MJ

Gleichnis von der selbstwachsenden Saat - Markus 4, 26-29
Predigt in der Passionszeit 2005

 

Liebe Gemeinde,

wir stehen am Beginn der Passionszeit. Der Predigttext, den ich vor heute ausgewählt habe, ist kein klassischer Text für die Passionszeit. Nach der Ordnung unserer Kirche war er vor einigen Wochen bereits "dran". Aber ich hörte vor einigen Tagen über diesen Text eine Andacht und dachte dann, eigentlich passt er doch gut in die Passionszeit. Denn wegen solcher Gleichnisse wurde Jesus so angefeindet und schließlich umgebracht.

- Textverlesung - 

Die Schärfe der Provokation ist auch heute noch spürbar. Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Mann, der seine Saat aufs Feld bringt, dann nach Hause geht - und nichts mehr tut. Die Erde allein bringt die Frucht hervor, der Same wächst von selbst - "automatisch" steht im Text - und weiß selbst nicht, wie das vor sich geht.

Nun klingt das für unsere evangelisch geschulten Ohren zunächst vielleicht gar nicht so provozierend. Haben wir Älteren zumindest nicht mal gelernt, aus Gnade allein rettet Gott, der Glaube ist ein Geschenk, zu dem wir nichts beitragen können? Das müßte doch eigentlich unser Gleichnis sein, das Reich Gottes wächst von selbst, wir können gar nichts dazu tun, brauchen nur die Hände in den Schoß zu legen und den Glauben wachsen zu lassen... 

Da wird es uns dann aber schon ein wenig mulmig. Gar nichts tun? Gar nichts tun können? Gar nichts tun müssen? Da würde sich doch dann die Frage stellen, warum wir mit so viel Aufwand gerade auch in der Kirche ackern und rackern, Veranstaltungen planen, möglichst kreative Gottesdienste vorbereiten und halten, den Konfirmandenunterricht so attraktiv als möglich gestalten, einen tollen Auftritt der Gemeinde im Gemeindebrief anstreben und neuerdings auch im Internet... Ist das denn wirklich alles nötig, folgen wir dem Gleichnis? Und wenn schon nicht nötig, vielleicht nicht einmal sinnvoll, sondern vollkommen überflüssig?! Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Mann, der seinen Saat aufs Feld bringt, nach Hause geht und schläft, und die Saat wächst automatisch, weiß selbst nicht wie das geht, aber sie bringt Frucht zur Zeit der Ernte. Mhm...

Ähnlich werden die frommen Juden zur Zeit Jesu gedacht haben. Alle Anstrengungen, die Gebote zu halten, ein gottgefälliges, gutes Leben zu führen, völlig sinnlos? Der ganze riesengroße Aufwand mit Tempel und Priestern, der auch ein riesiger Wirtschaftsfaktor in Jerusalem darstellte und Tausenden Arbeit und Brot gab, ganz und gar überflüssig? Das Reich Gottes macht, was es will?! Das kann doch nicht sein!

Aber genau fängt es an, interessant zu werden. Darauf zielt das Gleichnis Jesu: wer sind denn wir Menschen, das wir meinen, wie das Reich Gottes am besten zu wachsen hätte? Wer sind wir, dass wir Gott vorschreiben wollen, wie sein Evangelium am ehesten unter die Menschen gebracht werden kann? Wer sind wir denn, dass wir meinen, an den Grenzen unserer Religion hört das Wirken Gottes einfach auf?

Natürlich werden Sie jetzt sagen: das sagt doch keiner! Richtig, das sagt so keiner. Aber ich glaube, wir sind heute in unserem kirchlichen Alltag manchmal schon ziemlich betriebsblind, dass wir gar nicht merken, dass wir uns an vielen Stellen unbewußt so verhalten! Und genau das gleiche galt auch für viele Juden zur Zeit Jesu. Eingefangen im religiösem Alltagstrott merken Menschen oft nicht, dass sie eigentlich die Maßstäbe für richtig und falsch, gut und böse festlegen - und nicht mehr Gott selbst. Das gilt insbesondere auch und gerade für diejenigen, die meinen sich auszukennen, weil sie das mal gelernt haben, Theologinnen und Theologen. 

