MJ

Die Verleugnung des Petrus 
- Predigt in der Passionszeit 2002


Liebe Gemeinde,

vor einigen Wochen fand in unserem Kindergarten auf der Rönskenstrasse eine Fortbildung zur Geschichte von der Verleugnung des Petrus statt. Dabei sind wir so vorgegangen, dass ich die Geschichte erzählt habe und die Erzieherinnen an mehreren Stellen gebeten habe, sich in Petrus zu versetzen und seine möglichen Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Dies war eine spannende Fortbildung. Ich habe daher aus den Ergebnissen eine Predigt gemacht. Ich möchte Ihnen nun die Geschichte erzählen: An den Stellen, an denen ich im Kindergarten unterbrochen habe, werde ich auch heute eine Pause machen. Sie können sich dann kurz überlegen, was Ihrer Meinung nach Petrus in diesen Momenten gedacht hat. Anschließemd lese ich Ihnen vor, was die Erzieherinnen Petrus in den Mund gelegt haben.

Die Verleugnung des Petrus hat eine Vorgeschichte. 
Jesus beruft Petrus in seine Jüngerschaft, macht ihn zu seinem Freund. Drei Jahre ziehen sie gemeinsam durchs Land, teilen Tage und Nächte, erleben den Zulauf, aber auch die Anfeindungen. 
Petrus erlangt eine besondere Stellung unter den Zwölf, wird von Jesus mit besonderen Aufgaben betraut. Das stärkt sein Selbstbewusstsein. So kommen sie schließlich nach Jerusalem. Als Jesus seinen Jüngern ankündigt, dass er hier sterben wird, sind alle entsetzt. Besonders Petrus versucht Jesus entgegenzutreten, wird aber scharf in die Schranken gewiesen. 
Am Abend vor seinem Tod, nach dem Abendmahl, kündigt Jesus ihnen an, dass sie ihn alle verlassen werden in dieser Nacht. Petrus ist entrüstet, schwört Jesus ewige Treue, will mit ihm sterben. Doch Jesus kennt ihn besser, kündigt Petrus, dass dieser ihn bis zum Morgen dreimal nicht kennen wird, bis der Hahn kräht. Keiner glaubt´s in diesem Moment, Petrus am allerwenigsten. 
In der Nacht wird Jesus verhaftet und zum Hohenpriester geführt, dort versammeln sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. Petrus folgt ihnen von ferne, bis hinein in den Palast des Hohenpriesters, und setzt sich zu den Knechten ans Feuer. - An dieser Stelle bat ich die Erzieherinnen zum ersten Mal, sich in Petrus zu versetzen:

Ich fühle mich komisch, ängstlich, unbehaglich. Hilfe! Ich habe Angst. Alles gerät aus den Fugen. Ich bin unsicher und verwirrt, was wird passieren? Ich fühle mich alleine. Was soll ich machen? Gut, dass mich hier keiner kennt. Ich fühle mich machtlos. Wird auch mir etwas geschehen? Ich möchte nicht von den Männern verhört werden. Ich habe Jesus versprochen, bei hm zu bleiben, aber ich glaube, ich schaffe das nicht!

Petrus im Hof am Feuer, hin und hergerissen. Da kommt eine von den Mägden des Hohenpriesters heraus. Als sie Petrus sieht, wie er da am Feuer sitzt und sich wärmt, schaut sie ihn an und sagt zu ihm: Du warst doch auch mit dem Jesus von Nazareth zusammen. Und Petrus? Sofort streitet er es ab und sagt: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. – Hier unterbrach ich erneut und bat, die Gedanken und Gefühle des Petrus nachzuempfinden:

O nein, jetzt haben sie mich erwischt! Sie hat mich erkannt! Wird sie mich den anderen Menschen verraten? Wie komme ich aus dieser Situation wieder heraus? Was habe ich gesagt? Was habe ich getan. Aber ich habe so große Angst. Jesus kann mir nicht helfen. Ich stehe alleine hier. Wird man mich verraten? Soll ich fliehen? Was soll ich tun? Ich weiß es nicht. Ich kann hier nichts mehr tun, nur mich retten.

