Matthias Jung

 

 

 

Predigt über Johannes 20,24-29

Ostern 2005

 

Thomas ist mir nahe. Ich war auch nicht dabei, als Jesus zu den Jüngern kam. Er hat ihn nicht gesehen. Er ist angewiesen auf die Aussagen der anderen Jünger. Er hört, was sie sagen. Er sieht vielleicht auch ihren veränderten Gesichtsausdruck. Aber er kann ihnen nicht glauben. Ich glaube nur, was ich sehe. Darin ist Thomas vielen Menschen un­serer Zeit nahe. Er kann nicht glauben, weil er nichts sieht.

So geht es vielen Menschen heute: Sie können nicht glauben. Wenn sie sich umschauen, entdecken sie so viele Gegenargumente gegen die Osterbotschaft. Wo ist er, der gütige Gott, fragen sie. Warum lässt er all das zu? Das grässliche Sterben im Krankenhaus, den Krieg im Irak, das ungezählte Leid in Familien und Ehen, die brutale Gewalt auf Schulhöfen und Straßen?

All das sind schwerwiegende Fragen. Schwere Argumente gegen den Osterglauben. Wenn ich ehrlich bin, stelle ich sie mir auch immer wieder. Wie geht das alles zusammen? Gott und die Welt? Der liebe Gott und das Leid in der Welt?

Einer der diese Fragen besonders ehrlich und daher besonders scharf gestellt hat, war Wolfgang Borchert in seinem kurz nach dem Krieg erschienenen Drama "Draußen vor der Tür". In einer Szene lässt Borchert den Kriegsheimkehrer Beckmann mit Gott ab­rechnen:

"Wer hat dich eigentlich so genannt, lieber Gott? Die Menschen? Ja? Oder du selbst? ... Seltsam, ja, das müssen ganz seltsame Menschen sein, die dich so nennen. Das sind wohl die Zufriedenen, die Satten, die Glücklichen und die, die Angst vor dir haben. ... Wann bist du eigentlich lieb, lieber Gott? Warst du lieb, als du meinen Jungen, der gerade ein Jahr alt war, als du meinen kleinen Jungen von einer brüllenden Bombe zerreißen ließt? Warst du da lieb, als du ihn ermorden ließt? ... Wo warst du eigentlich, als die Bomben brüllten, lieber Gott? ... Wann warst du denn eigentlich lieb, Gott, wann? Wann hast du dich jemals um uns gekümmert, Gott? ... Ach, du bist alt, Gott, du bist unmodern, du kommst mit unsern langen Listen von toten und Ängsten nicht mehr mit. Wir kennen dich nicht mehr so recht, du bist ein Märchenbuchliebergott. Heute brauchen wir einen neuen. Weißt du, einen für unsere Angst und Not. einen ganz neuen. Oh, wir haben dich gesucht Gott, in jeder Ruine, in jedem Granattrichter, in jeder Nacht. wir haben dich gerufen. Gott! Wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht! Wo warst du da, lieber Gott? Wo bist du heute Abend? Hast du dich von uns gewandt? Hast du dich ganz in deine schönen alten Kirchen eingemauert, Gott? Hörst du unser Geschrei nicht durch die zerklirrten Fenster, Gott? Wo bist du?" (Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür, 5. Szene)

Wo ist er nun, der liebe Gott? so hat Thomas auch gefragt. Ihr könnt erzählen was ihr wollt, wird er gesagt haben. Was ich nicht mit meinen Augen sehe, kann ich nicht glau­ben. Die Realität rings um mich herum ist stärker.

Und die Jünger? Sie schweigen. Sie wissen: noch mehr Worte wären hier verkehrt. Sie nehmen Thomas in seinen Fragen ernst - und schweigen. Sie kennen ihre Grenzen. Sie haben ihm gesagt, was sie gesehen haben. Mehr können sie nicht tun. Dazu muss ein ande­rer kommen.

Und Johannes berichtet es. Acht Tage später sind die Jünger wieder zusammen. Und Thomas ist bei ihnen. Da sieht er Jesus.

Er sieht die Wunden, die die Nägel in seine Hände und Füße geschlagen haben. Er sieht und glaubt. Er bekennt: Mein Herr und mein Gott!

