Trauerpredigt anläßlich eines Suizides
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, aber der Herr sieht das Herz an.
(1. Samuel 16,7)
Liebe Familie A., liebe Trauergemeinde!
Was hier vor aller Augen liegt, ist ein Alptraum. Aus heiterem Himmel, ohne jede Vorwarnung nahm sich Ihr Mann, Ihr Vater, Ihr Sohn, Onkel, Bruder, Freund, Kamerad und Nachbar im Alter von 50 Jahren das Leben.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Donnerstag die Nachricht in Voerde. Viel zu bekannt war P. A. durch seine große Familie, seine Arbeit, sein Engagement in Chor und Vereinen. Man fragte sofort: Warum? Und war erschrocken.
Vor Ihren Augen sieht das schon etwas anders aus. Ihr Mann hinterließ zwar keinen Abschiedsbrief, aber es gibt Hinweise, oder genauer: er gab Hinweise. Und diese Zeichen und die Umstände sprechen für Sie eine deutliche Sprache. Es war wohl so, daß er einen Arztbesuch hatte und dort eine schlimme Nachricht erhielt, sich dann zu diesem Schritt entschloß und nach Holland fuhr. Er tat es, um sich und Ihnen Schlimmeres zu ersparen - das sagen die Zeichen sehr deutlich.
Sie sagten: Er war zufrieden mit seinem Leben, mit der Familie, seinem Beruf, seinem Engagement. Vielleicht kann man sogar sagen: Er war glücklich. All das schien nun bedroht, durch was konkret auch immer. Und er wollte, daß Sie - und wir alle! - ihn so in Erinnerung behalten, wie er war.
Sie sagten: Was zählt, ist nicht die Zahl der Jahre, sondern wie sie gefüllt waren. Da haben Sie völlig recht. Und von P. A. sagen Sie: Er war zufrieden und was nun auf ihn zukam, wollte er sich selbst und anderen nicht zumuten.
Die Kirche hat den Suizid jahrhundertelang verurteilt. Sie sagte: Gott allein gibt das Leben, das Leben ist ein Geschenk, das darf ich nicht wegwerfen, er ist der Herr über Leben und Tod, er setzt selbst Tag und Stunde fest. Daran ist viel Richtiges, aber es passt nicht auf alle Lebensumstände. Von daher denkt die Kirche heute differenzierter. Ich denke: Ja, es ist richtig, Gott schenkt das Leben, aber man kann mich nicht zwingen, dieses Leben unter allen Umständen als Geschenk anzusehen und anzunehmen, wenn die Lebensumstände unerträglich werden. Und ein Urteil über einen Menschen steht uns sowieso nicht zu. Wir Menschen sehen nur, was vor Augen ist, Gott allein kann das Herz ansehen.
Trotzdem bleibt die Frage nach dem Warum? Warum sind solche Lebensumstände möglich, die einen Menschen dazu bewegen, einen solchen Schritt zu wagen?
Die Antwort ist paradox und nicht einfach zu verstehen. Ich denke, solche schweren Lebenslagen gibt es nur, weil es auch Glück, Zufriedenheit und Freude gibt. Denn Glück und Freude gibt es nur, wenn nicht alles vorherbestimmt ist. Dann wären wir Marionetten und unser Leben wäre kein Leben. Im Leben ist nichts selbstverständlich, nichts festzuhalten, es gibt keine Garantien, daß alles gut geht. Und genau aus dieser Unsicherheit und Offenheit entspringt die Möglichkeit der Lebensfreude, z. B.:
· mich unbändig zu freuen, wenn ich ein Ziel erreicht habe - und P. A. hat Ziele erreicht
· zu staunen über die Geburt eines Kindes oder seine ersten Worte oder Schritte
· oder auch nur einen wunderbaren Sonnenuntergang auf der Terrasse mit einem Glas Rotwein zu genießen.
Wüßten wir, es ginge alles streng nach Kalender und klarer Zuteilung, wäre unsere Freude schal und unser Leben leer. Aber diese unverdienten Glücksmomente schließen eben die Kehrseite ein: Wenn nicht alles gut gehen muß, kann es auch schief gehen.
Diese Spannung, diese Offenheit macht unser Leben oft reich und schön, aber auch bitter und hart.
"Da merkte ich, daß es nichts Besseres gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei seinem Mühen, das ist auch eine Gabe Gottes (aus Prediger Salomo 3)."
Ich denke, dieser Satz aus der Lesung von vorhin entspricht so dem, was Sie mir von P. A. erzählt haben.
Von daher können Sie dankbar sein, Gott dankbar sein für diesen Menschen und für daß, was er Ihnen gegeben hat, bis zuletzt. Auch wenn der Abschied furchtbar schwer ist, vielleicht gerade deshalb so schwer, weil Sie so dankbar sind.
Und vielleicht denken wir alle, die wir betroffen und erschrocken sind, über unser Leben nach: Ob wir das so sagen können, wie F. A. und Sie, Frau A.: Es zählt nicht die Zahl der Jahre, sondern wie ich sie fülle. [kurze Pause]
Als ich bei Ihnen war und all das hörte, schlug ich vor, neben den eher traurigen Liedern auch ein Danklied zu singen. Als ich im Gesangbuch danach suchte, fiel mir aber dieses Lied auf und ich dachte, die drei Stichworte passen hier: Liebe, Freiheit, Hoffnung.
Liebe, das ist nicht nur ein Wort, Liebe, das sind Wort und Taten: Liebe haben Sie erfahren.
Freiheit, das ist nicht nur ein Wort, Freiheit, das sind Wort und Taten: Freiheit auch diesen Schritt zu vollziehen.
Hoffnung, das ist nicht nur ein Wort, Hoffnung, das sind Wort und Taten: Hoffnung nicht auf eine wie auch immer geartete ausgleichende Gerechtigkeit, sondern Hoffnung, daß das Leben von F. A. bei Gott aufgehoben ist und zur Ruhe findet.
Amen.
Die persönlichen Angaben wurden verfremdet.
