Hoffnungsträger.
Predigt über 1. Korinther 15,19-28
Liebe Gemeinde,
Jesus ist ein Hoffnungsträger. So stellt Paulus uns ihn in diesem Text vor Augen. In einer einfachen Symbolik stellt er Adam und Jesus gegenüber. Mit Adam kam durch einen Menschen die Sünde und mit Jesus kam mit einem Menschen die Auferstehung und damit die Hoffnung. Ganz einfach ist das für Paulus. Allerdings weist er auch noch darauf hin, dass wir in dieser Welt nicht viel in der Hand haben. Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter den Menschen. Aber von der Auferstehung her, von Ostern her, kommt die Hoffnung in die Welt. Hoffnung, nicht verloren zu sein. Hoffnung über den Tod hinaus. Hoffnung aber auch für unser Leben hier. Eine Hoffnung, die unser Leben verändern kann. Hoffnung auf Gott, den Vater von Jesus und von uns. Hoffnung auf Gott, den Schöpfer, den Begleiter, den Erlöser, den allmächtigen Herrscher, wie Paulus ihn beschreibt.
Doch: worauf hoffen wir da genau? Welchen Inhalt hat diese Hoffnung? Was kann sich verändern für mich, für uns, für die Welt?
Für den letzten Gemeindebrief habe ich eine Andacht über die Allmacht Gottes geschrieben. Verschiedentlich bin ich darauf angesprochen worden. Das, was ich dort über Gott und seine Eigenschaften gesagt habe, hängt ganz eng mit dem Zusammen, um das es heute am Ostermorgen geht: um Grund und Inhalt unserer Hoffnung. Wer ist Gott, dass er uns Hoffnung gibt? Und was ist uns verheißen und was nicht? Worauf dürfen wir zu Recht unsere Hoffnung setzen und was ist Irrglaube? Wofür ist Jesus Hoffnungsträger und wofür nicht?
Allmacht Gottes. Ein Begriff, der viele Erwartungen und Hoffnungen weckt. Gott ist allmächtig, er kann alles, nichts ist ihm unmöglich. Selbst den Tod besiegt er am Ostermorgen. Doch als allererstes muss vom Neuen Testament her daran erinnert werden, dass über Gott am Ostermorgen nichts anderes zu sagen ist als am Karfreitag und am Karfreitag nichts anderes als am Ostermorgen. Karfreitag ist keine kurze Zwischenstation auf dem Weg zur Auferstehung. An beiden Tagen schauen wir auf den gleichen Gott, der sich auch nicht zwischen durch ändert. Karfreitag und Ostern beleuchten den Grund unserer Hoffnung lediglich aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln. Und am Kreuz zerbricht so einiges. Auch falsche Gottesvorstellungen.
Schon die Griechen kamen mit dem Kreuzestod und dem leidenden Gott nicht klar. Gott, das war für sie ein unveränderliches Wesen und vor allem, ein leidender oder auch nur mitleidender Gott war für sie undenkbar. Dass Gott Gefühle hat und zeigt, das gehörte nicht in ihrer Gottesvorstellung und so war für sie das Kreuz eine Torheit, wie Paulus an anderer Stelle schreibt. Manchmal beschleicht mich der Gedanke, dass so einiges, was wir uns unter Allmacht Gottes so vorstellen, dem Gott der Griechen näher steht als dem Vater Jesu Christi. Der ferne Weltenregierer, der alle Fäden in der Hand hält, der vielleicht den Gang der Weltgeschichte nach Gutdünken lenkt, das ist nicht der Gott Jesu. Der ist weder fern, noch hält er uns Menschen wir Marionetten in der Hand noch greift er permanent in den Gang der Geschichte ein. Dabei spielt gar keine Rolle, ob er das könnte oder nicht. Denn: er will es nicht! Sein Wesen ist Liebe. Dafür steht alles, wofür Jesus eingetreten und gestorben ist. Gottes Wesen ist Liebe. Und Liebe zeichnet sich einmal durch Gefühl aus, durch Mitgefühl, durch Einfühlsamkeit, durch Nähe. Aber auch durch Abwesenheit von Zwang, Unfreiheit und Nötigung. Was wir von Jesus her sagen können, aus seinem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen heraus, das ist die Tatsache, dass Gottes Allmacht eine Grenze in seiner Liebe findet. Liebe ist Gott, und zwar nicht vor allem, sondern ausschließlich. So sehr Liebender, dass Martin Luther einmal Gottes Liebe mit einem glühenden Backofen verglich, der gar nicht anders kann, als Wärme abzustrahlen.
Anders gesagt, Gottes Allmacht zeigt sich in seiner Liebe. Das wird am Ostermorgen deutlich. Ostern ist zunächst das eindeutige "Ja" Gottes zu Leben und Werk Jesu. So wie er war, so bin ich, sagt Gott. Und ich bestätige das durch die Auferstehung Jesu. Seine Worte und werke wirken weiter, sie enden nicht mit seinem Tod. Und diese Liebe Gottes hat eine doppelte Zielrichtung. Zum einen kommt von Ostern her eine Perspektive, eine Hoffnung über den Tod hinaus, dafür ist Jesus Hoffnungsträger. Zum anderen aber trägt Jesus die Hoffnung in unser Leben hinein. Ostern ist ein Hoffnungszeichen in dieser Welt für diese Welt und ihre Menschen. In dieser Welt sind wir von Gott geliebt und eingeladen, dass zu glauben und weiter zu geben, wir sind eingeladen und aufgerufen, in diesem Leben von der Liebe Gottes her zu leben.
