MJ

Von Poesie und Staunen.

Predigt über Römer 11,32-36 an Trinitatis 2010

Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Paulus passiert hier etwas, dass vielen Menschen nicht fremd. Er ist von etwas so beeindruckt, dass er übersprudelt vor Begeisterung. Viele, viele Seiten lang ist der Brief an die Gemeinde in Rom bereits. Hochkomplizierte Gedankengänge hat er zu Papier gebracht, vermutlich diktiert. Ein klarer, präziser Denker ist Paulus, ein rationaler Mensch, der sich selten von Gefühlen leiten lässt. Doch hier, am Ende des 11. Kapitels bricht es völlig überraschend aus ihm heraus. In höchsten Tönen lobt er Gott. Da spricht nicht mehr der kühle Theologe, sondern ein von Gott ergriffener und beeindruckter Mensch. "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über", formuliert Martin Luther einmal, und genau das passiert hier. Die rationale Sprache wandelt sich mit einem Mal in Poesie. Auf einmal ist nicht mehr der Wortlaut entscheidend, sondern dass, was zwischen den Zeilen steht. Poesie, Dichtkunst, lebt von diesen Zwischentönen, sie nimmt Worte, setzt sie zusammen, in der Hoffnung, dass bei der Zuhörerin, beim Zuhörer noch etwas anderes im Kopf, im Herz passiert: dass zwischen den Worten, zwischen den Zeilen noch unausgesprochenes, vielleicht unaussprechliches hörbar und sichtbar wird.

Das, was Paulus hier widerfährt, kennen wir - hoffentlich - alle aus unserem Alltag: Paulus fängt an zu Staunen. Und das Staunen, da sind sich viele Theologinnen und Theologen einige und ich teile diese Meinung, das Staunen ist der Beginn jedes Gottesglaubens. Darüber habe ich auch intensiv mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden vor ein paar Wochen auf der Konfirmandenfreizeit nach gedacht: Glaube an Gott beginnt mit dem Staunen. Das Nachdenken kommt erst danach, es ist im wahren Sinne des Wortes Nach-Denken.

Wenn wir uns in unserem Leben umschauen und wenn wir nach Momenten suchen, in denen Menschen anfangen zu staunen und dann eine Ahnung von Gott bekommen, dann sind meistens außergewöhnliche schöne Momente. Naturerlebnisse. Glückserfahrungen. Nicht selten berichten Menschen, die Geburt eines eigenen Kindes sei solch ein Moment. Daran kann man es auch gut deutlich machen. Das Geschehen einer Geburt läßt sich medizinisch und naturwissenschaftlich sauber beschreiben. Es ist exakt jeder Vorgang und die Abfolge untersucht und erklärt, Geheimnisse gibt es da kaum noch. Und doch. Was zwei Menschen erfahren in dem Moment der Geburt, Frau und Mann, ist kaum in Worten zu beschreiben. Es ist das Gefühl, etwas ganz Großes mit zu erleben. Es ist die Ahnung, wie brüchig doch alles Leben ist. Es ist die Erfahrung beschenkt zu werden, beschenkt vom Leben, beschenkt mit Leben - und da öffnet ish für viele Menschen "zwischen den Zeilen" im Staunen über dieses Wunder eine Ahnung von Gott.

Diese Erfahrung ist sehr unbestimmt, es ist ein Überwältigtwerden, ein Umfasstsein, ein Gefühl, eins zu sein mit dem Ursprung allen Lebens in dem Moment, wo neues Leben ensteht. Im Nach-Denken kann und ja, muss diese Erfahrung eingeordnet werden on die Erfahrungen anderer. So deuten wir heute die Geburt von Eva in der Taufe noch einmal und stellen dieses Geschehen in diesen Horizont der Geschichte Gottes mit den Menschen, so wie Jesus sie uns erzählt hat und Paulus sie aufgenommen und weiter getragen hat, weil er selbst davon ergriffen wurde. Aber der Beginn ist oftmals ein Moment des Staunens.

Es gibt aber noch eine zweite Form dieses Staunens. Auchdarüber haben wir mit den Konfi´s gesprochen. Es gibt auch das Erschrecken, dass Menschen so in die Glieder fährt, dass ihre vertraute Welt ins Wanken gerät, der feste Boden sich als brüchiges Eis erweist und nichts mehr sicher scheint.

Vielfach erleben dies Menschen beim Tod eines nahestehenden Angehörigen. Und auch da ist ganz ähnlich wie beim Geschehen der Geburt. Dass wir sterben müssen, ist eine naturwisenschaftliche Binsenweisheit. Was genau geschieht bei einer Krebserkankung, bei einem Herzinfarkt oder auch einen Autounfall, all das ist genau erforscht. Die Medizin kann genau drauf antworten, alles erklären und beschreiben. Und doch: der Tod erschreckt Menschen immer wieder vor allem wenn er plötzlich und unerwartet kommt. Oder wenn er mit unsäglichem (!) Leid verbunden ist. Das, was da geschieht, geht nicht auf in den medizinsichen Erklärungen. Das erlebe ich ganz oft, wenn Angehörige mühsam nach Worten ringen, zu begreifen, buchsteibliuch zu be-greifen, zu er-klär-en, was da geschieht. Und die Frage nach Gott ist oft da. Das Erschrecken lässt uns in einer Art negativem Staunen fragen, stammeln, hoffen... Oft auch zweifeln, ja auch verzweifeln an der Frage nach dem Warum. Andere wiederum finden über diese Erfahrung des Todes eines Menschen zum Glauben an diesen Gott, weil im Nach-Denken über das Geschehen das Leben in einem anderen Licht erscheint. Vielleicht zerbrechen angesichts des Todes um staunenden Erschrecken so manche Gottesvorstellungen, andere stellen sich gerade dann erst ein, zum Beispiel eine Ahnung, was das denn heißt, dass Gott und Menschen in dem leidenden Jesus am Kreuz nahe gekommen ist, weil er sein Leid, unser Leid so teilt...

Liebe Gemeinde,

Staunen können ist etwas ganz Wunderbares. Es lässt uns verstummen angesichts etwas Größerem als wir selbst sind. Gut, wenn wir diese Erfahrungen wie der Apostel Paulus zurück binde nkönnen an das, was die Bibel von Gott, von Jesus berichtet. Und wir so vertrauen lernen auf diesen Gott, den Jesus Vater nannte und uns aufgefordert hat, es ihm gleich zu tun. In diesem "Vater" - und wir dürfen ganz sicher auch "Mutter" sagen ist alles aus- und angesprochen, was es über Gott zu sagen ist. Aber eben auch hier: zwischen den Zeilen.

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste«? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Amen.