Was heißt es eigentlich, Mitarbeitender einer Kirchengemeinde zu sein?
Predigt am Mitarbeitenden-Sonntag 2009
Liebe Gemeinde,
seit Jahren laden wir die haupt-, neben- und erhenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Januar zum Mitarbeitenden-Sonntag ein. Also Sie. In den Predigten ging es schon um alles mögliche, ja, auch schon Politiker standen hier oben auf der Kanzel an diesen Tagen. Mir ist bei der Vorbereitung allerdings aufgefallen, dass wir über eines noch nie nachgedacht haben. Nämlich über die Frage: Was heißt das eigentlich, Mitarbeitende in einer Kirchengemeinde zu sein?
Das erste was mir einfiel war eine sprachliche Beobachtung. Ich arbeite in der Kirchengemeinde mit, das sagen wir hier in der Kirche. Im Sportverein oder im Schützendverein oder auch in der Politik würden viele eher sagen: ich bin da aktiv, ich engagiere mich da. Mir ist aber nicht so recht klar, ob da mehr als nur sprachliche Traditionen dahinter stecken.
Nach dieser Vorüberlegung aber wieder zurück zu der Frage: Was heißt das, Mitarbeitende in einer Kirchengemeinde zu sein? Vier ganz unterschiedliche Antowrten sind mir eingefallen, die untereinander zum Teil schon zusammenhängen.
Mitarbeitende in der Kirchengemeinde könnte heißen:
1.) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pfarrer zu sein oder
2.) Miteinander Arbeitende zu sein oder
3.) Mit an der Kirche oder zumindest der Kirchengemeinde zu arbeiten oder gar
4.) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes zu sein.
Diese vier Antwortmöglichkeiten möchte ich jetzt mit Ihnen ein wenig durchgehen.
Also 1. Mitarbeitende in der Kirchengemeinde sind vor allem Mitarbeiter der Pfarrer.
Nun, ich weiß nicht, was Sie so spontan von dieser Antwort halten... Sicher haben Pfarrerinnen und Pfarrer in einer Kirchengemeinde viel zu sagen. Ohne sie geht wenig. Obwohl, das ist zu ungenau. Sagen wir besser mit etwas Augenzwinkern: Gegen sie geht wenig. Und dies hängt - ob es uns gefällt oder nicht - zunächst einmal mit der besonderen Stellung des Pfarramtes seit der Reformation Martin Luthers und seiner Mitstreiter zusammen. Das hängt mit der Hochachtung des Predigtamtes in der evangelischen Kirche zusammen. Streng genommen, so ganz juristisch, sind Pfarrerinnen und Pfarrer auch gar keine Mitarbeiter der Kirchegemeinde - sondern eben Pfarrer. Wir können uns nicht aussuchen, ob wir im Presbyterium mit - arbeiten wollen, wir sind geborene Mitglieder, ob es uns gefällt oder nicht. Einer von uns muss auch den Vorsitz oder den stellvertrtetenden Vorsitz im Presbyterium übernehmen - ob wir wollen oder nicht. Also, Pfarrerinnen und Pfarrer sind für die Kirchengemeinde unverzichtbar. Aber, ganz gleich, ob wir den Satz augenzwinkernd oder streng juristisch verstehen - Sie als Mitarbeitende in der Kirchengemeinde sind keineswegs nur die Mitarbeitenden der Pfarrer. Wo kämen wir denn dahin, schließlich hat sich Martin Luther auch sehr für das allgemeine Priestertum aller Gläubigen eingesetzt. Also, Antwortmöglichkeit 1 schieben wir mal schnell zur Seite...
Eher schon könnte ich mir vorstellen, dass Sie bei Antwort 2. mit dem Kopf nicken. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer Kirchengemeinde sind miteinander Arbeitende. Sie engangieren sich gemeinsam, und das macht Ihnen Spaß, hoffe ich zumindest. Manche arbeiten auch "richtig", weil sie sich in Kindergärten oder als Küster ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich finde es aber eigentlich ganz schön, dass in der Kirche das große Wort "Arbeit" mal nicht nur für die berufliche Arbeit verwendet wird, sondern für alle Tätigkeit. Diese tief sitzende Spaltung, als richtige Arbeit nur das zu verstehen, wofür andere bereit sind zu bezahlen, ist ein riesengroßer Schaden, der sich durch unsere Gesellschaft zieht. Aber das wäre eine andere Predigt.
