Stereotype und Vorurteile in Witzen über Kirche und Gott
Dieser Text entstand im Winter 2003/04
(Fernstudienkurs 3272 Stereotype und Vorurteile)
Gliederung
1 Einleitung - Exegese eines Witzes
2 Stereotype und Vorurteile in Witzen
3 Abgrenzungsfunktion: Ingroup
3.1 Pfarrerwitze in der Ingroup
3.2 Exkurs: Frauen und Männer in religiösen Witzen
4 Abgrenzungsfunktion: Outgroup
4.2 Konfessionsabgrenzende Witze
4.3 Witze gegen Kirche, Gott und Jesus
4.4 Witze der kirchlichen Insider gegen die Outsider
5 Funktion: Implizite Persönlichkeitstheorie
5.4 Die Frage nach der Gerechtigkeit – Petrus an der Himmelstür
6 Schluss: Gedanken zur "Wahrheit" von religiösen Witzen
1 Einleitung - Exegese eines Witzes
Eine Nonne bleibt mit ihrem alten Opel irgendwo auf dem Land liegen. Kein Benzin mehr. Sie macht sich auf den Weg, um Benzin aufzutreiben. Bei einem einsamen Haus wird ihr geöffnet. Der alte Mann sagt, dass er wohl Benzin in einem Fass habe, aber nichts, um es zu transportieren. Schließlich findet er einen Nachttopf und füllt ihn mit Benzin. Die Nonne macht sich damit auf den Weg. Als sie gerade das Benzin vom Nachttopf in den Tank füllt, kommt ein LKW angefahren. Der Fahrer beugt sich aus dem Fenster und ruft: Ihren Glauben möchte ich haben, Schwester!
Beim Hörer entsteht sofort ein Bild von der Nonne im Kopf. "Nonne" ist ein Stereotyp, dass es in Witzen in unterschiedlicher Ausprägung gibt. Nonnen kommen in Witzen über Sexualität vor, es gibt weltfremde Nonnen und Nonnen, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen. Hier wird schnell klar, dass es sich um eine sehr lebenstüchtige Person handelt. Sie macht alles richtig, sucht Hilfe, findet Hilfe. Erst durch den Schlusssatz bekommt die Geschichte eine überraschende Wendung. Der Hörer kann erst im Nachhinein die Geschichte entschlüsseln. Durch die Aussage des Fahrers wird das Vorurteil sichtbar: Nonnen glauben an übernatürliche Fähigkeiten, an Wunder. Der Fahrer geht davon aus, dass sich im Nachttopf Urin befindet und dass die Nonne keineswegs damit eine Lösung ihres Problems gefunden hat. Er macht sich über sie lustig. Gelacht wird am Ende aber über ihn. Denn erst jetzt wird deutlich, dass es sich nicht um einen Witz über Nonnen handelt. Karikiert wird ein Vorurteil über die vermutete Frömmigkeit von Nonnen - dass nämlich der Glaube an Wunder die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt außer Kraft setzt. Eine Vorstellung, über die der aufgeklärte Zeitgenosse nur lächelt. Damit wird auch deutlich, wer solch einen Witz erzählen könnte: Eher nicht dieser aufgeklärte Zeitgenosse, der sich damit über Kirche und Glauben lustig machen will, sondern der kirchliche Insider, der über solche Vorurteile lacht, die an dieser missverständlichen Szene sichtbar werden. In der Auslegung dieses Witzes wird schon das gesamte Spektrum der vorliegende Arbeit sichtbar.
Es handelt sich um eine Arbeit aus sozialpsychologischem Blickwinkel, in die sprachwissenschaftliche und theologische Überlegungen einfließen. Dies liegt an der "Natur" der Witze. Dabei ist mir im Verlauf der Arbeit deutlich geworden, dass ich mich hier nur mit einem Ausschnitt der Scherzkommunikation beschäftige, nämlich mit vorgefertigten Witzen, die in bestimmten Situationen erzählt werden. Für eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema wäre es notwendig, mit empirischen Untersuchungen Orte und Gelegenheiten zu bestimmen, in denen Witze über Kirche und Gott erzählt werden und die tatsächliche Verbreitung dieser Witze zu erheben. Für die sozialpsychologische Fragestellung wäre es darüber hinaus sinnvoll, mit Hilfe der Konversationsanalyse konkrete Gesprächsverläufe zu untersuchen, in denen sich humorvoll mit Kirche und Gott beschäftigt wird, da Witze davon leben, erzählt zu werden. Die verschiedenen Funktionen von Stereotypen von und Vorurteilen über Kirche und Gott, die ich im Verlauf dieser Arbeit benennen und begründen werde, verdanken sich lediglich der Analyse vorgefundener Witze. Ich verstehe sie daher als Thesen, die empirisch überprüft werden müssten.
Es geht mir vor allem um Witze über Kirche und Gott aus protestantischer Sicht. Ich werde keine spezifisch katholischen Witze über Nonnen, über das Zölibat oder den Papst untersuchen. Der Reiz des Themas liegt für mich darin, dass ich selbst sowohl Student der Psychologie als auch evangelischer Pfarrer bin, also ein kirchlicher "Insider". Die Witze selbst habe ich im Internet gesammelt. Für meine Analysen habe ich solche bevorzugt, die in vielen Sammlungen auftauchen.
Bei den einzelnen Witzen habe ich versucht, die Tendenz des Witzes aus den verwendeten Stereotypen und Vorurteilen zu erheben. Aus dieser Tendenz habe ich dann versucht, die Witze entweder einer oder mehrerer sozialen Gruppen zu zuordnen, in denen sie erzählt werden könnten oder die hinter den Stereotypen und Vorurteilen sichtbar werdenden Erwartungen an die kirchlichen Handlungsträger zu formulieren. Aus Platzgründen ist es mir nicht möglich, diesen Prozess bei jedem Witz ausführlich darzustellen. Dies ist bedauerlich, denn ich bin mir sicher, dass meine "Kategorisierung" der Witze nicht in jedem Fall Zustimmung finden wird.
Zum Aufriss.
Zunächst skizziere ich die Rolle von Stereotypen und Vorurteilen in Witzen. Dabei werde ich die These vertreten, dass in Witzen über Kirche und Glaube vor allem die Abgrenzungsfunktion und die Implizite Persönlichkeitstheorie zum Tragen kommen (2). Diese Funktionen werde ich dann untersuchen: zunächst unter dem Blickwinkel der Abgrenzungsfunktionen Ingroup (3) und Outgroup (4), bevor ich das Konzept "Implizite Persönlichkeitstheorie" in Witzen über Kirche und Gott betrachte (5). Es folgt ein Schlussabschnitt (6) mit Gedanken über die "Wahrheit" von Humor und Religion.
2 Stereotype und Vorurteile in Witzen
Menschen kommen ohne Stereotypen nicht aus. Stereotypen helfen uns, die Welt zu ordnen. Wir lernen sie schon als kleine Kinder und gebrauchen sie ganz selbstverständlich. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Stereotype und Vorurteile schon seit Jahrzehnten Forschungsthema in der Sozialpsychologie sind. Es gibt sehr unterschiedliche Definitionen.
Stereotype sind nach Heidi Schütz und Bernd Six "Merkmalsmuster, die einer Gruppe als ganzer oder aber einer Einzelperson allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden" (1995, 25). Vorurteile können dagegen "als (extrem) negative Einstellungen bezeichnet werden, die in Form änderungsresistenter Bewertungsmuster für soziale Sachverhalte, wie z.B. gegenüber einzelnen Personen, aber auch Gruppen, Nationen, Organisationen (...) eingesetzt werden" (a.a.O., 25). Hier scheint mir der Unterschied im Grad der (negativen) Beurteilung begründet zu liegen. Dies scheint mir aber nicht trennscharf genug zu sein.
Ich halte daher Josef Klein´s Definition für hilfreicher: "Ich schlage (...) vor, der (...) Allportschen Differenzierung von Vorurteil und Stereotyp zu folgen und das Stereotyp zu verstehen als auf eine soziale Formation gerichtete, in einer Kommunikationsgemeinschaft verfestigte Menge von Zuschreibungen mit Bewertungs- und Einstellungsimplikationen, die im Falle des negativen sozialen Stereotyps vielfach die Qualität negativer Vorurteile haben" (Klein 1998, 30). Vorurteile sind immer auch Stereotype, aber nicht alle Stereotype sind Vorurteile. Der Unterschied liegt nach Klein darin, dass sich in der Alltagssprache Stereotype eher als Gesamtbilder, Vorurteile eher als einzelne negative Zuschreibungen verstehen lassen. Über den Alltagssprachgebrauch hinaus eröffnet diese Unterscheidung die Möglichkeit, positive Vorurteile zu benennen. Gut gefällt mir in dieser Definition, dass sowohl bei Stereotypen als auch bei Vorurteilen Bewertungskomponenten enthalten sind (wie auch bei Schütz & Six), aber darüber hinaus eine mir praktikabel erscheinende Abgrenzung genannt wird, die sich darüber hinaus noch an der umgangssprachlichen Verwendung der Begriffe orientiert. Es wird sich bei der Untersuchung von Stereotypen und Vorurteilen in Witzen über Kirche und Glaube erweisen müssen, ob diese Unterscheidung trägt.
Eine Funktion von Stereotypen und Vorurteilen liegt im Bereich der sozialen Kategorisierung. Diese ist ein Orientierungssystem, welches dem Individuum hilft, seinen Platz in der Gesellschaft zu definieren (Tajfel 1982, 103). Auch hier spielen Urteile über Menschen eine große Rolle: "Soziale Kategorisierungen haben nicht nur den Zweck, Erfahrungen zu systematisieren und zu klassifizieren, sondern auch – im weitesten Sinne – Urteile über Personen auszusprechen, indem ihnen 'typische' Eigenschaften zugeschrieben werden. (...) Solche Bewertungen über Mitglieder einer antizipierten sozialen Kategorie werden auf der Grundlage selektiver Wahrnehmung gefällt. (...) Kategorisierungen geben nicht nur einen Einblick in die Einstellungen der Sprecher/innen und ihre Konzepte sozialer Realität; sie steuern auch den Modus unserer Wahrnehmung" (Kern 1998, 115).
Nach erfolgter Kategorisierung sind die Stereotypen und Vorurteile relativ fest. "Haben wir uns so ein System persönlicher Konstrukte einmal aufgebaut (und das tun wir ohne Ausnahme), versuchen wir dieses zu bestätigen und neue Erfahrungen zu integrieren. Wie vieler Konstrukte sich jemand bedient, kann Hinweis sein auf ein bestimmtes Maß an kognitiver Komplexität oder auch Zeichen dafür, wie subtil der oder die Betreffende zwischen Menschen differenziert" (Forgas 1999, 37). Hans-Werner Bierhoff weist darauf hin, dass einmal gebildete Meinungen "nur schleppend und unvollständig" revidiert werden, wenn neue Informationen auftauchen (2002, 72). Dies liegt daran, dass die Bestätigung eines Stereotypes weniger kognitiven Aufwand erfordert als die Widerlegung. Daher wirken Bestätigungen eher verstärkend auf das Stereotyp, während die Widerlegung eher abgewertet wird (ders., 104).
