MJ

Gefangenschaft.
Predigt über Lukas 22,47-53

 

Liebe Gemeinde,

eben noch war Jesus im Garten Gethsemane und jetzt steht er seinen Gegnern gegenüber. Nun wird es ernst, die Soldaten greifen zu und Jesus wird nie wieder in Freiheit sein, bis zum Tod am Kreuz.

Wir haben vorhin überlegt, was uns Menschen gefangen nehmen kann, wo wir uns unfrei und eingesperrt fühlen. Welche Gefühle haben Sie dabei empfunden? Unfreiheit, Hilflosigkeit? Auflehnung und Angst, vielleicht auch von Hass und Resignation? Nichts von all dem finden wir hier bei Jesus.

Gerade eben noch, im Garten, in der letzten Nacht in Freiheit, da hat Jesus diese Gefühle zugelassen und die Bibel läßt uns an seiner Seelenlage teilhaben. Er hat Angst, bittet darum, dass der Kelch an ihm vorübergehen könne, ringt so mit sich, dass der Schweiß wie Blutstropfen auf die Erde fällt. Doch jetzt am Morgen, da ist es ganz anders. Da ist er ganz anders. Ein selbstsicher, ja fast gelassener Jesus tritt seinen Gegnern gegenüber. Er hat sich entschieden, das ist sein Weg, der Weg in die Gefangenschaft und in den Tod. Die ganze Szene seiner Gefangennahme ist von Jesu Souveränität geprägt.  Jesus begibt sich in großer innerer Freiheit in die äußere Unfreiheit.

Liebe Gemeinde, 

in dieser Geschichte liegt eine Chance, ein Angebot zu einem Blickwechsel für Menschen, die sich gefangen und unfrei fühlen. Es ist möglich, so sagt Jesus, dass ihr in Lebenssituationen kommt, in denen ihr eingeengt und unfrei seid. In denen ihr nicht wisst, wie es weitergehen soll und wird. In denen euch nichts als abwarten und hoffen bleibt. Aber diese äußere Unfreiheit muss nicht bedeuten, dass ihr darin untergeht. Es ist möglich, im Vertrauen auf Gott Zeiten der Gefangenschaft in innerer Freiheit zu ertragen und auszuhalten. Einfach ist das nicht und gelingen wird es auch nicht immer, wir sind und bleiben Menschen - aber von dieser Geschichte her gibt es einen Hoffnungsschimmer für Menschen in Arbeitslosigkeit, für Menschen in den Klauen einer langwierigen Krankheit, für Menschen in der Einengung einer menschlichen Beziehung...

Allerdings müssen wir hier unterscheiden und genau hinzusehen. Denn sonst endet diese Geschicht nicht in innerer Freiheit, sondern verschärft die Unfreiheit noch mehr, in dem sie mich total überfordert. Nicht für alle menschlichen Lebenssituationen, die wir als Gefangenschaft erleben ist diese Geschichte ermutigen. Es gibt Situationen in unserem Leben, in denen wir nicht mehr Herr im eigenen Haus  sind. Dann erreicht uns diese biblische Geschichte nicht mehr. Ich denke da an Süchte, in denen der Alkohol oder Medikamente meine Persönlichkeit dauerhaft zerstören. Ich denke an bestimmte Krankheiten, die meine Psyche angreifen und so verändern, dass ich gar nicht mehr weiß was ich noch tue. Der Schizophrene lebt in einer anderen Welt als wir und wahrscheinlich auch der Alzheimer-Patient. Es gibt Süchte und Krankheiten, die meine Persönlichkeit zerstören. Dazu gehören auch manche Praktiken von Sekten, die mit Gehirnwäsche arbeiten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: auch aus Sucht und Gehirnwäsche gibt es Auswege. aber da denke ich an andere bibische Geschichten, wie zum Beispiel die Austreibung der Dämonen bei der Heilung des Geraseners, der mit Ketten gebunden werden mußte, weil er gefährlich für seine Umgebung war.  Der antwortet auf die Frage von Jesus: Wer bist du, wie heißt du? -  Ich bin viele. Oder anders gesagt: ich weiß nicht, wer ich bin, ich bin ein Niemand. Jesus treibt ihm die Dämonen aus, und der Mann wird normal und friedlich und findet zu sich zurück.

Hier und heute bei diesem Predigttext, bei der Gefangennahme von Jesus, handelt es sich um eine  Geschichte für Menschen, die auf die Frage: Wer bist du? Wie heißt du? noch wissen, wer sie sind. Es geht hier um eine Geschichte, in der ich nicht erst zurecht gebracht werden muss, sondern aufgerichtet und gestärkt werden soll. Zwischen den beiden Formen von Gefangenschaft gibt es sicher fließende Übergänge und der Seelsorger wird - je nach dem - eher zu der einen oder anderen Geschichte greifen. Wir aber bleiben heute allein bei der Geschichte von Jesu Gefangennahme.