Bei dem Miteinander-arbeiten wird spätestens deutlich, dass wir unterschiedliche Fähigkeiten und Möglichkeiten haben und das wir einander brauchen. Der eine kann dies und die andere das (und, nur in Klammern und mit leichten Spott gesagt: nur die Pfarrer können alles... Oder sollten alles können... Oder meinen zumindest, sie könnten alles...). Wie dem auch sei, wir tragen unsere Arbeit zusammen und der eine macht eine Jugendgruppe, der andere singt im Chor, der dritte zählt die Kirchensteuern im Presbyterium, die vierte trägt die Gemeindebriefe aus. Und doch wenn manche Arbeit auch schon mal einsam am Schreibtisch oder auf der Strasse geschieht, arbeiten wir doch gemeinsam. In den Gruppen und Kreisen ist das ja eh klar.
Damit bin ich auf leisen Sohlen schon zur Antwort 3. übergangen: wir arbeiten alle mit an der Kirchengemeinde. Da will ich auch nur zwei kleine Dinge hinweisen. Hannah Arendt hat einmal gesagt jede menschliche Tätigkeit ist wie Weben eines Fadens in ein Gewebe, was schon vorher da war. Keine menschliche Arbeit fängt bei Null an, auch nicht in der Kirchengemeinde. Mir sagt dieses Bild von Hannah Arendt: auf der einen Seite achtsam bei aller Arbeit mit den Traditionen der Gemeinde umzugehen, Gemeinde nicht zu zerstören, aber zum anderen auch bereit zu sein, neue Fäden einzuwirken und dabei auch durchaus neue Farben und Muster entstehen zu lassen. Zum anderen wird spätestens hier deutlich, dass es noch viel mehr Mitarbeitende als "nur" die haupt-, neben- und ehrenamtlich Tätigen gibt. Bei denen steckt das kleine Wörtchen "Amt" drinne, was für uns Deutsche ja ein seeehr wichtiges Wort ist. Gemeint ist: Sie alle haben eine bestimmte Aufgabe verantwortlich für eine längere Zeit übernommen. Aber in der Gemeinde gibt's noch viel, viel mehr Fäden, die gewebt werden. Da wird Geschirr gespült nach dem Kirchenkaffee, da werden Requisiten für das Krippenspiel organisiert, da wird beim Gemeinde der Grillstand aufgebaut usw. usw. usw. Und all das zusammen ergibt das bunte, abwechslungsreiche und mit nichts anderem vergleichbare Bild unserer Kirchengemeinde, oder wenn man den Gedanken von Hannah Arendt noch einmal weiter spinnt, all die Fäden, die Sie und wir und viele andere in den Stoff dieser Gemeinde hineinweben ergeben, sagen wir, das unvergleichbare und einzigartige Stoffmuster der Evangelischen Kirchengemeinde Götterswickerhamm.
Tja, bleibt die letzte und 4. Antwortmöglichkeit: wir sind Mitarbeiter Gottes. Und das sind wir zweifelsohne, liebe Gemeinde!! Wir alle tragen dazu bei, dass die gute Botschaft von Gottes Liebe und Nähe weitergetragen wird. Bei aller Hochschätzung des Predigtamtes: Manch eine oder einer von Ihnen erreicht mit dem Austragen des Gemeindebriefes in einer Woche mehr Gemeindeglieder als ich am Sonntag im Gottesdienst. Alle unsere Tätigkeit, egal wie wir sie bewusst oder unbewusst auch werten, und vom bewerten und miteinander vergleichen werden wir in diesem Leben leider nicht frei, aber ganz gleich, jede Tätigkeit trägt dazu bei, dass Gottes Evangelium weiter verbreitet und weiter gegeben wird. Und ich möchte das mal etwas provozierend formulieren, weil in unserer Kirche leider die Demut und das Klein-Machen unser Fähigkeiten groß geschrieben wird (weil wir ja alle Sünder sind - sind wir ja auch, aber auch Begnadigte, und daher): Sie können mit Recht stolz auf das sein, was Sie in und für unsere Kirchengemeinde tun und ich glaube auch, dass der Gott, der uns beauftragt hat, sich sehr freut über jede Arbeit, jede Tätigkeit, jedes Engagement, jeden neuen Faden - heißt es doch auch für ihn, dass seine Sache ankommt bei Menschen und weitergegeben wird.
Damit bin ich auch schon am Ende dieser Predigt. Vielleicht haben Sie einen Predigttext vermisst. Der kommt jetzt, zum Abschluss. Und ich könnte mir vorstellen, für den einen oder anderen ist der Text jetzt auch keine Überraschung mehr. Ich lese aus dem 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth die Verse 12-27:
12 Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. 13 Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.
14 Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. 15 Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein? 16 Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein? 17 Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? 18 Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. 19 Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? 20 Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.
21 Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. 22 Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; 23 und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; 24 denn die anständigen brauchen's nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, 25 damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. 26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.
27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.