Witze kommen ohne Stereotype und Vorurteile nicht aus. Nach Helga Kotthoff werden im Witz "die Stilisierungen der Witzfiguren und ihrer Alltagswelten so zugespitzt und überzeichnet, dass Stereotypen entstehen" (1998, 198). Und weiter: "Der Witzgenuß basiert entscheidend auf der Wiedererkennbarkeit der dargestellten Typen" (Kotthoff 1997, 11.). Witze leben davon, erzählt zu werden. Der Erzähler eines Witzes gibt etwas über sich preis, ebenso der Zuhörer, der über einen Witz lacht (oder auch nicht!). Genau darum geht es in dieser Arbeit, denn: "Scherzaktivitäten erlauben Rückschlüsse auf die Sozial-, Gefühls- und Wertestruktur der Beteiligten" (Kotthoff 1998, 43). Es stellt sich die Frage: Welche (stereotypen) Aussagen über Kirche und Gott werden in Witzen sichtbar? Welche Funktion haben diese Witze für den Erzähler bzw. den Zuhörer?
Ich möchte mich auf zwei Funktionen beschränken, die in vielen Witzen zum Tragen kommen: die Abgrenzungsfunktion und die Implizite Persönlichkeitstheorie. Diese stelle ich in den folgenden Abschnitten dar und belege meine Überlegungen jeweils mit einzelnen Witzen. Dabei wird deutlich werden, dass manche Witze verschiedene Funktionen zugleich erfüllen können. Daher tauchen einige Witze mehrfach auf.
3 Abgrenzungsfunktion: Ingroup
"Vorurteile und Stereotypen differenzieren zwischen der so genannten Ingroup und Outgroup. Darüber hinaus fördern sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der wechselseitigen Sympathie in der Ingroup, da man sie mit 'Gleichgesinnten' teilt" (Schütz & Six 1995, 58). Was bedeutet dies für die sozialpsychologische Betrachtung von Witzen?
Viele Witze können sowohl als Ingroup-Witze als auch Outgroup-Witze erzählt werden. Hier geht es zunächst um Witze, die innerhalb des kirchlichen Raumes von Insidern über Insider erzählt werden. Damit grenzt sich die Ingroup zugleich von der Outgroup ab, aber darauf liegt hier jetzt nicht der Akzent.
Ich stimme Peter Berger zu, wenn er sagt, dass Humor "soziopositiv" (1998, 68) wirke: wer zusammen lacht, gehört zusammen. Die Insider haben einen Fundus gemeinsamer Erfahrungen. Der Außenseiter dagegen ist nicht in der Lage, die Witze der Ingroup zu begreifen, da er die Typisierungen nicht nachvollziehen kann. Aber die Abgrenzung kann auch scheitern. Geht der Erzähler mit seinem Witz "zu weit", erntet er kein Lachen, sondern nur peinlich berührtes Schweigen. Statt sich zu integrieren, hat er sich ausgeschlossen. Je nach Gruppe mag die Reintegration mit dem Satz: "Das war doch nur ein Witz!" gelingen. In einer Ingroup mit hohem Vertrautheitsgrad kann er auch sagen: "Das war jetzt aber voll daneben!"
Das Erzählen von Witzen zielt auf Lachen. Im Lachen verliert der Mensch für einen Moment die Kontrolle über seinen Körper, die gewohnte Balance seiner Existenz wird gestört (Berger 1998, 55f.). Eike Christian Hirsch spricht im Anschluss an Kant von einem Hin und Her im Lachen, das an das Hin und Her der Gedanken beim Erfassen des Witzes erinnert (2001, 285). Aber es wird nicht immer über einen Witz gelacht, es gibt auch das gequälte Lächeln, gar keine Reaktion oder auch Initiallachen (d. h., ein bestimmtes Lachen wird in einer Konversation durch ein initiierendes Lachen ausgelöst; Kotthoff 1998, 27). Lachen zielt nicht nur auf die Pointe, sondern vielfach lachen Menschen auch über einen Witz, den sie schon kennen. Hier wird der sozialpsychologische Effekt erkennbar: Lachen schließt eine Gruppe zusammen, auch wenn der Witz schon bekannt ist. Wer nicht mitlachen kann, gehört nicht dazu. "Humor kann die Gruppensolidarität fördern; sie wird durch inklusives Lachen bestätigt. Er kann aber gerade auch Menschen ausschließen und damit der Exklusivität dienen" (ebd., 286). So konstituiert sich im Verlauf der Scherzkommunikation die Ingroup.[1]
Allerdings ist das Erzählen eines religiösen Witzes immer dann besonders heikel, wenn ich die Gruppe noch nicht wirklich einschätzen kann. Gerade religiöse Witze können sehr verletzen: "Die kirchlichen und religiösen Tabus sind immer noch so stark, dass sich damit leicht Witze machen lassen (...). Aber auch über die Verletzung eines religiösen Tabus kann sich nur freuen, wer Sinn fürs Religiöse zeigt; wer dafür kein Empfinden hat, bleibt unberührt; wer allzu sehr am Religiösen hängt, ist nur verletzt" (Hirsch 2001, 251). Auf der anderen Seite, so Hirsch weiter, kann gerade der Witz dazu beitragen, falsche religiöse Ängste abzubauen (ebd., 253).
Problematisch ist auch die Tatsache, dass vorgefertigte Witze häufig von "Ranghöheren" erzählt werden (Coser 1996, 101). Dazu gehört oft auch der Pfarrer. Gerade aber, weil das Erzählen eines religiösen Witzes riskant ist, weil schnell religiöse Gefühle verletzt werden, wird sich der Pfarrer genau überlegen, ob und wo er solche Witze zum Besten gibt. Nach meiner Erfahrung geschieht dies eher selten und wenn, dann in fest gefügten kirchlichen Gruppen, in denen die Insider sich schon lange kennen oder in "reinen" Pfarrerzirkeln.
Rosemarie Mielke weist darauf hin, "dass Personen mit geringen Vorurteilen besonders klare Vorstellungen von Stereotypen haben, gleichzeitig sind sie aber auch diejenigen, die am besten um die schädlichen Auswirkungen der Verwendung von Stereotypen wissen" (1999, 13). Dies dürfte meiner Meinung nach auch für die kirchlichen Insider zutreffen. So mag sich in der Scherzkommunikation in der Ingroup auch dieser Konflikt widerspiegeln, um die Schädlichkeit von Stereotypen zu wissen, aber kaum etwas dagegen ausrichten zu können.
3.1 Pfarrerwitze in der Ingroup
Als Ingroupwitze werden im kirchlichen Raum vor allem Witze (von Pfarrern) über Pfarrer erzählt. Berufsspartenwitze sind auch sonst verbreitet. "Insiderwitze werden von Mitgliedern bestimmter Berufsgruppen selbst erfunden und weitererzählt. (...) Der Witz fördert die Geselligkeit, den Zusammenhalt und die Gemeinschaft in der Gruppe. Mitbetroffensein erlaubt freies, befreiendes Lachen" (Ruddies 1983, 25).
Die große Zahl von Pfarrerwitzen scheint mir auf ein großes Bedürfnis unter Pfarrern zu deuten, sich dementsprechend im Witz wieder zu finden. Ich stimme Hirsch zu, dass nur der über sich lachen kann, der einen eigenen Konflikt abgebildet sieht (Hirsch 2001, 198).[2] Im gemeinsamen Lachen der Insider über sich selbst schließt man sich zusammen. Der abgebildete Konflikt ist gemeinsam und vertraut. Da er aber nur verdeckt an- und ausgesprochen wird, werden die Insider zu Komplizen, die einander verstehen und im gemeinsamen Lachen einen Konflikt für eine Weile erleichtern. Das soll an zwei Beispielen verdeutlicht werden.
Da treffen sich drei Pfarrer auf einer Tagung. Einer erzählt: "Bei uns im Kirchturm, das ist die reinste Taubenplage. Die kriegst du einfach nicht los. Habt ihr damit auch solche Probleme?" "Und wie", meint der Zweite. "Kürzlich habe ich sie alle eingefangen und 100 km weit weg erst wieder frei gelassen. Und was glaubt ihr, nach zwei Tagen waren alle wieder da." Darauf der Dritte: "Also, ich hatte mit Tauben ja die gleichen Probleme. Erst gab es keine Lösung gegen dieses Übel, aber dann fiel mir was ein! Wisst ihr, ich habe einfach die Tauben alle eingefangen, sie getauft und konfirmiert. Seitdem habe ich sie in der Kirche nie mehr gesehen."
Dies ist ein sehr bekannter Witz, vielleicht der bekannteste "evangelische" Witz. Zielscheibe sind die konfirmierten Jugendlichen, die sich nach der Konfirmation in der Kirche zumeist nicht mehr blicken lassen. Zugleich nimmt der Witz auf, dass viele Pfarrer unter der Last des Konfirmandenunterrichtes stöhnen. Das sind die beiden Vorurteile, die in diesem Witz vorhanden sind. Im Lachen über diesen Witz finden die Insider (Pfarrer) eine Erleichterung der Frustration, die für sie mit dem Ergebnis ihres Konfirmandenunterrichtes verbunden ist. Zugleich kann so die (unterschwellig vorhandene, aber nicht "erlaubte") Aggression ausgedrückt werden und im gemeinsamen Lachen bestätigt man sich, nicht allein zu sein. So kann der Humor in der Ingroup dazu helfen, beruflichen Stress für einen Moment abzubauen.
Der Pastor setzt sich nach dem Gottesdienst, der wie jeden Sonntag gut verlief, in sein Auto. Nach einigen Minuten sagt seine Frau: "Liebling, Du kannst aufhören zu lächeln, der Gottesdienst ist vorbei."
Dieser Witz spielt auf den Zwang an, einer bestimmte Rolle immer entsprechen zu müssen. Natürlich könnte dieser Witz auch von einem Politiker oder einem Fernsehmoderator handeln. Thema ist eigentlich das öffentliche Auftreten und Reden. Hier setzen Menschen ganz gezielt und bewusst eine Maske auf. Dies wird auch von ihnen erwartet. Aber beim Pfarrer spielt noch das Moment der Glaubwürdigkeit hinein. Von ihm wird nicht nur erwartet, dass er sich während des Gottesdienstes freundlich verhält, sondern dass er immer freundlich ist. Das ist aber eine Überforderung, Anspruch und Realität klaffen auseinander. Der Witz zielt auf das schlechte Gewissen des Pfarrers, der nicht immer so freundlich ist, wie er scheint, dies aber sein möchte oder meint, immer so sein zu müssen.
Ein anderes Beispiel.
Der Vikar verspätet sich zum Gottesdienst. Der Küster ruft ihn an und fragt: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?"
