Matthias Jung

 

 

 

Salbung durch eine Sünderin

Predigt über Lukas 7,36-50 am 27. Oktober 2002

 

Liebe Gemeinde,

mit einem Wort wird uns die Frau vorgestellt: sie ist eine Sünderin!

Ein Wort reicht und alles steht den damaligen Hörern vor Augen.

Eine Sünderin ist sie - eine Hure, die ihr Geld mit ihren Körper verdient. Auf der Straße weicht man so einer aus, dreht ihr den Rücken zu, spuckt vor ihr aus. 

Tagsüber. 

Nachts dagegen sieht es für manche Männer anders aus. 

Eine Prostituierte ist diese Frau. Warum sie ihren Lebensunterhalt so verdient, wird nicht gesagt. Freiwillig wird sie diesen Beruf kaum gewählt haben. Nun ist sie gezwungen, isoliert und einsam zu leben. Eine Frau, die sich vielleicht selbst genauso verachtet wie ihren Beruf und die Männer, die zu ihr kommen.

Sie hat von Jesus gehört. Und die Sehnsucht in ihr wurde riesengroß. Einmal will sie auch diesen Mann sehen, der für so viele Hoffnung, Heilung und Erneuerung bedeutet. Einmal möchte sie aufrecht da stehen, einmal einem Menschen gerade in die Augen sehen und erleben, dass der andere nicht verschämt wegschaut. Das, was andere ihr von Jesus erzählt haben, hat in ihr das Gefühl wachsen lassen: der könnte es sein, der deine Sehnsüchte erfüllen kann. Der enttäuscht dein Vertrauen und deine Hoffnung nicht. Und als sie hört, dass er in ihrer Stadt ist, nimmt sie Öl und geht zu ihm. Sie will ihm begegnen, ihn salben, ihn ehren.

Doch auf der Türschwelle bleibt sie erstarrt stehen. Da ist nicht nur Jesus, das sind auch Pharisäer! Niemand verachtet sie in der Stadt stärker als die Pharisäer, kein anderer macht ihr deutlicher, dass ihr ganzes Leben total verpfuscht ist. Und ihr Traum zerplatzt erst einmal - aber jetzt einfach wieder gehen, nein, das will sie nun auch nicht mehr: zu groß ist ihre Sehnsucht, ihm zu begegnen.

Und so versucht sie, von hinten an ihn heran zu kommen. Und alles, was sie dann macht, ist irgendwie verkehrt, wie so vieles in ihrem Leben.

Statt ihn anzusprechen, bricht sie in Tränen aus.

Statt ihm den Kopf zu salben, gießt sie ihm alles über die Füße.

Völlig verwirrt, löst sie ihr Haar.

Spätestens jetzt wird den Männern im Raum der Atem gestockt haben: das Haar lösen - das tut eine jüdische Frau nur in der Intimität des ehelichen Schlafzimmers!

Und dann wischt sie die Füße mit ihrem Haar trocken und küsst auch noch Jesu Füße.

Und spricht dabei kein Wort.

Eine durch und durch intime Szene. Und das in aller Öffentlichkeit, vor aller Augen.

 

Jesus lässt es geschehen.

Lässt sich berühren.

Weist die Frau nicht zurecht.

Lächelt nicht verlegen.

Äußert sich nicht spöttisch über ihre Ungeschicktheit.

Ärgert sich nicht über die Störung.

Verachtet die Hure nicht.

Lässt alles zu.

Und so wird dies eine Berührung, die die Frau nicht befleckt, sondern reinigt.

Eine Berührung, die sie nicht erniedrigt, sondern aufrichtet.

Eine Berührung, die ihr Achtung zurückgibt.

Und dabei spricht niemand ein Wort.

Die Frau nicht.

Jesus nicht.

Auch die Zuschauer nicht.

 

Aber gedacht werden sich die Zuschauer einiges haben! Vielleicht muss man sich klarmachen, wie der Rahmen für so ein Abendessen im Haus eines Pharisäers auf heute zu übertragen wäre. Da wären dann Männer im Anzug, mit Fliege und Bügelfalte, die Frauen im Abendkleid, alles vornehme Leute, die gelernt haben sich zu benehmen und ihre Worte sorgfältig zu wählen und die wissen, was sich gehört. Wer sich von denen öffentlich von einer Hure anfassen lässt, ist unten durch. Dessen gesellschaftliche Karriere ist zu Ende.