Und genau darauf zielt die Provokation Jesu. Der Mann im Gleichnis ist Gott selbst, der seinen Samen, sein Wort sät in die Herzen der Menschen. Und dann geschieht das, was auch in der Lesung aus dem Jesajabuch (55, 8-11) beschrieben wird: das Wort Gottes lässt sich einfach nicht vorschreiben, wann und wo es wächst und gedeiht. Natürlich spricht manches dafür, dass es insbesondere und vor allem dort geschieht, wo Menschen sich an diesem Wort orientieren. Daran ist ja nichts falsches! An vielen anderen Stellen ruft Jesus ausdrücklich zur Nachfolge auf! Aber: er warnt zugleich davor, das Reich Gottes einfach mit der Kirche (oder damals mit jüdischem Kultus) in eins zu setzen. Das Reich Gottes kann auch außerhalb der Kirche vorhanden sein und es kann Ecken in der Kirche geben, die nichts mit dem Reich Gottes zu tun haben. Von außen zu sehen ist aber weder das eine noch das andere. Und das ist das Ärgerliche, vor allem für Menschen, die dafür bezahlt werden, anderen das Wort Gottes weiter zu geben, Priester damals, Pfarrerinnen und Pfarrer heute.

Aber dieses Gleichnis hat so auch etwas Entlastendes. Und damit kommen wir dann doch wieder zu Martin Luther und seinem Gedanken: aus Gnade allein. Gott allein rettet durch sein Wort, nicht wir Menschen. Dieser Gedanke könnte uns helfen, in diesen schwierigen Zeiten, in denen sich unsere Kirche in Deutschland derzeit befindet, etwas entspannter und gelassener mit den notwendigen Dingen zu beschäftigen. Natürlich: Kindergärten aufgeben, Küster entlassen, Gemeindehäuser und Kirchen schließen, Pfarrstellen abbauen, das ist alles nicht schön und tut sehr weh. Denjenigen, die es trifft und denjenigen, die diese Entscheidungen treffen müssen. Aber: das Reich Gottes geht davon nicht unter! Gottes Wort wirkt eh wo es will und nicht dort wo wir es gerne möchten. Und wenn es in zehn Jahren Hunderte von Kirchen in Deutschland weniger gibt - Gottes Wort findet seinen Weg zu den Herzen der Menschen, diese Verheißung steht fest.

Nun taufen wir heute ein Kind. Und vieles, was ich im Blick auf die Kirche gesagt habe, lässt sich auch auf die Erziehung eines Kindes übertragen. Sie haben dieses Kind bekommen, sei möchten es gerne begleiten, sie bitten Gott um seinen Schutz und seinen Segen, sagen heute: Ja, mit Gottes Hilfe und das heißt: wir wissen, dass nicht alles in unserer Hand liegt, was aus unserem Kind wird. Und wir wollen es gerne wachsen lassen. Aber: im alltäglich familiären Erleben schleicht sich dann doch ganz oft der Gedanke ein, zu wissen, was gut für mein Kind ist, vielleicht sogar es besser zu wissen als es gut ist - insbesondere, wenn die "Kleinen" denn mal größer werden. Auch hier ist es dann gut, einen Schritt zurück zu treten und sich klar zu machen, was das heißt ich will mein Kind erziehen und begleiten - mit Gottes Hilfe! Und das heißt gewendet von diesem Gleichnis her: auch Sie legen einen Samen in das Herz Ihres Kindes und in gewisser Weise können Sie sich dann auch zurücklegen und darauf warten und hoffen, dass das aufgeht was Sie gesät haben, auch vielleicht den Glauben wachsen sehen zu können, den Sie Ihrem Kind nahebringen. Natürlich haben Sie Verantwortung für Ihr Kind, es geht ja nicht darum, alles zu erlauben und gar nichts zu tun. Aber es kann nicht darum gehen, alle Wege vorzuschreiben. Das Maß zu finden zwischen Verantwortung wahrnehmen und abwarten können, zwischen anpacken und die Hände still halten, das ist die Kunst der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Ich wünsche Ihnen dabei eine gute Hand und das rechte Vertrauen zu Gott, zu wissen, wann Sie einschreiten müssen und wann sie gewähren lassen sollten.

 

Amen.