Matthias Jung

 

 

 

 

Tage zählen
Predigt am Totensonntag 2010

Herr, lehre uns unsere Tage zählen, auf dass wir ein weises Herz gewinnen.
(Psalm 90,12)


Liebe Gemeinde,

diesen biblischen Spruch kennen manche von Ihnen eher in der Übersetzung von Martin Luther: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Bei fast jeder meiner Trauerfeiern steht er am Anfang zur Erinnerung, zur Mahnung, zur Einladung. Meine eben genannte Übersetzung entspricht aber präziser dem hebräischen Text. Zugleich wird hier ein eingängiges Bild verwendet, dass uns diesen Text und unser Leben aufschließt: Lehre uns unsere Tage zählen.

Zum einen ist es in der Regel doch so: Das, was ich zähle, ist eine begrenzte Menge. Ob ich das Geld im Kollektenbeutel zähle, ob ich die Gottesdienstbesucher, die Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen für die kirchliche Statistik zähle, ob es.... - all das ist eine begrenzte Menge. Und so ist es auch mit der Zahl der Tage, die mir vergönnt sind zu leben. Aber diese Zahl kenne ich nicht im voraus auf den Tag genau, ich weiß nur dass sie gezählt sind – und von daher ist Luthers Übersetzung mit dem Bedenke, dass du sterben musst, schon richtig.

Ein zweites kommt hinzu. Was ich zähle, nehme ich bewußt war, eins, zwei, drei... Klar, wenn es die Zahl der Autos ist, die an meinem Haus vorbeirauschen, dann ist mir das einzelne Auto ziemlich wurscht. Sitze ich im Cafe, ist mir auch egal, wieviele Passanten vorbei gehen. Aber bei anderen Dingen, gar bei meinen Kindern sieht das anders aus. Wieviele Kinder haben Sie? Eins, zwei, drei... So ist es auch mit unseren Tagen. Sie können an uns vorbeirauschen - oder wir nehmen sie bewußt wahr.

Tage zählen, dass macht Leben aus, macht Leben voll, Leben zufrieden, Leben glücklich - auch in echtem Leid. Immer wieder höre ich, wenn ich zum Trauergespräch komme, wie intensiv gefüllt und gelebt die letzten Tage zuhause oder im Krankenhaus mit dem oder der Verstorbenen gewesen sind.

So erinnert uns dieses Psalmwort daran, dass unsere Tage gezählt sind – und dass wir zugleich unsere Tage bewußt wahrnehmen sollen, können, dürfen.

Liebe Angehörige der Verstorbenen aus diesem Kirchenjahr,

vielleicht kommt einigen von Ihnen dieser Gedanke vertraut vor. Ich habe ihn in den letzten Monaten häufiger auf dem Friedhof bei Beerdigungen in den Ansprachen erzählt. Das liegt daran, dass er mich in diesem Jahr sehr beschäftigt hat. Und das hängt wiederum mit den Geschichten, Erfahrungen zusammen, die Sie mir in den letzten zwölf Monaten erzählt haben, wenn wir über ihren Verstorbenen, ihre Verstorbene nachgedacht haben, die Erinnerungen hervorgeholt, uns einen lieben Menschen vor Augen gestellt haben. Und es war bei einigen in dem jetzt zu Ende gehenden Kirchenjahr so, dass ich diesen Gedanken nicht mehr los wurde, ja, es gibt Menschen, die leben in kurzer Zeit mehr als andere in Jahrzehnten.

