Matthias Jung

 

 

 

Hat das Leben einen Sinn?

 

Hat das Leben einen Sinn?

Im Frühjahr diesen Jahres war in der ZEIT (16/2004 vom 7. April) ein Artikel über eine Frau, die 1962 damals prominente Personen angeschrieben hat und sie gebeten hat, ihr doch mit zu teilen, was für sie der Sinn des Lebens sei. Einige der Antworten waren nun, mehr als 40 Jahre später, noch einmal abgedruckt. Max Frisch hatte geantwortet, Walter Jens, Carl Zuckmayer, Martin Walser und andere.

Es sind sehr unterschiedliche Antworten. Manche drücken sich um eine Antwort oder sind verlegen, einige weichen eher aus oder verweigern direkt eine Antwort. aber es sind auch inhaltliche klare Antworten dabei.

Als ich das damals las, dachte ich, das wär´ doch einmal ein Thema für eine Predigt. Lange lag der Artikel auf meinem Schreibtisch und jetzt habe ich mich daran gemacht.

Vielleicht habe ich mich da auch etwas vor gedrückt, weil ich schon finde, dass es nicht einfach ist, auf diese Frage: Hat das Leben einen Sinn? eine knappe und verständliche Antwort zu geben. Ich habe es einfach mal versucht. Ich möchte Ihnen meinen Gedankengang vorstellen, keine "Definitionen" bringen, sondern zum Gespräch einladen. Wir können uns ja nachher beim Kaffee darüber unterhalten.

Bei schwierigen Begriffen ist es sinnvoll, erst einmal zu überlegen, wo das Wort "Sinn" heute so vorkommt. [Sammeln].

Wenn ich das mal zu sortieren versuche, dann fallen mir zunächst die Hauptwörter ein, die wir mit Sinn bilden:

Frohsinn, Unsinn, Blödsinn, Leichtsinn, Scharfsinn, Sinnbild, Ansinnen, Sinneswahrnehmung...

Adjektive: sinnvoll, feinsinnig, unsinnig, besinnlich, sinnlich

Schaue ich ins Herkunftswörterbuch, dann hat das Wort "sinnen" ursprünglich zwei Bedeutungen: "gehen/rennen" und "Gedanken auf etwas richten".

So wirklich viel weiter kommen wir auf diese Weise nicht. Es wird nur deutlich, dass in dem kleinen Wort "Sinn" unglaublich viel mitschwingt, was eine Erklärung natürlich erschwert. Und das gilt natürlich auch für den "Sinn des Lebens". Leben ist ja auch so ein Wort, in dem viel mitschwingt. Es klingt sehr viel an und daher verbinden wir vermutlich ein Gemisch von mehreren verschiedenen Aspekten unserer Lebens mit dem Begriff "Sinn des Lebens".

Als Christinnen und Christen schauen wir natürlich in die Bibel.

Dort gibt es den "Sinn des Lebens" als Wort nicht. Das Wort "Sinn" kommt nur in solchen Formulierungen vor wie: "Seid eines Sinnes" (Römer 12,16) oder "Er ist von Sinnen" (Markus 3,12). In dem griechischen Wort nous, das hier im Hintergrund steht, schwingen auch viele Bedeutungen mit. Am ehesten lässt es sich mit dem Wort "Verstand" übersetzen, aber Sie merken schon, wenn Paulus sagt: seid eines Sinnes, dann klingt da noch mehr mit.

Dann habe ich mich unter Sprichwörtern umgeschaut, in denen vom Sinn des Lebens die Rede ist, um auf die Spur zu kommen, was gemeint sein könnte. 

Ich habe mal ein paar aufgeschrieben: [Die Gemeinde hat einen Zettel mit den Sprichwörtern und den unten folgenden Bibelstellen am Eingang erhalten.]