Diesen Insiderwitz kann nur verstehen, wer die zitierte Bibelstelle kennt (die Frage des Täufers an Jesus – Matthäus 11,3). Dieser Witz ist eine elegante Variante mancher Kalauer[3] von dieser Art:
Was war das erste Auto? Der Ford, es steht geschrieben: "Sie sündigten in einem fort."
Wer war die erste Fußballmannschaft? Jesus und seine Jünger, denn in der Bibel steht: "Jesus stand im Tor von Nazareth und seine Jünger standen abseits."
In diesen Kalauern werden biblische Zitate "bewusst" falsch verstanden bzw. in einen völlig anderen Zusammenhang gestellt. Während diese Kalauer nur auf Verhöhnung biblischer Aussagen zielen, nimmt der zitierte Witz das in der Bibelstelle intendierte Thema "Erwartung" auf. Kein Witz zum lauten Lachen, eher zum stillen Schmunzeln. Man bestätigt sich gegenseitig die insidergemäße Kenntnis der Bibel und zugleich die "Freiheit" eines unverkrampften Umganges mit der "Heiligen Schrift".
Bleibt die Frage, worüber im kirchlichen Bereich keine Witze gemacht werden - und warum. Über Kasualien – Taufe, Hochzeit, Beerdigung – gibt es so gut wie keine Witze (bis auf diesen einen, der in vielen Sammlungen auftaucht:
Zwei Pastöre unterhalten sich: "Mensch, hatte ich heute einen anstrengenden Tag: 2 Beerdigungen, 2 Einäscherungen und noch eine Kompostierung!" "Wieso Kompostierung?" "Na ja, die Grünen werden auch mal älter!"
- aber das ist eigentlich ein "grünenkritischer" und kein kirchlicher Witz!) Vielleicht liegt es daran, dass sich in diesem Bereich kaum stereotype Situationen finden lassen. Der Witz lebt ja davon, dass die Typisierungen sofort verstanden werden.[4] Insgesamt wird an vielen Stellen beobachtet, dass das Verständnis religiöser Rituale drastisch abnimmt. Damit sinkt auch die Chance für das Entstehen von Witzen, die sich mit den Eigenarten von Kirche auseinandersetzen. Vielleicht sind die Kasualien aber auch besonders heikel, weil es hier um sehr persönliche Situationen geht. Die Gefahr, durch den Witz zu verletzen, ist entsprechend hoch.
Ich fand allerdings auch keinen einzigen Witz über eine Pfarrerin. Das brachte mich zu der Frage nach der Rolle der Frau in religiösen Witzen.
3.2 Exkurs: Frauen und Männer in religiösen Witzen
Nun mögen viele der Pfarrerwitze auch auf Pfarrerinnen zutreffen. Aber zu einem "Stereotyp" oder gar Vorurteil scheint es Pfarrerinnen gegenüber – zumindest in Witzen - noch nicht gekommen zu sein. Dies könnte an der Tatsache liegen, dass es zwar zunehmend Pfarrerinnen gibt, diese sich aber nicht entscheidend von ihren männlichen Kollegen unterscheiden. Im Blick auf Witze kommt dieses Phänomen zum Tragen, welches Kotthoff so beschreibt: "Frauen repräsentieren in herkömmlichen Witzen nie etwas Allgemeines, sondern immer nur etwas herkömmlich rein Weibliches, wie Mutterrolle, Hausfrau, Hübschelchen oder Sexobjekt" (1996, 20). Damit erklären sich zum einen die wenigen weiblichen Stereotypen in kirchlichen Witzen: die Nonne[5], die Jungfrau Maria, die Ehefrau, die Prostituierte. Zum anderen gibt dies auch einen Hinweis darauf, wer solche Witze erfindet. Nach Mercilee Jenkins benutzen vor allem Männer vorgefertigte Witze, die deren Machtstrukturen widerspiegeln, während diese Witze weibliche Erfahrungen nicht enthalten (1996, 51). Männer, so Jenkins, legen sich vielfach ein Repertoire von Witzen zu, um mit anderen Männern um die Gunst des Publikums zu konkurrieren, während der Humor von Frauen eher kontextgebunden sei (1996, 47). Ob dies so auch für Witze im kirchlichen Raum gilt, wäre mit Hilfe von Konversationsanalysen zu überprüfen. Ich habe allerdings die Vermutung, dass gerade kirchliche Witze für Frauen daher attraktiv zu erzählen sein könnten, weil in ihnen die Zielscheibe zumeist ein Mann (Pfarrer) ist, zumindest im katholischen Bereich. Ich würde aus meiner eigenen Erfahrung heraus Jenkins insoweit zustimmen, dass Frauen wesentlich weniger vorgefertigte Witze erzählen als Männer - diese aber ebenso kontextgebunden Humor kennen, lieben und anwenden (und Jenkins darin widersprechen).
Frauen kommen sonst in religiösen Witzen nur dort vor, wo spezifisch weibliches im Rahmen der Kirche sichtbar wird. Zum Beispiel in diesem Witz:
Ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer streiten sich darüber wann das Leben anfängt. Der eine meint, das Leben beginnt bereits bei der Zeugung. Der andere behauptet, das Leben beginnt erst bei der Geburt. Da sie nicht so recht weiterwissen, schlägt einer der beiden vor: Wir fragen die alte Frau dort auf der Parkbank um Rat! Gesagt - getan! Die alte Frau hat auch sofort die passende Antwort parat: Ihr wollt wissen wann das Leben anfängt? Das Leben fängt an sobald die Kinder aus dem Haus sind und der Alte unter der Erde ist!
Schön wird in diesem Witz mit der der unterschiedlichen Lebenserfahrung gespielt. Die Frau bringt ihre völlig unakademische Sicht hinein. In einer Variante des Witzes ist die Frau durch einen Rabbi ersetzt.
In folgendem Witz wird die Tatsache angesprochen, dass überwiegend ältere Frauen regelmäßig den Gottesdienst besuchen:
Ein Pfarrer hält seine letzte Predigt. Eine ältere Frau zu ihm: "Das ist aber schade, dass Sie uns verlassen. Einen Pastor, wie Sie, bekommen wir nie wieder!" Der Pfarrer gerührt: "Sicher wird mein Nachfolger besser sein als ich!" Die Frau – von dieser Argumentation nicht überzeugt – kopfschüttelnd: "Herr Pfarrer, das glaube ich Ihnen nicht.. Ihr Vorgänger hatte das auch gesagt und ... es hat nicht gestimmt!"
Die Tatsache, dass es insbesondere Frauen sind, die in Kirchengemeinden das ehrenamtliche Leben tragen, taucht in Witzen nicht auf. Die Situationen sind wohl nicht stereotyp genug oder bieten wenig Anhalt für Vorurteile. Eigenartig ist dies allerdings schon, denn die Tatsache, dass es vor allem Frauen sind, die im Ehrenamt in den Gemeinden das "aktive" Leben tragen, während vielfach die Männer (nicht nur die Pfarrer) im Rampenlicht stehen, sollte doch Quell mancher verborgenen Aggression sein. Spiegelt sich hier auch die kirchliche Realität, dass Frauen vielfach die rangniedrigeren Arbeiten in der Gemeinde verrichten, Witze aber eher von den Ranghöheren erzählt werden?
4 Abgrenzungsfunktion: Outgroup
Ging es eben um die Abgrenzung einer Ingroup nach innen, geht es nun um die Abgrenzung nach draußen, so dass die "Anderen" (die Zielscheibe des Witzes) zur Outgroup werden. Letztlich grenzt sich eine Insider-Gruppe immer so ab, dass zugleich eine Outgroup entsteht. Experimente haben gezeigt, dass der Anlass des Lachens häufig darin liegt, dass andere Menschen herab gesetzt werden. Vielfach geht es hier um Aggressionen, die sich im Witz aussprechen und einen Konflikt vorübergehend erleichtern. Gelegentlich gehen diese Witze soweit, dass man mit Berger vom Humor als "Waffe" sprechen kann (1998, 61) – je nachdem, wie groß die Aggression ist.
Meine Vermutung: in Insider-Gesprächen, in denen Witze erzählt werden, geht es eher um das - wenn auch widersprüchliche - Gesamtbild (Stereotyp), während es in Outgroup-Gesprächen eher um einzelne (negative) Zuschreibungen (Vorurteil) geht. Witze blühen "am Besten, wenn die Hörer genügend Vorurteile darüber haben, was andere Menschen wohl für Vorurteile haben werden" (Hirsch 2001, 102). Hier werden Witze erzählt, um sich abzugrenzen. Anlass sind vielfach negative Erwartungen bzw. Erfahrungen mit Pfarrern oder Kirche. Generell gilt: "Die Komplizenschaft ist bei Witzgeschichten, die ein für Sprecher und Hörer gemeinsames Wissen (Vorurteil) über Dritte voraussetzen, besonders deutlich." (Flader 2002, 292). Das Vorurteil über andere verbindet Erzähler und Hörer zu einer Ingroup und macht die anderen zur Outgroup. Im gemeinsamen Lachen über "den Anderen" erleichtern sich die Konflikte, Aggressionen werden auf erlaubte Weise ausgedrückt.
