte lautstark. Und wurde von Jesus aufs Schärfste zurückgewiesen. Da überzog Petrus seine Fähigkeiten und meinte besser zu wissen als Jesus, was gut für Jesus sei. Da fiel die Latte zum ersten Mal runter. [Die Latte wird runtergeworfen.] Fehlversuch. Aber das war nicht tragisch.
Und dann kommt es zu dieser Nacht. Die Jünger sitzen beim Abendmahl und Jesus sagt diese furchtbaren Worte: Ihr werdet mich alle verlassen. Stellen Sie sich vor, Ihr engster Freund oder Freundin würde das zu Ihnen sagen. Protest wäre die logische Folge. Und Petrus widerspricht auch gleich. Die anderen schweigen, aber er sagt: Wenn´s auch alle tun, ich nicht. Da ist es wieder. Petrus weiß um seine besondere Stellung und fühlt sich besonders für Jesus verantwortlich. Vielleicht spürte er ganz tief, ganz leise schon die Angst, aber fühlt sich gedrängt zu sagen: Ich bleibe bei dir. Und Jesus sieht ihn an und setzt noch einen drauf. Du, Petrus, genau du, wirst mich verleugnen in dieser Nacht, und zwar nicht einmal, nicht zweimal, sondern dreimal. Und Petrus, schwer angeschlagen, schlägt wie wild mit Worten um sich: Selbst wenn ich mit dir sterben müßte, ich werde dich nicht verleugnen. Ein großes Wort. Die Latte ganz hoch gelegt. [Die Latte kommt auf die höchste Stufe.]
Und dann kommt s zu dieser bitteren Szene nach Jesu Verhaftung. Petrus im Hof, eine Magd kommt und sagt ihm, so laut, daß es alle Umstehenden hören können, ins Gesicht: Auch du warst doch mit diesem Jesus zusammen. Und mit einem Mal brechen in Petrus die Schutzwälle zusammen, die Angst kriecht hoch, ja er ist nur noch Angst und sagt: ich weiß nicht was du sagst. Und die Latte fällt. Zum ersten Mal. [Die Latte fällt und wird wieder auf die gleiche Höhe gelegt.] Ob Petrus das bewußt registriert hat? Das Evangelium schweigt darüber. Vielleicht ging alles auch viel zu schnell und schon, bevor sich noch Puls- und Herzschlag normalisiert haben, sagt die nächste Frau zu ihm: Auch du warst doch mit diesem Jesus zusammen. Panik bricht in Petrus aus. Und um die Angst auch nur einigermaßen noch beherrschen zu können, schwört er sogar: Ich kenne diesen Mann nicht. Und die Latte fällt zum zweiten Mal. [Wie beim ersten Mal.] Je stärker die Angst, desto stärker die Versuche, die Angst zu kontrollieren. Doch es hilft alles nichts. Die Menschen sagen zu ihm: Deine Sprache verrät dich. Und Petrus, hell aufgelöst, in Todesangst verwünscht und verflucht sich. Verflucht sich: Da müssen wir einen Moment inne halten. Verfluchen, daß heißt, er sagt sich von sich los, will von sich nichts mehr wissen, haßt sich und lehnt sich ab. Es ist ihm noch nicht bewußt, aber indem er sich verflucht, spricht er sich schon selbst das Urteil. Und die Latte fällt zum dritten Mal. [Die Latte fällt wieder, bleibt aber liegen. Kurze stille Pause, bevor weiter geredet wird.] Ende, ausgeschieden, der Kampf ist zu Ende. [Pause, eventuell vom Band das Krähen eines Hahnes] Der Hahn kräht. Petrus erkennt die Wahrheit. Er bricht zusammen.
Liebe Gemeinde, warum erzähle ich Ihnen das alles so ausführlich? Nun zunächst einmal berichtet das Evangelium selbst so ausführlich davon. Da wäre doch erst einmal zu fragen, wieso das Evangelium so ein großes Interesse daran hat, diesen Menschen Petrus - ich möchte es mal so sagen - hier so in seiner Schwachheit, in seinem Versagen vorzuführen. Gut, wir kennen die Petrusgeschichte seit Kindertagen, aber versuche ich das aus der Distanz zu betrachten, läge daß Mißverständnis nahe, hier würde eine Klatschgeschichte aus einer billigen Illustrierten erzählt, wo Menschen sich am Leid anderer weiden. Doch nichts liegt dem Evangelium ferner. Im Gegenteil, hier wird so breit erzählt, daß jeder und jede sich darin wiederfinden kann. So wie Petrus handeln Menschen bis heute. Wir setzen uns Ziele, so wie wir uns einschätzen. Wir erreichen diese Ziele - oder auch nicht. Und wenn wir versagen, dann gehen wir ganz oft so mit Verdrängung an die Sache heran wie Petrus. Bis zum Zusammenbruch. Bis zum Zusammenbruch. Petrus ist nicht der Strahlemann und nicht der Held. Er ist ein Mensch wie du und ich. Er verhält sich so, wie Menschen sich bis heute verhalten. Immer wieder. Auch Sie und ich. Und von daher ist die Konsequenz schon zu ziehen, daß ich meinen Namen hier ins Evangelium schreiben muß. Dann verhält sich nicht Petrus allein Jesus gegenüber so, sondern auch ich, Matthias Jung oder [Namen aus der anwesenden Gemeinde nennen]. Ich bin dann mit Recht Teil der Passionsgeschichte, ich bringe Jesus mit ans Kreuz.
Aber wenn es so ist, dann gilt auch für mich das Umgekehrte. Denn Jesus, Gott läßt Petrus nicht fallen. Petrus wird der erste Mann sein, der den Auferstandenen sieht. Petrus wird der erste Führer der Gemeinde in Jerusalem sein. Er ist hier in dieser Szene gescheitert. Aber nicht ausgeschieden. Von nun an kennt er seine Grenzen besser und legt die Latte nicht mehr so hoch. [Die Latte wird in einer mittleren Höhe aufgelegt und bleibt dort liegen.] Eine tröstliche Geschichte. Für Petrus. Und für mich.
Amen.