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt für uns Deutsche momentan so irgendwo zwischen 72 und 75 Jahren, so Pi mal Daumen. Das entspricht ca. 27.000, 28.000 Tagen. Klingt viel, oder? Doch was heißt das? Macht die Zahl der Tage unser Leben aus? Oder die Art, wie wir sie gestalten? Natürlich, für manch einen ist auch das Erreichen eines bestimmten Alters ein wichtiges Erlebnis. Aber doch nicht wegen der Summe der Tage, sondern weil ich etwas mit der Zahl verbinde. 10 - der erste zweistellige Geburtstag. 18 - endlich volljährig. 30 - die Jugend ist endgültig vorbei. 40 - die Mitte des Lebens. 75 - Lebenserwartung erreicht. 90 - biblisches Alter. Wie auch immer, es ist nicht die Summe der Tage, sondern die Bewertung und auch die Erwartungen, die ich damit verbinde. 18 - endlich haben die Eltern nichts mehr zu sagen... 50, das erreiche ich 2011 und es beschäftigt mich schon, spätestens jetzt liegt mehr hinter mir als noch vor mir... 85 - so langsam muss ich mich dann doch mal mit dem Gedanken vertraut machen, dass ich nicht mehr so viele Tage zählen werde...

Was zählt also wirklich im Leben? Die Zahl der Tage oder dass ich sie zähle? Haben wir nicht manchmal das Gefühl, dass das Leben von Menschen, denen wir begegnen gleichförmig ruhig - aber leer dahin fließt, nichts wirklich passiert? Wundern, ja erschrecken wir dann nicht? Und noch schlimmer: beschleicht uns angesichts vieler unserer eigenen Tage nicht selbst oft das Gefühl, dass viele Tage an uns vorbeirasen, schon wieder ein Sommer, ein Jahr vorbei und wo ist die Zeit geblieben?

Wir alle sind vor diese Frage gestellt, immer wieder, was zählt für mich in meinem Leben? Was macht mich glücklich? Was will ich so ganz wirklich richtig? Und halten sich die scheinbar oder tatsächlich unabänderlichen Dinge und die echt von mir gewollten Dinge in meinem Leben mindestens die Waage? Wie sieht die Zwischenbilanz, die Balance aus? Und was kann, muss ich vielleicht tun, wenn ich merke, die Bilanz sieht schlecht aus...? Gott, Vater, lehre uns unsere Tage zählen, die ja schon von dir gezählt sind, damit wir ein weises Herz gewinnen und glücklich leben können.

Jeder Tag, den wir so annehmen, wahrnehmen und zurückgeben ist ein Tag im Sinne Gottes. Und all die Tage in meinem Leben, die so vorbeirauschen, da lebe ich nicht wirklich, da regiert die Angst, die Sorge, die Depression, die Verzweiflung oder auch die Langeweile - biblisch gesprochen: es regiert die Sünde. Sünde, Lebensvergiftung, weniger Schuld denn Verhängnis. Nicht ich lebe, sondern ich werde gelebt. Und jeder Tag, den wir dankbar - auch in tiefen Leid - annehmen und gestalten können, das ist ein Tag aus dem Glauben heraus gelebt. Aus dem Glauben, dass Gott mir für mich und die anderen eine gezählte Zahl an Tagen gibt und sagt: mach was draus.

Und das tun Menschen. Zumindest sieht es für uns Außenstehende so aus. Was wirklich im Herz eines Menschen geschieht, weiß nur Gott allein, auch so ein Bibelspruch, über den ich in der Trauerhalle in diesem Jahr öfter gesprochen habe.

Und weil dass offenbar möglich ist, das Leben zu leben, die Tage zu zählen, aber eben auch das andere möglich ist, das Leben nicht zu leben und die Tage vorbeirauschen zu lassen, habe ich in diesem Jahr immer wieder gesagt, durchaus provozierend und es auch mir selbst immer wieder gesagt: Es gibt Menschen, die haben in den wenigen Jahren, die ihnen (noch) vergönnt waren, mehr gelebt als manch andere, die stolz darauf sind, 80 Jahre ihr eigen nennen zu können und doch...

Vorletzte Woche habe ich wie jedes Jahr mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden das Bestattungshaus Knopf besucht. In dem Raum, dem die Gespräche mit den Familien stattfinden, steht ein großes Bild mit Worten Dietrich Bonhoeffers:

"Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen,
beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit.
Verloren wäre die Zeit in der wir nicht als Menschen gelebt,
Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten.
Verlorene Zeit ist unausgefüllte, leere Zeit."

Amen.