Er bekennt: Da ist Gott! - In diesem geschundenen und gequälten Leib. Da ist Gott! - Dem Sadismus seiner Peiniger ausgesetzt, dem Spott und hohn der Soldaten preisgege­ben, ohnmächtig den mächtigen ausgeliefert. Da ist Gott - jetzt glaubt Thomas. Mein Herr und mein Gott. Er hat´s nun leicht. Er sieht Jesus, den Auferstandenen, mit seinen Wunden, den Zeichen des Leidens.

Und wir, möchte ich fragen? Was ist nun mit uns? wir sehen ihn nicht. Aber wir haben doch auch unsere Zweifel?! Wir haben doch auch unsere Schwierigkeiten zu glauben, wenn wir uns in unserer Welt umschauen? Thomas hat´s nun leicht. Und ich? Als ob Je­sus diese Fragen geahnt hätte, fügt er zum Schluss hinzu: Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben. Doch wie soll das gehen?

Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu glauben, ohne zu sehen. Leicht gesagt. Doch schwer getan. Wie soll das gehen?

Es gibt für uns nur eine Chance: Es ist möglich zu glauben, auf das Wort und die Erfah­rungen anderer Menschen hin. Es ist möglich, dass mir die Augen geöffnet werden durch Worte und Erfahrungen, die andere gemacht haben und die mir bekennen: Es gibt einen, der dich liebt. Der mit dir geht durch dick und dünn. Das ist kein Automatenliebergott: oben 5.- rein und unten die Wunscherfüllung raus. Das ist auch kein Feuerlöschergott, den ich in jeder Not rufen kann und der dann meine Probleme vom Tisch fegt. Aber es gibt einen, der mich liebt. Der zu mir steht. Und mit mir geht. Einer, der selber das Leben ausgeko­stet hat in Höhen und Tiefen. Das bezeugen mir Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben. Da reicht eine lange Kette der Zeugen von Thomas bis zu uns heute. Ohne sie könnte ich nicht glauben. Sicher: dass mir von diesem Jesus erzählt wird, ist keine Ga­rantie, dass mir die Augen geöffnet werden. aber es ist möglich. dass etwas mein Herz erreicht. Mich mitreißt. Oder etwas in mich eingepflanzt wird und fest verwurzelt bleibt. Das gibt es im Großen wie im kleinen. Wie viele Menschen haben die Briefe ermutigt, die Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis geschrieben hat. Wie viele Menschen haben die Lieder getröstet, die Paul Gerhardt geschrieben hat. wie viele Menschen haben sich von den Träumen Martin Luther King´s anstecken lassen. Und im Kleinen - die Eltern, die ihren Kindern die biblischen Geschichten erzählen und von denen dann doch etwas hängen bleibt, oder die Mitarbeiter des Kindergottesdienstes, oder ein Besuch im Krankenhaus in schwieriger Zeit. Oder auch eine Predigt, die mich über Jahre nicht mehr loslässt. Es ist möglich, dass Menschen andere Menschen zum Glauben anstiften. Und es ist unsere einzige Chance.

Denn der Glaube ist wacklig und brüchig. die Fragen und Zweifel von Thomas bleibe. Und das ist gut so. Denn wir brauchen Menschen wie den Thomas oder wie Wolfgang Borchert. Menschen, die mir den Blick für unsere Welt offen halten. Damit ich mit den Füßen auf dem Boden bleibe und mit meinem Glauben nicht entschwebe in himmlische Sphären. Wir dürfen an Ostern die fröhlichen Lieder singen. Denn wir haben allen Grund dazu! Ostern ist unsere einzige Hoffnung in dieser Welt voller Leid. Aber: Menschen wie Thomas erinnern uns gleichzeitig daran, dabei auf dem Boden zu bleiben. Hier bewährt sich der Glaube. Wo sonst. Hier brauchen wir ihn, in unserem Leben unserer Welt. Wo sonst?

Liebe Gemeinde, Ostern ist kein Triumph, aber ein Anlas zu großer Freude. Ostern bedeutet Abschied zu nehmen von einer Reihe tiefer Wünsche, die wir in uns tragen: Abschied vom Automatenliebergott, vom Feuerlöschergott, vom lieben Gott. Die falschen Götter sind alle zerbrochen am Kreuz. Es bleibt mir aber einer, der mich liebt und der in allen Zeiten meines Lebens an meiner Seite ist. Weil er alles kennt. 

Amen.