Matthias Jung

 

 

 

 

Was habe ich damit zu tun?
oder: Von der Angst vor der Zivilcourage

Predigt über Simon von Kyrene

 

Markus 15,21: Und die Soldaten zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, daß er Jesus das Kreuz trage.

Liebe Gemeinde,

seit einigen Jahren predige ich über die Personen, die in der Leidensgeschichte Jesu vorkommen: Judas, Pilatus, Petrus, Herodes, und viele andere. Das Ergebnis ist immer wieder das gleich erschreckende: Jesus mußte sterben, weil sich die Menschen, die ihm in diesen Tagen und Stunden begegneten, sich ganz normal verhielten. Sie handelten so, wie Menschen immer und überall handeln. Die Menschen, die Jesus auf seinem Leidensweg begegnet, sind nicht besonders böse sondern völlig normal. Und genau dies trifft auch auf Simon von Kyrene zu, ein Jude, dessen Vorfahren einst aus Libyen ausgewandert waren.

Simon wird knapp und doch aussagekräftig beschrieben:

Er kommt vom Feld,

geht an der Stelle vorüber, an der Jesus zusammenbricht und

er wird von den Soldaten gezwungen, Jesus das Kreuz zu tragen.

Schauen wir uns das genauer an.

Simon kommt vom Feld. Da liest man so drüber hinweg, aber da liegt schon eine Menge Sprengstoff drin. Warum? Nun, es ist doch Sabbat und zugleich Passah! Was macht ein Jude an diesem hohen Feiertag auf dem Feld? War es nicht verboten, an einem solchen Tag zu arbeiten? Nun muß man sich zunächst von der schönen Vorstellung verabschieden, das jüdische Volk hätte sich in seiner Gesamtheit immer an die religiösen Vorschriften gehalten. Nein, die Juden damals waren auch nicht frömmer wie die Deutschen heute. Eigentlich war es nur die Gruppe der Schriftgelehrten und Pharisäer, die die religiösen Vorschriften vollständig und unter allen Umständen einzuhalten versuchten. Viele andere werden es mehr oder weniger locker mit der Religion gehalten haben. Von daher wäre es verkehrt, über Simon den Stab zu brechen. Er ist ein Bauer und muß seine Familie ernähren - von zwei Söhnen hören wir ja. Wahrscheinlich war der Ertrag niedrig oder die Pacht hoch, vermutlich blieb einem wie Simon nichts anderes übrig, als auch am Feiertag arbeiten zu gehen, wenn das Wetter es hergab. Die Priester und Schriftgelehrten, die werden das nicht gerne gesehen haben und wahrscheinlich in Predigten darüber hergezogen haben. Aber auch der anderen Seite waren die bei den kleinen Leute auch nicht beliebt durch ihren teils prunkvollen Lebensstil, ihre Korruptheit und den Zick-Zack-Kurs mit den römischen Besatzern.

Jedenfalls kommt Simon an der Strasse vorbei, an der sich die Menschen drängen, um das Schauspiel zu sehen, wie Jesus, einst umjubelt, nun tief gefallen, zur Hinrichtung geleitet wird. Sensationsgier war den Menschen damals auch nicht fremd, nur gab es noch kein Fernsehen und keine Regenbogenpresse. Und so standen sie dort, die Bewohner Jerusalems, die vom Tempel lebten und die Pilger aus Israel, alle festtaglich gekleidet und gafften. Simon wird das nicht interessiert haben. Er dürfte nach einem langen Arbeitstag müde hungrig und dreckig gewesen sein. Sein einziger Wunsch wird wohl gewesen sein, nach Hause zu kommen. Er hat kein Interesse an dem Schauspiel. Es konnte ihm nicht verborgen bleiben und mit Sicherheit hat er schon von diesem Jesus gehört, der lange Zeit als Hoffnungsträger galt und so wunderbar von Gott reden konnte, daß Menschen das Herz aufging. Und ebenfalls mit Sicherheit war ihm bekannt, was sich hier in Jerusalem in den letzten Tagen abgespielt hatte, denn nicht nur in Voerde gibt es eine Buschtrommel. Vielleicht hat er einen Moment Mitleid mit diesem Jesus, gezeichnet von der Folter und mit der Dornenkrone auf dem Kopf - aber was geht ihn das an?

