Die klugen Jungfrauen
Predigt am Totensonntag 2009
Matthäus 25,1-14
Liebe Gemeinde,
heute ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr, Ewigkeitssonntag, oder auch Totensonntag genannt. Da gehen wir Evangelische auf die Friedhöfe zu den Gräbern unserer Lieben. Ganz besonders gedenken wir der Menschen, von denen wir uns in diesem Jahr verabschieden mussten. Wir werden nachher noch einmal ihre Namen hören.
Dieser Sonntag ist ein Tag zum Innehalten, zum Zurückschauen. Da stehen uns wieder die Bilder der Verstorbenen vor Augen und Tränen und Trauer kommen hoch. Manche Wunde ist noch ganz frisch, andere schon am Heilen, aber noch sehr schmerzhaft. Wir kommen hierher in die Kirche, um unsere Gefühle, Gedanken vor Gott zu bringen, vielleicht auch in der Gemeinschaft anderer Trost zu finden. Und wir hoffen auf ein gutes Wort, etwas Mutmachendes, Aufrichtendes. Vielleicht auch auf etwas, dass uns nach vorn schauen lässt.
Und dann dieser Predigttext. Ein erschreckender Text. Da gibt es kluge und törichte Jungfrauen, die einen gewinnen die ewige Herrlichkeit, die anderen verspielen sie. Ich weiß nicht, ob es Ihnen genauso geht wie mir: ich dachte gleich - wo stehe ich? Oder noch erschreckender: wo stehen meine Verstorbenen...? Dieser Text ist lange genauso verstanden und gepredigt worden: es hängt an dir, deinem Engagement, deiner Wachsamkeit, ob du klug oder töricht bist... Ich kann mich gut erinnern an meine Kindheit und Jugend. Dieser Text war einer der Lieblingsgeschichten meines damaligen Pfarrers. Und hat er ihn mit viel Druck uns immer wieder vor Augen gestellt. Es kommt auf deinen Glauben an, auf deine Engagement in der Kirche. Und so schlich man mit schlechtem Gewissen aus der Kirche, wohl wissend, dass ich das sowieso nicht erreichen kann...
Aber ist es das, was Jesus meint? Und dann auch noch am Totensonntag? Trost erhoffen wir uns, keine Angst machende Predigt, die den Zweifel nährt, ob das, was der Pfarrer oder die Pfarrerin auf dem Friedhof bei der Beerdigung gepredigt hat, nämlich Gottes Liebe, die nie vergißt, nun stimmt oder es vielleicht doch auf die Werke ankommt, mein Verhalten und am Ende gewogen wird...
Ist es das, was Jesus meint? Klingen tut es so. Aber es passt doch nicht zu vielem anderen, was Jesus gepredigt hat. Wo ist hier von der all unserem Tun und Lassen vorausgehenden Liebe Gottes die Rede? Und widerspricht die "Klugheit" der Jungfrauen nicht dem, was Jesus anderswo sagt, wenn er vom Segen spricht, der auf dem Verschenken liegt. Und was ist das für eine moralinsauere Hochzeit, in welcher der Bräutigam nur diejenigen zum Fest bittet, die sich anständig verhalten haben? Bei der Hochzeit von Kana hat Jesus anders gehandelt - als der Wein alle war, hat er dafür gesorgt dass das rauschende Fest weiter gehen konnte. Nichts von: naja Pech gehabt, der Wein ist alle, hättet ihr mal besser vorgesorgt...
Wir ahnen, spüren, hoffen! - dass es vielleicht doch nicht so einfach mit dem Text ist. Gott sei Dank! Ich stolpere erst mal darüber, dass auch die klugen Jungfrauen einschlafen... Also, so perfekt und leistungsbereit sind sie auch nicht - und das Schlafen kritisiert Jesus auch nicht. Aber ihre mangelnde Vorsorge - und dass man manche Sachen offenbar NICHT teilen kann.
Was könnte das sein? Was ist die Pointe in diesem Gleichnis, der Schlüssel, der uns verstehen lässt? Oder anders gefragt: Worauf will Jesus mit dieser Geschichte eigentlich hinaus? Was könnten wir verpassen? Darauf läuft doch die ganze Sache hinaus. Ein großes Fest könnten wir versäumen durch "törichtes" Verhalten. Und wenn wir Jesus, Luther und anderen glauben, dass es bei der Frage Himmel oder Hölle nicht auf die Werke ankommt, sondern diese Frage längst durch Gottes Liebe entschieden ist - ja, dann kann es doch nur um das Leben VOR dem Tod gehen, oder?
Und was könnten wir da durch unkluges Verhalten verlieren, was durch kluges gewinnen? Die Antwort kann nur heißen: nun, das Leben selbst.
Jesus spricht hier im Gleichnis symbolisch vom Leben als Hochzeitsfest. Er ist der Bräutigam, wir die Braut. Ein altes Bild, in unserer Zeit vergessen, in manchen Liedern kommt es noch vor. Im Glauben verbindet sich Gott mit uns so wie Bräutigam und Braut. In inniger Liebe vereint, das Leben teilen.
Und dieses Leben aus der Liebe Gottes heraus könnten wir verpassen, wenn wir nicht wachsam sind und nicht "vorsorgen". Was mag das heißen?
Verpassen können wir unser Leben, indem wir heute nicht leben. Dann zum Beispiel, wenn ich so sehr im Hamsterrad lebe, dass vom "feiern" - welcher Art auch immer - keine Rede sein kann (und jede echte Feier auch nur Stress bedeutet...)
Verpassen können wir unser Leben, wenn wir paradoxerweise im Leben nicht mit dem Tod rechnen. Zum Beispiel, weil ich glaube, morgen ist immer noch Zeit zu leben, heute muss ich mich erst einmal aufreiben in Beruf und Familie und Ehrenamt...
Verpassen können wir unser Leben, aus Angst heute schon alles haben zu wollen, auf nichts verzichten zu wollen oder zu können, nichts loslassen zu können und uns aufreiben ohne Ende...
Verpassen können wir unser Leben aber auch, wenn wir zu stark mit dem Tod rechnen. Dann zum Beispiel, wenn ich meine Verstorbenen nicht der Liebe Gottes überlassen kann (oder will) und es mir schwer fällt, los zu lassen...
Verpassen können wir unser Leben, wenn ich aus Angst, falsche Wege einzuschlagen, gar keine Entscheidungen mehr treffe und starr auf der Stelle trete...
Liebe Gemeinde,
Jesus
lädt uns ein, mit ihm zu leben. Ihm zu vertrauen, im Leben, im Sterben, im Tod und darüber hinaus. Gott will, dass wir leben. Heute. Und morgen. Und alle Tage unseres Lebens. Dann haben wir - symbolisch gesprochen - jeden Tag Grund zu feiern. Nicht im Sinne eines unablässigen rauschenden, verprassenden Festes. Da würde das Bild überzeichnet. Sondern aus der Liebe heraus jeden Tag zu nehmen, wie er auf mich zu kommt. Auch wenn uns Trauer noch beschäftigt. Wir dürfen, können, ja sollen nach vorne schauen - und unsere Lieben seiner Liebe überlassen. Da sind sie gut aufgehoben.
Amen.
