Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist - und Gott, was Gottes ist!
Predigt über Markus 12,13-17
I.
Liebe Gemeinde,
Jerusalem ist ein Hexenkessel. Es brodelt an allen Ecken und Enden. Denn das Passahfest steht kurz bevor.
Gerade ist Pilatus, wie in jedem Jahr zu Beginn des Festes an der Spitze seiner Soldaten eingezogen, um zu diesem Fest an Ort und Stelle zu sein, wenn Unruhen ausbrechen sollten.
Die Pilger aus dem ganzen Land strömen zu Hunderttausenden in die Stadt.
Jesus ist mit seiner Jüngerschar ebenfalls angekommen, von der Menschenmenge begeistert empfangen worden. Der Boden ist heiß, überall schwirren Gerüchte herum, es wird diskutiert und erregt debattiert.
Die Soldaten sind in Alarmbereitschaft, Priester und politisch Verantwortliche sind zu Beginn des Festes unruhig und angespannt, mischen sich doch Jahr für Jahr politische Aufrührer, religiöse Fanatiker unter die Massen, um für ihre Ideen und Parolen zu werben und man weiß nicht, ob und wann ein kleinerer oder gar größerer Unruheherd entsteht.
Jerusalem ist ein Pulverfaß. Und Jesus mittendrin. Den kennen die Verantwortlichen mit Namen und sie wären ihn gerne los. Hinter verschlossenen Türen haben sie eine Taktik bis ins Detail ausgetüftelt, die mit der Verhaftung Jesu enden soll. Aber sie wollen das nicht ganz platt mit einer Demonstration ihrer Macht erreichen, sie haben sich eine Falle überlegt, mit den sie ihn öffentlich demontieren wollen, ihn in den Augen des Volkes vernichten wollen.
II.
Der Tanz geht los. Die auserwählten Herrschaften kommen auf Jesus zu. Die Menschenmenge macht begierig Platz, erwarten sie doch jetzt eines der berühmten Wortgefechte zwischen Jesus und seinen Gegnern. Doch sie werden bitter enttäuscht, denn die hohen Herren loben Jesus über den grünen Klee. Du bist wahrhaftig, du lehrst den Weg Gottes und du fragst nach niemand. Schöne Worte, doch mit grünen Gift getränkt. Denn daß heißt unterschwellig nichts anderes als: du achtest keinerlei religiöse Autorität, die Traditionen deiner Väter sind dir egal und behauptest, du könntest direkt für Gott sprechen. Und nach der scheinbaren Schmeichelei kommt knallhart die Frage: Sag´ uns, wie steht´s nun mit der Steuer? Sollen wir zahlen oder nicht?
An sich ist das ein uralter Hut, darüber haben sich die jüdischen Theologen den Kopf zerbrochen, seit die Römer das Land beherrschen, ohne zu einem klaren Ergebnis zu kommen. Doch hier geht es nicht um einen theologische Streitfrage, hier soll Jesus schachmatt gesetzt werden. Denn: Er kann sagen was er will, er ist erledigt.
Sagt er Ja, dann ist er beim Volk unten durch. Denn ein Messias, der erlaubt, daß man dem verhaßten Kaiser Steuern zahlt, der kann kein Messias sein.
Sagt er Nein, stehen schon die Soldaten bereit, um Jesus als politischen Aufrührer mit zu nehmen.
Ich sehe schon den lauernden, gierigen Gesichtsausdruck der vornehmen Herren vor mir. Jesus ist faktisch am Ende. Endlich, endlich! haben wir ihn. Da kommt er nicht mehr raus.
III.
Denkste.
Aus der Falle wird ein fürchterliche Niederlage
Gebt mir einen Denar, damit ich ihn sehe, antwortet Jesus lapidar.
Was soll daß? Will Jesus noch ein wenig Zeit gewinnen, bevor er kapituliert? Gleich ist es soweit, dann haben wir ihn da, wo wir ihn schon lange haben wollen. Ein Denar, ein 10-Pfennig-Stück, was kann er damit schon wollen. Aber da ist was drauf, und das haben die hohen Herren offenbar nicht bedacht, nämlich: ein Bild des Kaisers und die Aufschrift: Tiberius, Kaiser, anbetungswürdiger Sohn des anbetungswürdigen Gottes. Eine grauenhafte Gotteslästerung in jüdischen Augen und Ohren, Gott ist nur ihr Gott allein, nicht der Kaiser.