Doch plötzlich gerät er ins Visier der Soldaten, die dringend einen brauchen, der das Kreuz nach Golgatha trägt. Jesus kann es nicht mehr. Und wie so oft packen die Soldaten weder selber zu noch wagen sie es, einen der gut gekleideten Passanten aus dem Publikum zu holen. Da könnte man ja an den falschen geraten und sich noch Ärger einhandeln. Nein, der dreckige Bauer Simon kommt ihnen gerade recht. Der zeigt doch schon, daß er mit den religiösen Vorschriften nichts am Hut hat, der wird sich nicht auflehnen und die Gaffer werden einverstanden sein, daß ein solcher dem Verurteilten das Kreuz trägt. Hier verbrüdern sich im Geist die sogenannten frommen Herren (und Damen) am Strassenrand mit den römischen Soldaten und sie zwingen Simon das Kreuz zu tragen.

Genau hier müssen wir innehalten. Denn jetzt beginnt die Tragödie des Simons und spätestens jetzt kommen wir selbst mit ins Spiel.

Hatte Simon eine Wahl? Ja, hatte er - wie Menschen immer und überall eine Wahl haben, auch wenn der Augenschein dagegen zu sprechen scheint. Er hätte nein sagen können. Er hätte sich verweigern können, sagen, das will ich nicht. Das ist unmenschlich, was ihr da macht. Ihr wollt mich zwingen an einer Hinrichtung mitzuwirken. Das alles ist doch nicht in Ordnung, ist doch nur ein elendes und feiges Machtspiel, was ihr mit diesem Jesus treibt. Was hat er euch denn getan?. Doch es geschieht, was so oft passiert: Simon schaut weg. Er macht, was ihm befohlen wird, schweigt zu der offensichtlichen Unmenschlichkeit, hilft Jesus, das Kreuz zu tragen, gegen seinen Willen und deshalb wohl mit einem unguten Gefühl im Bauch. Denn wie gesagt, er läßt sich zwingen, er trägt Jesus das Kreuz nicht aus eigenem Antrieb, aus Mitleid zum Besipiel, sondern er trägt es gegen seinen Willen.

Wir sollten nicht den Stab über Simon brechen. Wir verhalten uns genauso wie er. Um Entschuldigungen sind auch wir nicht verlegen, Ausreden finden wir leicht und Weggucken ist bequem, obwohl für uns meist wahrscheinlich weniger auf dem Spiel steht als für Simon. Das wir uns dabei schuldig fühlen, gut, das geht vorbei. Aber dann gehe ich wenigstens kein Risiko ein. Unsere Ausreden lauten beispielsweise:

Doch dahinter und das ist die Tragik, steckt nicht zuerst die Bequemlichkeit oder das mangelnde Gewissen. Nein, wir wissen meist ganz genau, was richtig wäre und der Wahrheit entspreche - aber da gibt es die Angst. Und die kriecht uns die Kehle hoch und wir schweigen, schauen weg, ballen vielleicht die Faust in der Tasche. Und so werden kleinere auf Schulhöfen verlacht und verprügelt, Frauen Taschen in Fußgängerzonen aus der Hand gerissen, Penner zusammengeschlagen (um nur ein paar der harmloseren Dinge zu nennen) - vor den Augen von anderen, die meist ganz genau wissen, was sie tun müßten, aber um Ausreden nicht verlegen sind. Doch wie gesagt hinter all dem steckt diese unglaubliche Angst, selbst hineingezogen zu werden, selbst zu Schaden zu kommen; Angst vor dem, was die anderen sagen könnten. Und da in solchen Momenten alles schnell gehen muß, entscheiden sich Menschen eben oft - nicht immer, aber eben oft - für´s weggucken oder schweigen und damit gegen die Menschlichkeit - und der Unschuldige muß leiden. Simon macht es auch so, er trägt das Kreuz nach Golgatha und geht danach offenbar nach Hause. Nichts weiter wird von ihm berichtet in der Leidensgeschichte Jesu.

