Ostern und die Steine am Kreuz
Ostersonntag 2006
Liebe Gemeinde,
Jesus ist auferstanden! Der Ostermorgen bringt Licht ins Dunkel der Welt, dafür haben wir vorhin symbolisch die neue Osterkerze entzündet, die ein Jahr lang in jedem Gottesdienst hier brennen wird und uns daran erinnert: Jesus ist auferstanden. Tod, Kreuz und Leiden haben nicht das letzte Wort in dieser Welt, sondern Gottes Liebe.
Und dies angesichts des Kreuzes, ganz praktisch angesichts des Kreuzes aus Steinen, dass Menschen hier zusammen getragen haben. Sieben Wochen lag das Kreuz hier vorne in der Kirche in jedem Gottesdienst. Sieben Wochen lang waren Sie eingeladen, symbolisch mit einem Stein all das zum Kreuz zu tragen, was Ihnen gegenwärtig wie ein Stein auf der Seele liegt: Ängste und Sorgen, Krankheiten, Trauer, Schuld...
Sieben Wochen lang sind dieser Einladung Menschen in unseren Gottesdiensten gefolgt. Sie (und die Konfirmanden) zahlreich in den Sonntaggottesdiensten, aber auch die Schülerinnen und Schüler in den Schulgottesdiensten und die Kindergartenkinder, die gelegentlich freitags hier zu einer Wochenschlussandacht zusammen kommen. Menschen haben ihre Last Jesus ans Herz gelegt, haben vielleicht die Erfahrung gemacht (hoffentlich!), dass ihnen leichter ums Herz wurde, haben aber zumindest gesehen, anderen geht auch wie mir. Wir stehen gemeinsam vor dem Kreuz, ich bin es nicht allein, der Lasten zu tragen hat.
Und so kam eine große Zahl von Steinen zusammen. Das ursprünglich blaue Kreuz ist weiß geworden.
Heute, am Ostertag, stellt sich die Frage: was machen wir nun damit? Ganz praktisch natürlich, aber viel mehr noch: was bedeutet denn die Osterbotschaft nun für all die Lasten, die dort liegen, was bedeutet sie für unsere Seele? Jesus ist auferstanden sagen wir, dem Tod ist die Spitze abgebrochen. Jesus hat unsere Last auf sich genommen und ist darunter nicht zusammengebrochen. Sondern Gottes Liebe hat sich an ihm so gezeigt, dass es für uns und unsere Lasten Hoffnung gibt. Doch was geschieht angesichts der Osterbotschaft mit unseren Lasten? Sie sind ja nicht einfach "weg".
Ich glaube, liebe Gemeinde, hier hat Ostern uns unterschiedliche Dinge zu sagen. Je nachdem, in welcher Lebenssituation wir gerade stehen. Die Auferstehungsbotschaft ist kein Pauschalangebot, sondern gilt individuell. Das möchte ich mit Hilfe zweier Symbole verdeutlichen: diesem Eimer mit Wasser und diesem Kästchen.
1. Der Eimer mit Wasser
Im AT heißt es beim Propheten Micha einmal, dass Gott unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen wird (Micha 7,19). Für manche Menschen ist das ein tröstlicher und entlastender Gedanke: das, was mir so schwer auf der Seele liegt, wird von Gott mir abgenommen und ganz weit weg gebracht, versenkt, ist nicht mehr zu sehen und zu spüren. Es ist ein Gedanke der Hoffnung. Natürlich geschieht das nicht von heute auf morgen. Aber es ist eine Perspektive: das, was mir das Leben schwer macht, was ich zum Kreuz getragen habe, kann nach und nach seine bedrängende und bedrückende Macht verlieren. Schuld, die ich auf mich geladen habe. Trauer um einen geliebten Menschen. Eine tiefe Lebenskrise, ausgelöst durch Arbeitslosigkeit oder den Eintritt in den Ruhestand. Ostern heißt in diesem Zusammenhang: die Lasten unseres Lebens sollen uns nicht für immer belasten. Bonhoeffer hat in diesem Zusammenhang einmal gesagt, dass von Ostern her ein frischer und reinigender Wind in unsere Welt hineinbläst. Und so sind wir eingeladen, uns aufzurichten, uns diesen Wind um die Ohren blasen zu lassen, der unser Leben mit neuen Farben erfüllen kann und zugleich die Last wegweht und sie im Meer versenkt, wo sie nicht mehr sichtbar und spürbar ist.