4.1 Witze gegen Pfarrer
"Berufsgruppen mit hohem Prestige sind bevorzugte Zielscheiben komischer Aggression (Berger 1998, 62). Dazu gehören auch Pfarrer. In der Berufsprestigeskala, die das Allensbacher Institut alle zwei Jahre heraus gibt, nehmen Pfarrer nach wie vor den zweiten Platz hinter den Ärzten ein, so auch in der neuesten Ausgabe von 2003. In einer Gesellschaft, deren Mehrheit (zumindest im Westen noch) einer Kirche angehören, übernimmt der Pfarrer bestimmte Aufgaben. Neben Konfirmandenunterricht, den nach wie vor der größte Teil der Jugendlichen besuchen und Gottesdienst sind es vor allem die Kasualien Taufe, Hochzeit und Beerdigung, die von den Kirchenmitgliedern gewünscht werden[6] und bei denen sie Pfarrern begegnen. Lebensgeschichtlicher Infragestellung sind das Eingangstor für mannigfaltige (positive oder negative) Vorurteile." Denn aus seltenen Begegnung wird ein Bild des Pfarrers abgeleitet. Dies mag positiv oder negativ sein. Gerade bei der negativen Beurteilung eines Pfarrers scheint mir das Konzept der "illusionären Korrelation" geeignet, den Vorgang der Entstehung zu erklären. Schütz und Six (1995, 62) verstehen darunter die Wahrnehmung der Beziehung zweier Faktoren, die real nicht existiert. Weiter schreiben sie: "Wenn dieses Ergebnis auf das Entstehen von Vorurteilen und Stereotypen angewendet wird, dann bestehen die illusionären Korrelationen darin, dass Mitglieder zahlenmäßig kleiner Gruppen (Minoritäten) mit dem Auftreten negativen Ereignissen sehr viel enger in Zusammenhang gebracht werden als dies tatsächlich der Fall ist. Illusionäre Korrelationen scheinen danach nicht nur das Ergebnis einer affektive oder emotionalen Fehleinschätzung zu sein, sondern das Resultat eines kognitiven Verarbeitungsprozesses, der seltenen und somit auffälligen Ereignissen mehr Beachtung schenkt als dem 'Normalfall'" (a.a.O. 63). Der Zusammenhang zur Pfarrerschaft liegt nahe: Pfarrer werden als eine Minorität wahrgenommen, mit Ausnahme derer, die eine enge Beziehung zu ihrer Kirchengemeinde haben. Diese seltene Begegnung prägt das ganze Bild (Stereotyp) bzw. Vorurteil. Henri Tajfel (1982, 47) weist darauf hin, dass die illusionäre Korrelation häufig bei der Entstehung von Vorurteilen beteiligt ist. Hier wird auch deutlich, warum und inwiefern Stereotypen als Gesamtbilder immer auch Bewertungen enthalten. Ich habe es als Gemeindepfarrer immer wieder erlebt, wie gerade der Verlauf einer Begleitung bei einer Beerdigung das Verhältnis eines Menschen zu einem Pfarrer im positiven wie im negativen prägt, durchaus auch verändern kann (im Sinne von primacy und recency-Effekten; Bierhoff 2002, 54f.). Vermutlich deswegen, weil hier eine starke emotionale Beteiligung vorhanden ist. "Stimmungen (...) scheinen Personen zu eher ungenauen, weil undifferenzierten Urteilen zu verleiten. (...) Situative Merkmale (...) führt (sic!) zu undifferenzierten und meist negativen Urteilen über Gruppen und Einzelpersonen der Outgroups" (Schütz & Six 1995, 68). Stimmungen können sich schnell ändern und sind überwiegend auf äußere Umstände zurückzuführen und weniger auf Persönlichkeit (Bierhoff 200s, 64f.). Gerade dies ist ein "Berufsrisiko" des Pfarrers. Eine bestimmte negative Erfahrung behaftet "den Pfarrer" (stereotypes Gesamtbild) schnell mit einem Vorurteil (negative Zuschreibung), hinter dem sich Aggressionen verbergen (z.B. aus Enttäuschung). Im Witz der Outgroup finden diese dann eine Erleichterung. Dies ist eine Alternative zu der härteren Kritik, die sich im Kirchenaustritt oder in der öffentlichen Kritik an Kirche äußert. Wer einen Witz macht, ist mit der Sache noch nicht fertig (Plessner 1970, 99). Er hat z. B. weiterhin eine positive Erwartung an Kirche, ist aber enttäuscht – und dieser Konflikt lässt sich im Witz an- und aussprechen. Dies möchte ich an dem Witz verdeutlichen, denn ich bereits vorgestellt habe (S. 9):
Der Pastor setzt sich nach dem Gottesdienst, der wie jeden Sonntag gut verlief, in sein Auto. Nach einigen Minuten sagt seine Frau: "Liebling, Du kannst aufhören zu lächeln, der Gottesdienst ist vorbei."
Jetzt ist das Thema: Pfarrer stehen nicht hinter dem was sie sagen, spielen Theater, verstecken ihr "wahres" Gesicht. Erzähler und Hörer vereinen sich im erleichternden Lachen. In diesen Witzen kann sich auch (berechtigte) Kritik aussprechen: "Witz entlarvt und gibt preis. (...) Der Witz richtet sich gegen die Einbildungen und Eitelkeiten bestimmter sozialen Institutionen, Konventionen oder Gebräuche" (Berger 1998, 182).
Es gibt einige Witze, die sich sehr stark mit den unterschiedlichen religiösen Ausrichtungen von Pfarrern auseinandersetzen. Dabei steht vor allem der "liberale" Pfarrer im Vordergrund:
Ein stolzer Autobesitzer zu einem liberalen Pfarrer: "Ich habe mir einen Jaguar gekauft. Würden Sie ihn segnen?" Der Pfarrer: "Jaguar, große Klasse, 250 Sachen ... aber 'Segnen', was ist das?" - Er geht resigniert weg und kommt zu einem Pfarrer, der sich entschieden zu seinem Glauben bekennt. Dort trägt er sein Anliegen vor. Dort wird ihm geantwortet: "Segnen gern – aber was ist das ein 'Jaguar'?"
Drei Gemeindeamtsleiter unterhalten sich, wer denn wohl den liberalsten Pastor in der Gemeinde hat. Munter prahlt der erste drauflos: "Unser Pastor bietet Tanzkurse um den Altar an!" Der zweite: "Das ist doch gar nichts! Unser isst am Karfreitag vor der ganzen Gemeinde ein Steak!" Darauf meint der dritte nur: "Vergesst das alles! Unser Pastor hängt an Weihnachten ein Schild an die Kirchentür: Wegen der Feiertage geschlossen!"
Vielleicht spiegelt sich darin das Aufbrechen der Pfarrerschaft der letzten Jahrzehnte. Ich vermute, dass im Hintergrund vor allem evangelische Pfarrer stehen, die früher und stärker als ihre katholischen Kollegen "liberale" Einstellungen entwickelt haben. Hierin spiegelt sich die Kritik an allzu fortschrittlichen Einstellungen, die auch vor undenkbar Scheinendem nicht haltmachen. Demgegenüber taucht der "fromme" (evangelikale) Pfarrer kaum (noch) in Witzen auf. Kennzeichen eines offensichtlichen Bedeutungsverlustes der evangelikalen Bewegung in Deutschland?
Mein Eindruck ist: es gibt (im evangelischen Bereich) kaum Pfarrerwitze, die als reine Outgroupwitze zu verstehen sind. Vielleicht entstehen Pfarrerwitze weitgehend im Insiderbereich, haben eine Ingroupfunktion, die aber auch als Outgroupwitze zu "verwenden" sind. Vermutlich ist der evangelische Pfarrer dabei nicht so "stereotyp" wie sein katholischer Kollege. Dies mag damit zusammenhängen, dass der "Prototyp" des evangelischen Pfarrers weniger ausgeprägt ist als sein katholischer Kollege.[7] Damit bietet er auch für Witze weniger Angriffsfläche auch für Witze. Vermutlich sind daher auch weniger Erwartungen an die evangelische Pfarrerschaft stereotyp vorhanden. Die katholische Kirche dagegen polarisiert stärker. Und zwar sowohl in der Ingroup als auch der Outgroup.
4.2 Konfessionsabgrenzende Witze
Zwischen den Konfessionen besteht eine Konkurrenz, die selten offen ausgetragen wird. In Deutschland herrscht Rivalität vor allem zwischen der evangelischen und katholischen Kirche. Kein Wunder, dass es dazu viele Witze gibt. In den USA finden sich viel mehr Witze, die auch die Abgrenzung gegenüber der jüdischen Religion zum Thema haben, vereinzelt gibt es inzwischen auch Witze, in denen der Islam vorkommt. Sie bieten die Gelegenheit, die Rivalität verdeckt anzusprechen – "offen" geht dies zumeist nicht.
Es geht in diesen Witzen immer wieder um die Überlegenheit der eigenen Konfession bzw. um die Kritik am Überlegenheitsanspruch der anderen Konfession/Religion. Sie sind oftmals verbunden oder auch nur begründet in Vorurteilen (Bewertung eines einzelnen Zuges) gegenüber der anderen Konfession/Religion (vgl. dazu Schwikart 2003, 90ff.) Daher findet sich hier häufig die Witzfigur des Übertrumpfungswitzes. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass ich einen Moment des Triumphes über die erlebe, denen ich mich sonst unterlegen fühle (Berger 1998, 64). In Deutschland finden sich überwiegend Witze, die sich mit dem Überlegenheitsanspruch der katholischen Kirche beschäftigen. Diese können – je nach eigenem "Standpunkt" - als Ingroup- oder Outgroupwitze erzählt werden. Ich beschreibe sie hier aus evangelischer Sicht als Outgroupwitze.
Ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher diskutieren über das Christentum. Endlich sagt der Katholik begütigend: "Wir dienen schließlich beide dem gleichen Herrn. Sie auf Ihre Weise und ich auf seine!"
Unter dem Deckmantel der versöhnenden Freundlichkeit wird der evangelische Pfarrer dann doch abqualifiziert und die eigene Überlegenheit festgestellt. Das Vorurteil: der begütigende, sich auch im charmanten Ton überlegen gebende katholische Pfarrer - sein evangelisches Gegenüber bleibt im Witz völlig blass![8]
Das zweite Beispiel finde ich noch viel schöner und gelungener:
Im Dorfteich planschen nackt ein katholischer Junge und ein protestantisches Mädchen. Beim Abtrocknen sagt der Junge: "Jetzt kenne ich endlich den Unterschied zwischen evangelisch und katholisch..."
In diesem Witz spricht sich die Aggression gegen den Überlegenheitsanspruch auf besonders schöne Art aus, indem er ein zweites "neuralgisches" Thema der katholischen Kirche, die Sexualmoral mit einbezieht. Die Überlegenheit bezieht der katholische Junge aus seiner völligen Unwissenheit über den anatomischen Unterschied der Geschlechter. Es wird doppelt gelacht: über den Überlegenheitsanspruch und die mangelnde sexuelle Aufklärung im Bereich der katholischen Kirche. Letztere dürfte heute nicht mehr aktuell sein, daher bietet dieser Witz auch einen guten Hinweis auf die Tatsache, dass sich in den Stereotypen und Vorurteilen in Witzen keineswegs gegenwärtige Realität abbilden muss. Lediglich das Stereotyp muss bekannt sei n, d.h. es muss einen gegenwärtig noch aktuellen Konflikt ansprechen.
Und noch ein dritter Witz:
Gerda Meier ist schon über 80 und Zeit ihres Lebens evangelisch. Eines Tages erscheint sie bei ihrem Pfarrer und sagt: "Ich möchte gern konvertieren und katholisch werden!" Der Pfarrer ist verwirrt: "Aber liebe Frau Meier - warum denn das?" "Nun", sagt Frau Meier, "ich bin schon alt, mein Leben geht zu Ende, und da hab ich mir gedacht: Besser einer von denen stirbt, als einer von uns!"
Diesen Witz gibt es in etlichen Varianten. Er ist von der Struktur her so gebaut, dass die Stereotypen auswechselbar sind. Es gibt diesen Witz in der Kombination SPD/CDU, PDS/katholisch usw. Es geht immer darum, die Überlegenheit der eigenen Gruppe dadurch zu unterstreichen, dass die andere Gruppe mit dem eigenen Tod getroffen werden soll, der aber eigentlich die eigene Gruppe durch den Verlust schädigt.
4.3 Witze gegen Kirche, Gott und Jesus
"Die Erzähler konfessioneller Witze unterstellen oft tendenziös, dass selbst führende Mitglieder der angegriffenen Glaubensgemeinschaft den dogmatisch festgelegten Glaubenswahrheiten ihrer Kirche nicht mehr vertrauen" (Röhrich 1980, 198). Dieser Satz ist wahr und falsch zugleich. Richtig daran ist der Hinweis, dass auch die Führer von Religionsgemeinschaften keine Übermenschen sind, obwohl dies von ihnen erwartet wird. Falsch ist dagegen der Gedanke, bei Glaubenswahrheiten handele es sich um dogmatisch festgelegte Glaubenswahrheiten. Dies ist ein Zerrbild von Kirche (die sich allerdings fragen muss, woher dieses Bild kommt). Hier spricht sich ein (berechtigtes) Vorurteil gegen Kirche aus.
