Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
Predigt am Ewigkeitssonntag 2007 über Markus 13,24-37
Liebe Gemeinde,
dieser Predigttext gehört zu den sogenannten apokalyptischen Texten der Bibel. An vielen Stellen im Alten und Neuen Testament wird beschrieben, auf welch schreckliche Art und Weise die Welt eines Tages zugrunde gehen wird. Alles wird sich auflösen und eine schier unglaubliche Katastrophe wird das Leben und diese Welt zerstören. Und zugleich gibt es Hinweise, wie sich die Gläubigen in dieser Zeit verhalten sollen.
Dabei gehen die Menschen zur Zeit der Bibel davon aus, das die Geschichte sich auf einem von Gott gelenkten Weg bewegt. Durchaus kann auch der Teufel seine Finger im Spiel haben, dann spielt sich hinter den sichtbaren Kulissen unser Welt ein unsichtbares Drama, ein Kampf Gut gegen Böse ab. Vordergründig sieht es so aus, lenken Menschen die Geschicke dieser Welt, hintergründig aber sind gerade die Herrscher der Welt nur Marionetten in einer Auseinandersetzung zwischen Gott und den Mächten des Bösen. Siegen wird am Ende Gott, das Gute, aber vorher kann und wird es furchtbar schlimm werden. Und wer dann durchhält, der erhält die Belohnung. Entstanden sind diese Texte in Zeiten, in der die Gemeinde, zunächst die jüdische, später die christliche sich in der Verfolgung befand und um ihr Überleben bangen musste. Es waren Texte des Trostes und der Mahnung zum Durchhalten. Das muss so sein, dahinter steht ein göttlicher Plan, die Verfolgung ist nicht das letzte Wort, der Siegeskranz winkt euch, wenn ihr Gott die Treue haltet...
Uns heutigen ist diese Sicht der Welt fremd. Wir gehen nicht mehr davon aus, dass hinter den Kulissen unserer Welt ein Schauspiel Gott gegen Teufel stattfindet und wir Menschen nur Marionetten sind. Wir erkennen in den Katastrophen, die uns heimsuchen, vor allem und immer mehr menschliches Handeln und Versagen. Zwar gibt es auch heute noch Naturkatastrophen und nicht nur Krieg und Terror, die Leid über Menschen bringen, aber es wird immer schwieriger zu erkennen, ob nicht hinter Überflutungen und Stürme letztendlich auch menschliches Handeln und Versagen steckt.
Aber an einen göttlichen Plan, der hinter auch diesen Katastrophen steckt und der alles immer schlimmer werden lässt, um am Ende in einem Weltuntergang alles zu zerstören und nur die Schar der Gläubigen rettet, daran glaubt heute kaum noch einer. Und so sind uns diese apokalyptischen Texte zunächst sehr fremd.
Allerdings die Gefühle, die mit diesen Weltuntergangsszenarien verbunden sind, die sind uns keineswegs fremd. Kommen Katastrophen über uns, dann stellt sich das Gefühl von Ausgeliefert-Sein, von Erschrecken und Angst vor der Zukunft ein. Zuletzt z. B. bei hier vielleicht im Zusammenhang mit dem Wintersturm Kyrill im Januar diesen Jahres. Viele andere Katastrophen spielen sich für uns glücklicherweise nur auf den Bildschirmen ab, wenn New Orleans untergeht oder Bangladesh überflutet wird. Es gibt allerdings ein Ereignis der jüngeren Geschichte, welches apokalyptische Gefühle weltweit hervorgerufen hat: die Anschläge des 11. Septembers 2001. ein vorher unvorstellbares Ereignis, das gerade deshalb umso mehr die Menschheit in Angst und Schrecken versetzt hat. da stürzten nicht nur zwei Türme in sich zusammen, da ging eine Welt unter, eine bis dahin geltende Weltordnung löste sich auf. Keine politische Weltordnung, sondern eine gefühlte. Die da in etwa lautete: Amerika ist die Schutzmacht für Freiheit und Sicherheit und ist dabei selbst unangreifbar. Der Anschlag auf das World-Trade-Center hat diese Sicht der Welt pulverisiert. Und in den Gedenkgottesdiensten und Friedensgebeten im September 2001 wurden auch immer wieder apokalyptische Texte gelesen und herangezogen, um Worte für das Unbeschreibliche zu finden. Es herrschte Weltuntergangsstimmung. Denn: wenn es dort mitten im Herzen von Amerika geschehen kann, dann überall, lautete die erschreckende Erkenntnis. Und sie wurde schnell verbunden wurde mit dem Aufruf, wachsam zu sein. Da war die Menschheit ganz nah dran an den Gefühlen, die Menschen zu solchen apokalyptischen Beschreibungen herausfordern. Weil wir Erklärungen suchen und brauchen.
