MJ

Da gedacht Gott an Noah...
Predigt über Genesis 8,1-12 am 3. Februar 2002

 

Liebe Gemeinde!

Da gedachte Gott an Noah...
Wochen und Monate schwamm die Arche auf der Flut, die über die Welt hereingebrochen war. Noah hatte sie gebaut, auf Anordnung Gottes. Und dann war das Wasser gekommen. 40 Tage langer Dauerregen. Es war, als hätten sich alle Schleusen des Himmels geöffnet und dazu quoll das Wasser aus allen Ecken und Ende hervor. Alles Leben, so der biblische Text, verschwand unter den Wassermassen. Bis auf Noah und seine Arche. Völlig allein dümpelte das Schiff auf dem endlosen Meer. Scheinbar verlassen. 

Da gedachte Gott an Noah...
Und die Wasser fallen. Und es folgt unser Predigttext.

Liebe Gemeinde, 
ich möchte mich nicht an den Spekulationen beteiligen ob und wie viel historisch an dieser Geschichte dran ist, ob es je eine Arche oder eine weltweite Flut gab. Sicher ist lediglich, dass viele Kulturen und Religionen Sintflutgeschichten erzählen. Also muss etwas dran sein, was die Menschen von je her fasziniert und angesprochen hat. Langweilige und uninteressante Geschichten erzählt keiner, besser: will keiner hören. Ich will daher die Geschichte von Noah etwas anders erzählen.

Da gedachte Gott an Noah...
Menschen kennen Momente, in denen alles über sie hereinzubrechen droht. 
Ich erfahre, dass ich eine schwere Krankheit habe. 
Es klingelt und an der Tür steht ein Polizist und teilt mir mit, dass mein Kind bei einem Unfall ums Leben kam. 
Ich werde zum Chef bestellt und erfahre, dass ich zum nächsten 1. stempeln gehen kann. 
Mein Klassenlehrer erklärt mir, dass ich nicht versetzt werde. 
Usw. usw.

Es gibt solche Momente, in denen mein Leben überschwemmt wird und alles anders aussieht, was gewesen ist, ist weggespült und ich weiß: es wird nie wieder so sein wie früher. Die Sintflutgeschichte beschreibt nun, dass es möglich ist, solche Katastrophen zu überleben und beschreibt den Weg dahin.

Ein langer Weg. Einhundertfünfzig Tage und Nächte passiert zunächst einmal gar nichts. Für Menschen, denen alles unter den Füßen weggebrochen ist, eine schier unendlich lang erscheinender Zeitraum. Ewig das gleiche sehen. Meine Welt reduziert auf das bißchen, das mir geblieben ist. Für Noah die Arche. Für einen trauernden Menschen sein Schmerz und seine Tränen. Für einen schwerkranken Menschen die Gedanken, die sich nur noch um Krankheit drehen. Einhundertfünfzig Tage und Nächte, das ist sehr lange. Für viele zu lange. Die Flucht in Alkohol oder Schlimmeres ist da oft eine Versuchung. Einhundertfünfzig Tage und Nächte. Die Bibel ist manchmal schmerzhaft realistisch.

Aber dann doch, nach langer, langer Zeit erste ganz kleine Zeichen der Hoffnung. Meist so klein, dass sie  leicht übersehen werden. Noahs Arche setzt auf einem Berg auf. Vielleicht zunächst nur ein kleiner Ruck, kaum spürbar. Vielleicht das erste laute Lachen nach dem Verlust eines Menschen. Und ich erschrecke im ersten Moment und frage mich danach: darf ich das überhaupt? Oder zum ersten Mal das Gefühl, du könntest nah langer Krankheit wieder auf die Beine kommen. Obwohl der Zweifel und die Unsicherheit nach so langer Zeit nicht weit sind. Schwere Krisen und Veränderungen zu bewältigen, das dauert eben seine Zeit.

40 Tage lang unternimmt Noah nichts. Er sieht, wie die Wasser fallen, aber noch ist die Zeit nicht reif für weitere Unternehmungen. So ist es auch in menschlichen Krisenzeiten. Vom ersten Gefühl der Hoffnung bis zu ersten hoffnungsvollen neuen Schritten dauert es oft noch viel Zeit.

Aber dann ist es soweit. Noah lässt einen Raben fliegen, der nicht zurückkommt. Dann eine Taube, die zurück kommt, weil sie keinen trockenen Platz gefunden hat. Auch der Trauernde oder allmählich gesundende Mensch versucht eines Tages neue Schritte, probiert Kleinigkeiten, schaut was passiert, wenn ich etwas ganz Neues wage. Vielleicht eine erste Verabredung oder der Besuch einer Party, vielleicht ein erster Spaziergang ohne Stock und Begleitung. Nicht alles wird gefallen oder klappen, der Versuch mit dem Raben bringt Noah auch nicht weiter, wohl aber die Taube.

Und daher probiert er es mit der Taube noch einmal. Und siehe da, bringt erst ein Blatt und ein paar Tage weiter kommt die Taube nicht zurück. Im Leben nach der Trauer, nach der Krankheit, nach der Krise, wird es oft auch so gehen. Was mir gelingt, mir Freude schafft, weitere Hoffnung schafft, das werde ich weiter verfolgen, vertiefen, meinen Radius vergrößern.

Und eines Tages wird es dann soweit sein: ich merke, das alte liegt hinter mir, es ist nicht vergessen, und der Schmerz, die Erinnerung, aber auch Dankbarkeit wird bleiben. Und doch kommt der Moment, in dem ich mich in meinem neuen Leben zuhaue fühle. Oft ein ungewohnter, manchmal auch angsteinflößender Moment. Denn das alte vertraute gibt es nicht mehr, ich lebe nun hier. So wie Noah mit seiner Familie die Arche verlässt und ein neues Leben beginnt, mit allem und jedem ganz neu von vorne anfangen muss.

Liebe Gemeinde,

vielleicht klingt dieser Versuch die Sintflutgeschichte in Beziehung zu vielfältigen menschlichen Krisenzeiten zu setzen, ungewöhnlich in ihren Ohren. Für mich jedenfalls ist dieser Versuch auch eine Antwort darauf, warum diese Geschichte nach wie vor so fasziniert. Und er erklärt auch die Kleinigkeiten unseres Predigttextes auf einfache Art und Weise, wie zum Beispiel die Panne mit dem Raben.

Eins aber fehlt noch. Von Gott war jetzt gar nicht mehr die Rede. Im Predigttext kommt er ja auch nur in dem einleitenden Satz vor: Da gedachte Gott an Noah. Aber das ist mehr als eine Einleitung. Das ist die Überschrift, die über dem ganzen Geschehen steht. Für meine Auslegung heißt das dann doch: Krisen, Katastrophen, mein Leben umwälzende Ereignisse geschehen, können geschehen. Und es mag sein, dass ich mir dann von Gott ganz und gar verlassen vorkomme und vielleicht auch von den Menschen. Aber dieser einleitende Satz hier: da gedachte Gott an Noah, der heißt dann übersetzt: da gedachte Gott an dich und mich oder besser: Gott wird meiner gedenken, in allen Krisen die mich treffen können verlässt er mich nicht. So wie er Noah die Treue hält, so auch mir. Auch wenn mir die Zeit manchmal sehr lang werden kann und ich vor lauter Wasser kein Land mehr sehe.

Amen.