Es gibt Witze "gegen" Kirche und Gott, aber nur sehr wenige "echte" antikirchliche Witze. Darunter verstehe ich Witze, die nicht sowohl in der Outgroup als auch der Ingroup erzählt werden können, weil der Insider darüber nicht lacht/lachen kann, da er sich verletzt fühlt.
In solchen Witzen werden Aggressionen sichtbar gegen Pfarrer, Organisation, Jesus/Gott (so auch Berger 1998, 62f.). Ihre Entstehung lässt sich auch hier über illusionäre Korrelationen erklären. Über bestimmte negative Erfahrungen mit Pfarrern/Kirche, kann sich eine komplette Ablehnung entwickeln. Aus dem Vorurteil heraus entwickelt sich Kirche/Glauben zu einem negativen Stereotyp (Gesamtbild). In den Witzen, die dann erzählt werden, werden dann die Vorurteile wieder sichtbar. Drei Beispiele:
Zwei Pfarrer unterhalten sich über die Kollekte. Der erste meint: "Ich nehme mir immer die Scheine raus, das Kleingeld bekommt der Herr." Sagt der zweite: "Also ich mache das anders, ich nehme die ganze Kollekte, werfe sie hoch und sage: 'Nimm, Herr, was Du brauchst.' Und was wieder herunterfällt, gehört mir." [9]
Pfarrer sind raffgierig und verlogen, sie betrügen nicht nur die Geber der Kollekte, sondern auch ihren Herrn. So das Vorurteil. Die Pointe liegt darin, dass der zweite Pfarrer noch eine "fromme" Entschuldigung parat hat: Wenn der Herr wollte, könnte er ja sich seinen Teil (oder auch alles) nehmen.
Jesus hängt am Kreuz. Lieblingsjünger Johannes ist außer sich, die Menge tobt. "Johannes...", röchelt Jesus. "Ja Herr, ich komme" Johannes versucht, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Doch die Christenverfolger werfen Steine nach ihm. "Johannes, komm zu mir!" ruft Jesus und Johannes verliert beim Versuch, zum Kreuz vorzudringen, fast das Bewusstsein. Mit letzter Kraft robbt er sich in die Nähe seines Herrn. "Ja Meister?" "Johannes, stell dir vor, ich kann dein Haus von hier aus sehen."
Jesus wird als Unmensch gezeichnet, Johannes als der ihm bedingungslos vertrauende Mensch, dessen Vertrauen Jesus auf böse Weise missbraucht wird, letztlich für nichts Besonderes. Hier könnte man davon sprechen, dass das Stereotyp Jesus zur Karikatur verzerrt worden ist, der Hörer sofort bemerkt und gerade dies als komisch empfindet (Kotthoff 1998, 232). Aus meiner Sicht zielt dieser Witz (den als auch in einer Variante mit Judas gibt) aber eher darauf, Jesus lächerlich zu machen.
Gott erwischt Eva als sie von der verbotenen Frucht isst. Sagt er: "Dafür sollst du bluten!" Daraufhin Eva: "Kann ich in monatlichen Raten zahlen?"
Eva wagt den Aufstand gegen Gott, gegen einen grausamen, auf Rache sinnenden Gott. Der umgangssprachliche Ausdruck für Rache wird von Eva auf schlaue Weise gekontert. Sprechen sich da Aggressionen gegen das Gottesbild aus? Es gibt aber auch Zynismus als Auflehnung gegen eine fragwürdige Moral (Hirsch 2001, 242) oder es vollzieht sich im Witz die Auflehnung gegen eine Autorität (Berger 1998, 67). Letzteres gilt zwar vor allem gegen den (subversiven) politischen Witz, gilt aber auch für manche Witze im kirchlichen Bereich, die in diese Abgrenzungskategorie fallen.
Ich denke, bei diesen drei Witzen wird schnell deutlich, dass sie in Kreisen erzählt werden, die eine große Distanz zur Kirche haben. Vielleicht liegt der Grund für die teil sehr drastischen Witze in folgender Beobachtung: "Stereotype werden (...) sehr häufig von Personen geäußert, die sich auf diese Weise der antizipierten Erwartungshaltung einer Gruppe anpassen wollen, um so eine Eingliederung in diese Gruppe zu erreichen oder ihr Prestige innerhalb der Gruppe zu erhöhen" (Quasthoff 1972, 190). Dies geschieht dann, so Uta Quasthoff weiter, oftmals durch überspitzte Formulierungen der Stereotypen. Vielleicht würde sich die Vermutung überprüfen lassen, dass die Schärfe in manchen antikirchlichen Witzen weniger durch konkrete Kritik an der Kirche sondern aus dem Bedürfnis sich einer der Kirche distanziert oder ablehnend gegenüberstehenden Gruppe zugehörig fühlen zu wollen. Vielleicht kann man so weit gehen, dass in bestimmten Milieus, denen ich mich anschließen möchte oder in denen ich eine "höhere" Position erhalten möchte, das Erzählen antikirchlicher Witze genau diesem Ziel dienlich ist – ohne dass damit mehr als die vermutet erwartete Kirchenkritik signalisiert wird, die mit der tatsächlichen Einstellung nicht unbedingt übereinstimmen muss. Gleiches könnte für Anwaltswitze, Ärztewitze o.ä. gelten. Gerade weil der Witz andeutet und vieles nicht ausspricht, ist er vielleicht auch geeignet, als "Versuchsballon" eingesetzt zu werden. [10]
Von kirchlichen Insidern werden diese Witze wohl kaum erzählt werden, zumindest nicht zu allgemeinen Erheiterung. Vielleicht aber, um indirekt Aggressionen gegen "die Anderen" zu äußern: ich erzähle einen Witz, über den der Hörer nicht lachen, sondern nur das Gesicht verzieht und sich fragt, wer erfindet den solche Witze. Antwort: der kirchliche Kritiker, der Atheist...
4.4 Witze der kirchlichen Insider gegen die Outsider
Natürlich gibt es auch das Lachen der "Frommen" über die "Anderen". Wie eben angedeutet, sprechen sich darin Aggressionen gegen die Außenstehenden, kirchlich Distanzierten aus. Zwei Beispiele:
Zwei Pastoren fischen am Rand der Straße. Sie haben ein Schild aufgestellt, auf dem zu lesen steht: "Das Ende ist nah! Kehrt um bevor es zu spät ist!" Aus einem vorbeifahrenden Auto schimpft jemand: "Lasst uns in Ruhe mit euren frommen Sprüchen!" Als nächstes hört man ein lautes Platschen. Der eine Pastor sieht den anderen fragend an und sagt: "Findest du, wir sollten stattdessen ein Schild aufstellen, auf dem steht: 'Ende der Brücke'?"
Die Doppeldeutigkeit der in kirchlicher Sprache gehaltenen Aufschrift erweist sich kurz hinter dem Schild. Der Witz spielt mit den Vorurteilen, dass es zum einen Menschen gibt, die auf kirchliche Sprache sehr allergisch reagieren, zum anderen aber sich Pfarrer mitunter (bewusst) doppeldeutig ausdrücken. Im Witz spricht sich die Erleichterung der Pfarrer aus, die Aggressionen gegen die hegen, die ihrer Botschaft nicht zuhören wollen.
Ein Atheist geht ins Museum. Er sieht sich die Bilder an - und bleibt schließlich vor einem Rubens "Die Heilige Familie auf der Flucht" stehen. Er betrachtet lange das Bild. Endlich wendet er sich zu seinem Begleiter: "So sind die Christen! Seit Jahrhunderten erzählen sie den Leuten, Maria und Josef seien so arm gewesen, dass Maria noch nicht einmal ins Wochenbett konnte, sondern ihr Kind in einem Stall hat zur Welt bringen müssen. Aber um sich von Rubens malen zu lassen - dafür hatten sie Geld genug!"
Zuerst wird das Vorurteil sichtbar, dass sich vielfach gegenüber der Kirche ausspricht (und für die Kirche tatsächlich einen Konflikt darstellt): Sie predigt Armut, ist aber selbst reich. Aber in der Pointe wendet sich der Blick: der Atheist wird als Dummkopf hingestellt, der keine Ahnung von Kunst(-Geschichte) hat.
5 Funktion: Implizite Persönlichkeitstheorie
Ging es bisher um Abgrenzung, die durch Witze erzeugt wird, steht jetzt der Inhalt der Stereotypen und Vorurteile im Blickpunkt. Dabei erscheint mir das Konzept der "Impliziten Persönlichkeitstheorie" geeignet, die Funktion von Stereotypen und Vorurteilen in religiösen Witzen verständlich zu machen.
Unter Impliziter Persönlichkeitstheorie (ab jetzt IPT) verstehen Schütz & Six: "Merkmale, die wir dazu verwenden, andere Personen zu charakterisieren und die relativ eindeutige Art, wie wir diese Merkmale bei der Charakterisierung anderer Personen miteinander verknüpfen, auf deren Verhalten beziehen und Vorhersagen daraus ableiten, bilden eine Implizite Persönlichkeitstheorie" (1995, 64). Joseph Forgas betont in diesem Zusammenhang den Begriff der Erfahrung und definiert die IPT als "die Summe unserer akkumulierten Erfahrungen und Hypothesen darüber, wie Attribute und Persönlichkeitszüge bei anderen Menschen organisiert sind" (1999, 36). Sie gehören zu den "einflussreichsten Determinanten unserer Urteile über Menschen (ebd., 44). IPT hat immer auch mit Bewertungen anderer zu tun und so mit Erwartungen an und Enttäuschungen mit Menschen. "In jeder Kommunikation ist ein Erwartungsrahmen präsent, der in früheren Kommunikationen aufgebaut und typisiert worden ist. Deshalb kann man auch mit dieser Institutionalisierung spielen" (Kotthoff 1998, 70). Genau dies tut der Witz.
IPT´s sind letztlich nichts anderes als Stereotypen. Der Blickwinkel liegt jetzt darauf, einerseits über die Erfahrungen nachzudenken, die hinter IPT´s stehen, andererseits über die Verhaltenserwartungen und –verallgemeinerungen nachzudenken, die mit IPT´s verknüpft sind. Meine These ist dabei, dass sich die Entstehung und Weitergabe etlicher Witze gerade an den Verhaltenserwartungen erklären lassen, die an die verschiedenen im kirchlichen Raum agierenden Personen geknüpft sind. Aus den Stereotypen und Vorurteilen will ich die Tendenzen und die damit verbundenen Erwartungen oder Enttäuschungen erheben.