Doch die vornehmen Herrschaften denken nicht mehr nach. In der Vorfreude ihres sicheren Sieges reichen greifen sie gönnerhaft in ihre Taschen und geben Jesus ein derartiges Geldstück - und werden von Jesus von nun auf´s Peinlichste vorgeführt.
Was steht denn drauf? fragt er.
Ich denke, in dem Moment wird es geklingelt haben bei den Pharisäer und Herodianern, Anhängern des Königs Herodes. Aber da war es schon zu spät. Die Blamage nimmt ihren Lauf. Denn die frommen Männer müssen eigestehen: Wir als fromme Juden tragen diese Geldstücke mit dem Bild des Gottkaisers Tiberius in unseren Taschen mit herum. Und noch schlimmer, wir bezahlen damit unser Brot und unseren Wein, und lassen uns für unsere Arbeit damit bezahlen. Doch wenn das stimmt, dann gibt´s eigentlich auch keinen Grund, die Steuern zu verweigern. Denn so geht´s ja nicht. Ich kann nicht mit dem Geld Geschäfte machen und wenn´s an die Steuern geht, plötzlich mit irgendwelchen Skrupeln kommen. Nein, nein, das ist nicht drin. Wie begossene Pudel stehen die Herren da und pressen zwischen zusammengebissenen Zähnen mühsam heraus: Da ist der Kaiser drauf.
Und dann stelle ich mir vor wie Jesus mit vor Schalk blitzenden Augen kühl und triumphierend zugleich antwortet: Dann gebt doch dem Kaiser, was des Kaisers ist. Und die Niederlage ist perfekt. Die Geschichte ist zu Ende. Die Menschenmenge wird gegrinst oder auch leicht verhalten gelacht haben, schließlich muß man befürchten daß sich der Zorn der Blamierten sich schnell eine anderes Ventil sucht. Wieder einmal hat es nicht geklappt, Jesus in die Falle zu locken.
IV.
Doch halt. Nun, da die Gegner am Boden liegen, stößt Jesus unvermutet und völlig überraschend noch einmal nach und versetzt ihnen einen, man müßte schon fast sagen tödlichen Stoß:
Und: Gebt Gott, was Gottes ist!
Liebe Gemeinde, für diejenigen, die diese Geschichte kennen, gehört dieser Satz schon immer dazu. Aber schaut man genau hin, ist die ganze Geschichte eigentlich bereits zu Ende, als Jesus mit diesem Zusatz: Gebt Gott, was Gottes ist! noch einmal ganz neu ansetzt. Denn was soll denn das jetzt heißen? Will Gott Steuern oder was? Sie wunderten sich, schließt die Geschichte aus dem Evangelium und das glaube ich gerne. Denn so schnell wird ihnen die Antwort nicht eingefallen sein. Was meint Jesus denn damit: Gebt Gott, was Gottes ist!?
Die Antwort wird klar, wenn wir noch einmal den Zusammenhang bedenken, in dem diese Episode steht. Der Kaiser von Rom, Herrscher über Israel erhebt nicht nur Steuern, sondern er erhebt zugleich den Anspruch, Gott zu sein und von daher zu Recht über Menschen herrschen und bestimmen zu können. Und diesem Anspruch erteilt Jesus hier eine klare, wenn auch angesichts des Hexenkessels in Jerusalem sehr verschlüsselte Absage.
Gebt Gott, was Gottes ist. Gebt euern Anspruch auf, über Menschen herrschen zu wollen und zu können! Jeder Mensch ist Gottes Eigentum, jeder für sich. Und weder Politiker noch Priester hat das Recht irgendeinem vorzuschreiben zu können, was er zu tun, zu denken oder zu glauben hat. In unglaublicher Schärfe verweist Jesus jeden Menschen auf sich selbst zurück. Jeder ist für sich verantwortlich. Denn das ist die Kehrseite. Niemand darf über mich bestimmen, dann gibt´s auch keine Entschuldigung mehr, keine Ausrede mehr. Aber, so fügt Jesus hinzu, als so vor Gott stehende Menschen seid ihr von ihm bejaht und umfangen und gehalten.
V.
