MJ

Der Gelähmte, die Helfer, die Geheilte
Predigt über Markus 2,1-12

 

Der Gelähmte

Er konnte sich nicht entscheiden.

Da war das Superangebot.
In München.
Mit hohem Risiko verbunden, aber der Traumjob. Tolle Bezahlung, aber auf Dauer nur, wenn er sich durchsetzen würde.

Dazu müsste er alles aufgeben, alles auf eine Karte setzen.
Sollte er das machen?

Oder doch besser den sicheren Job in Dinslaken behalten?
Mit weniger Bezahlung, aber auf Dauer sicher.
Und die Freunde, die könnte er behalten.
Ob er in München neue finden würde?
Oder vielleicht auch eine Freundin, eine Partnerin?
Was war jetzt richtig, was falsch?

Er konnte sich nicht entscheiden, er konnte es einfach nicht.

Wenn er doch voraussehen könnte in die Zukunft, wissen, ob er es in München schaffen würde... Und neue Freunde finden würde...

Aber er wusste es nicht.
Natürlich nicht.
Und diese Unsicherheit, diese Offenheit, dieser Zwang, sich entscheiden zu müssen, dies lähmte ihn.
Er wusste einfach nicht, was er machen sollte. Zog sich zurück.

Traf er Bekannte, nervte er sie mit endlosen Monologen über das für uns wider. Gab es ein echtes Gespräch, sagte der eine dies und die andere das. Das half ihm auch nicht weiter.

War er allein, verlor er sich in Selbstgesprächen, war voller Selbstzweifel, fing immer wieder vorne an, ohne je zum Ziel zu kommen.

Er spürte es, sein Leben verarmte, drehte sich nur noch um diesen einen Punkt.
Nichts machte ihm mehr Spaß, er fühlte sich gelähmt und fand einfach keinen Ausweg...

 

Die Helfer

Er hatte diesen Fehler gemacht.

Einen Fehler.
Einen einzigen.
Aber nicht irgendeinen.
Sondern einen riesengroßen.

Seiner Firma entstand ein furchtbarer Schaden. Sein Chef hatte keine Wahl. Er war nicht mehr tragbar, wurde fristlos entlassen. All das in wenigen Stunden.

Von einem Moment auf den anderen wurde sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Er fühlte sich, als sei der Himmel eingestürzt. Ein Selbstvorwurf jagte den anderen. Er wünschte, er könne es wieder gut machen. Oder gar die Uhr zurückdrehen und den Fehler vermeiden. Sein Leben schien sich nur noch auf diesen einen Punkt zu reduzieren.

Er fühlte sich gelähmt.
Alles andere war völlig unwichtig, nebensächlich, belanglos.
Nur noch seine Schuld, sein Fehler, sein Vergehen zählte.
Er hörte pausenlos nur noch diesen einen Satz:
Du bist schuldig! Schuldig! Schuldig!

Wir hielten zu ihm.
Seine Frau.
Seine Kinder.
Einige Nachbarn, die Freunde.
Nicht alle, aber viele.

Wir redeten wenig.
Verhielten uns normal.
So wie immer.
Wir versuchten es zumindest, es gelang uns nicht immer. Wir wollten ihm das Gefühl geben, ein Mensch und kein Versager zu sein. Wir nahmen im manches ab, im Hintergrund.

Er merkte es wohl, sagte aber nichts. Er war uns dafür dankbar, konnte das aber nicht äußern.

Wir ließen ihm seine Gefühle und Gedanken.
Ließen sie stehen.
Ertrugen sie und trugen sie so mit.
Wir hörten auch zu, wenn er sich in Selbstzweifeln, Selbstvorwürfen erging.
Es war nicht leicht für uns.

Manchmal konnten wir nicht mehr.
Dann mussten wir uns zurückziehen für eine Weile. Wir sagten ihm das auch, du, jetzt wird es mir zuviel.
Und wir widersprachen ihm auch, da, wo er maßlos überzog in seinem Selbsthass.