Witze sagen etwas über den aus, der sie erzählt. Welche Witze mache ich? Welche kann ich mir merken? Welche vergesse ich sofort wieder? Alles Indizien für die Bedeutung eines Witzes für die eigene Person. "Witze drücken Ängste und Sehnsüchte aus, nicht aber das Bewusstsein derjenigen, die diese Witze erzählen, und schon gar nicht den Charakter derer, über die da gelacht werde soll" (Hirsch 2001, 194). Aus den in Witzen vorkommenden Stereotypen und Vorurteilen über Kirche und Glaube kann nicht direkt auf bestimmte Verhaltensweisen, Einstellungen oder den "Zustand" von Kirche geschlossen werden. Vielmehr offenbaren sie sehr viel über die implizite Persönlichkeitstheorie des Erzählers, über seine Erwartungen, aber auch Sehnsüchte und Ängste an Kirche und Glaube. Indirekt stellt sich hier die Frage an die Kirche und ihre Repräsentanten, warum sie so auf Menschen wirken. Die sozialpsychologische Funktion liegt darin begründet, dass sich der Konflikt zwischen Anspruch, Hoffnung und Sehnsucht auf der einen Seite und der konkreten Wirklichkeit in einem Witz Luft verschaffen.
Hilfreich erscheint mir in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von Stereotypen und Prototypen: "Ein Prototyp ist die idealisierte Merkmalskombination, der Vertreter einer Personengruppe schlechthin" (Forgas 1999, 46). Ein Prototyp ist also auch ein Stereotyp. Konkrete Menschen entsprechen mehr oder weniger diesen Prototypen. Diese konkreten Personen erfüllen mehr oder weniger die Erwartungen, die sich aufgrund der Prototypen auf sie richten. Meine These lautet: Aus dem Blickwinkel der IPT stehen Witzen stehen die Prototypen im Blickpunkt, nicht die realen Personen. Ich werde versuchen aufzeigen, dass sich das Konzept der IPT auch auf Gott, Jesus und Petrus anwenden lässt. Auch hier stehen im Hintergrund bestimmte Erwartungen, auch hier gibt es "Prototypen".
5.1 Erwartungen an Pfarrer
Wer einen Witz erzählt, verrät in der Regel mehr über sich als über diejenigen, über die er sich lustig macht. Es geht also weniger um Aussagen über die Pfarrerschaft als über die Erfahrungen des Witz-Erzählers mit der Kirche, den Pfarrern, dem Glauben. Dabei gilt: "Der Unterhaltungswert der Kleriker besteht vor allem darin, dass sie dem Volke eine Projektionsfläche bieten: der Kleriker ist die personifizierte Religion. In einem solchen Menschen aus Fleisch und Blut werden alle Widersprüche zwischen Ideal und Realität offenbar" (Schwikart 2002, 43).
Es gibt viel weniger Witze über protestantische Geistliche als über katholische. In manchen Witzen spielt diese Unterscheidung auch keine Rolle. Dennoch vermute ich, dass in den Witzen, in welchen vom "Pfarrer" die Rede ist, der evangelische Pfarrer gemeint ist, während die katholische Geistlichkeit klar erkennbar als Priester, Kaplan oder Bischoff bezeichnet wird. Forgas: "Je stärker das Gruppenstereotyp, um so schwieriger kann es sein, zwischen Angehörigen der betreffenden Gruppe individuelle Unterschiede wahrzunehmen" (1999, 33). Oder anders ausgedrückt: in Witzen über katholische Geistliche wird der dort präziser beschreibbare Prototyp aufs Korn genommen.
Mann liegt auf der Intensivstation, an tausend Schläuche angeschlossen. Besucht ihn ein Pfarrer. Plötzlich fängt der Mann zu keuchen an. Da er nicht sprechen kann, bittet er in Zeichensprache um einen Stift. Er kritzelt auf einen Zettel einen Satz und stirbt. Der Pfarrer denkt sich: das geht mich nix an, und bringt den Zettel der Frau des Verstorbenen. Die liest und fällt in Ohnmacht. Nimmt der Pfarrer den Zettel und liest: "Du Idiot, geh von meinem Schlauch runter..."
Dieser Witz spielt mit der Erwartungen an das korrekte Verhalten des Pfarrers. Erwartet wird, dass Pfarrer Kranke besuchen. Erwartet wird, dass Pfarrer das Briefgeheimnis wahren. Der Pfarrer macht alles richtig – und doch alles falsch. In seinem Bemühen um Korrektheit übersieht er das Nahe liegende und Lebensrettende. Hier spiegelt sich der Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Der Pfarrer soll das Übernatürliche repräsentieren, ist aber kein Übermensch, kann die ihn gesetzten Erwartungen nicht immer erfüllen – und manchmal liegt es an Kleinigkeiten...
Für die protestantische Tradition hat die Predigt zentrale Bedeutung.
Ein fleißiger Kirchgänger nach dem sonntäglichen Gottesdienst: "Eine schöne Predigt war das. Heute hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass er mich nicht persönlich meint!"
Dieser Insiderwitz spielt mit den Erwartungen an die Predigt. Diese mögen zwischen Pfarrer und Predigthörer durchaus unterschiedlich sein, wie der Witz zeigt. Nach Maßgabe der Theologie muss die Predigt persönlich sein, weil Gott jeden einzelnen Menschen meint. In überzogener Weise aber trifft die so verstandene Predigt den Menschen zu stark. Statt zu entlasten, belastet sie den Hörer, der sich (zu) persönlich angesprochen fühlt. Manchmal führt eher ein Umweg zum Ziel. Die Pointe: Komm mir doch nicht immer so nah mit deiner Predigt!
Ein anderes Beispiel.
Ein Pfarrer hält seine letzte Predigt. Eine ältere Frau zu ihm: "Das ist aber schade, dass Sie uns verlassen. Einen Pastor, wie Sie, bekommen wir nie wieder!" Der Pfarrer gerührt: "Sicher wird mein Nachfolger besser sein als ich!" Die Frau – von dieser Argumentation nicht überzeugt – kopfschüttelnd: "Herr Pfarrer, das glaube ich Ihnen nicht.. Ihr Vorgänger hatte das auch gesagt und ... es hat nicht gestimmt!"
Enttäuschungen und Erwartungen, Betroffenheit und Trauer sind in diesem Witz kunstvoll verschränkt. Der Vorgänger war besser als der Nachfolger, das erfährt der Nachfolger bei seinem Abschied. Die Frau drückt dabei ihre Erwartung aus, dass der Nachfolger des Nachfolgers noch schlechter sein wird...
Zusammenfassend schließe ich mich Günther Ruddies an: "Wer mit der Unzulänglichkeit des Menschen angesichts hoher Glaubensanforderungen zu tun hat, spürt täglich die Diskrepanz. (...) In einem solchen, anspruchsvollen Beruf bleibt es nicht aus, dass geistliche und profane Welt ins Gehege kommen, geistliche Rolle und menschliches Verhalten" (1983, 29).
5.2 Erwartungen an Gott
Das Konzept der IPT lässt sich auch auf Gott hin anwenden. Es spielt dabei keine Rolle, ob es Gott wirklich gibt oder ob es sich nur um eine Projektion handelt. Als Person ist Gott in unserer Kultur existent. Auf ihn richten sich Erwartungen, Sehnsüchte, aber auch Aggressionen und Frustrationen. Wer in unserer Gesellschaft "Gott" sagt, hat ein bestimmtes Bild (Stereotyp) vor Augen, beim Zuhörenden wird ebenfalls ein Bild wach. Daher ist es legitim, Gott als Person sozialpsychologisch genauso zu betrachten wie jede andere Person. In Witzen taucht er immer wieder auf. Von daher stellt sich die Frage, welche sozialpsychologische Funktion diese Witze haben. Ich denke, dass sich hier Erwartungen und Sehnsüchte, aber auch Frustrationen und Enttäuschungen an "Gott" spiegeln. Zu diesen Witzen gehören auch alle Witze, in denen es um den Glauben geht. Glaube ist immer eine Beziehung zwischen Gott und Mensch, der Mensch richtet im Glauben Erwartungen an und auf Gott.
Zu fragen ist also, welche Stereotype bzw. Vorurteile gegenüber Gott sprechen sich in diesen Witzen aus? Welche Rückschlüsse erlaubt dies auf die Erwartungen und Enttäuschungen? Wie verträgt sich das Stereotyp "Gott" unserer Tage mit dem Gott der christlichen Tradition? Ruddies spricht davon, dass Gott im Witz nicht unfehlbar sei (1983, 199). Das trifft aber nicht den Kern. Gott wird aus meiner Sicht weniger als unfehlbar, sondern eher als menschlich dargestellt. Vermutlich sind hier Aggressionen gegen Gott im Spiel, weil er - wenn es ihn denn gibt - den "Erwartungen" an den "lieben" Gott nicht entspricht, der alle Wünsche erfüllt. Hier liegt eine Spannung, die sich gerade im Witz Luft verschafft.
Ein Beispiel.
Plötzlich rutscht der Bergsteiger aus und kann sich gerade noch an einem winzigen Felsvorsprung festhalten. Als seine Kräfte nachlassen, blickt er verzweifelt zum Himmel und fragt: "Ist da jemand?" "Ja." "Was soll ich tun?" "Sprich ein Gebet und lass los." Der Bergsteiger nach kurzem Überlegen: "Ist da noch jemand?"
Dieser Witz nimmt das bekannte (Vorurteil) Stoßgebet auf. Darin spricht sich die Hoffnung aus, dass in der Not Gott ein Helfer sei, wenn kein anderer helfen kann. Die Antwort Gottes im Witz entspricht der christlichen Tradition. Aber dies ist nicht das, was der Beter erwartet und hören will – daher fragt er noch einmal nach.
Ein Kirchturm ist vom Blitz getroffen worden und abgebrannt. Der Pfarrer sammelt für den Wiederaufbau. Ein alter Bauer, darauf angesprochen, ob er nicht etwas spenden wolle, antwortet " Nein, Hochwürden, für einen Hausherren, der sein eigenes Haus anzündet, geb' ich nichts..."
Hier spricht sich eine Kritik an Gott aus, der zulässt, dass sein eigenes Haus abbrennt. Dahinter verbirgt sich die ganze Theodizee-Frage: Wie kann Gott das zulassen...? Speziell zur Theodizee gibt es ansonst meines Wissens keine Witze, vermutlich ist das Thema zu heikel (obwohl sonst in vielen Witzen Heikles aufgegriffen wird).[11]
In diese Kategorie gehört auch der Witz vom Anfang (S. 3). Die Nonne verhält sich korrekt. Der LKW-Fahrer hat das Vorurteil im Kopf, Nonnen würden von Gott "Übernatürliches" erwarten.
In ganz anderer Weise werden Erwartungen an Gott bzw. Jesus in folgendem, im Pietismus beheimateten Witz sichtbar:
Das Presbyterium einer Gemeinde berät über die Frage, ob bei einer Überschwemmung auch sonntags Rettungsarbeiten durchgeführt werden dürfen. Einige Presbyter sind dafür, andere dagegen. Der Pfarrer weist darauf hin, dass auch Christus am Sabbat geheilt habe. Antwortet ein alter Presbyter: "Herr Pfarrer, das wollte ich schon immer einmal fragen: War der Herr Jesus nicht in manchen Punkten etwas zu liberal?"
