Salbung durch eine Sünderin (Lukas 7,36—50)
Predigt am 20. März 2005
Liebe Gemeinde,
mit einem Wort wird die Frau vorgestellt: sie ist eine Sünderin!
Ein Wort reicht und alles steht den Hörern vor Augen. Das gibt´s auch heute noch: man redet vom Säufer, vom Asylanten oder vom Schwulen. Ein Wort reicht, um einen Menschen zu charakterisieren, um ihn abzustempeln.
Diese Frau ist eine Sünderin - eine Hure, eine die ihr Geld mit ihren Körper verdient. Auf der Straße weicht man so einer aus, dreht ihr den Rücken zu, spuckt vor ihr aus. So geht es tagsüber. Nachts dagegen sieht es für manche Männer ganz anders aus.
Eine Prostituierte ist diese Frau. Warum sie so ihr Geld verdienst wird nicht gesagt. Freiwillig wird sie diesen Beruf nicht gewählt haben. Wer verkauft sich schon freiwillig? Irgendwelche Umstände haben diese Frau gezwungen, ihren Körper zu verkaufen. Und nun ist sie gezwungen, isoliert und einsam zu leben, am Tage verachtet und nachts gefragt zu sein. Eine Frau, die wohl sich selbst genauso verachtet wie ihren Beruf und die Männer, die zu ihr kommen.
Sie hat von Jesus gehört. Und riesengroß wird ihre Sehnsucht. Einmal will sie auch diesen Mann sehen, der für so viele Hoffnung, Heilung und Erneuerung bedeutet. Einmal möchte auch sie geachtet da stehen, einmal aufrecht, einmal einem Menschen gerade in die Augen sehen und erleben, dass der andere nicht verschämt wegschaut. Das, was andere ihr von Jesus erzählt haben, muss in ihr das Gefühl ganz groß gemacht haben: der ist es, der deine Sehnsüchte erfüllen kann. Der enttäuscht dein Vertrauen und deine Hoffnung nicht. Als sie schließlich hört, dass er in der Stadt ist, nimmt sie Öl und geht zu ihm. Sie will ihm begegnen, ihn salben, ihn ehren.
Doch auf der Türschwelle bleibt sie erstarrt stehen. Da ist nicht nur Jesus, das sind auch Pharisäer! Mit denen sitzt er am Tisch! Niemand verachtet sie in der Stadt stärker als die Pharisäer, kein anderer macht ihr deutlicher, dass ihr ganzes Leben total verpfuscht ist. Und ihr Traum zerplatzt erst einmal... - aber einfach wieder gehen, nein, das kann, das will sie nun auch nicht mehr: zu groß ist ihre Sehnsucht, ihn zu sehen. Was die anderen sagen, egal, sie ist doch sowieso unten durch.
Und so versucht sie, von hinten an ihn heran zu kommen. Und alles, was sie jetzt macht, ist irgendwie verkehrt, wie so vieles in ihrem Leben:
- Statt ihn anzusprechen, bricht sie in Tränen aus.
- Statt ihm den Kopf zu salben, gießt sie ihm alles über die Füße.
- Völlig verwirrt, löst sie ihr Haar. Spätestens jetzt wird den Männern im Raum der Atem gestockt haben: das Haar lösen - das tut eine jüdische Frau nur in der Intimität des ehelichen Schlafzimmers!
- Dann wischt sie die Füße mit ihrem Haar trocken und küsst auch noch Jesu Füße.
- Und spricht dabei kein Wort.
Eine durch und durch erotische, intime Szene. In aller Öffentlichkeit, vor aller Augen. Von so einer.
Jesus lässt es geschehen.
lässt sich berühren.
Weist die Frau nicht zurecht.
Lächelt nicht verlegen.
Äußert sich nicht spöttisch über ihre Ungeschicktheit.
Ärgert sich nicht über die Störung.
Verachtet die Hure nicht.
lässt alles zu.
Und so wird dies eine Berührung, die die Frau nicht befleckt, sondern reinigt.
Eine Berührung, die sie nicht erniedrigt, sondern aufatmen lässt.
Eine Berührung, die nicht dazu beiträgt, dass sie sich selbst verachtet, sondern ihr Achtung zurückgibt.
Niemand spricht dabei ein Wort.
Die Frau nicht.
Jesus nicht.
Auch die Zuschauer nicht.
Aber gedacht werden sich die Zuschauer einiges haben!
Vielleicht muss man sich versuchen vorzustellen, wie der Rahmen für so ein Abendessen im Haus eines Pharisäers auf heute zu übertragen wäre. Da wären dann Herren im Anzug, mit Fliege und Bügelfalte, die Frauen im langen Abendkleid, alles vornehme Leute, die gelernt haben sich zu benehmen und ihre Worte sorgfältig zu wählen und die wissen, was sich gehört. Wer sich von denen öffentlich von einer Hure anfassen lässt, ist unten durch. Dessen gesellschaftliche Karriere ist zuende.
