...so Gott will und wir leben... (Jakobus 4,15)
Predigt an Neujahr 2004
Liebe Gemeinde,
was wird das neue Jahr uns bringen?
die Deutschen, zumindest im Westen schauen wieder optimistischer in die Zukunft, las ich gestern in der NRZ. Kaum zu glauben. wenn ich mich so umhöre, kann ich das eigentlich nicht bestätigen. Die Erwartungen der Menschen sind eher verhalten.
Gut, die Wirtschaft sieht Silberstreifen am Horizont. Doch alle sagen sofort: neue Arbeitsplätze wird das nicht geben.
Die Börse war auch sehr zufrieden. Der DAX stand 80% höher als Ende 2002. Na, wunderbar. Gründe: Krieg belebt das Geschäft, das allerdings zeigt der Jahresverlauf glasklar. Tolle Aussichten.
Und sonst? Reformen hie , Reformen da. Gezerre und Gezänk von Januar bis Dezember. Und das geht so weiter. Schließlich stehen sage und schreibe 14 Wahlen an in diesem Jahr. Harte Zeiten für Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer. Und für die Nerven die Wählerinnen und Wähler.
Der ganze große Rest stimmt auch nicht sehr fröhlich. Wetterkapriolen, Terrorismus.
Und dennoch: es hat schon etwas Magisches an sich, so ein neues Jahr. Wir schlagen einen neuen Kalender auf und die Seiten sind noch weiß. Natürlich stehen schon ein paar Sachen drin, aber die liegen noch in der Zukunft. Der alte ist abgegriffen und voll. Da verbinden sich mit den Eintragungen Erinnerungen und Erfahrungen. Aber der neue, der ist noch weiß und unschuldig. Wie Neuschnee über der Landschaft.
Was ist anders seit gestern? Realistisch gesehen nichts. Aber wir Menschen brauchen solche Einschnitte in unseren Zeitabläufen, Ruhepunkt, Wendepunkte. Ein Jahreswechsel lädt zur Bilanz ein und zum blick nach vorn. Vorsätze, Wünsche, Hoffnungen verbinden sich mit dem neuen Jahr, mit Neujahr. In ein paar Tagen wird aus dem Neuschnee eine braune, matschige Brühe. Der Alltag hat uns wieder, da brauchen wir keine Propheten zu sein.
Und dennoch: wir brauchen diese Tage. Neu-Jahr. Wir brauchen Unterbrechungen des gewohnten Rhythmus.
Gott hat uns dies vorgegeben. 6 Tage arbeiten, einen Tag ruhen. Er selbst hat für diesen Rhythmus gesorgt, wir haben uns das nicht ausgesucht.
Und so tun wir gut daran, seinem Rhythmus zu folgen und auch diese besonderen Tage zu achten. Darauf zu achten, dass seine Botschaft gerade dann laut wird, wenn wir sie wegen der feiertäglichen Pause unseres Alltages vielleicht leichter hören.
Der Predigttext für den heutigen Neujahrstag gibt uns jedenfalls eine klare Linie für das nächste Jahr vor:
- Jakobus 4,13-15 -
Zwei Gedanken dazu.
Gott erinnert uns daran, wer wir sind. Ein Rauch seid ihr, der kurze Zeit bleibt und dann verschwindet. Wir vergessen diese Perspektive in den vielen grauen belastenden Alltäglichkeiten schnell. Unser Leben währt siebzig Jahre und wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre, heißt es im Psalm 90. Das ist eine lange Zeit. Und dennoch, in den Augen Gottes oder auch nur allein aus der weltgeschichtlichen Perspektive ist das eine Winzigkeit. Wir nehmen uns so schnell so wichtig und übersehen leicht die Realitäten.
Und damit komme ich zum Zweiten. "Warnung vor Selbstsicherheit" lautet die Überschrift über die Jakobusverse in der Lutherbibel. Und das ist sicher richtig. Angesichts unserer Lage würde ich allerdings sagen, dass es - wenn ich mal vom ersten Vers absehe - auch eine Warnung vor zuviel Pessimismus ist. Hinter diesem Bibelwort steht ja die Zusage Gottes, der jeden von uns kleinen Menschen ins Leben gerufen hat, begleitet und am Ende in Ehren wieder aufnehmen will und wird. Das ist die große Perspektive Gottes, die über unserem Leben steht und damit auch über jedem neuen Jahr. Wo das vergessen wird, verfallen die einen in Selbstsicherheit und verplanen ihr Leben bis zum Geht-nicht-mehr ("Erst mal einen Beruf, dann gute Stelle, Urlaub und so weiter. Dann heiraten, Kinder kriegen, Haus. Und dann im Ruhestand viel reisen und es uns gut gehen lassen") und die anderen zagen und zaudern bis zum Geht-nicht-mehr ("Was soll ich Pläne machen, ich weiß doch eh nicht was kommt, und es wird alles noch schlimmer, da packe ich doch lieber alles auf mein Sparbuch, falls alles noch weiter abwärts geht"). Wobei ich jetzt natürlich das etwas karikiert habe.
Gott will, dass wir so denken: Ihr sollt sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun. Das ist die Perspektive. Für jedes neue Jahr, für jede neue Woche, für jeden neuen Tag. Gott hält uns am Leben, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Und in seiner Hand, auf immer und ewig. Von daher ist es erlaubt, ja nötig, Pläne zu machen. Denn Pläne sind Ausdruck von Hoffnung. Pläne machen deutlich, dass ich noch etwas vom Leben erwarte. Und genau das ist der Wille Gottes: wir sollen etwas vom Leben erwarten. Wir werden nicht alles bekommen, mancher Plan wird wie eine Seifenblase platzen oder Schnee in der Sonne dahin schmelzen. Aber Pläne machen, das sollen wir, weil Gott will, dass wir etwas vom Leben erwarten. Pläne machen, das sollen wir, immer unter dem großen Vorzeichen vor der Klammer: ...so Gott will und wir leben...
Amen.