Es spricht sich die Kritik an Gott aus, er sei viel zu liberal. Die Erwartung an ihn ist eine andere. Das Stereotyp "Gott" ist konservativer als die biblische Tradition. Da her ist dieser Witz ein gutes Beispiel für die Verhaltenserwartungen, die mit dem Konzept der IPT verbunden sind: der fromme Pietist erwartet sich einen viel konservativeren Gott. Das ist auch ein Beispiel dafür, dass sich auch im innerkirchlichen Bereich Projektionen auf Gott richten. In dem Witz wird letztlich über diese pietistischen Menschen gelacht – je nach Distanz zur eigenen Frömmigkeit auch über sich selbst...
Ich möchte die sozialpsychologische Funktion der IPT in Witzen über Gott so beschreiben: Es bestehen Erwartungen an Gott, die mit der biblischen Tradition nicht immer zusammen passen. Im Witz löst sich dieser Konflikt auf, indem er für kurze Zeit die Bedürfnisbefriedigung "erlaubt", die ansonsten mit einem Tabu belegt ist (Flader 2002, 289). Dabei wird ein bestimmtes Bild von Gott kritisiert - und zugleich ein Tabu berührt: Darf man Gott kritisieren? Auf geschickte Weise wird im Witz das Tabu und auch der Tabubruch nicht ausgesprochen, er vollzieht sich im Kopf des Hörers. Hirsch vertritt die Auffassung, "das Komische könne nur da entstehen, wo ein Thema unterdrückt ist. (...) die Tabuverletzung, um die es dem Witz (fast) immer geht, ist um so eher geduldet, je diskreter sie geschieht" (2001, 165). In diesem Zusammenhang ist der Witz auch eine Möglichkeit, die Enttäuschung über Gott ausdrücken zu können, dass dieser nämlich nicht so ist oder sich verhält, wie ich mir das wünsche.
5.3 Erwartungen an Jesus
Auch hier hilft das Konzept der IPT, Witze über Jesus zu verstehen. Auch Jesus ist in unserer Kultur als "Person" präsent. Viele Erwartungen, die sich auf Gott richten, richten sich auch an Jesus. Er steht uns aber als Mensch näher als Gott. In der Volksfrömmigkeit reicht die Spanne vom Gottessohn, der im Gebet angerufen wird bis zum Vorbild menschlichen Verhaltens. Nach der kirchlichen Tradition handelt es sich bei Jesus um Gott und Mensch zugleich. Menschen versuchen, diese Paradoxie im Witz aufzulösen. Es handelt sich aber nicht um eine klassische Doppelbindungssituation (Watzlawick et. al. 178ff.). Denn die Stereotypen "Gott" und "Mensch Jesus" mögen sich zwar von den Eigenschaften her paradox gegenüber stehen, nicht aber die Erwartungen, die sich an Gott bzw. Jesus (als Prototyp des Menschen) richten, sie sind "lediglich" widersprüchlich – oder besser gesagt: sie sind nicht deckungsgleich.
Aus meiner Sicht gibt es zwei verschiedene Formen von IPT in Witzen mit Jesus.
a) harmlose Tendenz
Eine Frau soll gesteinigt werden. Jesus tritt vor die Menge und sagt: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!" Plötzlich kommt ein riesiger Wacker geflogen und trifft die Frau am Kopf. Tot. Jesus dreht sich um und meint: "Mutter, manchmal kotzt Du mich echt an..."
Dieser Witz spielt zum einen mit der Besonderheit Maria´s der Mutter Jesu. Zugleich stellt uns der Witz einen sehr "menschlichen" Jesus vor Augen, der uns damit ähnlicher gemacht wird als in der biblischen Texten. Die Menschlichkeit Jesu wird betont.
Aber in den Wundergeschichten ist Jesus nicht menschlich. Da sagt der gesunde Menschenverstand ("Vorurteil"[12]): das gibt es nicht! Der Witz holt die Wundergeschichten auf die menschliche Ebene, indem er das "Wunder" auflöst und damit den Konflikt aufhebt. Jesus ist und bleibt ein Mensch. Als bekanntestes Beispiel dürfte der Witz von den Steinen im See gelten. Es gibt ihn in verschiedenen Fassungen. Diese finde ich besonders schön:
Jesus, Petrus und Johannes sitzen zusammen im Boot und Angeln. Jesus meint: "Ich hol uns noch ein paar Bier, Jungs", steigt aus und geht übers Wasser an Land. Nach 10 Minuten kommt er wieder über den See zurückgelaufen mit einem Sixpack Bier. Eine halbe Stunde später meint Petrus: "Ich geh' mal kurz ein paar belegte Brötchen holen", steigt aus dem Boot und läuft ebenfalls übers Wasser und holt etwas zu essen.
Eine weitere halbe Stunde meint Johannes: "Ich geh' auch mal kurz und hol uns was zu lesen, damit es nicht so langweilig ist", steigt aus dem Boot, fällt ins Wasser und ertrinkt. Darauf Petrus zu Jesus: "Eigentlich hätten wir ihm auch sagen können, wo die Steine liegen..."
Die naturalistische Erklärung holt Jesus wieder auf die menschliche Ebene herunter. Die Tendenz des Witzes richtet sich aber nicht gegen Jesus, sondern gegen das Wunder. Die Bedeutung Jesu bleibt gewahrt.
b) aggressive Tendenz
Aber es geht auch ganz anders:
Jesus mit seinen Jüngern sieht einen Sterbenden am Straßenrand liegen. "Rette ihn", bittet Petrus. Jesus schaut ihm tief in die Augen, legt ihm die Hand auf und sagt: "Steh auf und geh!" Der Sterbende steht auf und geht. Nach drei Wochen sind sie wieder in der Gegend und erkundigen sich nach dem Kranken. Sie zeigen ihm seine Leiche. Jesus beugt sich über ihn, schüttelt den Kopf und sagt: "Dann war es also doch Krebs!"
Hier steht auch wieder die wunderwirkende Seite Jesu im Mittelpunkt. Das Vorurteil sagt wieder: das gibt es nicht! Jetzt löst der Witz das Wunder nicht mehr naturalistisch erklärend auf, sondern gibt der biblischen Geschichte ein ganz anderes Ende. Jetzt lautet die Aussage: Jesus kann keine Wunder wirken. Die "göttliche" Seite Jesu wird aufgehoben, Jesus ganz und gar menschlich gemacht. Im Gegensatz zu den eben genannten Beispielen liegt aber jetzt eine gewisse Schärfe im Witz.[13] So auch im nächsten Beispiel:
Das heilige Abendmahl. Jesus steht auf und spricht: "Lasset uns trinken auf Johannes, der schon tausend Menschen getauft hat." Es wird nachgeschenkt. Wieder steht er auf und spricht: "Lasset uns trinken auf Petrus, der wie ein Fels in der Brandung steht." Wieder trinken alle aus. Und ein weiteres Mal steht der Gottessohn auf und spricht zu den Jüngern: "Und jetzt lasset uns trinken auf Judas, der mich einst verraten wird." Darauf Judas: "Jesus, hör auf. Jedes Mal wenn Du besoffen bist, fängst Du an zu stänkern..."
Auch hier wird die biblische Geschichte auf negative Weise karikiert, Jesus unterstellt, manche seiner Aussagen hätte er im betrunkenem Zustand gemacht.
Womit hängt diese Schärfe zusammen? Ich glaube, in diesen Witzen soll Jesus seine "Göttlichkeit" insgesamt abgesprochen werden. Eine positive Grundeinstellung zur Person Jesu ist hier nicht erkennbar und so richten sich die Aggressionen direkt auf ihn.
Von daher möchte ich die These in den Raum stellen, dass die Witze mit harmloser Tendenz eher von Menschen erzählt werden, die noch etwas von Jesus (und seinem Gott) erwarten, die aggressiveren eher von religions- oder kirchenkritisch eingestellten Menschen.
5.4 Die Frage nach der Gerechtigkeit – Petrus an der Himmelstür
Neben Pfarrerwitzen ist die Zahl der Himmelstürwitze im Bereich der religiösen Witze am höchsten, daher dürfen sie in meiner Untersuchung nicht fehlen.
In der Person des Petrus an der Himmelstür steht die IPT und die damit verbundenen Erwartungen im Hintergrund, sie sind nicht so leicht zu erkennen.
In der mittelalterlichen Kunst schließt Petrus im Jüngsten Gericht das Himmelstor. In unzähligen Witzen entscheidet Petrus darüber, wer in den Himmel hinein darf nach seinem Leben. Petrus ist ein Stereotyp für den Richter. Daher liegt die Vermutung nahe: hinter ihm steht Gott (der Richter). Hier wird die Prägung der katholischen Frömmigkeit sichtbar, die Petrus als Stellvertreter Christi ansieht.
In den Himmelstürwitzen werden bestimmte Menschengruppen stereotyp dargestellt und beurteilt. Oftmals tauchen Menschen auf, die es besser hatten als wir, die es sich im Leben leichter machten als wir oder die sich – anders als wir - trauten, unmoralisch zu leben.
Ein Kfz-Mechaniker ist soeben bei Petrus angekommen. "Hey Petrus, warum bin ich denn schon hier, ich bin doch erst 45 ?!" Petrus schaut in seine Unterlagen: "Nach den Stunden, die Du Deinen Kunden berechnet hast, musst Du schon 94 sein !"
Ein Pastor und ein Omnibusfahrer werden im Himmel beurteilt. Der Pastor ist darüber erschrocken, dass ihm der Zutritt zum Himmel verwehrt wird, während der Busfahrer ohne Probleme geöffnete Türen vorfindet. – Der Pastor beschwert sich und bekommt zur Antwort: "Wenn der Busfahrer gefahren ist, haben die Leute gebetet. Aber wenn Du gepredigt hast, haben sie geschlafen!"
Oftmals werden bestimmte Berufsgruppen stereotyp als unmoralisch gekennzeichnet und deren Vertreter abgewiesen. Vor allem Anwälte kommen dabei sehr schlecht weg.
Ein Anwalt kam nach einer erfolgreichen und ehrlichen Karriere an die Himmelspforte, gleichzeitig mit dem Papst. Petrus grüßte zuerst den Papst und begleitete ihn zu seiner neuen Wohnung: Der Raum war klein und schäbig, ähnlich einem drittklassigen Autobahnmotel. Danach wurde der Anwalt zu seinem Quartier gebracht: Eine palastähnliche Anlage mit Swimming-pool, einem Park und Garten, und eine Terrasse mit malerischer Sicht auf die Himmelspforte. Der Anwalt war irgendwie ein bisschen überrascht und sagte zu Petrus: "Ich finde es sehr eigenartig, wenn ich diese meine Stätte betrachte, nachdem ich gesehen habe, wie billig selbst der Papst untergebracht worden ist." Da antwortete Petrus: "Ach, weißt du, wir haben hier oben gut hundert dieser Päpste und ehrlich gesagt langweilen sie uns langsam ziemlich - aber wir hatten noch nie einen Anwalt!"
