Matthias Jung

 

 

 

Predigt am Ostersonntag 1995 über Dietrich Bonhoeffer

 

1. Predigt durchs Leben

Dietrich Bonhoeffer wurde vor fünfzig Jahren, am 9. April 1945 in Flossenbürg ermordet. Er wurde nur 39 Jahre alt. Seine verschiedenen Bücher, einige Aufsätze und vor allem seine Aufzeichnungen aus der Haft, die sein Freund Eberhard Bethge später unter dem Titel: "Widerstand und Ergebung" herausgegeben hat, sind jedoch bis heute in der evangelischen Christenheit und darüber hinaus lebendig. Aus seinen Gefängnisbriefen stammt auch die Aussage vom 24. März 1944, die über diesem ganzen Gottesdienst steht:

"Von der Auferstehung Christi her kann ein neuer reinigender Wind in die gegenwärtige Welt wehen." (WEN 270)

Und etwas weiter schreibt Bonhoeffer:

"Von der Auferstehung her leben - das heißt doch Ostern." (WEN 270)

Dietrich Bonhoeffer hat dies über viele Jahre hinweg sehr ernst genommen, beides, von der Auferstehung Christi her zu leben und dann in der Folge, der Nachfolge mit dazu beitragen, daß ein neuer, reinigender Wind in die gegenwärtige Welt hineinweht. Ohne diesen Glauben, der ihn angetrieben und zugleich immer wieder in Frage gestellt hat, ist das Lebenswerk und der Lebenslauf Bonhoeffers nicht zu verstehen. In drei Schritten möchte ich Ihnen dies heute morgen erläutern. Dietrich Bonhoeffer hat die Osterbotschaft in seinem Leben gepredigt, er hat durch sein Leben Zeugnis abgelegt für die Hoffnung und die Erneuerung, die von Christus her in unserer Welt hineinströmt, hineinweht. Und das läßt ihn bis heute lebendig sein. Das fasziniert Menschen immer noch an ihm, jüngere wie ältere.


2. Vom Theologen zum Christen

Dietrich Bonhoeffer, im Februar 1906 geboren, wächst in einem Professorenhaushalt auf, der weder besonders fromm ist noch sich durch deutliche Distanz zur Kirche auszeichnet. Man gehört zur Kirche, geht gelegentlich hin und das war´s. Daher schlug die Nachricht wie eine Bombe im Haus Bonhoeffer ein, daß Dietrich sich für das Theologiestudium entscheiden habe. Bonhoeffer hat nie, auch später nicht, darüber Auskunft gegen, was seine Beweggründe bei dieser Entscheidung waren. Aber die Eltern respektieren den Wunsch und fördern ihren Sohn nach Kräften. Und der macht eine Bilderbuchkarriere. Mit 17 Abitur, mit 21 Doktor der Theologie, dann Vikariat in Barcelona, Habilitation in Berlin, ein Jahr Studienaufenthalt in Amerika, danach Dozent uns Studentenpfarrer in Berlin.

In dieser Zeit in Berlin vollzieht sich in Bonhoeffer ein tiefgreifender Wandel. Er hat dies so beschrieben:

"Als ich anfing mit der Theologie, habe ich mir etwas ganz anderes darunter vorgestellt - doch vielleicht mehr eine akademische Angelegenheit. Nun ist etwas ganz anderes daraus geworden. Aber ich glaube nun zu wissen, wenigstens einmal auf die richtige Spur gekommen zu sein - zum ersten Mal in meinem Leben. Und das macht mich sehr glücklich. Ich glaube zu wissen, daß ich eigentlich erst innerlich klar und wirklich aufrichtig würde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich anfinge, Ernst zu machen. Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es lohnt, kompromißlos einzutreten. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus sei so etwas." (Bethge, 249)

Sein Freund und Biograph Eberhard Bethge bezeichnet dies als die Wende Bonhoeffers vom Theologen zum Christen. Womit Bonhoeffer sich über Jahre im Kopf beschäftigt hat, fängt nun an, in sein Herz zu rutschen. Das akademische Arbeiten hat zur Folge, daß der christliche Glaube sein ganzes Leben zu beeinflussen beginnt. Die Veränderung hat unabsehbare Folgen, auch wenn sie sich langsam und schleichend vollzieht und nicht mit einem Schlag.

Zunächst ist äußerlich nicht viel zu sehen. Adolf Hitler ist mittlerweile an der Macht und Bonhoeffer ist vom ersten Moment an entschiedener Gegner Hitlers. Er sgat von Anfang an: Das bedeutet in der letzten Konsequenz Krieg. In einer Rundfunkansprache am 2. Februar 1933, also nur zwei Tage nach der Machtergreifung, will Bonhoeffer klar und offen Stellung beziehen, doch der Sender stellt den Strom ab...

Es geschieht Bonhoeffers Leben etwas seltsames. Er flüchtet in dieser schwierigen Zeit scheinbar aus Deutschland und nimmt eine Pfarrstelle in London an. Er braucht den Abstand. Von dort aus beobachtet er aufmerksam die Verhältnisse in Deutschland und knüpft vielfältige ökumenische Kontakte.