Simon, der Gastgeber, spricht schließlich aus, was alle denken:

Du willst ein Prophet sein?

Du willst uns von Gott erzählen und weiß nicht einmal, wie man sich anständig benimmt?

Doch Jesus wird nicht laut, weist ihn nicht zurecht.

Er erzählt ihm ein Gleichnis. Die Pointe ist klar: wem die größere Schuld erlassen wird, ist dankbarer, liebt mehr. Und wem weniger erlassen wurde, der liebt eben weniger. Das sieht auch Simon ein.

Doch im nächsten Moment ist er in der Geschichte drin.

Jesus wendet das  Gleichnis auf ihn an.

Siehst du diese Frau? fragt Jesus ihn. Ich kam in dein Haus. Du hast dich korrekt verhalten und mich bewirtet. Dann kam die Frau. Mit ihrem Öl. Sie wollte etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches für mich tun. Aus Liebe. Aus Dankbarkeit. Und sie hat es getan. Ich mache dir keinen Vorwurf. Du hast getan, was sich für einen Gastgeber gehört. Salben und Füße waschen sind besondere Dinge, gehören nicht notwendig zur Gastfreundschaft. Das war alles in Ordnung, was du gemacht hast. Und jetzt, Simon, stelle ich dich dieser Frau gegenüber und sage dir: Wem viele Sünden vergeben sind, der zeigt große Liebe, wem wenig vergeben ist, zeigt wenig Liebe.

Jesus hält Simon in dieser Frau den Spiegel vor.

Siehst du diese Frau? Euer beider Leben ist nicht heil.

Nur: die Frau sieht's - Simon nicht.

Sie leidet unter ihrem Beruf, unter der Isolierung, der Verachtung durch die Frauen und unter der Doppelmoral der Männer.  Und sie erfährt in der Begegnung mit Jesus, dass all das sie nicht von Gott trennen kann. Und das, was in dieser Begegnung geschieht, fasst Jesus am Ende zusammen mit den Worten: Dir sind deine Sünden vergeben. Dein Glaube hat dich gerettet.

Simon dagegen weiß zwar, was sich gehört. Er weiß sich korrekt und anständig zu verhalten. Wenn man so will, wird auch er am Anfang des Textes mit einem Wort charakterisiert: er ist ein Pharisäer. Ein anständiger Mann, hält die Gesetze, ehrt Gott. Einer, dem man sein Geld, sein Haus, seine Kinder anvertrauen kann. Und doch sieht er weniger als die Frau. Ich will es mit einem Spruch von Blaise Pascal sagen:

"Es ist gleich gefährlich für den Menschen, von Gott zu wissen, ohne sein Elend zu kennen, wie sein Elend zu wissen, ohne den Erlöser zu kennen, der ihn davon zu heilen vermag!"

Und das Elend hat viele Gesichter in der Welt. Hinter den glatten Fassaden verbergen sich oft ungeahnte und verdrängte Abgründe und Gefühle, Verletzungen und Unrecht.

Jesus will Simon dies klarmachen: es gehört beides zusammen - um die eigenen Abgründe zu wissen und den zu kennen, der heilen kann. Wem wenig vergeben ist, liebt wenig. Wer wenig von sich wissen will, lebt wenig.

Und so ist dies auch nicht allein Simon's Geschichte.

Denn auch wir kommen in der Geschichte vor.

Die Konfirmanden, der Pfarrer und die Leute in der letzten Reihe.

Die Frage ist nur, ob wir es sehen.

Siehst du diese Frau? 

So fragte Jesus Simon.

Aber auch mich und dich.

Siehst du diese Frau?

Sehe ich diese Frau?

Sie weiß, wie verpfuscht ihr Leben ist. Und sie leidet darunter. Und so wird mir der Spiegel vorgehalten: Und du?

Siehst du dein Leben?

Siehst du dich?

Ihr wird viel vergeben, und sie liebt viel.

Wem wenig vergeben wird, der liebt wenig.

Das ist kein Vorwurf.

Das ist eine Ermutigung.

Eine Ermutigung, bei sich selbst hin zu schauen. Auf das, was verborgen oder offen ist und mich bestimmt.  Ohne dass ich dort hinschaue - wie diese Frau - ist die andere Seite nicht erfahrbar: Jesus nimmt mich an, weist mich nicht zurück. Auch da kann ich mich in dieser Geschichte wiederfinden. So wie er mit dem verpfuschten Leben dieser Frau umgeht, so steht er auch mir gegenüber.

Amen.