Petrus weicht ein wenig zurück und geht hinaus in den Vorhof. Der Hahn kräht. Einmal. Die Magd kommt hinterher, sieht ihn noch einmal an sah ihn und sagt, zu denen, die dabeistehen: Das ist einer von denen. Und Petrus leugnet es erneut. Und nach einer kleinen Weile sagen die, die dabeistehen, noch einmal zu Petrus: Also wirklich, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer, du sprichst wie die aus Galiläa. Und Petrus fängt  an, sich zu verfluchen und zu schwört: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet. – Die Erzieherinnen haben das Innenleben des Petrus in diesem Moment so beschrieben:

Nein, nein, nein, ich will hier raus. Schnell weg, ich muss weg! In welche Situation hat mich Jesus gebracht? Ich will nicht getötet werden. Ich will leben. Ich will meine Haut retten. Sie haben mich erkannt, es gibt für mich nur diesen Ausweg. Ich konnte ihnen doch nicht sagen, dass ich zu ihnen gehöre und einer von ihnen bin. Was wäre wohl passiert, wenn ich nicht gelogen hätte? War es wirklich richtig? Warum habe ich das gemacht? Ich habe so einen Freund wie Jesus nicht verdient. Wahre Freunde stehen zu einander! Wenn ich doch nur alles rückgängig machen könnte...

Doch viel Zeit bleibt Petrus nicht zum Nachdenken. Denn schon kräht der Hahn zum zweiten Mal. Und dann heißt es im Evangelium an dieser Stelle: Und der Herr wendet sich um und sieht Petrus an. – Was geht in diesem Moment in Petrus vor? So sahen es unsere Erzieherinnen:

Nein! Nein! Nein! Mein Gott, nein! Was habe ich getan? Und Jesus hat es vorausgesagt! Er wusste, wie schlecht ich bin. Ich habe ihn verraten. Wie konnte mir das passieren? Jesus, ich wollte es nicht! Hilf mir! Wie konnte ich einer deiner Jünger sein und dich nun schmählich hintergehen. Ich fühle mich so schlecht, leer. Was denkt Jesus jetzt bloß von mir? Wie konnte mir das nur passieren? Armer Jesus... Bitte, sei mir nicht böse. Das habe ich nicht gewollt. Ich hatte plötzlich so große Angst. Bitte verstehe mich, ich hatte so große Angst! Ich bin doch nicht so stark, wie du mich immer gesehen hast und wie ich mich gesehen hatte. Ich habe unsere Freundschaft verraten, was kann ich jetzt noch tun? Ich werde es mir nicht verzeihen, ich habe meinen Freund alleine gelassen. Wie soll ich mit dieser Schuld leben? Ich möchte in das kleinste Mauseloch kriechen, weil ich mich so schäme. Jetzt ist alles vorbei.

Und Petrus fängt an zu weinen.

So endet an dieser Stelle die Geschichte. Aber später geht sie weiter. Gott sei Dank. Für Petrus und für alle, die sich hier irgendwo wiederfinden. Denn was dem Petrus hier passiert ist, ist nichts ungewöhnliches. Immer wieder geschieht es unter uns. Wir fühlen uns mal stark und groß, dann wieder klein und ängstlich. Wir nehmen uns Sachen vor und versprechen etwas, aber dann merken wir, ich schaffe es nicht. Da geht es zumeist nicht um solche Dinge wie hier, wo Leben und Tod auf dem Spiel stehen. Leider belasten solche Momente aber die Beziehungen zu den Menschen, mit denen wir leben: die Familie, die Freunde, Nachbarn, Menschen am Arbeitsplatz. Die Gefühle und Gedanken des Petrus dürften uns nicht fremd sein. Aber Gott sei Dank lässt Gott uns deshalb nicht fallen.

Amen.