Zwei Jahre später ist er zurück und wird Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Nun treten die Konsequenzen seiner innerlichen Wende offen zu Tage. Er gründet mit interessierten Vikaren eine Bruderschaft auf Zeit. Zur damaligen Zeit war dies im Protestantismus etwas vollkommen neues. Gemeinsames Gebet, Bibelstudium und Beichte gehören zu den Regeln des Bruderhauses. Die Bücher "Nachfolge" und "Gemeinsames Leben" entstehen in dieser Zeit. Sie sind die neben den Gefängnisbriefen bekanntesten Werke Bonhoeffers.

Das Experiment in Finkenwalde ist nicht unumstritten, hält aber einige Jahre vor. Bis 1940 arbeitet Bonhoeffer in der Ausbildung der Vikare. Dann werden die Seminare geschlossen, alle Vikare zum Wehrdienst eingezogen. Bonhoeffer kommt in eine prekäre Lage, hat er sich doch aus seiner christlichen Überzeugung entschlossen, keine Waffe in die Hand zu nehmen, wiederum eine vollkommen ungewöhnlich, neue Position eines Christen in der damaligen Zeit. Bonhoeffer zieht immer wieder aus seinem Glauben klare Konsequenzen und ist bereit dafür die Verantwortung zu übernehmen. Wehrdienstverweigerung, das bedeutet Lebensgefahr, denn die Verweigerung aus Gewissensgründen war damals undenkbar und Geistliche waren keineswegs automatisch vom Wehrdienst befreit. Es muß etwas geschehen.


3. Die Hinwendung zur Welt

Für das, was nun in Bonhoeffers Leben folgt, ist eine zweite Wende in seinem Leben ganz entscheidend. Sein Biograph nannte dies die Wende hin zur Welt. Was ist damit gemeint?

1938 erhält Bonhoeffer Kenntnis von Umsturzplänen. Sein Schwager Hans von Dohnany, Vater des früheren Hamburger Oberbürgermeisters Klaus von Dohnany, ist in der deutschen Abwehr tätig, die ein Zentrum des Widerstandes gegen Hitler zu verstehen bildet. Noch ist Bonhoeffer selbst nicht aktiv darin verwickelt, aber er ist informiert und für das, was nun mit ihm geschieht, ist dies von elementarer Bedeutung.

Bonhoeffer bekommt im Frühjahr 1939 das Angebot, nach Amerika zu emigrieren und dort als Dozent zu arbeiten. Damit würde er der drohenden Verhaftung wegen der Wehrdienstverweigerung entgehen. Bonhoeffer besteigt auch ein Schiff und fährt nach New York, aber bereits wenige Tage später ist er auf der Rückfahrt. Was ist geschehen?

Bonhoeffer hatte keine Ruhe. Er hatte das Gefühl, vor der Verantwortung davon gelaufen zu sein. In seinem Tagebuch hat er die Entscheidung am Abend des 20. Juni 1939 in folgende bewegende Worte gefaßt:

"Besuch bei Leiper. Damit ist wohl die Entscheidung gefallen. Ich habe abgelehnt. Man war sichtlich enttäuscht und wohl etwas verstimmt. Für mich bedeutet es wohl mehr als ich im Augenblick zu übersehen vermag. Gott allein weiß es. Es ist merkwürdig, ich bin mir bei allen Entscheidungen über die Motive nie völlig klar bin. Die Losung spricht heute furchtbar hart von Gottes unbestechlichem Gericht. Er sieht gewiß, wie viel persönliches, wieviel Angst in der heutigen Entscheidung steckt, so mutig sie aussehen mag. Die Gründe, die man für eine Handlung vor anderen und vor sich selbst ausgibt, sind gewiß nicht ausreichend. Man kann eben alles begründen. Zuletzt handelt man doch aus einer Ebene heraus, die uns verborgen bleibt. Am Ende dieses Tages kann ich nur bitten, daß Gott ein gnadenvolles Gericht über möge über diesen Tag und alle Entscheidungen. Es ist nun in seiner Hand." (Bethge 734f)

Bonhoeffer kehrt zurück und wird Mitarbeiter der Abwehr in Berlin. Sein Auftrag: Mitarbeit am Umsturz, geschützt durch einen Agentenpaß, der ihn zugleich unabkömmlich für den Fronteinsatz macht.

Die Wende zur Welt, hat Eberhard Bethge diese Entscheidung genannt. Und es war, in der Tat, ein für einen evangelischen Pfarrer in mehrerer Hinsicht außergewöhnlicher Schritt. Die evangelische Kirche - auch die Bekennende Kirche - hat sich im Dritten Reich weitgehend nur um die kirchlichen Belange gekümmert. Der Kirchenkampf fand überwiegend innerhalb der Kirche statt. Nur ganz selten gab es einige wenige, die gegen die menschenverachtende Politik Hitlers Position bezogen. Eine aktive Mitarbeit am Umsturz war aber für einen evangelischen Pfarrer etwas undenkbares. Und es war Bonhoeffer sehr wohl bewußt, daß er nach dem - wie auch immer aussehenden - Ende des Krieges nicht mehr als Pfarrer in seiner Kirche würde arbeiten können. Beteiligung am Aufstand gegen die Obrigkeit - daß ging nicht.

