Matthias Jung

 

 

 

Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Predigt am Volkstrauertag 2006 über Offenbarung 2,8-12

 

Liebe Gemeinde,

der Predigttext enthält einen Bibelvers, der - zumindest in der älteren Generation - sehr bekannt ist: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ein früher sehr beliebter Konfirmationsspruch. Er steht im letzten Buch der Bibel in einem Brief des Johannes an eine Gemeinde, die unter heftiger Verfolgung zu leiden hat. Die Existenz als Gemeinde ist bedroht und die Mitglieder müssen darüber hinaus auch um ihr eigenes Leben fürchten. Dieser Gemeinde ruft Johannes zu: Seid treu bis in den Tod, haltet durch, haltet am Glauben fest, damit ihr euer Heil nicht verspielt, wenn ihr denn schon euer Leben verlieren solltet. Die Krone des Lebens, eigentlich wörtlich: der Kranz des Lebens, die gilt es zu erhalten, so wie ein Sportler nach dem Sieg im Wettkampf ausgezeichnet wird. Ein Bild, dass Johannes wählt, um den verfolgten Christinnen und Christen zu veranschaulichen, was sie gewinnen, aber auch verlieren können.

Ziemlich weit weg von unserer Lebenswirklichkeit. Finden Sie nicht? Leben wir in Verfolgung? Nein. Müssen wir um unser Leben fürchten, wegen unseres Glaubens? Nein. Trotzdem hat der Spruch Menschen immer wieder fasziniert und begeistert. Denn auch in unserem Land gibt es furchtbare Dinge, die Menschen am Glauben zweifeln oder sogar verzweifeln lassen. Dann ist solch eine Aufforderung vielleicht schon hilfreich, denn hinter der Aufforderung steht ja die Zusage: Haltet am Glauben fest - weil Gott treu ist und euch nicht fallen läßt! 

Dennoch bleibt die Frage, warum dieser Text ausgerechnet am Volkstrauertag für die Predigt vorgeschlagen wird. Traditionell ist das der Tag, an dem wir der Opfer von Krieg und Gewalt gedenken. Zwar bleibt uns gar nichts anderes übrig, als Tag für Tag an Gewalt und Krieg zu denken, flimmern doch die Nachrichten aus der ganzen Welt mit fürchterlichen Nachrichten über unsere TV-Schirme. Manchmal hat es den Eindruck, als hätten wir uns schon dran gewöhnt und nur die besonders grauselige Nachricht schreckt uns noch auf. Vielleicht ist es dann doch ganz gut, wenn der Volkstrauertag uns Jahr für Jahr einlädt, einen Moment inne zu halten und über die ganzen Zusammenhänge und Hintergründe von Krieg und Gewalt nach zu denken. 

Doch ist dieser Text dazu geeignet? Sei getreu bis in den Tod, das klingt doch eher wie eine Durchhalteparole, Treue gegenüber Volk und Vaterland. in der Tat haben ja auch die Feldprediger in den Weltkriegen immer wieder vor Schlachten gerade über diesen Text gepredigt. Ich fand bei der Vorbereitung des Bericht über einen Pfarrer im Ersten Weltkrieg, der irgendwo in Belgien den blutjungen Menschen mit diesem Bibelvers Mut und Trost vor der allerersten Schlacht gemacht hat. Stunden später, im ersten Hagel der Granaten wird er selbst tödlich verwundet, ein junger Mann erinnert sich in seinem Tagebuch daran, dass er noch auf dem Abtransport versuchte, "seine" Soldaten zu trösten. Und der Soldat vermerkt: das, was der Pfarrer gepredigt hat, lebte er selbst...

Aber ich fand noch eine andere Stelle, an dem die Treue bis in den Tod beschrieben, besser: beschworen wurde. Allerdings nicht im christlichen Sinn. Allerdings nicht als Aufforderung, sondern als Versprechen. Vielleicht erinnert sich der eine andere Ältere an das deutsche Flaggenlied, in dem es in der ersten Strophe heißt:

|: Ihr woll'n wir treu ergeben sein,
Getreu bis in den Tod,
Ihr woll'n wir unser Leben weih'n,
Der Flagge Schwarz-Weiß-Rot! :|
Hurra!

Später wird vom Ehrentod die Rede sein, vom Heldentod, von der Pflicht, die Fahne bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.

Nun gut, ein altes Lied. Und doch kam genau dieses Lied einem Zeitgenossen in den Sinn, als er im September im Fernsehen den Bericht über das auslaufen der deutschen Kriegsschiffe zum Libanoneinsatz sah. Er schrieb in einem Kommentar:

"Ein Marine-Pressesprecher erklärte technische und organisatorische Details; er erklärte auch, dass das Lied, das die Kapelle spielte, dass man aber nicht hören konnte, bei jedem Ein- und Auslaufen dasselbe ist.

Warum nur hatte ich danach noch lange eine Faust in der Magengegend? Es war das Lied, das mir einfiel und den ganzen Tag nicht aus dem Kopf ging. Wie gesagt, ich konnte nicht hören, was die Kapelle spielte, und es war sicher nicht das Kriegsmarine-Abschiedslied aus meiner Kindheit, das wahrscheinlich noch aus dem Ersten Weltkrieg stammt, eine heitere Melodie und ein penetrant harmloser Text: "Heute wollen wir ein Liedlein singen, trinken wollen wir den kühlen Wein" usw., erst am Schluss geht es dann gegen Engelland, ahoi. Im Anschluss kam dann immer noch das getragene "...getreu bis in den Tod... der Fahne Schwarz-weiß-rot". Und da habe ich wieder die Faust im Magen.

Fängt das wieder an?