Es ist eine Geschichte, die Menschen ermutigen will, auch in schwierigen, manchmal auch ausweglosen Geschichten die innere Freiheit nicht zu verlieren. Diese innere Freiheit kommt aber allein aus dem Zuspruch Gottes, nicht allein zu sein, gehalten und getragen zu sein, wenn auch der äußere Schein gänzlich anders aussieht. sie hilft mir, bei mir selbst zu bleiben, zu wissen wer ich bin und was ich will - auch in äußerer Unfreiheit.

Nun könnten Sie und ihr einwenden, ich bin aber nicht Jesus. Kann der Glaube, das Gottvertrauen uns auch dazu ermutigen? Ist das wirklich erreichbar, erlebbar? Ja, denn es gibt Vorbilder, Menschen, die das geschafft haben, wir könnten auch sagen: denen das gegönnt wurde. Vielleicht fällt Ihnen auch der ein oder die andere Person ein, die aus solch einer inneren Freiheit leben  konnten. Z. B. ein Mensch, der sich gegen eine lebensverlängernde, mühselige Therapie entscheidet. Oder ein Mensch, der trotz Arbeitslosigkeit nicht resigniert, sondern sich ehrenamtlich engagiert. Ich denke, wir müssen nur ein wenig überlegen, und dann fallen uns Menschen ein, die solch eine innere Freiheit besitzen. Vielleicht fallen uns auch Situationen auf unserem eigenen Leben ein, in denen wir diese innere Stärke hatten, in einer aussichtslos scheinenden Lage nicht unter zu gehen.

Aber es gibt auch noch andere Vorbilder im Glauben. In der unserer evangelischen Tradition ist solch eine Haltung verknüpft zum Beispiel mit dem Namen Dietrich Bonhoeffer. Seine Briefe aus der Haft im Dritten Reich sind bekannt geworden unter der Überschrift: "Widerstand und Ergebung". Hierhin liegt bereits die ganze Spannbreite der Erfahrungen Bonhoeffers in der Haft. Keineswegs war er der strahlende Held. Seine Briefe geben Einblicke in sein Seelenleben, dass auch geprägt war von Depression, Hoffnungslosigkeit und Zweifel. Aber auf der anderen Seite spricht eine große Selbst-Sicherheit aus seinen Aufzeichnungen, gespeist aus dem Gebet und der Lektüre der Bibel. Er erlebt das Hin und Her, das Auf und Ab, das Vertrauen und das Verzweifeln am eigenen Leib und schafft es, trotz der zum Ende hin hoffnungslosen Situation sich so eine innere Freiheit und Stärke zu bewahren. Von dieser Spannung, von diesem Vertrauen spricht das Lied, das wir von ihm im Gesangbuch haben, "Von guten Mächten". Entstanden in der Zeit der Gefangenschaft, an Weihnachten 1944, ist es später vertont worden. Und wird immer wieder gesungen, auch auf dem Friedhof, weil es Menschen anspricht, die sich ausgeliefert und gefangen fühlen, weil es einen Schimmer von Hoffnung eröffnet. Es vermittelt eine Ahnung von Gehaltensein und daraus erwachsender Stärkung in Zeiten, in denen wir uns gefangen fühlen. Wir wollen das Lied gleich gemeinsam singen. Vorher aber wollen wir als Glaubendbekenntnis Worte von Dietrich Bonhoeffer gemeinsam sprechen, die auch den Weg in unser Gesangbuch gefunden haben. Entstanden ist dieses Bekenntnis im Jahr 1943, kurz bevor Bonhoeffer verhaftet wurde. Mit dem Gedanken an eine mögliche Gefangennahme und einen längeren Gefängnisaufenthalt hat er sich als Beteiligter am Widerstand gegen Hitler schon lange vorher auseinandergesetzt, und das spürt man auch den Formulierungen dieses Textes ab. Und dies gibt uns noch einen weiteren Hinweis: es ist möglich, sich in gewisser Weise vorzubereiten auf Zeiten der Unfreiheit, Einengung und Gefangenschaft. Wenn solche Situationen dann da sind, ist es immer noch einmal ganz anders. Aber ich habe einen Grund gelegt, auf den ich dann zurückgreifen kann. Und ich glaube, dass es für Dietrich Bonhoeffer von großer Bedeutung war, in seiner Haft auf die eigenen früher formulierten Gedanken zurückgreifen zu können. 

Amen.