Liebe Gemeinde, in letzter Konsequenz geht es hier um die Machtfrage. Und dahinter steht nicht weniger als die Frage, wer in unserer Welt zu Recht beanspruchen kann, über Menschen zu bestimmen, wer zu Recht den Anspruch erheben kann, Gott zu sein.
Es geht hier nicht darum, politische Ordnungssysteme in Bausch und Bogen zu verwerfen. Dazu hat sich Jesus nie geäußert. Ihn interessierte lediglich die Frage, wer zu Recht den Anspruch erheben kann, Gott zu sein und über die Herzen der Menschen bestimmen zu können. Und seine Antwort war klar: das darf niemand außer Gott allein. Und jedem, der in unserer Welt diesen Anspruch erhebt, erteilt Jesus eine klare absage. Unter anderem deswegen mußte Jesus sterben. Denn die ist unbequem.
Denn dann ist es erlaubt, die Theologen zu fragen: was erzählst du da eigentlich? Erklär mir doch mal, wie du darauf kommst. Daß das immer schon so war interessiert mich nicht. Was glaubst du eigentlich? Und was habe ich davon?
Dann ist es erlaubt, jegliche politische Macht zu befragen nach dem Sinn ihrer Anordnungen. Warum, lieber Rat der Stadt Voerde oder lieber Landtag oder lieber Bundestag, habt dieses Gesetz beschlossen? Redet euch bloß nicht damit heraus, es gehe schon alles nach Recht und Gesetz zu. Gesetze sind nicht Gott, nur weil sie irgendwer beschlossen hat. Die dürfen mit Recht hinterbracht werden. Wir brauchen eine politische Ordnung, die unser Zusammenleben regelt. Aber die hat keinerlei göttliche Qualität. Es sind Menschen und die dürfen, ja müssen in Frage gestellt werden.
Oder wie kommen Sie, lieber Beamter, eigentlich dazu, hinter Ihrem Schreibtisch im Rathaus so selbstherrlich und unverschämt zu sitzen und diejenigen, die gesetzliche Leistungen beantragen wollen auf die sie ein Recht haben, zu behandeln als wären sie der letzte Dreck?
Oder wie kommen Sie, lieber Arzt dazu, den schwerkranken Patienten nicht ehrlich über seinen Zustand aufzuklären und statt dessen mit Fremdworten ohne Ende um sich werfen und so dem Menschen vor sich noch mehr Angst einzujagen?
Von Jesus her sind alle Machtanprüche zu hinterfragen. Es ist dann auch erlaubt, hinter die Praktiken der Verführer zu blicken, die doch nur an unserem Geld interessiert sind und Woche für Woche neue Müsliriegel, Musikrichtungen und Modetrends auf den Markt werfen und uns vorgaukeln, wenn wir all das kaufen, dann ging´s uns gut. Und so weiter und so fort. Es gibt Menschen und Mächte in unserer Welt, die über unser Herz herrschen wollen. Die meisten machen das sehr geschickt und vertseckt, aber aber auch erfolgreich. Die Maxime heißt entweder: Gehorche, wenn man dir etwas sagt, ganz egal, was! Oder: Das mußt du unbedingt besitzen, wenn du dazu gehören willst und ein gutes Leben führen willst.
Hier an dieser eigentlich so unscheinbaren Stelle erteilt Jesus allen eine Absage die uns weiß machen wollen, es sei schon immer so gewesen, es ginge schon immer nach Recht und Gesetz zu oder wenn ich oder das kaufe, dann wäre ich auf der Höhe der Zeit. Jesus fordert uns alle auf, zu fragen, zu hinterfragen, wer hier in unseren Köpfen und Herzen regiert und Ansprüche auf Anbetung verlangt. Und er lädt uns ein, in unseren Herzen nur auf Gott allein zu hören, und dessen Weite und Größe und Liebe in uns zu spüren, die jegliche Speichelleckerei, jedes Staubfressen, jedes Buckeln vor welchen menschlichen Autoritäten auch immer beendet. Wir sollten unser Leben nicht vertun, indem wie an die Macht von Menschen oder Dingen glauben. Es gibt nur eine Macht, sehr sanft, sehr stark in unserem Herzen - die Macht der Liebe Gottes. Sie richtet auf. Sie ist imstande, Eis zu schmelzen, Eiszeiten zu beenden und in Wüsten Wäldern anzupflanzen. Amen.