Ich weiß, ich weiß: Es besteht ja die Hoffnung, dass die, die da in Reih und Glied standen - mein Gott, so wahnsinnig jung, diese Milchgesichter, auch ein paar Mädchen darunter - , dass die alle wieder auf zwei Beinen nach Hause kommen. Und dieser Einsatz ist wahrscheinlich nicht so psychisch belastend wie die anderen: in Afghanistan, im Kosovo, wo sie verhindern sollen und nicht können, wie sich Bevölkerungsgruppen gegenseitig massakrieren, im Kongo, wo sie unter Umständen Kindersoldaten gegenüberstehen.

Aber bei diesen anderen Einsätzen habe ich keine Abschiedszeremonie gesehen; hat es die nicht gegeben?  Man sollte sich nämlich so etwas ansehen - dann begreift man  physisch, wo wir wieder gelandet sind."

Dieser Kommentar hat mich sehr nachdenklich gemacht, ich habe aber einige Tage gebraucht, bis mir einfiel, warum.

Sie erinnern sich sicher noch an die Diskussionen vor 20, 25 Jahren, zur Zeit der Friedensbewegung. Hunderttausende demonstrierten auf den Strassen gegen Pershing-2 Raketen. Auch Christinnen und Christen beteiligten sich an diesen Protesten, ich kann mich selbst daran erinnern, als Student mit einem Plakat: Christus ist unser Friede! zu einer Demonstration gegangen zu sein. tage und nächtelang wurden über Sinn und Unsinn von Krieg und Gewalt, über wegen zum Frieden und den Vorzügen von Gewaltlosigkeit oder zumindest gewaltlosem Widerstand diskutiert. Kreis- und Landessynoden beschäftigten sich mit dieser Thematik. Heftige Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft, auch innerhalb der Kirche.

Und heute?

Es wird sie sicher gegeben haben, Veranstaltungen und einzelne Proteste gegen die Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan und im Kosovo oder jetzt auch im Libanon. Aber ich habe jedenfalls nichts davon mitbekommen. Und mehr noch: ich wäre auch nicht auf den Gedanken gekommen. Da hat sich vieles verändert in unserem Empfinden und Bewerten. Vermutlich unterstützen heute viele Menschen den Einsatz der Bundeswehr in aller Welt. Ich auch. Aber was mir auffällt: das ist alles sehr schleichend, ohne große Diskussion zumindest in der Kirche gegangen. Und ich frage mich: haben wir dazu nichts mehr zu sagen? Spätestens, wenn der erste deutsche Soldat bei einem Einsatz tot zurück kommt, werden wohl auch Pfarrer gefragt sein, etwas zu sagen. Und dieser Tag kommt näher, denken wir an die Diskussionen um einen Einsatz der Bundeswehr im gefährlichen Süden von Afghanistan...

Es stände uns gut an, wir würden den Volkstrauertag 2006 zum Anlass nehmen, für uns einmal darüber nachzudenken, was sich hier verändert hat. Deutschland sendet deutsche Soldaten in die Welt, um den Frieden zu sichern - und erstmals dürfen sie dazu auch schießen, wenn ich den Libanoneinsatz richtig verstanden habe. Was passiert da? 

Sicher ist es heute nicht mehr so einfach, mit Worten wie denen des Johannes: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben, Menschen in Kampfeinsätze zu schicken. Da steht unsere Geschichte dazwischen und sicher auch die abnehmende Bedeutung des christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft. Doch was würden wir einem jungen Mann sagen, der aus Voerde zu einem Einsatz nach Afghanistan, in den Kosovo, in den Libanon geschickt würde? Was würde ich sagen, wenn er zu mir als Pfarrer käme und von seiner Angst spricht? Das nehme ich war, das gerade in den letzten Wochen Berichte über die Vorbereitung der jungen Soldaten in Zeitungen erscheinen oder auch ehemalige Soldaten von Einsätzen erzählen, auch über das Grauen von Patroullien im angeblich sicheren Norden von Afghanistan.

Liebe Gemeinde, 

wir sind als Bürgerinnen und Bürger genauso wie als Christinnen und Christen aufgefordert, hier uns eine Meinung zu bilden und zu vertreten. Sicher nicht in einfachen Nein!, wie das zur Zeiten der Friedensbewegung mitunter naiv, oftmals aber auch sehr überlegt geäußert wurde. Ich glaube, wir stehen da noch sehr am Anfang. Denn was heißt es heute Frieden schaffen? Ist der Einsatz deutscher Soldaten irgendwo in einem Krisenherd schon von vornherein ein Friedendienst? Wie verändert sich in diesem Zusammenhang auch die Frage: Wehr- oder Zivildienst? Was ist unsere Aufgabe als christliche Kirche? Ich fühle mich da unsicher. Daher habe ich Kontakt aufgenommen zu zwei Pfarrern, die als Standortpfarrer ihren Dienst bei der Bundeswehr leisten. Ich habe sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, zu einer Diskussionsveranstaltung nach Voerde in unsere Gemeinde zu kommen, um mit uns genau über diese Fragen zu sprechen: was passiert da? Was macht das mit den Menschen? Was bewirkt das? Was sagen wir als Kirche, als Pfarrer dazu? Einer der beiden hat mir bereits signalisiert, dass er zu solche einer Veranstaltung kommen würde, aber es gibt noch keinen Termin.

Liebe Gemeinde, 

vielleicht war das eine merkwürdige Predigt. Ich habe Sie teilhaben lassen an meinen Gedanken in dieser Woche, weil ich glaube, dass es hier zur Zeit viel mehr Fragen als Antworten gibt. Und wir können uns auch mit unseren Fragen an Gott wenden, in der Hoffnung, dass er Antworten schenkt.

Amen. 

 

Den vollständigen Text des Flaggenliedes finden Sie hier: http://www.deutsche-schutzgebiete.de/kriegslieder.htm