Vielleicht fragen Sie sich, liebe Gemeinde, was dieser Text und das bisher von mir Gesagte mit dem Thema des heutigen Sonntages zu tun hat. Heute kommen wir in der Kirche zusammen, um der Verstorbenen zu gedenken, ihre Namen noch einmal zu hören, bevor wir auf den Friedhof zu Gräbern gehen mit all den Gefühlen, die damit verbunden sind.
Aber die Brücke liegt genau in diesen Gefühlen. Denn das haben Sie haben das erlebt im letzten Jahr: einen Weltuntergang. In sehr unterschiedlicher Art und Weise: einen Weltuntergang. Ein Mensch ist gestorben und alles sieht anders aus. Nicht bei Ihnen allen ist das mit solch heftigen Gefühlen verbunden gewesen, wie sie mit Weltuntergangsstimmung verbunden ist. Aber ganz gleich, wer und wie er oder sie gestorben ist: Ihre Welt hat sich verändert, sie ist nicht mehr so wie vorher. Der Mann oder die Frau ist nicht mehr, der Vater oder die Mutter, Bruder oder Schwestern Opa oder Oma, Freund oder Freundin, Nachbar oder Nachbarin. Und Ihre Welt hat sich verändert, ist vielleicht sogar völlig untergegangen, wenn Sie an die Gefühle denken, die mit dem Tod Ihres lieben Menschen verbunden waren. Das Bett neben Ihnen ist leer, der Tagesablauf total verändert, bei der Geburtstagsfeier bleibt plötzlich ein Stuhl leer, vielleicht hat sich auch Ihre wirtschaftliche Situation völlig auf den Kopf gestellt, ist besser oder schlechter geworden, durch Rente oder Erbschaft. In vielen Gesprächen habe ich das immer wieder gehört: ich kann das noch gar nicht begreifen, dass er oder sie nicht mehr da ist. Da ist eine Welt untergegangen.
Von daher, liebe Gemeinde, sind wir der Gefühlslage dieses Textes schon recht nahe.
Jesus allerdings fügt dieser Sicht der Welt noch eine ganz andere Deutung hinzu. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht, sagt er hier. Für ihn ging es bei diesen Bildern des Weltunterganges, noch um etwas ganz anderes. Im Prinzip teilte er die Vorstellung eines göttlichen Planes, der hinter allem Sichtbaren steht. Aber er ging bei seiner Deutung, bei seiner Predigt davon aus, das noch eine ganz andere Welt untergeht. Für Jesus ist diese Welt ohne den Glauben an einen liebenden, nahen Gott "aussichtslos". Sie hat keine Perspektive keine Hoffnung. Keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn, nach dem Tod. Und so suchen wir nach Ablenkungen aller Art, gaukeln uns vor, dass wir nicht sterben brauchen. Tief im Inneren wissen wir zwar, dass wir alle eines Tages dran sind, aber so richtig bewusst wird uns das nicht. Es ist ja auch schwierig. Ein indischer Philosoph hat dazu geschrieben: "Du weißt die ganze Zeit, dass der Tod näher kommt. Was immer du auch hervorbringst, der Tod wird es vernichten. Aber trotzdem hoffst du weiter, gegen alle Hoffnung: Vielleicht sterben alle anderen, nur du nicht. Und in gewisser Weise stimmt das ha auch, denn du hast es immer nur erlebt, dass andere sterben. Du hast nie erlebt, dass du selber stirbst... Hier stirbt einer, dort stirbt einer, aber du stirbst nie! Du bleibst immer übrig, voll Bedauern, und begleitest die Toten auf den Friedhof, um ihnen Lebewohl zu sagen.... Lass dich davon nicht täuschen, denn all diese Leute haben es genauso gemacht. Keiner ist eine Ausnahme. Aber der Tod kommt und zerstört die ganze Fiktion, deinen Namen, deinen Ruhm. Der Tod kommt und löscht alles aus" (Bahgwan Shree Raijneesh, in: Eugen Drewermann, Atem des Lebens 601). Eine realistische Beschreibung, die uns im Alltag nicht bewusst ist. Denn unsere Welt ist so angelegt, dass wir uns davon ablenken. Mit Arbeit. Mit Zerstreuung, da gibt es tausend Dinge. Nur ein Beispiel möchte ich nennen. Ich denke an die PC-Spiele, die vor allem (aber nicht nur) junge Menschen spielen. In vielen dieser Games geht es darum, in eine andere Rolle zu schlüpfen, Gefahren