2. Das Schatzkästchen
Für manche Menschen ist es ein tröstlicher Gedanke, dass die Lasten weggenommen werden und versenkt werden. Andere machen die Erfahrung, dass sie sich mit den Lasten ihres Lebens nach und nach aussöhnen können. Dafür steht dieses Kästchen. Der symbolische Gedanke dahinter ist, dass ich meine Last ans Kreuz gelegt habe, Jesus diese Last mitgetragen hat - aber ich dann eines Tages den Stein wieder zu mir nehme, ihn in ein Kästchen lege und aufbewahre.
Dahinter steht der Gedanke, dass ich mich mit meinem Leben, mit meinem Schicksal versöhnen kann. Das gelingt keinesfalls immer und überall, aber doch auch immer wieder. Wo es gelingt, da kann eine frühere Last zu einem Schatz für mein weiteres Leben werden. Eine Krankheit, die mir die Augen geöffnet hat. Eine gescheiterte Beziehung, aus der heraus ich meine Fähigkeit zu lieben, Liebe zu empfangen und Liebe zu geben, ganz neu entdecke. Eine berufliche Krise, die zu einem Neuanfang wird. Ein gescheitertes Vorhaben, dass mir später die Augen dafür öffnet, wo ich mich verrannt hatte und warum das so gekommen ist. auch dieser Weg der Aussöhnung mit einem Teil meiner Lebensgeschichte, letztlich der Versöhnung mit mir selbst geschieht nicht von heute auf morgen. Es ist ganz oft ein langer steiniger Weg, auf dem die Hoffnung und die Gewissheit, begleitet, getragen zu sein eine entlastende Bedeutung hat.
3. Das Kreuz
Aber es gibt noch ein drittes Symbol, das hier genannt werden muss, noch eine weitere Art und Weise, wie die Botschaft der Auferstehung zu unseren Lasten spricht. Dieses Symbol habe ich nicht genannt am Anfang. Ganz bewußt. Denn es lag schon da. Es ist das Kreuz selbst.
Denn es gibt Lebenssituationen, in denen ich ganz genau weiß, diese Last werde ich nicht los. Vielleicht irgendwann, ja. Aber vielleicht auch nicht. Die unheilbare Krankheit zum Beispiel. Vielleicht kann ich sie eines Tages akzeptieren. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde ich irgendwann über den Verlust eines geliebten Menschen hinweg kommen. Vielleicht aber auch nicht - und heute mit Sicherheit nicht.
Es gibt Lasten, die bleiben uns erhalten. wir werden sie nicht los. Da ist der Gedanke, dass Gott unsre Lasten nimmt und wie ein Stein im tiefen Meer versenkt, kein Trost. Und der Gedanke an eine Aussöhnung klingt wie Hohn in meinen Ohren, ist unvorstellbar.
Dann, liebe Gemeinde, dürfen wir unsere Last am Kreuz liegen lassen. Das Kreuz wird ja mit Ostern nicht weggenommen. Sondern von der Auferstehung Jesu her kommt dann die Hoffnung auf eine endgültige Erlösung in unsere Welt. So wie es am ende der Bibel in der Offenbarung heißt: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen" (Offenbarung 21,4). Das ist keine billige Jenseitsvertröstung nach dem Motto: später wird alles besser, dieses Leben ist durch und durch böse und schlecht. Nein, Gott will schon, dass wir in diesem Leben leben können und auch mit unserem Leben zurecht kommen. Aber er hat zugleich diese Welt, seine Schöpfung so eingerichtet, dass es diese Grenzen gibt, wo nichts mehr geht in diesem Leben. Wir kennen die Bilder von Intensivstationen, Katastrophen und anderem mehr. Da ist dann der Verweis auf die letzte und endgültige Erlösung an der richtigen Stelle.
Liebe Gemeinde,
ein Eimer mit Wasser, ein Schatzkästchen, das Kreuz. Drei Antworten von der Auferstehung Jesu her auf die Frage, wie wir mit unseren Lasten umgehen können. Es gibt nicht Einheitsantwort auf alle Fragen und Gott ist kein unveränderliches starres Prinzip. Nein, er ist ein glühender Backofen voller Liebe, wie Luther einmal gesagt hat und als Liebender ist er an einer Beziehung zu mir, zu Ihnen zu uns interessiert. Beziehungen aber sind nie einfach, weil lebendige Personen miteinander zu tun haben. Und deswegen können sie uns so viel für unser Leben geben, unsere Beziehungen zu Menschen und unsere Beziehung zu Gott, dem Vater Jesu.
Amen.