Traupredigt
"Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe - aber die Liebe ist die größte unter ihnen."
(1. Korinther 13,13)
Liebes Brautpaar,
gestern Mittag um diese Zeit weilte ich noch in Berlin auf einer Studienfahrt. Meine Frau war auch mit dabei und so saßen wir um die Mittagszeit im Nikolai-Viertel an der Spree zum Mittagessen. Knallvoll war Berlin, Tausende von Schalke-Fans strömten in die Stadt, um sich auf das Pokalfinale einzustimmen. So fanden wir auch nur ein Plätzchen an einem Tisch, an dem bereits drei junge Männer saßen. Zwei auf Urlaub, leger gekleidet, der dritte kam gerade dazu, als wir Platz genommen hatten, Mittagspause, superschick gekleidet, Krawatte, bei über 30 Grad.
Unterhalten haben meine Frau und ich uns nicht bei diesem Mittagessen, zu interessant war das Gespräch der drei jungen Herren neben uns. Denn: sie unterhielten sich über das Heiraten. Einer - der mit Krawatte und Anzug - war bereits verheiratet, der andere hatte gerade den Entschluss gefasst. Und so unterhielten sie sich darüber, wie es dazu gekommen war, um Hochzeitsantrag und so weiter. Und es ging um die Vorbereitungen, die Dinge mussten alle ziemlich perfekt organisiert sein. Nur Standesamt oder auch Kirche (1:1), wer wird wozu eingeladen und warum, wer zahlt am Ende die Zeche. Die Krönung des ganzen Gespräches war aber der Satz des bereits: Naja, beim ersten Mal muss man ja heiraten. Mit allem drum und dran. Beim nächsten Mal dann aber nicht mehr, einmal reicht fürs Leben.
Zwei Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: dieser Satz und die möglichst perfekte, ich möchte fast sagen: glatte Art und Weise, wie das alles geplant, inszeniert und abgewickelt wurde. Dabei sprachen die drei mit großem Ernst, da war nichts abfälliges oder spöttisches dabei. aber ich dachte doch, in diesen beiden Dingen müsste ich ihnen widersprechen.
Auf der Zugfahrt nach Hause viel mir dann wieder ein, das ich ja heute eine Kirchliche Hochzeit zu feiern habe und die Traupredigt noch nicht geschrieben ist. Und dann dachte ich: dieses Gespräch - und vor allem diese beiden Punkte - bietet doch einen guten Spiegel für das, was heute hier zu sagen ist.
1. Ehe und Liebe und Partnerschaft kann nicht perfekt geplant, inszeniert und abgewickelt werden. Natürlich können Sie mit Recht jetzt einwenden, da ging es ja nur um die Hochzeit. Aber ich hatte eigentlich die ganze Zeit den Eindruck, dass sich hier eine Grundhaltung aussprach: nebenbei ging es auch um Berufstätigkeit und Kinderwunsch, dazu das perfekte Styling bei großer Hitze. Vielleicht irre ich mich ja, aber ich glaube: diese drei Männer folgten der Einstellung: mein ganzes Leben habe ich in der Hand und im Griff, ich plane es und ziehe es durch. Dazu gehören Beruf, Frau, Kinder...
Daran ist nicht Unehrenhaftes. Ohne Planung läuft nichts im Leben, gäbe es auch kein Hochzeitsfest. Aber: es ist gut, von vornherein damit zu rechnen, dass unser Leben und unsere Persönlichkeiten Ecken und Kanten haben, dass es neben der glatten Vorankommen auch Sackgasse, Umleitungen oder schwierige Verhältnisse geben kann, in denen es eher zähflüssig vorangeht. Es ist gut und wichtig und richtig, Träume und Ziele zu haben, aber es ist auch gut, im Blick zu behalten: es kann auch ganz anders kommen.
2. Von vornherein haben die drei Männer damit gerechnet (oder zumindest hatten sie es im Blick): eine Ehe hält nicht ein Leben lang. Vermutlich wird sie irgendwann auseinander gehen. Sie sprachen ganz realistisch über diese Möglichkeit. Ich glaube gar nicht mal, dass sie bewusst vorhatten, sich eines Tages zu trennen. aber sie gingen nicht davon aus, dass es ein Leben lang halten könnte. angesichts von 30.000 Scheidungen im Jahr in NRW - die Zahl hatte der Krawattenträger im Kopf! - war das für sie eine mehr als wahrscheinliche Entwicklung für die Zukunft.
Und ich frage mich, ob das nicht auch mit der Einstellung: Ich habe alles im Griff, alles ist voraus planbar zusammenhängt. Wenn meine Ziele und Träume nicht mehr mit denen meiner Frau übereinstimmen, nun gut, dann trennen wir uns halt...
Sie fragen: was hat das alles mit der christlichen Auffassung der Ehe zu tun? schließlich haben wir hier ja zwei, die bewusst in die Kirche kommen und gleich versprechen, das ganze Leben miteinander teilen zu wollen, und nicht nur einen Lebensabschnitt.
Ich denke, eine Menge! Christlicher Glaube rechnet mit den Unwägbarkeiten, weiß um unsere Ecken und Kanten, die es uns manchmal schwer machen uns aber auch liebenswürdig erscheinen lassen. Christlicher Glaube weiß um die Bedeutung von Streit und Versöhnung für die persönliche Weiterentwicklung einer Partnerschaft - und verheißt denen, die sich auf ein Leben lang miteinander einlassen eine tiefgreifende Erfahrung: nämlich eine permanente Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit und der Beziehung. Denn: der christliche Glaube orientiert sich an Gott, dem Vater Jesu. Und mit diesem Glauben verbinden sich wie Paulus es sagt Hoffnung und Liebe. Drei Geschenke Gottes sind es, eingebettet in unser menschliches vertrauen, hoffen und lieben:
- der Glaube als das Wissen, Ahnen, Fühlen, dass es da noch jemanden gibt jenseits unserer Welt;
- die Hoffnung, dass all das, was unser Leben und Lieben bedroht, nicht das letzte Wort haben, auch nicht der Tod;
- die Liebe, dass diese Macht, die wir Gott nennen und von Jesus her Vater nennen dürfen uns liebevoll gegenübersteht, nicht drohend oder strafend, nicht distanziert oder gelangweilt. Nein liebend schaut er uns an, sein erstes Wort ist immer ein Wort der Liebe. Und daher ist die Liebe das höchste, weil sie auch unseren Glauben und unsere Hoffnung qualifiziert.
In diesem Sinne lade ich Sie ein, sich bei Ihrem gemeinsamen Eheweg diesem Gott der Liebe anzuvertrauen und die gemeinsamen Schritte in dem Bewusstsein zu tun, dass sie begleitet werden. Was das genau für eine Ehe bedeutet kann, wird gleich noch in den Fragen deutlicher, auf die Sie antworten werden: Ja, mit Gottes Hilfe. Und das heißt: anerkennen, dass nicht alles planbar ist, sondern das Leben immer auch unwägbar ist und bleibt, daraus aber auch eine große Spannkraft entsteht.
Amen.