Eine Randfigur ist Simon, wie wir oft auch nur Randfiguren sind. Hätte er das Kreuz nicht getragen, hätte ein anderer getragen. Und doch ist er mitschuldig, wie wir alle mitschuldig sind an hunderttausend Kleinigkeiten. Die Angst ist groß, sie versklavt und so tun wir oft, was wir eigentlich gar nicht wollen.

Zum Glück für uns hat Jesus einen anderen Weg gewiesen und ist ihn selbst gegangen. Er war der Auffassung, daß die Angst ihre Macht verliert, wenn ich in all dem was ich tue, Gott nicht aus den Augen verliere. Der Zwang zum Bösen, das war die Erfahrung Jesu, verliert seine Macht und seine unüberwindlich scheinende Bedrohlichkeit, wenn man, statt auf die Menschen, auf Gott schaut. Jesus kannte auch die Angst vor dem Tod und vor der Folter, aber er ließ sich nicht davon bestimmen. Jesus fragte in allem danach, was vor Gott gilt und was vor ihm letztlich gut und richtig ist. Zum Glück für uns hat sich Jesus an dieses Vertrauen zu Gott gehalten - bis zum Tod. Sein ganzer Weg, sein Verhalten in all den Begegnungen mit Menschen läßt sich verstehen und erklären, wenn diese Sicht beibehalten wird: Jesus läßt sich von Menschen keine Angst einjagen, sondern er richtet seinen Blick auf Gott allein und dessen Liebe zu den Menschen. Immer wieder können wir beobachten, daß Jesus sich anders als die anderen Menschen verhält und sein Verhalten wird erklärlich aus der Perspektive, daß die Nähe Gottes die Angst in mir und vor den anderen zu beruhigen vermag.

Simon von Kyrene hat das an diesem Tag nicht gekonnt. Er war - wie wir - verhaftet in die Strukturen der Angst und so tat er, was ihm befohlen wurde. Er trug bei zum Tode Jesu, indem er sich so verhielt, wie Menschen immer und überall.

Doch später scheint er zur Gemeinde der Christen gestoßen zu sein. Sonst macht die Erwähnung seiner Söhne keinen Sinn. Offenbar war dieses Erlebnis ein Anstoß für Simon, über das, was ihm da geschehen ist, nachzudenken. Und das scheint ihn und seine Familie zu den Jüngern geführt zu haben und sie werden in der christlichen Gemeinde so aktiv und bekannt, daß ihre Namen hier eingetragen werden.

Liebe Gemeinde,

die Passionsgeschichte zeigt auf Schritt und Tritt, wie es dazu kommen konnte, daß Jesus, den wir den Sohn Gottes nennen, so grausam zugrunde gehen konnte. Wir sind es mit unserer ganz normalen, alltäglichen Menschlichkeit, wir haben Jesus gekreuzigt und wir tun es weiter, Tag für Tag. Doch zum Glück für uns alle gab es diesen Jesus, der all das auf sich genommen hat um uns den Ausweg zu zeigen: den Blick auf die Liebe Gottes und seine Macht zu richten und sich dann nicht von den Menschen Angst machen zu lassen. Kein bequemer Weg, kein einfacher Weg. Wer sich auf ihn einläßt, wird oftmals erleben, daß er sein Kreuz auf sich nehmen muß. Aber es ist der Weg, der dem Willen Gottes entspricht.

Amen.