Liebe. Predigt über Johannes 20,11-18
Ostersonntag 2007
Liebe Gemeinde,
was treibt Johannes an, 75 Jahre nach Jesu Tod noch einmal ein Evangelium zu schreiben? Es gibt doch schon drei Evangelien und wir können davon ausgehen, dass deren Existenz bekannt war. Paulus hat längst die gute Botschaft in die Welt getragen, wir wissen heute, dass es zur Zeit des Johannes Gemeinden in der heutigen Türkei, in Griechenland, in Italien, in Ägypten gibt. Warum ein neues Evangelium?
Wir können natürlich nur spekulieren. Aber die Vermutung liegt nahe, dass Johannes der Meinung war, das wesentliches noch nicht gesagt war. Weder durch die Briefe des Paulus, die ebenfalls in der jungen Christenheit umhergingen. Noch in den Evangelien nach Matthäus, Markus oder Lukas. So ungewöhnlich ist das ja nicht, es geschieht auch heute noch immer wieder, dass über Menschen unserer Zeit immer wieder neue Biographien veröffentlicht werden - auch wenn es schon welche gibt. Neue Details, Briefe o.ä. tauchen z. B. auf, neue Sichtweisen und Erkenntnisse lassen aus einem zeitlichen Abstand einen Menschen plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Ich vermute, es ging Johannes ähnlich. Er wird einige Geschichten von Jesus auf seinem Schreibtisch gehabt haben, die in den anderen Evangelien nicht erwähnt wurden. Und er wird sich mit Fragen beschäftigt haben, die aus den Gemeinden heraus gestellt wurden, auf die die Gläubigen Antworten suchten, aber sie nicht in den vorhandenen Texten fanden. Und gerade die Geschichten von der Auferstehung nehmen bei Johannes so breiten Raum ein, dass wir vermuten können, dass hier ein Bedürfnis, eine Sehnsucht, eine Erwartung in den Gemeinden bestand, die von den anderen Evangelien so nicht erfüllt wurde.
Es ist die Frage: Welche Bedeutung hat Ostern für uns?
Dabei interessiert nicht die historische Korrektheit. Nehmen wir die vier Evangelien und legen die Ostergeschichten nebeneinander, dann stellen wir fest, das läßt sich nicht in Übereinstimmung bringen. Das einzige, worin sie sich wirklich einig sind, ist die Tatsache, dass das Grab am Ostermorgen leer ist. Aber so wichtig ist diese Frage auch nicht, denn könnten wir einen historisch gesicherten Ablauf rekonstruieren, Glauben schaffen täte dies nicht.
Denn die sogenannten historischen Fakten sind ziemlich leblos. Steine und Jahrezahlen werden erst lebendig, wenn dazu die Geschichten erzählt werden. Und "wirklich" herauszufinden, was denn "tatsächlich" passiert ist, nun, das ist doch auch in unserer so aufgeklärten und mit technischen Möglichkeiten ausgestatteten Welt oft kaum möglich. Denken wir nur mal an den Fall Murat Kurnaz. Was ist da Wahrheit, was ist da wirklich geschehen? Wer sagt die Wahrheit, wer lügt? Oder gibt es gar verschiedene Wahrheiten, weil es immer um die Bewertung aus meinem Blickwinkel geht...?
Nehmen wir doch mal an, Johannes vermisst in den bisherigen Erzählungen von der Auferstehung für seinen Glauben Wesentliches. Was könnte das sein?
Johannes beschreibt im aller Ausführlichkeit die Begegnungen von Maria, von Petrus, von Thomas mit dem Auferstandenen. Und dabei geht es ihm, so meine Vermutung, um die Beziehung zwischen Jesus und diesen Menschen. Und in unserem Predigttext, in welchem die Begegnung zwischen Maria aus Magdala und Jesus beschrieben wird, da geht es letztlich um eine Liebesbeziehung. Liebe ist es, was diese beiden Menschen verbindet. Liebe ist es, die den Tod und die Trauer überwindet. Liebe ist die Kraft, die hinter der Auferstehung steht. Es geht um Liebe, um nichts anderes.
Die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena war schon immer Anlass für vielfältigste Spekulationen. Kein Zweifel besteht darin, dass die Beziehung von Liebe geprägt war. Wie weit diese Liebe ging, nun, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Für die einen war es eine Beziehung, die aus Dankbarkeit getragen war, weil Jesus Maria einst von Dämonen befreit hat. Für die anderen war Maria sicher in Jesus verliebt (und vielleicht auch Jesus in Maria), aber die Beziehung konnte natürlich nicht ausgelebt werden. Und auf der anderen Seite gibt es die Vermutung, Maria sei mit Jesus verheiratet gewesen, die sei aber geheim gehalten worden, weil es zur Rolle Jesu als Prophet und Messias nicht gepasst habe. Wie dem auch sei, wir wissen es nicht und werden es auch nicht erfahren. So ist das mit den historischen Fakten.