Wir gaben die Hoffnung nicht auf, dass er sein Leben wieder in Griff bekommen würde. Wir nahmen ihn als Mensch ernst, nach wie vor, wir sahen seine Person, seine Fähigkeiten, seine Leistungen. Nicht nur diesen einen Fehler.
Er konnte das damals nicht sehen. Wir taten es stellvertretend für ihn und wir sagten es ihm. Immer wieder. Wir versuchten, ihm Mut zu zusprechen. Wir taten, was wir konnten.

Später, als er diese Zeit überstanden und auch neue Arbeit gefunden hatte, da   sagte er einmal zu uns:
Euer Verhalten war wie ein Gebet. Ein Gebet für mich. Stellvertretend für mich. Ich selbst konnte nicht mehr beten, hatte allen Kontakt zu mir, zur Wirklichkeit und zu Gott verloren. Aber euer Glaube, eure Hoffnung, das waren Gebete. Gebete nicht mit Worten, sondern mit Gefühlen und Taten. Gebete, die mich trugen.

 

Die Geheilte

Dein Leben war hart gewesen.
Schon früh hatten sich deine Eltern getrennt. Nicht friedlich, sondern mit furchtbarem Streit. Am heftigsten hatten sie um dich, die Tochter gestritten.

Du hattest damals, als kleines Kind, nichts verstanden.
Du konntest dir das alles nicht erklären.
Warst verwirrt.
Verunsichert.
Resigniertest.
Unbewusst, nicht bewusst.
Anders geht das nicht als Kind mit vier Jahren.
Aber schlecht hattest du dich gefühlt.
Nicht nur mit vier, sondern auch mit sechs, mit zehn.
Als Kind kannst du das nicht begreifen.
Du fühlst einfach nur.
Und reagierst mit Gefühlen.
Oder besser:
Dein Körper reagiert für dich.
Unbewusst.
Du wurdest dick.
Fraßest dir einen Schutzpanzer an.
Vor dir selbst und vor den anderen.
Hattest keine Freundinnen und schon gar keine Freunde.
Du wurdest unbeweglich.
Deine Gefühle waren dumpf, das Leben schien schwer und grau und eintönig.
Du trautest dir nichts zu, durchliefst irgendwie die Schule, lerntest irgendeinen Beruf, eine Beziehung zu einem Mann war nie ein Thema - wer interessiert sich schon für dich?!

Irgendwann, Mitte zwanzig, fandest du dann irgendwie den Weg in die Therapie.
Das war ein Neubeginn.
Du konntest deine Geschichte aufarbeiten.
Nach und nach.
Du begreifst.
Vor allem dies:
Du hattest dir selbst die Schuld gegeben für die Trennung deiner Eltern.

Als erwachsene Frau sagtst du natürlich, was für ein Blödsinn.

Aber als Kind, da kannst du nicht reden und denken, da fühlst du nur fühlen. Und da kannst du dir die furchtbare Trennung deiner Eltern nur so erklären, dass du sagst: Ich bin schuld....
Sie trennen sich wegen mir, weil ich da bin.
Sie streiten nicht um mich, sie streiten wegen mir.
Eigentlich verrückt. Doch du warst ein Kind...!

Heute, zwanzig Jahre später, begreifst du endlich, mit der Hilfe einer anderen.
Horizonte öffnen sich.
Du verstehst...

Und dann, eines Tages, erzählt dir die Therapeutin die Geschichte von der Heilung des Gelähmten durch Jesus.
Eine Geschichte aus der Bibel, aus dem Markusevangelium.
Sie sagt:
Hör doch, sieh doch, das ist deine Geschichte, das bist du.

Erst denkst du, was soll das...

Doch dann fällt es dir wie Schuppen von den Augen.
Du bist die Gelähmte.
Und du hörst dieses Wort Jesu, als sei es nur zu dir gesprochen:
Steh auf, nimm dein Bett und geh!
Und du hast mit einem Mal das Gefühl, angekommen, am Ziel zu sein.

