MJ

Hast du mich lieb? Auferstehung mitten im Leben
Predigt über Johannes 21,15-19 an Ostern 2002

 

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte ist ein Beispiel, wie Auferstehung mitten im Leben geschieht.

Petrus und andere Jünger sind nach den schrecklichen Ereignissen in Jerusalem wieder zurück am See Genezareth. So schildert es der Evangelist Johannes. Es scheint so, als wüssten sie nichts von der Auferstehung Jesu. Vielleicht aber möchte Johannes hier deutlich machen, dass die Jünger zwar dem Auferstandenen in Jerusalem begegnet sind, aber noch nicht wissen, was das für ihren Alltag begegnet. Denn hier, in diesem Kapitel, begegnet Jesus den Jüngern in ihrem alltäglichen Leben. In der Geschichte, die dem Predigttext vorangeht, erkennen die Jünger den Auferstandenen an der übergroßen Menge von Fischen, die sie fangen und an der Art, wie er das Brot mit ihnen teilt. In unserem Abschnitt begegnet Jesus dann Petrus auf einer ganz persönlichen Ebene.

Drei Mal wird er von Jesus gefragt: Hast du mich lieb? Dreimal antwortet Jesus: Ja. Auferstehung mitten im Leben.

Petrus war der Jünger, der Jesus am nächsten stand. Er spielte eine besondere Rolle unter den Zwölf. Den Kindergartenkindern habe ich letzte Woche gesagt: Petrus, das war der beste Freund von Jesus. Und als es nach Jerusalem ging, wollte Petrus sich besonders für seinen  Freund einsetzen, ganz nah bei ihm bleiben, ja sogar mit ihm sterben.

Doch es kommt anders.

Dreimal beteuert Petrus in der Nacht vor Jesu Tod: Ich kenne diesen Mensch nicht! Genau das hatte Jesus ihm angekündigt und noch mehr: der Hahn wird nach dem dritten Mal krähen und du wirst dich an meine Worte erinnern. Ganz weit weist Petrus dies von sich, doch genau so kommt es. Und Petrus bricht in Tränen aus, als er den Hahn krähen hört, weiß er doch, er hat die Freundschaft mit Jesus verraten und zerstört. All seine Worte waren nur Lippenbekenntnisse. Tot ist die Beziehung zwischen Jesus und Petrus in diesem Moment, mausetot.

Und dann diese Geschichte.

Als ich sie den Kindergartenkindern erzählt habe, sagte ich ihnen, Petrus hätte anderen immer wieder von dieser Begegnung mit Jesus erzählt. Und er hätte immer gesagt, er wüsste nicht richtig, was in dieser Nacht wirklich passiert sei, ob er tatsächlich am See Jesus gesehen hätte oder dies alles ein Traum in der Nacht gewesen sei. Aber das sei auch ganz egal, für ihn hätte diese Begegnung mit Jesus sein Leben zum zweiten Mal völlig verändert.

Petrus hatte in Jerusalem gehört und gesehen, Jesus lebt, er hat den Tod besiegt, er ist auferstanden. Das weiß er und das glaubt er seitdem. Aber hier wird es für ihn ganz persönlich erfahrbar. 

Ob er nach der ersten Frage Jesu schon geahnt hat, was kommt? Ich glaube nicht.

Vielleicht dämmerte es ihm, als Jesus die Frage wiederholt.

Aber beim dritten Mal, da weiß Petrus ganz genau, worauf Jesus anspielt - denn da wird Petrus traurig, für mich das deutlichste Zeichen, dass er versteht, was Jesus hier macht: Vergebung geschieht, ohne dass das Vergehen benannt wird. Neubelebung der Freundschaft, Auferstehung mitten im Leben.

Und einen Auftrag hat Jesus auch: Weide meine Lämmer. Wir würden vielleicht sagen: Kümmere dich um meine Freunde, um meine Anhänger, um die, die an mich glauben.

Das ist Ostern für Petrus: die von ihm zerstörte Freundschaft wird von Jesus neu belebt und noch mehr, er bekommt auf dieser Basis der Versöhnung neue Aufgaben.

Das ist Ostern: Auferstehung mitten im Leben.

Das geschieht da, wo Menschen aus dem Glauben an den Auferstandenen heraus versuchen, totes zu beleben.

Verletzungen zu heilen.
Zerwürfnisse zu kitten.
Gräben zuzuschütten.
Feinde zu versöhnen.

In Familie und Freundschaft, in Politik und Wirtschaft. Wo auch immer.

Nicht immer wird es gelingen. Denn zur Versöhnung, zur Wiederbelebung von Beziehungen gehören immer zwei Seiten. Und wenn ich will und der oder die andere will nicht, dann wird es nicht klappen. Es gibt keine Garantie für Auferstehung mitten unter uns.

Aber weil wir von dieser Geschichte hören, weil wir der Auferstehung Jesu glauben und seinem Gott vertrauen, darum können wir gar nicht anders als zu versuchen, so mit der Botschaft von Ostern mitten unters Volk zu gehen.

Verletzungen zu heilen.
Zerwürfnisse zu kitten.
Gräben zuzuschütten.
Feinde zu versöhnen.

Amen.