Sicher scheint mir aber, wenn ich diesen Text hier lese, dass die Beziehung zwischen Maria und Jesus schon außergewöhnlich vertraut gewesen sein muss. In dieser Geschichte schwingt eine große Nähe und Zärtlichkeit mit. Die Gefühle von Trauer, von Erkennens, von Hoffnung werden mit wenigen Pinselstrichen angedeutet und es entsteht vor unseren Augen ein Bild, in dem zwei sich liebende Menschen sich - für den einen überraschend - wiedersehen. Um Liebe geht es hier, um nichts anderes.
Wie könnte es auch anders sein! Gott ist die Liebe, heißt es in den Johannesbriefen. Martin Luther unterstrich diesen Satz mit dem Bild, dass Gottes Liebe wie ein glühender Backofen sei. Ein wärmender Backofen, der Wärme ausstrahlt, ja gar nicht anders kann, als Wärme abzugeben. Diese Liebe hat Jesus zu seinen Lebzeiten buchstäblich verkörpert. Menschen wurde in seiner Gegenwart warm ums Herz, sie lebten auf, ja wurden gesund. Jesus verkörperte in seiner Person die Liebesbeziehung Gottes zu den Menschen. Und das war und ist ganz sicher keine "platonische", von Gefühlen frei gehaltene Liebesbeziehung. Immer wieder haben vor allem Mystikerinnen und Mystiker im Lauf der letzten zweitausend Jahre die Beziehung zwischen Jesus und seinen Nachfolgern mit Worten beschrieben, die wir als Sprache der Liebe und der Erotik kennen. Und das fängt schon im Neuen Testament an, wenn Jesus selbst von sich als Bräutigam spricht. Und in der Mystik legen sich solche Formulierungen nahe, geht es ihnen doch um eine Verschmelzung zwischen Mensch und Gott im Glauben...
Wie dem auch sei: Mit einem Wort durchbricht der Auferstandene hier die Trauer der liebenden Maria. Sie geht zum Grab wie abertausende Menschen Tag für Tag zum Grab eines lieben Angehörigen gehen. Sie sucht Trost in der Nähe des Verstorbenen, will auch sicher ihren Gefühlen dort freien Lauf lassen. Und durch die Tränen ihrer Trauer begreift sie erst nichts. Doch dann spricht Jesus sie an - mit ihrem Namen. Und es wird ganz sicher nicht nur der Name gewesen sein, der Maria die Augen öffnet, sondern vor allem der Ton, mit dem Jesus sie anspricht. Mit ganz viel Liebe und Zärtlichkeit, mit dem ganzen Wissen um ihre Beziehung. Und sie antwortet spontan: Rabbuni, Lehrer, Meister - vermutlich das Wort, mit dem sie ihn früher auch angesprochen hat.
Und dann scheint es so, als würde hier ein kleines Stück fehlen im Text. Im nächsten Satz spricht Jesus: Halte mich nicht fest! Ich stelle mir die Szene vor und wird es doch wohl so gewesen sein, wie wir es tagtäglich an Bahnsteigen und Flughäfen beobachten können und sicher auch schon selbst erlebt haben: Menschen fallen sich nach längerer Trennung in die Arme, drücken sich, wollen nicht mit Worten oder Blicken deutlich machen, dass sie sich über das Wiedersehen freuen, sondern dies auch körperlich ausdrücken. Das wehrt Jesus ab: er ist zwar lebendig, aber nun doch ganz anderes anwesend als vorher. Und Maria begreift dies, so scheint es, sofort. Dennoch: ihre Trauer ist wie weggeblasen. In großer Ruhe und Souveränität geht sie zu den Jüngern und verkündet ihnen: Ich habe Jesus, den Lebendigen gesehen. Punkt. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Kehren wir nun noch einmal zurück zur Ausgangsfrage: was ist das Neue, das Besondere an dieser Geschichte? Warum erzählt Johannes uns dies? In den anderen Evangelien sind die Ostergeschichten viel stärker durch das Erschrecken über das leere Grab und das Wunder der Auferstehung geprägt. Es steht das Staunen über das Neue und die Machtdemonstration Gottes im Vordergrund. Gott ist Herr über Leben und Tod! 70 Jahre später, zur Zeit des Johannes, ist dieser doch unglaubliche Gedanke schon weit verbreitet. Und vielleicht drückt sich in dieser Geschichte und in den bei Johannes folgenden Ostergeschichten mit dem ungläubigen Thomas und dem neuerlichen Fischzug des Petrus die Frage nach der Beziehungsqualität aus: Ja, Jesus ist auferstanden. Ja, Gottes Kraft reicht weiter als der Tod. Und das kann er, weil er uns und unserer Welt ganz und gar gegenüber steht. Aber, und das wird hier deutlich, dieser so ferne Gott ist der derjenige, der uns liebt wie ein glühender Backofen. Und so strahlt diese Liebe in unsere Welt hinein, will uns, mich und dich, lebendig machen.
Amen.