Doch damit zerbrechen zugleich so einige Hoffnungen, die wir Menschen auf den allmächtigen Gott setzen. Den Konfirmanden erkläre ich das so: Gott ist weder Lückenbüßer, noch Feuerlöscher, noch Zigarettenautomat. Alles Vorstellungen und Hoffnungen, die sich auf den allmächtigen Gott richten, den sogenannten "lieben" Gott, der aber nicht die Liebe ist, von der Jesus Zeugnis ablegt.
Gott ist kein Lückenbüßer. Er taugt nicht zur Erklärung von Dingen, die wir nicht verstehen. Nur weil wir nicht alles erklären können, braucht es keinen allmächtigen Gott, der die Lücke füllt. Die Naturwissenschaften haben das doch so langsam endgültig aufgezeigt, nachdem Gott in den letzten zwei Jahrhunderten mehr und mehr auf dem Rückzug war. Und wir brauchen auch nicht alles verstehen! Würde Jesus sagen. Nur müsst ihr wissen, dass ihr geliebt seid. Das reicht zum Leben und zum Sterben.
Gott ist aber auch kein Feuerlöscher, der gerne einspringt, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Das wäre manchmal wirklich wünschenswert, wenn wir sehen, was Menschen so alles anrichten können. Aber die Liebe lässt den anderen auch in die Irre gehen, sonst ist sie keine Liebe, sondern Zwang und Unfreiheit. Das ist sicher bitter, aber um diese Erkenntnis kommen wir nicht herum.
Gott ist aber auch kein Zigarettenautomat. Oben 5 Euro rein, unten das gewünschte heraus. Anders gesagt: statt für die Mathearbeit zu lernen lieber in der Nacht vorher eine Stunde beten. Würden wir uns manchmal wünschen. Ist aber nicht so. Gott korrigiert nicht einfach unsere Fehler, auch nicht auf unsere Bitten. Er bleibt bei der Liebe. Und Liebe hat manchmal harte Züge, gelegentlich kann sie aus meiner Sicht auch zynisch wirken, aber was wäre die Konsequenz, wenn es anders herum wäre? Dann hätten wir einen allmächtigen Gott, der ununterbrochen mal hier, mal da in unsere Taten eingreift und dann würde sich zu Recht die nächste Frage stellen: warum hier und nicht dort? Warum achtet er da die Freiheit, die er uns Menschen gibt und dort nicht...?
Ostern, liebe Gemeinde, bedeutet daher vielleicht zunächst unangenehme Einsichten, weil Hoffnungen und Erwartungen zerplatzen. Aber umgekehrt bekommen wir aufs Neue und ganz anders Wert und Würde zurück. Wir erhalten den Zuspruch der Liebe Gottes, die Einladung, seiner Liebe zu vertrauen und darauf zu setzen. Wir sind keine Marionetten, die irgendwo im Netz zappeln, ohne es zu merken. Wir sind sicher verletzlich und oft bedrückt und niedergeschlagen. Wir sind, wie der Theologe Helmut Gollwitzer einmal gesagt hat, ein krummes Holz, aber zu aufrechtem Gang berufen.
Liebe Gemeinde,
vor über 50 Jahren hat Dietrich Bonhoeffer ganz ähnliche Gedanken zu Karfreitag und Ostern in seiner Gefängniszelle formuliert. Sie sind glasklar, provozierend und ärgerlich, doch zugleich befreiend:
"Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und an das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen. Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und nur so ist er bei uns und hilft uns. Es ist in Matthäus 8,17 ("damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht: 'Er hat unsere Schwachheit auf sich genommen und unsere Krankheit hat er getragen.' [Jesaja 53,4]") ganz deutlich, dass Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens! (...9) Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen - als gäbe es Gott nicht! (etsi deus non daretur). Und eben dies erkennen wir - vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis (...) unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott der uns in der Welt leben lässt, ist der Gott, der uns verlässt. Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz." (WEN 394). Und an anderer Stelle heißt es weiter: "Von der Auferstehung Christi her kann ein neuer reinigender Wind in die gegenwärtige Welt wehen. Wenn ein paar Menschen dies wirklich glaubten und sich in ihrem irdischen Handeln davon bewegen ließen, würde vieles anders werden. Von der Auferstehung her leben - das heißt doch Ostern" (WEN 270).
In diesem Sinne ist Jesus ein Hoffnungsträger, der uns aufzeigt, wer wir sind und wo wir stehen und worauf wir hoffen können in dieser Welt. Auf die Liebe Gottes. Auf nichts anderes.
Amen.
WEN = Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung Neuausgabe, zitiert nach der 2. Auflage 1977