MJ

Der Tod des Mose
Predigt über Dtn 34, 1-5 mit einem Bild von Signorelli in der sixtinischen Kapelle in Rom

 

Es gibt in der Bibel eine Geschichte, die mich seit Jahren beschäftigt. Erstmals stieß ich darauf bei meinem Examen, da gehörte sie zu den möglichen Texten für die Examenspredigt. Damals dachte ich, unmöglich, was soll man darüber predigen? Aber sie ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht. Also muß doch etwas daran sein.

Es ist eine Geschichte aus dem Leben des Mose. Kurz vor seinem Tod hat er die Israeliten bis an die Grenze des gelobten Landes geführt. Er steigt auf einen Berg und sieht hinunter. Sieht das Land seiner Träume. Ein fruchtbares Land, Bäume, Flüsse, Felder. 40 Jahre lang hat er davon geträumt in der Wüste, immer das Ziel vor Augen. Sein ganzes Leben hat er in diese Aufgabe gesteckt: im Auftrag Gottes sein Volk aus der Sklaverei zu führen in ein Land, wo Milch und Honig fließen. Es war seine Lebensaufgabe. Nun ist er kurz vor dem Ziel. Er ist hier hoch gestiegen, um schon mal kurz hinein zu schauen. Morgen, spätestens übermorgen ist es geschafft, dann ist es soweit, er wird seinen Fuß auf den ersehnten Boden setzen. Unglaublich... Endlich...

Doch da hört er die Stimme Gottes: Dies ist das Land, das ich dem Volk Israel versprochen habe, doch du wirst nicht hineinkommen. Und so geschieht´s.

Eine tragische Geschichte. Warum läßt Gott ihn nicht hinein? Der eine, die zwei Tage, die hätten´s doch auch nicht mehr gemacht? War das nötig? Sein ganzes Leben hat er in diese Aufgabe gesteckt, gearbeitet, gerackert, gestritten, gekämpft, geärgert - und vor allem geträumt, nachts, in seinem Zelt, wenn alle schliefen, geträumt vom Zielstrich, von diesem einen Tag - doch du sollst nicht hineinkommen. Eine traurige, ärgerliche Geschichte.

Sein ganzes Leben hat Mose in diese Aufgabe gesteckt, seit dem Tag am brennenden Dornbusch. All seine Kraft, all seine Phantasie, seine Fähigkeiten hat er diesem Ziel gewidmet. Alles andere untergeordnet, Familie, Beruf...

Sicher, Mose ist ein herausragender Führer mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Aber in einem sind wir alle ihm ähnlich: Es ist gut, wenn wir Menschen Ziele haben, für die wir uns einsetzen; wenn wir Aufgaben haben, die uns erfüllen; wenn wir Träume besitzen, die wir zu erreichen trachten. Es ist gut, wenn mich eine Aufgabe packt und mich ihr mit großem Einsatz widme. Es ist letztlich egal, ob das im Beruf ist oder in der Freizeit oder in der Familie oder in irgendeinem Ehrenamt. Ich weiß natürlich auch um die Gefahren, wenn Menschen sich nur um ein Ding kümmern und alles andere darüber vergessen. Aber darum geht es hier aber nicht. Es ist wichtig für uns Menschen, gleich ob wir groß oder klein, jung oder alt sind, wenn wir wissen, was wir können und wer wir sind, wo wir uns nützlich machen können und wo wir gebraucht werden. Schlimm ist es, wenn nichts da ist, was mich erfüllt und ich untätig die Hände in den Schoß legen muß. Gesegnet der Mensch, der weiß, wo sein Platz ist. Es ist ein Skandal, daß unser Land meint, sich so viele Arbeitslose leisten zu können, Menschen, die nirgends gebraucht werden, Menschen, die auf der Höhe ihrer Kraft in den Vorruhestand geschickt werden, junge Menschen, denen keinerlei Perspektive für ihr Leben angeboten wird. Da geht viel verloren.

Mose hat eine Aufgabe. Und er erlebt hier auf dem Berg etwas, was auch andere schmerzlich erleben: eine Aufgabe nicht zu Ende bringen zu können, einen Traum nicht verwirklichen zu können. Mose erlebt es in furchtbarer Weise, sein Lebenstraum geht nicht in Erfüllung und das kurz vor dem Ziel. Er wird die Früchte seines ganzen Lebens nicht mehr ernten. Das kommt einer Katastrophe gleich.