Wer keinen Sinn im Leben sieht, ist nicht nur unglücklich, sondern kaum lebensfähig. (Albert Einstein)

Wenn ein Mensch nichts gefunden hat, wofür er sterben würde, eignet er sich nicht zum Leben. (Martin Luther King)

Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche. (Dietrich Bonhoeffer)

Wie ein Theaterstück ist das Leben, nicht wie lange, sondern wie gut es gespielt wurde, darauf kommt es an. (Seneca)

Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. (Mark Twain)

Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: "In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? - Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?" (Martin Buber - Aus den Erzählungen der Chassidim)

In all diesen Sätzen kommt das Wort Leben vor, aber das Wort Sinn nicht. Das Leben wird beschrieben, erläutert, bewertet. Als erstes Zwischenergebnis können wir festhalten, es geht beim Sinn des Lebens darum, das Leben zu bewerten. Offenbar gibt es gutes gelingendes Leben und misslungenes, gescheitertes Leben. Wobei, und das macht der Satz Bonhoeffers deutlich, Leben hängt nicht daran, dass es mir "äußerlich" immer gut geht. damit komme ich zum zweiten Zwischenergebnis: es geht beim Sinn des Lebens um eine Haltung, eine Einstellung dem Leben gegenüber. Eine Haltung, die ich vielleicht in seinem Satz so beschreiben würde: Es geht darum, dass ich Ja zu meinem Leben sagen kann, in allem und trotz allem.

Mit diesem Zwischenergebnis wollen wir noch einmal in die Bibel schauen.

Da fällt mir im AT der Prediger Salomo ein: "Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der ißt und trinkt und hat guten Mut bei allem seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes!" (Prediger Salomo 3,12f.)

In dem Vers wird alles genannt: zum Leben gehört Essen und Trinken, Dinge die wir zum Leben brauchen. Das gehört zum Sinn des Lebens und leider ist das keineswegs für alle Menschen dieser Erde gewährleistet. 

Aber dann geht es ja weiter: fröhlich sein, sich gütlich tun und guten Mut haben - da geht es um die Einstellung zum Leben, dass ja auch schwer sein kann. Wie auch der Prediger Salomo weiß, er spricht ja auch von Mühen. Wenn wir Heutige das in einem Wort zusammen fassen sollten, dann würden wir sagen, es geht darum, ein zufriedenes Leben zu führen. Nicht in dem Sinne, sich mit allem einfach zufrieden zu geben, sondern zufrieden zu sein. Letztendlich die Tage - und möglichst jeden Tag einzeln und bewusst - als Geschenk aus Gottes Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen. Leicht gesagt, schwer um zu setzen, wenn wir ehrlich mal so unsere Tage vor uns Revue passieren lassen. Wie viel Unzufriedenheit, Langeweile, ja Lebensüberdruss schleppen wir mit uns herum. Aber das ist die Zielvorgabe. Der Bibel.

Wenn Sie jetzt so ein gewisses Unbehagen empfinden und sagen, das soll alles sein?! - dann gebe ich Ihnen Recht. Es fehlt noch etwas. Oder besser: noch eine andere Perspektive.

Die drückt sich in Versen, die wir vor allem im Neuen Testament finden:

"Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren" (Matthäus 10,39) oder
"Wer sein Leben lieb hat, der wird´s verlieren, und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird´s erhalten zu m ewigen Leben." (Johannes 12,25)

Da stehen wir vielleicht erst einmal verwundert da. Klingt dass nicht wie das genaue Gegenteil dessen, was wir aus den Texten zum Alten Testament gelesen haben? Und wenn ja, es ist ja Jesus, der uns das sagt: ist dass dann nicht höher zu bewerten als die Worte aus dem Alten Testament? Müssten wir dann nicht - bildlich gesprochen - unser Leben eher wegwerfen, den schönen Dingen des Lebens abschwören, Besitz weggeben und asketisch leben, wie manche Mönche es uns radikal vorgelebt haben?!