In diesen Witzen geht es darum, dass Menschen (als Stereotyp für bestimmte Gruppen) miteinander verglichen werden. Mielke (1999, 6) schreibt, dass sich die Abwertung anderer Personen aus der Tendenz erklären lässt, eine positive Bewertung der eigenen Person aufrechtzuerhalten, dies aber nur im Vergleich mit anderen gelingen kann. Diese Witze kreisen zugleich um die Frage, wie es denn in dieser "Welt" um die Gerechtigkeit steht. Forgas (1999, 89) spricht im Zusammenhang mit der bekannten Neigung, anderen Misserfolge ihrer persönlichen Verantwortung zu zu schreiben, von der "Hypothese einer gerechten Welt": Im Anschluss an Lerner schreibt er, "dass solche Attributionen zumindest zum Teil unserem Wunsch widerspiegeln, uns den Glauben an eine gerechte Welt zu erhalten, in der jeder bekommt, was er verdient. (...) Die Opfer für schuldig zu erklären, ist der Versuch, unsere eigene Buchführung in Ordnung zu bringen und uns ein ums andere Mal den Glauben an eine gerechte Welt zu bestätigen" (ebd., 89). Ich möchte die These vertreten, dass sich in den Himmelstürwitzen genau dieser Gedanke von der Hoffnung an eine letztlich gerechte Welt widerspiegelt. Im diesen Witzen findet der Konflikt eine Erleichterung, dass es sich in der "Realität" oft ganz anders verhält als erwartet oder erhofft. Diese Witze nehmen den christlichen Gedanken auf, dass jeder Mensch nach seinem Leben nach seinem Tun und Lassen beurteilt wird (Matthäus 25, Gleichnis vom Weltgericht). In der christlichen Tradition wurde dies ausgebaut in die Vorstellung von Himmel und Hölle, die in dieser Form keinen Anhalt an der biblischen Grundlage hat. Bedenkt man, was im Verlauf der Jahrhunderte an Ängsten mit dem Thema Höllenangst angestellt worden ist, verwundert es nicht, dass sich diese Angst in Witzen noch niederschlägt. Die Frage nach der Beurteilung des eigenen Lebens stellt sich für Menschen immer. Sie spiegelt sich in Grenzsituationen (und zu denen zählt auch die "Himmelstür" als Symbol für das Ende des Lebens, nach dem endgültig geurteilt wird) in der klassischen Theodizee-Frage: Womit habe ich das verdient?
In den Himmelstürwitzen schlägt sich auch die tief sitzende Sehnsucht nach einer Gerechtigkeit wieder, die auf Erden vielfach nicht erreichbar ist. Es zeigt sich die Sehnsucht nach der "ausgleichenden" Gerechtigkeit. Dahinter wird die Erwartung – und damit komme ich zurück zur IPT – an Gott oder auch nur das Leben sichtbar, es möge doch im Leben gerecht zugehen. Der "Himmel" wird zur Gegenwelt, in der nach menschlichen Sehnsüchten (Aggressionen) gerichtet wird. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass insbesondere Anwälte immer wieder in diesen Witzen vorkommen, also eine Berufsgruppe, die per se (eigentlich) für die Gerechtigkeit auf Erden zuständig ist.
Ein letzter Witz, der allerdings im engeren Sinn kein Himmelstürwitz ist, aber genau die Frage nach der endgültigen Bewertung des Lebens aufgreift:
Ein Priester wird zu einem sterbenden Mann gerufen und will ihn auf den Tod vorbereiten. Er bittet ihn doch zu sagen, dass er keine Angst vor dem Teufel und seiner Macht habe. Der Mann schweigt. Der Priester bittet erneut - der Mann schweigt weiter. Nun fragt der Priester, wieso er sich denn nicht eindeutig bekennen wolle und bekommt zur Antwort: "Solange ich nicht weiß, wo ich hinkomme, bin ich lieber vorsichtig."
"Humor hat auch die Funktion, den Schrecken zu bändigen, der von tatsächlichen bedrohlichen Ereignissen ausgeht" (Berger 2001, 70). Spricht sich hier in den Himmelstürwitzen auch die Angst vor dem Tod aus, was ist mit meinem Leben, was bleibt? Kann ich bestehen, vor mir, vor anderen und am Ende vor Gott? Himmelstürwitze könnten mit diesen Fragen spielen. Der Witz, den ich da erzähle, sagt immer etwas über mich, meine Ängste, meine Hoffnungen, meine Sehnsüchte.
6 Schluss: Gedanken zur "Wahrheit" von religiösen Witzen
"Alfred Delp, ein katholischer Priester, der (...) ein Opfer der Nazis wurde, machte auf dem Gang zur Hinrichtung in der besten Tradition des christlichen Märtyrertums einen Scherz: Er fragte den ihn begleitenden Pfarrer nach den letzten Neuigkeiten von der Front und sagte dann: 'In einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie'" (Berger 1998, 237). Delp entlarvt durch sein Gottvertrauen die gesamte Situation als eine vorläufige Situation. Es ist der Triumph einer endgültigen Freiheit, die der Glauben schenkt. Dabei ist dieser "Witz" aus der Situationskomik entstanden, wie vermutlich viele andere Witze auch – und dann wohl von dem Delp begleitenden Pfarrer weiter erzählt worden. Er spielt mit dem (positiven) "Vorurteil", dass Christen nach dem Tod noch etwas zu erwarten haben. Hier, im Angesicht des Todes zu scherzen ist so ungewöhnlich nicht, denn, so Berger weiter: "Das Komische neigt wie das Heilige dazu, in die unwahrscheinlichsten Situationen einzubrechen" (1998, 240). Gelingt das Lachen in solchen Momenten, wie Pater Delp, dann handelt es sich wahrlich um "erlösendes Lachen" (ders. 1998, 241).
7 Literatur
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[1] Um diesen Prozess präziser fassen zu können, wäre die Konversationsanalyse von Ingroupgesprächen hilfreich.
[2] Hier widerspreche ich Kotthoff: "Humor auf eigene Kosten zeigt kein schwaches Selbstwertgefühl, (...) sondern ein ganz spezifisches Selbstwertgefühl. Er bedroht nicht das Gesamtimage einer Person, sondern Dimensionen, die der Person nicht wichtig sind" (1998, 334). Dem ersten Teil der Aussage stimme ich zu, aber ich bin der Meinung, dass ich bei vorhandenem Selbstwertgefühl auch über Dimensionen meiner Person lachen kann, die sehr zentral und wichtig für mich sind.
[3] Hirsch versteht unter dem Kalauer einen Wortwitz, bei dem es "etwas gewaltsam" zugeht (2001, 21f.).
[4] So Georg Schwikart mündlich auf diese Frage. - Vielleicht trifft auch auf Witze zu, was er (2003, 112) von Pfarrern in Fernseh-Serien sagt: "(Die Kirchen dürfen) sich sicher sein, dass dort das Religiöse, wenn auch in seiner Komplexität nicht angemessen, so doch kaum negativ dargestellt werden dürfte: ein pädophiler Serienpriester käme nicht gut an, ebenso wenig ein vergeistigter Langweiler, ein Bürokrat, Glaubenszweifler oder Melancholiker. Erst Extreme machen fernsehtauglich: Jemand muss kompetent, grausam, extravagant, wenigstens witzig-schusselig sein, um Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu können. Da fallen die realen Kleriker – wie alle anderen Zeitgenossen auch – durchs Raster." Hier werden Typen beschrieben. Manches passt nicht ins Bild. So wie vor vielen Jahren in der Serie "O Gott, Herr Pfarrer", als der Pfarrer unmittelbar von der Beerdigung zu seiner Frau ins Bett schlüpfte. Das passt nicht ins Bild! Ist aber vielleicht oftmals die Realität. Und? - Oder sind es gerade diese "realen Kleriker", von denen (der Katholik) Schwikart schreibt, die in Witzen vorkommen? Die aber nicht fernsehtauglich sind? Und damit auch nicht in den Gag-Sendungen heutzutage auftauchen? Ob und wenn ja, wie Pfarrer bzw. Priester in den heute üblichen Spaß-Sendungen vorkommen, wäre eine eigene Untersuchung wert...
[5] Schön beschreibt Schwikart (2003, 50f.) den Stereotyp Nonne und einige damit verbundene Vorurteile.
[6] Dies bestätigt die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft (Kirchenamt der EKD 2003, 26)
[7] Warum dies so ist, macht auf vergnügliche Weise Friedrich Heer in seiner Einführung zu Bemmanns Witzsammlung deutlich. 1970 geschrieben, spiegelt sich darin zugleich die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Viele der Witze dieser Sammlung sind nur noch theologischen Insidern unmittelbar nachvollziehbar. Hier wird deutlich, wie zeitgebunden Witze sind.
[8] Dieser Wiz ist ein gutes Beispiel für einen katholischen Insiderwitz, bei dem katholische Geistliche ihren eigenen Konflikt zwischen dem Überlegenheitsanspruch der eigenen Kirche und ihrer eigenen Befindlichkeit abgebildet sehen.
[9] Bei diesem Witz ist mir nicht ganz klar, ob er komplett frei erfunden ist oder ob es noch Gemeinden gibt, in denen die Praxis einer Kollektenaufteilung üblich ist. In früheren Zeiten musste die Gemeinde ihren Pfarrer direkt mit finanzieren (wenn auch oft durch Naturalien). Meines Wissens gibt es diese Praxis aber seit der Einführung der zentralen Pfarrbesoldung vor mehr als 150 Jahren nicht mehr. Daher ist dieser Witz vermutlich ein guter Beleg für die Tatsache, dass in Witzen ein Vorurteil angesprochen wird, indem es in eine gänzlich fiktive Situation verlegt wird – die aber als Stereotyp dennoch nachvollziehbar ist!
[10] Diesen Vorgang beschreibt Quasthoff (1998) an Beispielen aus der Alltagskommunikation. Allerdings geht sie dort an keiner Stelle auf Witze ein.
[11] Allerdings werde ich bei den Himmelstürwitzen (5.4) die These vertreten, dass hier die Theodizeefrage oft im Hintergrund steht.
[12] Aus Sicht der Theologie handelt es sich hier um ein Vorurteil, da die Wundergeschichten der Bibel nicht "wörtlich" zu verstehen sind, sondern symbolisch. Die Kirche muss sich allerdings fragen lassen, warum es ihr seit Jahrhunderten nicht gelingt, diese Einsicht flächendeckend zu verbreiten. Die angeführten Witze zeigen, dass das Missverständnis ("Jesus ist ein Zauberer") nach wie vor lebendig ist.
[13] Damit widerspreche ich Hirsch, der diesen Witz ganz anders interpretiert (2001, 254).
