Der Regenbogen - symbolische Brücke zwischen hier und dort
Trauerpredigt bei der Beerdigung einer 71jährigen Frau
Lieber Herr N.,
ich kann mich noch gut daran erinnern, als Sie vor gerade mal sieben Wochen vorne an der Tür nach dem Gottesdienst zu mir sagten: Meine Frau muß morgen ins Krankenhaus, es geht ihr gar nicht gut.
Einen Tag später ging sie nach Dinslaken in ev. Krankenhaus und niemand hätte damals damit gerechnet, dass wir heute an ihrem Grab stehen müssen.
Die Ergebnisse der Untersuchungen waren furchtbar. Nur noch kurze Zeit hätte sie zu leben, hieß es. Wie lange genau, konnte keiner sagen.
Der Wunsch von G. N. war es, so schnell wie möglich nach Hause zu können. Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Sie blühte geradezu noch einmal auf, betreut von der Diakoniestation, umsorgt von der Familie, besucht von vielen. All das hat sie sehr gefreut. Sie war getragen von Zuversicht und Hoffnung, auch auf eine Besserung noch in diesem Leben. Bei meinem letzten Besuch bei ihr fünf Tage vor ihrem Tod sagte sie am Schluss zu mir: Hoffentlich kann ich bald mal wieder in die Kirche kommen. Aber auch von der christlichen Hoffnung war sie erfüllt. Sie erzählten mir, dass sie in den letzten Tagen am Ende der Besuche mit allen immer wieder das Vater Unser beten wollte und auch betete.
Anfang letzter Woche ging es dann ganz schnell. Damit hat niemand gerechnet. Es waren noch zwei schwere Tage. Am Mittwoch, ganz früh, starb sie in ihrer Gegenwart.
Nun bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe.
Es bleibt Ihnen die Liebe.
Bei aller Traurigkeit, die Sie empfinden, denken Sie doch in Dankbarkeit an Ihre Frau, Mutter und Großmutter. Sie wird in Ihrer Erinnerung lebendig bleiben. Vieles zieht in diesen Tagen an Ihnen vorüber, 50 Jahre wären Sie im September verheiratet gewesen. Sie, die Kinder und Enkel, kennen gar kein Leben ohne G. N.
Sie werden in Liebe an Sie denken. Aber nicht nur Sie, viele andere auch. Es war bemerkenswert: Während sonst viele schwer Kranke die Erfahrung machen, dass sich die anderen zurückziehen, war es bei G. N. umgekehrt: Sie bekam viel Besuche, viele Anrufe, viele Blumen. Ich denke, G. N. hat in vielen etwas angerührt, was diese nun erwidern wollten.
Es bleibt Ihnen der Glaube.
Aus diesem Glauben hat sie gelebt. Bis zuletzt. Sie war zuversichtlich. Nicht nur im Sinne einer Besserung, sondern in dem Sinne, gehalten zu sein. In diesem Sinne ist sie ein Vor-Bild gewesen. Bitte nicht falsch verstehen kein Vorbild im moralischen Sinne, dass wir da etwas nachahmen sollten oder könnten oder dass sie ein besserer Mensch gewesen wäre. Sondern so: an G. N. wurde sichtbar, was Glauben an den Gott Jesu bedeuten kann in schwerer Krankheit und auf dem Weg des Sterbens. Nach meinem letzten Besuch bei ihr habe ich überlegt, wie ich sie beschreiben sollte, wie sie auf mich an diesem Tag gewirkt hat. Und ich habe es für mich so gesagt: es war da eine heitere Gelassenheit, trotz allem. Das können wir nicht machen oder uns vornehmen. Es ist ein Geschenk und kann aus dem Glauben fließen.
Der Glaube bleibt Ihnen aber auch im Blick auf Ihr weiteres Leben. Er ist Halt und Trost in dieser Zeit. Sie haben dass in den letzten Tagen auch deutlich gemacht. In einer Situation, in der sich andere zurückgezogen hätten, haben Sie am Leben der Gemeinde, am Gottesdienst teilgenommen, die Gemeinschaft der anderen gesucht.
Es bleibt die Hoffnung.
Hoffnung fließt aus der Gewissheit, gehalten zu sein. Im Leben, im Sterben und darüber hinaus. Das drückt sich zum Beispiel in der Hoffnung aus, einst einander wiederzusehen. Aber auch in der Hoffnung, dass die, die uns vorangehen, sich nun mit denen unterhalten können, die uns allen vorangegangen sind. Wie genau dass sein wird das weiß keiner. Die Bibel spricht von der Vorstellung des ewigen Lebens und malt diese in vielen Bildern aus. Allen gemeinsam ist die Hoffnung auf ein ungetrübtes Sein bei Gott. Wie es genau sein wird, keiner weiß es. Dass es kommen wird, dafür steht die Erfahrung der Jünger am Ostermorgen.
Ein Bild für die Verbindung zwischen hier und dort ist der Regenbogen. Ein Bild der Hoffnung und des Trostes. Deswegen habe ich heute auch die Regenbogenstola zum Talar angezogen. Bunte Farbe auf dem schwarzen Untergrund. Und da hat sich ja Sie haben mich daran erinnert folgendes ereignet:
Am Dienstag Abend, als G. N. im Sterben lag, kam überraschend ein Gewitter.
Es verdunkelte für eine Weile Voerde.
Es blitzte und donnerte.
Und dann kam hinter den dunklen Wolken die Sonne wieder zum Vorschein.
Es war ein wunderbares Abendlicht, ich stand vor der Kirche und habe es gesehen.
Und dann spannte sich der Regenbogen aus wie eine Brücke zwischen dieser Welt und der Ewigkeit Gottes.
In diesem Glauben, aus dem die Hoffnung und die Liebe fließt, wollen wir gleich G. N. beerdigen und uns von ihr verabschieden.
Amen.