Das mag vielleicht  zunächst so aussehen. Wenn aber das Alte Testament mit seiner Grundeinstellung zum Leben so überholt wäre, warum berufen wir uns dann immer noch darauf?! In der Tat, es gab Versuche in der frühen Zeit der Kirche, das Alte Testament aus der Bibel zu streichen und allein am Neuen sich zu orientieren. Doch genau dazu hat die Kirche NEIN gesagt. Und das macht deutlich, dass es sich hier nicht um Gegensätze, sondern um Ergänzungen handelt, oder besser gesagt: um zwei Sichtweisen auf ein und die selbe Sache: nämlich unser Leben.

Die Sätze Jesu sind klingen sehr hart. Sie formulieren einen drastischen Gegensatz. Und Jesus will damit provozieren: Leben ist mehr als Essen und Trinken, Familie und Freunde, Arbeit und Freizeit. Das ist alles gut und wichtig, dafür steht Jesus auch ein, sonst hätte man ihn kaum als Fresser und Weinsäufer beschimpfen können.

Aber: mit diesem Gegensatz macht Jesus deutlich: unser Leben vollzieht sich in einem größeren Horizont. Es vollzieht sich im Gegenüber zu Gott, dem Schöpfer, der aber auch Richter und Erlöser ist. Zwar schwingt dieser Gedanke auch im Alten Testament mit, wenn Gott gedankt für das gute Leben (wenn man es denn hat). aber Leben ist mehr, sagt Jesus. Modern gesprochen: wer sich nur selbst verwirklichen will, nur an sich und sein gutes Leben denkt, verfehlt die Bestimmung, verfehlt den Sinn des Lebens. Leben und Sinn geben auch die "höheren" Werte und Ziele, wie Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Gottesfürchtigkeit:

- Gemeinschaft heißt doch: ich kann nicht ohne die anderen leben. Und ich darf auch nicht auf Kosten der anderen leben. Auch so eine Zielvorgabe.

- Gerechtigkeit heißt doch: wenn ich genug zum Leben habe, bin ich verpflichtet, mich dafür einzusetzen, dass auch andere genug zum Leben bekommen. Noch eine Zielvorgabe.

- Gottesfürchtigkeit heißt: anerkennen, er ist Schöpfer, Richter, Erlöser, er hält mein Leben ganz und gar in Händen, mein Leben vollzieht sich im Horizont dieser göttlichen Liebe.

Wenn diese drei "G´s" vergessen oder übersehen werden, dann gewinne ich mein Leben nicht, sondern verliere es. 

Sinn des Lebens heißt also im Zusammenspiel aus Altem und Neuen Testament: Orientierung an einem guten Leben unter Berücksichtigung von Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Gottesfürchtigkeit. Wie das genau zu füllen, das sieht für jeden Menschen anders aus. Das beschreibt - und damit komme ich zum Ende - Walter Jens in seiner Antwort in der ZEIT:

"O ja, ich glaube sehr wohl dass das Leben einen Sinn hat. Allerdings glaube ich auch, dass dieser Sinn für jeden Menschen anders aussieht, dass jeder Mensch den Sinn, den sein eigenes, ganz speziell nur von ihm und von keinem anderen zu lebendes Leben in sich birgt, nur selbst suchen und finden kann. Vielleicht bedeutet es eine kleine Hilfe für Sie, wenn ich Ihnen rate, diesen Sinn nicht nur in grossen Dingen suchen zu wollen. Fangen Sie mit den kleinen Dingen Ihrer täglichen Umgebung und Ihres alltäglichen Tagesablaufes an, versuchen Sie, in diesem bescheidenen Bereich zwischen sinnvoll und sinnlos zu unterscheiden - ich glaube, dass jeder Mensch über ein solches Urteilsvermögen verfügt -, ...dann finden Sie, möchte ich meinen, den 'Sinn des Lebens' ohne dass Sie es merken. Mit freundlichen Grüßen Ihr Walter Jens."

Amen.