Aber du hörst auch:
Dir sind deine Sünden vergeben.
Und du fragst:
Wie, ich habe doch gar keine Schuld, ich habe doch gar nichts gemacht!
Und sie erklärt:
Sünde vergeben, das heißt wörtlich eigentlich - das Vergangene zudecken.
Das, was dich belastet hat, brauchst du nicht mehr zu tragen, du kannst es abwerfen, hinter dir lassen, zudecken.

Das ist ein Freispruch, ein vollständiger Freispruch.
Da wird nicht gefragt, was du getan hast.
Da wird nicht gefragt, ob du was getan hast.

Freispruch! Einfach nur Freispruch....

Das Leben wird plötzlich leicht.
Nein, eigentlich nicht plötzlich, sondern nach und nach. Aber doch ausgelöst von dieser Geschichte, von diesem Freispruch.

Es wird leichter, dein Leben.
Buchstäblich.
Die Last, die du getragen hast, die dich lahm gemacht hat, sie fällt ab.
Nach und nach.
Dein Leben bekommt Farbe, wird vielschichtig.
Du nimmst ab.
Entdeckst Fähigkeiten an dir.
Lachen.
Fotographie.
Tanzen.
Ja, Musik, vor allem Musik! Und Sport.
Du hast den Drang, dich zu bewegen, dich auszudrücken , dich auszuleben.

Nicht alle verstehen dich.
Wenden sich ab.
Das tut weh. Aber waren das wirklich Freundinnen und Freunde?
Andere halten zu dir. Die Beziehungen zu ihnen wird enger als früher.

Du hast zwar die große Liebe noch nicht gefunden, aber du kommst plötzlich mit Männern klar. Du flirtest mit ihnen und es macht dir Spaß. Das Leben pulsiert.

Und Religion bekommt einen Sinn.
Du entdeckst Gott als Grundlage deines, oder besser: des Lebens. Du liest weitere Geschichten von Jesus, staunst über seine Menschenkenntnis, freust dich über seine - und Gottes! - Menschenfreundlichkeit. Du bist dankbar. Für die neuen Wege, für den Freispruch, für den Anfang deines wirklichen Lebens, für das Gefühl, getragen zu sein durch diesen Gott..

All das gipfelt im Urlaub in dieser Bergbesteigung.
Früher hättest du so was nie gemacht, dir auch nicht zugetraut.
Körperliche Anstrengung, nein danke.
Doch diesmal muss es sein, du spürst es.
Du willst es.
Und du schaffst es.
Du kommst oben an.
Was für eine Aussicht.
Ein unbeschreibliches Gefühl.
Ich, ich!, bin hier oben. Ich habe es geschafft. Ganz oben, so hoch, so leicht, so groß - und doch so klein.
Ich habe das Gefühl, endlich angekommen zu sein.
Etwas geleistet zu haben, meinen Platz gefunden zu haben in dieser Welt, aber doch zugleich eingeordnet zu sein in den großen Rahmen dieser Welt.
Und hier oben fühle ich mich Gott so nah, dieser Schöpfermacht, diese so freundlichen Schöpfermacht..
Fühle mich so heil, so beweglich, so leicht, so frei.

Amen.

 

Nachbemerkung:
Diese Predigt basiert auf der tiefenpsychologischen Auslegung Eugen Drewermanns (Das Markus-Evangelium Erster Teil, S. 223-236).
Drewermann geht davon aus, daß es sich bei dieser Symptomatik um eine hysterische Lähmung handelt. Diese hat entweder ihren Ursprung in einer tiefen Angst vor möglicher Schuld in der Zukunft oder in einer tiefen Resignation infolge bereits begangener Fehler in der Vergangenheit. Als Variante der zweiten Ursache halte ich es für möglich, dass solche eine Symptomatik auch auftreten kann aufgrund "eingebildeter" Schuld, insbesondere im Kleinkindalter.
Daraus habe ich drei Lebensgeschichten erdacht, hinter denen zwar keine konkreten Menschen stehen, die sich aber dennoch Tag für Tag unter uns ereignen.