zu begegnen und Aufgaben zu lösen. In vielen dieser Abenteuer kann ich auch sterben - aber meistens habe ich vom Spiel vorgegeben mehrere Leben. Oder kann mich wieder lebendig machen lassen. Ich drücke eine Taste und - voila! ich kann weiterspielen. Der Tod, so scheint es, ist nur eine Episode, ein Betriebsunfall. Wir Älteren sollten darüber nicht lächeln, auch ein Spiel wie Mensch-ärgere-dich-nicht ist vom Prinzip nicht anders aufgebaut: werde ich rausgeworfen, brauche ich nur eine Sechs, und ich beginne von vorn, bekomme eine neue Chance, wenn Sie wollen, ein neues Spiel-Leben. Die modernen Computer-Spiele sind nur vielfältiger und faszinierender von den Farben und Tönen her. Aber wenn dann ein junger Mensch zum ersten Mal "wirklich" mit dem Tod konfrontiert wird, ist der Schock oft riesengroß. Fünfzehn, zwanzig, häufig fünfundzwanzig Jahre werden viele in unserer Gesellschaft, bis sie den eines Angehörigen in der eigenen Familie erleben. Verständlich, dass es dann für Jugendliche ein schockierendes Erlebnis ist, wenn ein Fußballtrainer während des Trainings auf dem Vereinsgelände urplötzlich verstirbt, wie hier vor wenigen Tagen geschehen. Mit einem Mal wird der Tod in seiner Endgültigkeit erfahrbar. Kein Reset-Knopf, keine gewürfelte Sechs macht den Trainer lebendig.
Von Jesus und seiner Sicht der Welt her braucht es all diese Ablenkungen nicht. Weil wir Menschen von Gott geliebt und gehalten sind, können wir dem Tod ins Gesicht schauen. In Worten von Eugen Drewermann (Markusevangelium Teil II, 345): "Jesus war nicht zu besiegen in seinem Vertrauen zu Gott, so dass die Welt der Angst am Karfreitag eine entscheidende Niederlage erlitten hat." Und damit ist die Welt der Aussichtslosigkeit und der Hoffnungslosigkeit in Jesu Augen untergegangen. Und wir sind eingeladen, ihm und seinem Gott das zu glauben und unsere Hoffnung darauf zu setzen. So können wir den Satz Tag für Tag wahr werden lassen: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden. Oder wörtlich übersetzt: Lehre uns unsere Tage zählen, damit wir ein weises Herz erhalten. Was wir zählen können, ist begrenzt. Unsere Tage sind begrenzt, auch wenn wir Gott sei Dank! nicht wissen, wie die Zahl lautet. Wir können die Tage zählen, weil wir nicht wegschauen müssen. Wachet! heißt das bei Jesus. Und hofft, können wir hinzu setzen. Hoffen darauf, dass die Liebe Gottes nicht am Ende unseres Lebens zu Ende ist. Denn das war Jesu Überzeugung: es kann geschehen was will, von der Liebe Gottes kann uns das nicht trennen. Ich habe das in den letzten Monaten immer wieder versucht zu verdeutlichen: Sie alle haben einen geliebten Menschen in diesem Jahr verloren. aber Ihre Liebe zu diesem Menschen hört nicht mit seinem Tod auf. Sie bewahren die Erinnerung in Ihren Herzen, sei denken an diesen Menschen, gehen auf den Friedhof, kommen heute hierher. Weil Ihnen dieser Mensch etwas bedeutet hat. Die Menschen, deren wir gleich gedenken, die haben Sie geliebt. Sie waren wertvoll für Sie. Aber wenn wir Jesus glauben, dass sein und damit unser Gott DIE Liebe, die reine, vollkommen Liebe - ja, dann kann mit dem Tod nicht einfach alles aus sein. Wenn schon wir unsere Lieben liebevoll in Erinnerung behalten, um wie viel mehr die vollkommene Liebe Gottes. Wie genau, ich weiß es nicht. Bilder hat die Bibel und die menschliche Sprache dafür, nicht mehr. Wirklich hinter diese Grenze schauen wir erst später. Aber die Bilder, die ja auch aus dem Glauben an diesen uns liebenden Gott erwachsen sind, die helfen uns leben. Ohne die Ablenkung zu wachen, dem Tod nicht auszuweichen. Sie helfen uns auch trauern und Abschied nehmen, weil wir wissen, dass die, die wir geliebt haben auch weiterhin in Gottes Liebe geborgen sind. Und damit helfen sie uns leben in dieser Welt.
Amen.