Dietrich Bonhoeffer hat dies gewußt. Aber so, wie er den christlichen Glauben verstand und lebte, reicht es nicht aus, sich nur um die Opfer von verkehrter Politik zu kümmern. Bereits Jahre zuvor hat er einmal in einem Aufsatz geschrieben, wenn nötig, muß man eines Tages mutig dem Rad in die Speichen fallen und aktiv werden.

Mit dieser Einstellung stand Bonhoeffer damals in seiner Kirche ziemlich allein. Für ihn war ein derartiges Engagement aber die logische Folgerung seines Glaubens. Von der Auferstehung Christi her kann ein neuer, reinigender Wind in die gegenwärtige Welt wehen, schreibt er später im Gefängnis. Und der Glaube an die Auferstehung machte ihm Mut, auch ganz allein zu stehen und das zu tun, was er meinte, tun zu müssen. Im Glauben an den Gott, der möchte, daß wir auch in schwierigen Zeiten, in denen die Orientierung schwerfällt, mutig und verantwortlich handeln, der aber auch falsche Entscheidungen vergibt.


4. Im Gefängnis

Bonhoeffers Beteiligung am Widerstand fliegt auf. Im April 1943 wird er zunächst mit seinem Schwager und anderen verhaftet. Bis zum 20. Juli 1944 wird er weitgehend ungefährdet sein, weil die Männer, die am Umsturzvorbereitungen beteiligt waren, ein ausgeklügeltes Verteidigungssystem für Verhöre verabredet hatten. Ziel war unter anderem, Bonhoeffer unbedingt zu entlasten und ihn schnellstmöglich frei zu bekommen, denn für den Widerstand war er mit seinen außergewöhnlichen guten Beziehungen zum Ausland, nach England, Amerika, Schweden und die Schweiz unverzichtbar.

Das Gefängnis hat Bonhoeffer schwer zugesetzt. Er litt unter Depressionen bis hin zu Selbstmordabsichten. Dennoch legte er sich eine scharfe Arbeitsdisziplin auf, las viel und schrieb. Seine Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft zeugen noch einmal von der geistigen Kraft dieses Mannes, der von seinem Glauben her kühne Gedanken entwickelt. So stellt er sich zum Beispiel die Zukunft der Kirche wie folgt vor:

"Die Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muß sie alles Eigentum den notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltlichen Beruf ausüben. Die Kirche muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern dienend. Sie muß den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, für andere dazusein." (WEN 415f.)

Nach dem gescheiterten Aufstand vom 20. Juli kommt die Verstrickung Bonhoeffers in den Widerstand ans Tageslicht und die Hoffnung schwindet, vor Kriegsende frei zu kommen.

Einen Tag danach schreibt Bonhoeffer an den Freund einen Brief, in dem er rückblickend sein Leben an sich vorüberziehen läßt und für sich eine Art Quintessenz seines christlichen Lebens zieht:

"Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen - sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann, einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden - und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Umkehr, und so wird man ein Mensch, ein Christ." (WEN 402)

In der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge leben, daß hieß für Bonhoeffer Leben aus dem Glauben. Und zugleich bedeutete das für ihn, sich immer wieder für sinnvolle und nötige Veränderungen einzusetzen, sich nicht mit erreichtem zufrieden zu geben. Mit der Auferstehung kommt eben ein frischer, reinigender Wind in unsere gegenwärtige Welt. Und die gegenwärtige Welt ist immer hier und heute. Da reicht es nicht aus, sich am althergebrachten und noch so bewährtem zu orientieren, sondern es ist erforderlich, stets neu zu überlegen, was vom Glauben her an der Zeit ist.


Liebe Gemeinde,

wir sind nicht Dietrich Bonhoeffer. Er war sicher ein außergewöhnlicher Mensch, mit besonderen Begabungen und besonders begnadet. Aber wenn wir an diesem Ostermorgen von Bonhoeffer lernen, was an Veränderungen und mutigen Entscheidungen im Leben überhaupt möglich ist, wenn wir von der Auferstehung her leben, dann wird es bei uns Ostern. Dann kommen wir in Bewegung, in vielen kleinen Dingen, aber vielleicht auch in manchem großen. Denn wie Bonhoeffer geschrieben hat, von der Auferstehung her leben, daß heißt doch Ostern.


Die Abkürzungen verweisen auf folgende Bücher:

WEN = Dietrich, Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (Neuausgabe), 2. Auflage 1977

Bethge = Eberhard Betghe, Dietrich Bonhoeffer, 5. Auflage 1983