Simon, der Gastgeber, spricht schließlich aus, was alle denken:
Du willst ein Prophet sein?
Du willst uns von Gott erzählen und weiß nicht einmal, wie man sich anständig benimmt?
Doch Jesus wird nicht laut, weist ihn nicht zurecht.
Er erzählt ihm ein Gleichnis. Die Pointe ist klar: wem die größere Schuld erlassen wird, ist dankbarer, liebt mehr. Und wem weniger erlassen wurde, der liebt eben weniger. Das sieht auch Simon ein.
Doch im nächsten Moment ist er dran.
Urplötzlich ist er in der Geschichte drin.
Das Gleichnis wird auf ihn angewendet.
Siehst du diese Frau? fragt Jesus ihn.
Ich kam in dein Haus.
Du hast dich korrekt verhalten und mich bewirtet.
Dann kam die Frau.
Mit ihrem Öl.
Sie wollte etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches für mich tun.
Aus Liebe.
Aus Dankbarkeit.
Und sie hat es getan.
Ich mache dir keinen Vorwurf.
Du hast getan, was sich für einen Gastgeber gehört.
Salben und Füße waschen sind besondere Dinge, gehören nicht notwendig zur Gastfreundschaft.
Das war alles in Ordnung, was du gemacht hast.
Aber jetzt, Simon, stelle ich dich dieser Frau gegenüber und sage dir: Wem viele Sünden vergeben sind, der zeigt große Liebe, wem wenig vergeben ist, zeigt wenig Liebe.
Plötzlich ist dies Simons Geschichte, nicht mehr die Geschichte der Frau.
Jesus hält Simon in dieser Frau den Spiegel vor.
Siehst du diese Frau?
Jesus will ihm sagen:
Euer beider Leben ist nicht heil.
Nur: die Frau sieht‘s - Simon nicht.
Sie leidet unter ihrem Beruf, unter der Isolierung, der Verachtung durch die Frauen und unter der Doppelmoral der Männer.
Sie leidet darunter, dass ihr Leben eigentlich kein Leben ist.
Und erfährt in der Begegnung mit Jesus, dass all das sie nicht von Gott trennen kann.
Das, was in dieser Begegnung geschieht, fasst Jesus am Ende zusammen mit den Worten:
Dir sind deine Sünden vergeben.
Dein Glaube hat dich gerettet.
Simon dagegen merkt nicht, wie wenig Luft zum Atmen er hat. Er weiß zwar was sich gehört. Er weiß sich korrekt und anständig zu verhalten. Wenn man so will, wird auch er am Anfang des Textes mit einem Wort charakterisiert: Er ist ein Pharisäer. Ein anständiger Mann, er hält die Gesetze, ehrt Gott. Er ist einer, dem man sein Geld, sein Haus, seine Kinder anvertrauen kann. Und doch sieht er weniger als die Frau.
Jesus will Simon dies klarmachen: es gehört beides zusammen — um die eigenen Abgründe zu wissen und den zu kennen, der heilen kann. Wem wenig vergeben ist, liebt wenig. Wer wenig von sich wissen will, lebt wenig.
Und so weitet sich der Blick noch einmal.
Jetzt ist dies nicht mehr allein Simons Geschichte.
Denn plötzlich sind wir drin in der Geschichte.
Alle kommen wir vor.
Jeder.
Jede.
Alle.
Die Konfirmanden, der Pfarrer und die Leute in der letzten Reihe. Nur ist die Frage, ob wir es sehen.
Siehst du diese Frau? So fragte Jesus Simon.
Doch die Frage gilt auch mir.
Siehst du diese Frau?
Sehe ich diese Frau?
Es geht nicht darum, ihre äußere Gestalt zu sehen, sondern diese Frau als ganze wahrzunehmen. Mit ihrem ganzen kaputten Leben. Sie weiß, wie verpfuscht ihr Leben ist. Und sie leidet darunter. Und so wird mir der Spiegel vorgehalten:
Und du?
Siehst du dein Leben?
Siehst du dich?
Ihr wird viel vergeben, und sie liebt viel.
Wem wenig vergeben wird, der liebt wenig.
Das ist kein Vorwurf.
Das ist eine Ermutigung.
Eine Ermutigung, bei sich selbst hin zu schauen. Ohne dass ich dort hinschaue - wie diese Frau - ist die andere Seite nicht erfahrbar: Jesus nimmt auch mich an, weist mich nicht zurück.
Amen.