Menschen erleben genau dies in unterschiedlicher Form leider immer wieder, müssen´s erleben, erleiden:

- die Goldene Hochzeit ist geplant und ins Auge gefaßt, und dann erlebt man sie doch nicht mehr...

- einer muß in Pension gehen, weil die Altersgrenze erreicht ist und ein anderer führt seine langjährige Aufgabe zu Ende...

- einer freut sich unbändig auf den Ruhestand, auf ein schönes Alter mit seiner Frau und muß kurz vorher gehen...

- da möchte einer unbedingt noch die Enkel groß werden sehn, den 18. Geburtstag mitfeiern, aber es ist ihm nicht vergönnt...

- oder die junge Mutter, von einer Krankheit dahin gerafft, darf nicht einmal die eigenen Kinder aufwachsen sehen...

- oder ein Beispiel aus den letzten Tagen hier aus Voerde, B.B. seit fast 25 Jahren für die FDP im Rat der Stadt Voerde muß aus der Politik ausscheiden...

Es tut weh, wenn ich meine Ziele nicht erreiche, wenn meine Träume nicht in Erfüllung gehen. Besonders hart ist es, wenn ich den Zielstrich schon vor Augen habe, wenn ich schon mal einen Blick riskiert habe in das Land, wo Milch und Honig fließt und ich mir berechtigte Hoffnungen gemacht habe, machen konnte, das Ziel zu erreichen, zu siegen, zu triumphieren. Da stehe ich s vor der verschlossenen Schranke und weiß, daß sie nicht mehr hochgehen wird...

Ich stelle mir den Mose vor auf dem Berg. Voller Wehmut. Sieh hinunter, aber du wirst nicht hineinkommen. Der Schmerz scheint sein Herz zu zerreißen. Da läuft alles in ihm ab wie ein Film - sein ganzes Leben, der Tag am Dornbusch, wo alles anfing, die Streitereien mit dem Pharao, der Auszug, all die langen Jahre in der Wüste. Und für was? Gut, meine Leute werden hinein kommen, morgen, übermorgen, aber ich, ich werde nicht dabei sein. Das ist der Moment, wo ich alles am liebsten hin schmeißen möchte, aufgeben, wegrennen. Das ist der Punkt, wo Menschen sich fragen, was es mit dem Leben auf sich hat, wenn ich nicht die Früchte meiner Arbeit ernten darf, wenn ich nicht den Preis für meine Mühen in Händen halten darf, wenn ich nicht erreiche, für was ich ein Leben lang gekämpft habe. Wenn ich schon sterben muß, dann wenigstens doch als Sieger, mit Erfolg gekrönt. Doch diese Geschichte sagt nein, dafür gibt´s keine Garantie. Nicht einmal für Menschen, die ihr ganzes Leben in den Dienst Gottes gestellt haben wie Mose.

Diese Geschichte wird in der Bibel in dürren Worten erzählt. Nur die Fakten werden genannt. Ohne Erklärung. Ohne Begründung. Die Geschichte schreit gerade nach einer Erklärung, nach einer Auslegung. Ich habe die Geschichte - für mich - verstanden, als ich ein Bild sah, welches in Rom in der sixtinischen Kapelle hält. Dort hat ein Maler namens Luca Signorelli die letzten Tage des Mose gemalt.

 

Mose steht auf dem Berg.
Ein Engel zeigt ihm das versprochene Land.
Gramgebeugt steht Mose da.
Schaut hinunter.
Mit sehnsuchtsvollen, träumenden traurigen Augen.
Dann muß er sich abwenden, hinunter gehen.
Das hat Signorelli auch gemalt.
Schweren Schrittes steigt Mose hinab, um seinen Nachfolger zu bestimmen und sich zum Sterben zu legen.
Aber als Schatten ist hinter dem herabsteigenden Mose der Engel zu sehen. Er läßt Mose nicht allein.

Gott wendet sich nicht von denen ab, die ihre Ziele nicht erreichen, die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten, denen es nicht vergönnt ist, ihre Träume in Erfüllung gehen zu sehen. Er hat unsere Welt so eingerichtet, daß dies möglich ist. Die einen erhalten den Siegespreis, die anderen nicht. Aber an Gottes Nähe und Liebe ändert das nichts. Er läßt uns nicht allein. Niemals. Amen.